Nr. 28 Zweites Blatt. Sonntag den 27. Januar
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ZU Kaiser^ Grvmtstag.
Wie sollten wir uns heute nicht freuen an Kaisers Geburtstag, wenn wir uns wieder einmal der Liebe bewußt weiden, die Fürst und Boik bei uns verbindet. Allein eS fallen auch dunkle Schatten auf diesen Tag, die ihn zu einem sehr ernsten machen. Man braucht kein Pessimist zu sein, um zu eif nnen, daß die Gesammtloge unseres Volkes nicht erfreulich ist.
Wie ist doch die wirthschaftliche Noth gestiegen von Jahr zu Jahr; alle Bemühungen, ihr zu wehren, alle Anstrengungen, sie zu beseitigen, haben bisher entweder das Uebel vermehrt oder zum Mindesten keine Abhülfe geschafft. Der Auf- saugungsproceß des Großcapiials gehr ungehindert seinen Gang, Landwirthschaft, Handwerk, Mittelstand und Arbeiter verarmen weiter und Alle fragen rathlos: Wie soll daS enden? Muß da das kaiserliche Herz sich nicht betrüben, wenn es sich heute sagen muß, noch ist das lösende Wort pugesprochen, noch ist die rettende That ungethan; wenn es sich fragen muß: wer findet daS lösende Wort, wer giebt es mir?
Und mit der wirthschaftlichen Noth geht Hand in Hand die sittliche und die religiöse Noth? Auch sie hat sich nicht gemindert- im Gegentheil, sie hat sich nur gemehit. In ollen S-änden unseres Volkes nehmen GotteSenifremdüng, Unglaube, Lieblosigkeit zu. Der Eigennutz herrscht und alle Mahnung zur Umkehr, alles Werben zur Mitarbeit findet kein anderes Echo als die Ka »frage: „'Sr>ll ich meine« Bruders Hüier sein?" Oben die Selbstsucht, Unten der Haß, Oben Hochmuth und Ueberhebung, Unten Aufruhr und Empörung und Alle in Fehde mit einander, kein friedliches x»meinsames Arbeiten zum Wohle des Ganzen- keine Unterordnung der Sonderintereffen unter das Ganze - die alte deutsche Zerrissenheit, die nach außen endlich eitödtet war, nun im Innern umsomehr wachsend und gedeihend.
Kann unser iheurer Kaiser diesen Schäden seine Augen verschließen? Muß er sie nicht vielmehr doppelt schmerz ich empfinden an einem so wichtigen Tage wie sein GebunSlag ist? Die Zeit, da die Herrscher nur die schimmernde Oberfläche sahen, den Dingen aber nicht auf den Gründ kamen, die Zeit ist vorbei. Und wenn heute der Helle Jubel, die HochS und Hurrahs um den Kaiser erklingen, so w ssen wir, daß durch sie hindurch das Seufzen der unzähligen Noth leidenden, der Angstschrei der großen Mafien der Arbeiis-
losen und viel anderer Jammer ihm nicht verborgen bleibt, daß er das Herz des Landesvaters auch an diesem Freudentage betrübt.
Allein in diesem Schmerze möge ihn das Bewußtsein trösten, daß sein Volk mit ihm sorgt, daß es seinen Kummer theilt- ja daß seine treuen Uote thanen hoffnungsvoll der Tage harren, da der Kyffhäuser sich zum anderen Male öffnet, nicht um den KriegShelden, den alten deutschen Kaiser, hervorgehen zu lafien, sondern damit der Friedensfürst im strahlenden Glanze der Jugend heraustrete, sich an seines Volkes Spitze stelle und es in den inneren Kämpfen zum Siege führe.
Noch ist nicht Alles erfüllt, was die Propheten der Freibeiiskrtege geweissagt haben- darum ist unser Geburtstagswunsch, den wir heute an des Thrones Stufen nieder- leaen, der, daß Kaiser Wilhelm des Reiches Herrlichkeit vollende und Schenkendorfs Verheißung wahr mache:
Ein Morgen soll noch kommen, Ein Morgen mild und klar- Sein harren alle Frommen, Ihn schaut der Engel Schaar. Bald scheint er sonder Hülle Auf jeden deutschen Mann- O brich, du Tag der Fülle, Du Freiheitstag brich an!
