de» Gemeinden auferlegt. — Rbg. Ullrich «Loscht, daß | man in die Berathong der Vorlage eintretc »ad so den Forstwarten die Möglichkeit einer Besserung ihrer Lage er Mögliche. Damit wird die Debatte um 1 Uhr abgebrochen. Fortsetzung morgen 9 Uhr.
Erinnerungen an Morih (Kartiert.
Von Karl Logt (Genf).
(AnS der „Frankfurter Zeitung-.)
,4>aft Du gelesen, daß Moritz Carriöre in München als Senior der dortigen Professoren gestorben ift?* fragt die thenre Gattin, indem sie mir ein Zeitungblatt reicht.
Ich schnellte empor. — „Was? Moritz? Warum nicht gar?"
.Jawohl! Da lies es selbst, ungläubiger Thomas! Er war ja wohl im gleichen Alter wie 3)u ?*
.Don demselben Jahrgange, aber einige Monate älter. Ja, eine März Amsel aus der Wlirerav, von Butzbach, wo sein Dater Posthalter war und früher die gröbsten Posthalter tao ganzen heiligen römischen Reiche hausten, von welchen einer sogar sich nicht entblödete, einen kaiserlichen Courier gründlich durchzubläuen. Der Landgraf schrieb ihm auf erhobene Klage: .Lieber Getreuer! Wir haben mißfälligst wahroehmen müssen, was waaßen Ihr in Eurer angestammten Grobheit und Flegelei als Postbeamter Euch habt beigehen lassen . . ." und in diesem Tone weiter bis zum Schlüsse: „Seind Euch übrigens in Gnaden wohl gewogen." O Stephan! Ja, aus Butzbach, wo damals die Großherzog- lichen grünen ChevauxlegerS ihre Kasernen hatten und der Rector Weidig wirkie, der später im Gefangniß verblutete. Ich dagegen ein Juli-Häschen aus den Krautgärten von Gießen. DaS thut mir sehr leid, sehr leid! Der Letzte imS der Tafelrunde des engeren SonderbundeS!"
Die Gattin sieht mich mit einem ängstlich forschenden Blicke an.
„Beruhige Dich," sage ich, „so weit sind wir noch nicht. Ich habe sogar die feste Absicht, mich dereinst zu äußern, wie Jean LouiS Fazh, der ältere Bruder des Genfer Tyrannen, der in seinem 85. Jahre bet der Nachricht von dem Tode seines 84 Jahre alt gewordenen Gegenschwähers, deS berühmten Graveurs Bovy, ganz erzürnt aufschrte: Was kann nur den Mann veranlaßt haben, so jung zu sterben? DaS ist ja gegen jegliche Kleiderordnung!"
Aber die Nachricht geht mir doch nahe. Der Letzte? Nein, doch nicht! Noch lebt ja außer mir in Braunschweig ein alter Hauscumpan Knapp, der bekannte Chemiker. Sonderbar! Beide innig verwoben mit Liebig, Moritz der Schwiegersohn und Knapp der Schwager LiebigS. Aber die Andern? Alle auSgelöicht aus dem Buche deS Lebens in dem Laufe der 47 Jahre, die feit jenem Winter verflossen find, wo wir den Sonderbund der Jungen in Gießen gründeten und ihm feinen Namen gaben in Erinnerung en die Schweizer Wirren, die vor Kurzem auSgefochten worden waren.
Gar manche Gestalten steigen mir in der Erinnerung auf. Ich sehe uns versammelt in einer niedrigen Stube des Gasthauses „Zum Hirsch" am Seltersweg, zu Nacht speisend, Bier trinkend (Wein erlaubten meistens die Mittel nicht) und aus langen Pfeifen Gail'schen ^-L-Canaster rauchend mit dem Tabaksreiter in der Mitte, der später, als ich in das Parlament in Frankfurt gewählt werden sollte, mit einem konterfei meines Kopfes vertauscht wurde. Eine Erfindung «nseres Genossen Noll, der seine Tabaksreste zusammen- kehrte und mit meiner Proklamation zusammen verpackte, so meinen Wählern viel Papier und wenig schlechten Tabak verkaufte und damit ein guteß Geschäft machte. (Sm Porträt aber war in der Eile nur schwierig zu beschaffen. Traut- s cho ld, der patentirte Maler des Liebig'schen Laboratoriums, war abwesend und eS gab keinen anderen Künstler in Gießen. Noll und der erfinderische Lithograph wußten sich zu helfen. Sie kratzten und bosselten so lange an dem auf Stein gezeichneten Bilde eines im Jahre vorher in Gießen Hingerichteten Raubmörders herum, bis eß mir leidlich ähnlich sah und damit war der Bogt-Tabak fertig!
