Ausgabe 
27.8.1895 Erstes Blatt
 
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m. 200 Erstes Blatt

Dienstag den 27. August

1898

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Theil.

Gießen, den 24. August 1895.

Betr.: Zuwiderhandlung gegen die Gewerbesteuer-Ver­ordnung; hier die Erlaubnißscheine zum Tanz- und Musikhalten an öffentlichen Orten.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen au die Großh. Bürgermeistereien und Polizei­behörden des Kreises.

Wir benachrichtigen Sie zu Ihrem Bemeffen und zur Jnstruirung der Ihnen unterstehenden Polizei-Bediensteten, daß die Frage der Steuerfreiheit von Tanzbelustigung au Nachmittagen mit Ermächtigung Großh. Ministeriums der Finanzen und im Einverständniß mir Großh. Ministerium des Innern und der Justiz nunmehr folgendermaßen ge regelt worden ist:

Von Eiitholung eines Tanzerlaubnißfcheines kann ab- gefehen roerbe»:

1. Wenn von Theilnehmern einer Gesellschaft gelegentlich an öffentlichen Orten Tanzbelustigungen nach von einem Mitglied derselben gespielter, nicht bezahlter Musik abgehalten werden, vorausgesetzt, daß die Tanzbelustigung die Dauer von 2 Stunden nicht überschreitet und während der Zeit von 12 bezw. an Sonntagen von 4 Uhr Nachmittags bis zur Feierabeudstunde stattfindet,

2. wenn gelegentlich anderer geselliger Veranstaltungen außerhalb von Wirthschaftslocalitäten Tanzbelustigungen im Freien, ohne vorgängige Herrichtung eines Tanz­bodens, bei unbezahlter oder auch bei bezahlter Musik stattfinden, falls sie die Dauer von 2 Stunden nicht überschreiten und vor Eintritt der Dunkelheit beendigt find.

v. Gagern.

Ausland.

Triest, 24. August. Auf dem aus Bombay eingetroffenen LloyddampserOtion" erkrankte ein Steuermann unter choleraverdächtigen Symptomen.

Paris, 24. August. Hiesigen Blättern wird aus Peters­burg gemeldet, die russische Regierung habe benr deutschen Consul in Odessa die nachgesuchte Erlaubniß zur Abhaltung einer Sedanfeier im Eonsulatsgarten verweigert.

Paris, 24. August. In dem Momente, als König Alexander von Serbien hier eintraf, warf ein Indi­viduum ein Packet in den Wagen, in welchem Milan und Alexander fuhren. Man glaubte an ein Attentat. Das Individuum wurde verhaftet. Der vermeintliche Attentäter, ein serbischer Schuhmacher Namens Maunwitsch, erklärte, er habe einfach ein Bittgesuch den hohen Reisenden zugeworfen, worauf er wieder freigelassen wurde.

Madrid, 24. August. Bon dem erst kürzlich auf Cuba eingetroffenen spanischen Guadalajera-Regiment find bereits 10 Offiziere und 156 Soldaten gestorben.

Madrid, 24. August. Zehn Erzbischöfe und 49 Bischöfe sandten an den Papst ein Protestschreiben gegen die Feier des 20. September in Rom.__

Neueste Nachrichten.

Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.

München, 25. August. Anläßlich des 42. deutschen Katholikentages, welcher heute mit einem Begrüßungs- adend beginnt, sind Kirchen und Hauptstraßen festlich be­flaggt. lieber 300 Fremde find, teilweise mit Extrazügen, eingetroffen, darunter fast alle Centrumsführer des Reichs- tageö und der Einzellandtage. Als Präsident des Katholiken­tages ist Justizrath Müller-Coblenz in Aussicht genommen, als erster Vicepräsident Freiherr von O w, früher Präsident der bayerischen Kammer. Bisher find fieben Erzblschöfe und Bischöfe angemeldet, darunter der Erzbischof von Salzburg. Ferner trafen ein Missionare auS Afrika und Amerika, sowie Vertreter katholischer Institute ans Paris

Brüssel, 25. August. Der heute srüh 8 Uhr 7 Mrn. von Brüffel abgegangene Expreßzug hatte auf der Station Tirlemont einen Zusammenstoß m't einem daselbst haltenden leeren Zuge. Der Bahnhofsvorsteher wurde ge- tödtet. Sonst wurde Niemand verletzt.