Ja! Da sitzen sie zusammen! Oben am Tische mein Vetter Gustav Baur, „Käfferle" genannt, der gemüthlichste Theologe, den man nur finden konnte, stets heiter und guter Dinge, ein trefsticher Sänger und Erzähler, jedem Lebenß- genusse zugänglich, herzlich, zuvorkommend, mild, brionderß empfänglich für Poesie, schwärmend für Sadi, Hasiß und später für Scheffel, der bald nach Hamburg alö Hauptpastor berufen wurde, sich aber bann, als er gewahr wurde, daß die Hamburger ihn zu Tode füttern würden mit Leckerbissen aller Art, noch rechtzeitig nach Leipzig in eine Professur flüchtete. „Carlchen", sagte er mir, alS ich ihn bei meiner Nordfahrt im Jahre 1861 in Hamburg sah, „hier kann es nicht mehr so sortgehen. Sie nudeln mich tote eine Gans mit Steinbutten, Fasanen, gebüffelten Truthähnen und was weiß ich noch welchem überseeischen Zeng und ich kann und darf eine Einladung meiner Beichtkinder nicht ablebnen, denn das ist die schwerste Beleidigung, die man einem Hamburger anthun kann, der seinen ständigen Platz auf der Börse hat. Ich flüchte mich nach Sachsen, wo Schmalhans Küchenmeister ist und auf den Bäumen nur hübsche Mädchen, aber keine indianischen Vogelnester wachsen. Da werde ich doch endlich einmal mit meiner Familie zusammen zu Nacht essen können!"
Daneben ein anderer, entfernter Vetter von mir, Ernst Diefenbach, der Sohn eines Pastors in Gießen, den man den „Onkel Adam" nannte. Er hatte in den dreißiger Jahren flüchten müssen, war nach Zürich verschlagen worden und hatte dort den Auftrag erhalten, nach Neu-Seeland zu reisen und daS noch säst unbekannte Land zu erforschen. Er nahm den Antrag an und bestellte sich sosort zwölf Dutzend Paar Stiesel, so daß der Schuster ganz verdutzt zu dem nächsten Doktor lief und ihn bat, Herrn Dr. Diefenbach zu MÄierfudjen, der üdergeschnappt fein müßte! Aber er war bei guten Sinnen und hat ani in der That Nea Seeland
zuerst erschlossen. Er erheiterte durch m belferndem, etwas j astmath'schem Tone vorgetragene Erzählungen von den Sitte* und Gebräuchen der Maoris, die sich nicht gut wieder geben j lassen, trieb Bergbau und klopfte die Bafaltwerke der Haide von Annerod, die allen Mineralogen bekannt find, nach Zeolithen ab.
Weiterhin Kopp, der treue Rathgeber Liebigs, die beste und hülfreichste Seele in etwas knorriger Schale, ein Brunnen von Gelehrsamkeit, Mathematiker und theoretischer Chemiker ersten Ranges. Es lief damals eine Dummheit um, die sich aber in weiten Kreisen eingebürgert hatte. Ein Mann schreit früh Morgens in der Straße! „Löb! Löb!" Endlich öffnet Löb das Fenster mit den Worten: ,WaS war?" — „Komm runter! komm gleich mal 'runter! Denn Heuchelheim hat sich vertrunken!" Kopp wurde nervös, wenn er daß hörte, und Neuner, der dem Darmstädter „Hundß- club" angehörte, das Klavier ebenso meisterhaft handhabte, als das römische Recht und später als Professor nach Kiel berufen wurde, brauchte beim Eintritte nur mit den Worten: WaS wär? zu grüßen, um Kopp in den Harnisch zu bringen. Ader trotz feiner kaustischen Bemerkungen war Kopp, der später in Heidelberg lebte, wie gesagt, ein treuer und werk« thätiger, antheilnehmender Freund, der mir später in schwierigen Lebenslagen aufopfernd zur Seite stand.