Euxinograd. 25. August. Fürst Ferdinand ist zu längerem Aufenthalte heute hier eingetroffen.

Depeschen deS BureauHerold".

Berlin, 25. August. Wie dieNordd. Allg. Ztg." aus zuverlässiger Quelle hört, ist nunmehr auch die sür die Be­

raubung der holländischen BatkAnna" von der marokka- nischen Regierung zugesagte, erst am 9. November d. I. fällige Entschädigung von 11 2,500 Francs bereits am 9. d. M. dem mit der Vertretung der niederländischen Jntereffen betrauten kaiserlichen Gesandten in Tanger, Grafen Tattenbach, auSgezahlt worden.

Berlin, 25. August. Die gerichtliche Klage deS CeremonienmeisterS von Kotze wider seinen Amtsgenoffen Freiherrn vonSchrader ist nunmehr eingereicht wordcn. DemLoc.-Anz." zufolge wurde ein Verhandlungstermin noch nicht anberaumt.

Berlin, 25. August. Wie dieVoff. Ztg." aus Frei­burg i. B. meldet, ift ein achtzehnjähriger Franzose, der die Festungswerke zu Neubreisach photographirte, unter dem Verdacht der Spionage verhaftet worden.

Paris, 25. August. Die Blätter veröffentlichen alle Einzelheiten über ein gestern Abend stattgehabtes, gegen den Baron Rothschild gerichtetes Dynamitattentat. Der an Rothschild adrcssirte, 50 Gramm schwere Brief, welcher die Aufschrift trug:Persönlich! Nachsenden!" war in der Privatwohnung deS Barons in der Florentin- straffe am Freitag eingelaufen. In Abwesenheit des Adres­saten wurde der Brief gestern abgeholt und nach dem Bank­haus in der Lafittestraffe gebracht. Dort legte der Sccretär Jokovitz, welcher erst glaubte, der Brief enthalte Karten sür einen Wohlrhätigkeitszweck, das Couvert bei Seite, öffnete cs jedoch etwas später. Es kamen zwei Pappdeckel zum Vorschein, welche der Secretär mit einiger Anstrengung herauszog. Sofort erfolgte die Explosion. Die Detonation war so stark, daß Jokovitz zu Boden stürzte. DaS herbei­geeilte Personal fand ihn mit blutüberströmten Händen und Kleidern auf- auch aus Kopfwunden floß daS Blut. Der Arzt erklärte die Verletzungen für nicht lebensgefährlich, dagegen befinde sich daS Auge in Gefahr. Der Sprengstoff war Merkurfulminat. Die Untersuchung hat ergeben, daß der Brief am Nordbahnhof aufgegeben war. Es wird ein Racheact eines entlassenen Beamten vermuthet. Jokovitz, der im Alter von 50 Jahren stand, war früher Notar in Metz. In dem Hause Rothschild befindet er sich seit zwanzig Jahren.

Sofia, 25. August. Nach dem Zusammentritt der Sobranje werden theilweise Aenderungen im Cabinet stattfinden. Stoilow wird das Portefeuille des Innern abgeben und das Justizporteseuille übernehmen. Für das Ministerium des Innern ift ein als energisch bekannter Präfect in Aussicht genommen.

Sofia, 25. August. Fürst Ferdinand ift nach Varna abgereift.

WB. Mainz, 26. August, Vorm. 10 Uhr 15 Min. Der Kaiser ist soeben hier angekommen und ohne Aufent- halt nach dem Manöverseld gefahren. Der Andrang des Publikums nach dort ist groß. Die Abreise erfolgt um 2 Uhr.