Hoch ragte über die Anderen der „Wulle-wull"-Will, mit seinem mächtigen, von kurzem struppigem Haar besetzten Kopf, Liebig'ß Assistent und später sein Nachfolger. Bon echtem Schrot und Korn, gut vom Wirbel bis zur Sohle, konnte Will nur ergrimmen, wenn er entdeckte, daß Dieser oder Jener eine chemische Dummheit begangen hatte. Dann kannte aber seine Entrüstung keine Grenzen? „Schickt mir so ein Rindvieh von Landrichter den Magen eines Säuserß zu — ich solle untersuchen, ob er Alkohol enthalte. Damit das Präparat in der Hitze nicht verfaule, schickt er es in einem Glase in Weingeist ! Hole der Teufel eine Regierung, die solche Esel zum Landrichter setzt!" Harmloser, aber scharf einsetzender Witz, herziges Lachen, hingedende Freundschaft ohne Falsch.
Zwischendurch flötete Zamminer, der sich mit der Physik der musikalischen Instrumente und außerdem mit heißer Liede zu der Tochter eineß Bierbrauerß trug, deS Besitzers von „Loo'se Hiffche", in dem, nach dem Ausspruche eines in der Schweiz wandernden Corpsstudenten, die Aussicht weit schöner sein sollte, als auf Rigi - Kulm. Zamminer sprach wenig, lächelte aber viel, zuweilen freilich war er zu Tode betrübt. Aber das hielt nicht lange an und seine Wünsche erfüllten sich. Die Geschichte erhielt den Schluß einer Comödie — sie kriegten sich.
Die Genannten, denen ich noch manche Andere zusügen könnte, mögen beweisen, daß wir nicht zu dem landläufigen Universitäts-Kehricht gehörten, wie er fast überall in den Winkeln der Culturstätten sich anhäuft. Ich kann wohl sagen, daß Jeder von uns seinen ganzen Mann stand in seiner Wissenschaft, seiner Arbeit und Thätigkeit und wenn man Abends sich zusammensand in gemächlichem Freundeskreise, so hatte man einen Tag harter Mühe und ernsten Studiums hinter sich. Die Unterhaltung war lebhaft, zwanglos, bunt durcheinander gewürfelt, mit Witz und Geist gewürzt - man besprach mit regem Interesse wissenschaftliche Fragen und Probleme, wie die Tagesereignisse, und verstand sich oft mit Halden Worten, nachdem man sich gewissermaßen ineinander gelebt hatte. Zwei Punkte möchte ich besonders betonen.
Man sprach nicht von Idealen und hielt sich erst einen selbstgefälligen Spiegel unter dem Titel psychologischer Selbst- Analy e vor. Man arbeitete Tags über und besprach die Resultate, wenn man welche erzielt hatte, und fragte sich nicht, wenn man irgend etwa Neues zu Stande gebracht hatte: „Wie siehst Du denn jetzt, physisch, intellectuell, rnoraliich und ethisch aus, nachdem Du diesen Erfolg errungen hast? Welches find jetzt Deine Gefühle und in wie fern hat sich Deine Weltanschauung geändert?"
Sodann, was mir nach mehrjährigem Aufenthalte in Pariß besonders auffiel: das Weib und die Liebe spielten gar keine Rolle, ganz im Gegentheile zu französischen Gesellschaften, namentlich von Junggesellen, wie wir ja Alle waren, mit Ausnahme Knapps! Zuweilen einige Anspielungen auf zarte Verhältnisse der Einzelnen, die ja nicht ausbleiben konnten und damit basta? Auch die Zote, welche, im Gespräche wenigstens, der Aesthet ker Bischer an und für sich für witzig hielt, wurde nicht cultitiirt.