H. Darmstadt, 26. August. Der Großherzog wird, wie btcDarmst. Ztg." meldet, am Donnerstag die Gewerbe- AuSstellung in Alsfeld besuchen.__

Der Krieg von 1870|71,

geschildert durch Ausschnitte auS ZeitungS-Nummern jener Zeit.

(Nachdruck derboten.)

27. August.

Ganz genau können wir heute zwar nicht sagen, wo die Vorhut unserer deutschen Heere steht, eS werden viele Orte genannt und die Ulanen haben bereits Epernay, wo der beste Champagner in den kühlen Kellern auf sie wartet, mit ihren Lanzen hineingestochert- das aber können wir versichern, sie find aus dem besten Wege und wandelnauf den Spuren ihrer Väter" von 1813 und 1815 und werden den Weg nach Paris nicht verfehlen. Im Vorübergehen haben fie auch die Festung Longwy zur Uebergabe aufgefordert, die sich noch etwas ziert und sträubt. Noch weniger können wir bestimmt sagen, wo Napoleon steckt- man sagt, er sei am 25. August in Paris angenommen und gedenke, wenn die Temperatur nicht angenehm sei, nach BourgeS überzufiedeln, daS befestigt werden soll. Dom Prinzen Napoleon weiß man ganz gewiß, wo er ist, nämlich in Turin, wohin er sein Theuerstes ge­flüchtet hat- seine Frau muß daS nicht sein, denn er hätte fie in der Eile beinahe in Paris sitzen laffen, rein vergessen. Den Kaiser wollten die Leute auf dem Bahnhof in Olmütz gesehen haben- es war ein israelitischer Handelsmann aus Prerau, der ihm frappant ähnlich sah. Die Leute hatten wahrscheinlich an den ewigen Juden gedacht.

General v. Bon in ist ein wackerer Mann, der den Schreibern und Sprechern von Leitartikeln viel Kopfzerbrechen über Elsaß und Lothringeu erspart hat, 1) stellt er sich den Lothringern mittelst Proclamation als Dem König er»

nannten Generalgouverneur vor, 2) eröffnet er ihnen:Die Gesetze deS Landes bleiben vorläufig bis zur Einführung des allgemeinen deutschen Gesetzbuches in Kraft, lieber das Wechselrecht und Münzwesen werden nach erfolgtem FriedenS- schlufse Gesetze und Bestimmungen erfolgen." Die Lvthringer haben bereits herausbuchstabirt, was daS heißt._________

Die Industrie- und Gewerbe-Ausstellung der Provinz Oberhefsen.