Baur und Moritz (Sortiere waren unter der Gesellschaft die einzigen, welche nicht Naturforscher waren. Wenn Moritz, meist etwas spat, in die lebhaft diScutirende Gesellschaft kam (daS Späikommen gehört zum Aushänge- fchilde junger Philosophen und Aerzte — die Emen ver- säumen sich, in Gedanken versunken, die Anderen werden durch die Praxis verhindert, die sie gern haben möchten) wenn Moritz eintrat, so bildete sich sofort eine Art von Verschwörung, die ihn freundlich hänselte. Er war von einer unbeschreiblichen Naivetät in manchen Dingen. Wenn er sich einen Platz suchte, von welchem aus er seine wasser- blauen Augen in eine Ecke der Zimmerdecke richten konnte, so wußte man, daß ihn irgend etn Thema beschäftigte, über welches er Einiges zum Besten geben konnte- die Ecke war ihm ebenso nothwendig zum Sprechen, wie Kant der abgerissene Rcckknopf seines Zuhörers. Setzte er sich aber an einen beliebigen Platz, so wußte man auch, daß er uns angenehmer Gesellschafter und rcceptiver Zuhörer sein wollte. ES war im Anfang deS Semesters. Regelmäßig fragte er den Einen oder den Andern, wie viele Zuhörer sich bei ihm schon gemeldet hätten und ebenso regelmäßig gab man ihm phantastisch übertriebene Zahlen an. „WaS fragst Du? Ich zähle sie nicht — eS mögen aber fünfzig fein!" — „Bei mir hat sich auch noch keiner „gemeldet!" seufzte er bann mit einem Aufschlag gen Himmel, alS suche er dort Mittel, einige Zuhörer anzulocken. Der Andere hatte auch noch keinen geseben, er wußte aber, daß sie ihm und Earriöre nicht entgehen werden, denn dieser war beliebt unter den Studenten wegen seines klaren und gefälligen BortrogS,
in dem er eine Fülle von Kenntnissen zu Lage legte, dir wirklich Staunen erregte.
Er war iu der That daß fleischgewordene Titat, wie auf der Nachbar-Universität Heidelberg Bernhard Oppenheim der fleischgewordene Leitartikel war. Schöpferischer Geist war Karriere durchauß nicht — ich muß daß entschieden in Abrede stellen- die Geschichte der Philosophie und Aesthetik wird ihn in einigen Jahren nicht mehr nennen, obgleich er noch jetzt vielleicht der meistgelesene Philosoph beß deutsche* Publikums ift, bem er zahlreiche, in allen Farben schillernde und in allen möglichen Weltanschauungen herumtaumelnde Bände hinterlassen hat. „Eß ist bemerkenßwerth", sagt ei* Nekrolog, „daß der naturwissenschaftliche Geist, der damals die hessische Hochschule beherrschte, auf Carriöre, den Philo- ophen, ganz ohne Einfluß blieb. Die Verbindung zwischen Philosophie und Naturwissenschaften, die heute zu einer so innigen und untrennbaren geworden ift, war damals noch nicht hergestellr, sie war kaum angebahnt." Daß heißt, eß waren noch keine Bücher darüber geschrieben und gedruckt und für Moritz existirte nur daß Gedruckte. Daß aber war ihm so vollständig in Fleisch und Blut übergegangen, daß er eigentlich selbst nicht mehr wissen konnte, maß unter de» von ihm Vorgebrachten Original, maß Lesefrucht fei.
Als im Frühjahre 1848 die Revolution erwachte, zeigte Carriöre sich um so mehr begeistert, als er namentlich die Girondisten eifrig ftubirt hatte. Er fühlte baß Zeug tn sich, eine politische Rolle zu spielen, Abgeordneter zu werden und der Revolution ihre idealen Bahnen anzuweisen. Man hat gesagt, er habe mir alß politischer Gegner gcßenübergeftanbe». Davon war gar keine Rede. Er hatte sich zwar eine lange Tirade zurechtgelegt, worin er die Reaction, die er bekämpfe» zu wollen versprach, mit jenem Füchslein verglich, daß ei» spartanischer Jüngling (das tiertrauenßfelige, deutsche Volk) unter dem Rocke von bannen trug und baß seinem Hehler die Eingeweide absraß, biß er entseelt zu Boden stürzte — aber leider begriffen die guten Gießener durchaus nicht, was er mit dem Spartanerjüngling, seinen Gedärmen und dem Füchslein gewollt habe. Doch schickten sie ihn, auf meine Fürsprache hin, mit mir in baß Vorparlament, wo baß Füchslein ebenfalls wieber aufmarfchirte, aber ebenso wenig Anklang sand, als bei ben Wählern.