In der sagenumwobenen freundlichen alten Kreisstadt Alsfeld, am Nordabhange des waldigen Vogelsberges, im Thale der Schwalm gelegen, wurde am gestrigen Sonntag die Industrie- und Gewerbe-Ausstellung der Provinz Ober- heffen eröffnet. Mannigfache Schicksale find im Laufe der Jahrhunderte über Alsfelds Mauern hinweg gezogen, doch haben diese nicht vermocht, wie in so vielen anderen Städten die Spuren vergangener Tage zu verwischen. Die Stadt hat sich ihr alterthümliches Aussehen dis auf unsere Tage bewahrt, ein Bild des in ihr herrschenden festen und freien Bürgersinnes, der zwar treu bewahrt, was ihm von der Väter Zeiten her überliefert wurde, der sich aber auch allem Fortschritt der Neuzeit nicht verschlossen bat. Prächtige alte Bauten aus dem 14., 15. und 16. Jahrhundert geben der Stadt im Innern ihr eigenartiges Gepräge. An der Quer­seite deS geräumigen Marktplatzes liegt daS jetzt renovirte Rathhaus, aus dem 16. Jahrhundert stammend. In ihm wird außer einigen alten Oelgemälden das angebliche Schwert Karls des Großen und ein seltenes, im 15. Jahrhundert geschriebenes mit Miniaturen geschmücktes Meßbuch aufbewahrt. Ganz in der Nähe des Rathhauses befindet sich das 1338 erbaute WeinhanS mit schlankem Thnrmban. In demselben wurde ursprünglich der von der Stadt monopolirte Wein- Handel, dann aber auch die Gewandschneidnerei betrieben. Jntereffant ist noch bas Mitte beS 16. Jahrhunderts erbaute Hochzeitshaus mit seinen architectonisch schön wirkenden Giebeln. Wir nennen ferner an beachtenswerthen alten Bauten aus dem 14. Jahrhundert die Walpurgiskirche, die Reste einer zweiten Kirche, der deS Augustinerklosters, die im gothischen Styl erbaut ist, außerdem befindet sich noch eine kleine alte Capelle auf dem Frauenberge. Inte­ressant ist auch der an der theilweise noch erhaltenen Stadt- mauer am Fulderthor liegende burgsriedartige Leonhards- thurm, welcher zur Vertheidigung diente und Ende des 14. Jahrhunderts errichtet wurde. Manch weiteres alte Giebelhaus im Innern der Stadt erregt die Aufmerksamkeit und das Interesse des Wanderers und weckt in ihm die Er­innerung an die entschwundenen Zeiten. Aber auch manch architectonisch schön geformte Villa, die Schornsteine der zahl- reichen Fabriken der Tuch-, Leinen-, Baumwolle-, Möbel-, Holz- und Tabakinduftrie rufen ihn in die Gegenwart zurück. Auf eine reiche Geschichte zurückblickend, ist die Stadt Alsseld heute mit einer der gewerbfleißigsten und wohlhabendsten Orte des Großherzogthurns, eine Zierde unseres Hessenlandes.

Die schon wenige Wochen vorher herrschende Thattgkeit auf dem Aussteüungeplatze mußte in den letzten Tagen mit Fieberhaft gesteigert werden, um den Zeitpunkt der Eröffnung einhalten zu können. Ein Chaos von Kisten und sonstigem Verpackungsmaterial bedeckte noch am Samstag den Platz- Dank der Umsicht der Comitömitglieder und deren sachver- ständiaer Anordnung waren die Ausstellungsräume bald her- gerichtet und am Sonntag früh die Arbeit so vollendet, daß fich bas Ganze zur Eröffnung fertig repräfentirte.

Um 11 Uhr fanben sich bie Mitglieber der verschiedenen Ausschüffe, an der Spitze der Ehrenpräsident der Ausstellung, Herr KreiSrath v. Grolmann von Alsfeld, Bürgermeister Arnold, Landtagsabgeordneter Gun drum, Realschul­director Haller, Herr Provinzialdirector Frhr. v. Gagern, sowie eine große Anzahl geladener Gäste und Aussteller auf dem Platze ein. Herr KreiSrath v. Gxolmann hieß von der Haupthalle aus Namens beß AlSfelber Gewerbevereins unb beß AusstellungscomiteS bie Erschienenen in Alsseld herz­lich willkommen- er bedauere nur, daß der Vorstand der Centralstelle am Erscheinen verhindert sei. Alß im vorigen Jahre beschloffen wurde, eine Ausstellung in Alsfeld zu halten, trat der Vorstand deß Gewerbevereinß sofort rührig zur Verwirklichung des Planes in Thätigkeit und schritt zur Bil­dung der ComitöS. Es war keine große Ausstellung beabsich­tigt, auch fein Jahrmarkt, es sollte nur im Rahmen der ört- lichen und gewerblichen Verhältnisse geboten werden e n °n- schaul.cheß Bild von dem Stande der Gewerdethatigkeit m Obeihessen. Daß die« gelungen, verdanke der ®etetn un das Comii« der sreundUchtn Ausnahme des Unternehmens in den Kreisen des Gewerbe« und der Industriee ES

heute LndwigSiag und angesichts eint« fol*en 8cftt°9 e« angebracht, der grasen Wahithaien 6u gedenken, die unser