Damit war Carriöre'S politische Rolle auSgeipielt- Gießen war nicht möglich, Butzbach, wo leise ungefragt würbe, zeigte sich rote Zuletka, gänzlich abgeneigt- anberroärtß war er vollkommen unbekannt. Er zog sich also wieber in feine papierene, gebrückte Welt zurück, auS welcher er niemals hätte heraußgehen sollen, laS unb laß, schrieb unb schrieb, heirathete und zeugte Kinder, liebte seine Frau AgneS, Liebig s Tochter unb würbe ganz ruhiger unb ergebener Unterthan, ber sogar an ben Symposien beß RÖnigß Max theilzunehmen berufen würbe.
Ich selbst, hin unb her verschlagen in Folge ber Revolution, hatte Moritz ganz auß ben Augen verloren unb sah ihn erst nach langen Jahren in München wieber, alß ich dorr mit meiner Frau einen Besuch machte. Er war Professor unb Secretär ber Acabemie unb alß solcher gerade in sehr unbehaglicher Stellung. Zwischen Liebig unb Kaulbach war ein heftiger Streit entbrannt, wenn ich nicht irre, wegen einiger Räume in dem Akademiegebäude, die einer von Beide* beanspruchte, und dieser Streit hatte sich schließlich zu einem Zroetkamps auf Leben unb Tob über die Frage entwickelt, welcher Ursache München seinen Ruf unb seine Anziehungß- kraft ben Fremden gegenüber verdankte? Kaulbach behauptete, bie Kunst habe München groß gemacht, dasür zeugte* die verschiedenen — Theken unb Hallen mit ihren Freske* unb Sammlungen - mithin müßten die Räume der Kunst *nb ihren Jüngern zugetheilt werden. Liebig hielt hartnäckig den Satz fest, das Bier sei der Stamm der Ruh meß- palme Münchens, hier habe man die rationelle Gär- Methode erfunden- wenn man von München spreche, denke man doch zuerst an das Bier, nachher vielleicht auch an etwas Anderes, die Gähcung sei ein chemischer Proceß, mithin habe die Chemie den ersten Anspruch. Beide Hitzköpfe bekämpften sich mit Erbitterung und Moritz mußte, als Secretär, die Streitbriefe verfassen, womit sie sich gegen« fettig bearbeiteten. „Moritz," sagte Liebig zu seinem Schwiegersöhne, inbtm er ihn am Rockknopfe festhielt, „Moritz, da hat mir dieser Pinseler und Anstreicher wieder einen groben Brief geschrieben. Du wirst diesem unwissenden Hitz- köpfe begreiflich machen ..." — Moritz suchte so viel wie möglich zu glätten und zu vertuschen, in den Ausdrücken zu mildern, aber der Schwiegervater verbiß sich oft in dieselbe* und dann konnte er selbst sehr eklich werden. So mußte Moritz endlich schweren Herzens und bedrängten GemüthrS den Weg zu Kaulbach antreten, der gerade mit Schwefel- »nd Feuerfarben an feiner Seeschlacht von Salamis arbeitete unb ben guten Moritz, ber ihm innerlich Recht gab, mit bitteren Sarkasmen über unästhetische Bierbäuche köbete, z* beren Verfechter ein Professor der Aesthetik sich gebrauche* lasse! AIS ich Moritz meine Absicht funbgab, Kaulbach in seinem Atelier aufzusuchen, bat er mich, wenn Kaulbach auf diese Bierkämpfe im Gespräche kommen sollte, ein begütigendes Wort zu sagen. Aber eS kam nicht dazu. Kaulbach versenkte sich derart in Griechen, Perser, Spartaner »nb Athener, ThemistokleS und LerxeS und ähnlichen schulmetfter- lieben Erläuterungen und meine Frau höite ihm mit solcher Lammsgeduld zu, wie ein vierzehnjähriges Schulmädchen, daß der Alte ihr ireim Abschiede, nach saft zweistündiger Vorlesung, seine Photographie schenkte, roaß nach allseitiger Versicherung der Münchener eine Gunstbezeugung war, wie sie nur Wenigen zu Thetl wurde.
Wir sahen unß noch später zuweilen bei gelegentlichen Durchreisen, aber bann hatte man kaum Zeit, sich der alten Erlebnisse in Gießen zu erinnern. WaS hätten wir uns auch sonst mittbeilen können? Ich war in krasse* Materialismus versunken, er in ätherischen Idealismus verduftet. Aber wir hatten unß doch lieb unb sahen unß gerne wieder. _______