Aus den Verhandlungen der Zweiten Kammer der hessischen Stände.
nn. Darmstadt, 24. Januar 1895.
Die Berathungen werden heute mit Art. 45 des Einkommensteuer-Gesetzes fortgesetzt. Derselbe handelt von den Bestimmungen über die Veranlagung der Einkommensteuer in der 2. Abtdeilung mit einem Einkommen von 500—2600 Mk. Die drei untersten Abtheilungen können jedoch durch Festsetzung im Finanzgesetz von der Erhebung der Einkommensteuer befreit werden. Seitens des Ausschusses ist noch beantragt, daß auch die Steuerpflichtigen dieser Abtheilung auf Anfordern der Veranlagungs Commtision zur Abgabe einer Steuer-Diclaration verpflichtet sind. — Abg. Schmidt beantragt die Freigabe d^r Klaffen von 500—900 Mk. bet Gemeinden mit Siäüteordnung im Falle das Beitreibungsverfahren ei forderlich sei. Durch dafielbe sei z. B. in Mai, z ein Kostenaufwand von nahezu 30000 Mk.
| entstanden, der doch zu dem geringen Erfolg in keinem Der- hauntß stehe. Finanzminister Weber erklärt, diese Frage gehöre Nicht hierher, und er müsse bitten, von einer Verhandlung hierüber abzusehen. Dieselbe gehöre in das Gebiet der Gemeindesteuer Gesetzgebung. Die Frage, ob Jemand, der von der Staatssteuer befreit, zur Gemeindesteuer herangezogen werden könnte, würde in diesem Gesetz entschieden. Auch Steuerrath Btttel tritt dem Antrag des Abg. Schmidt entgegen. Der Antrag könne erst in Erwägung gezogen werden, wenn man sich ein Urtheil über das neue Gesetz gebildet habe. Für den Ausschußantrag sptachen noch die Abg. Muth und Vogt und wird derselbe einstimm g angenommen. Ebenso werden Art. 46 — 49 ohne Debatte genehmigt. Der letztere Artikel bestimmt, daß das neue Gesetz am 1. April 1896 in Kraft tritt. Abg. Reinhardt wünscht, daß die Regierung über das Ergebniß der erste« Veranlagung der neuen Steuern dem Hause genau Mitthei- Lung zugehen lassen möchte. Finanzminifter Weber erklärt sich hierzu gerne bereit.
Nunmehr erfolgt die Berathung des Gesetzentwurfs, die Abänderung des Capttalrentenfteuer-GesetzeS betreffend. Die vom Ausschuß beantragten Aenderungen sowie der ganze Gesetzentwurf werden ohne Debatte angenommen. DbS Haus tritt nunmehr in die Berathung deS von der Regierung vorgelegten Gesetzentwurfs, die Organisation des Forstschutzes betreffend. Das Gesetz liegt heute dem Hause zum drittenmal zur Berathung vor und wenn nicht alle Anzeichen trügen, wird die Vorlage auch diesmal fallen, trotzdem die Ausschußmajorität für die Regierungsvorlage ist. Die Minderheit des Ausschusses beantragt die Ablehnung der ganzen Gesetzesvorlage, weil sie. die mit der Neuorganisation erreichbaren Vorrheile für zu theuer erkauft ansehen. Staatsrninister Finger erläutert den Zweck der Vorlage. Die Regierung sei im Wesentlichen den Wünschen der Kammer nachgkkommen. Sie sei bestrebt, das LooS der Forstwarte aufzudessern, indem sie dieselben i« Dienstklassen eingeih-ilt und besser besoldet wissen wolle. Auch die Aussicht auf einen Ruhegehalt an die Hinlerbliebene« mit entsprechender Pension sei im Gesetz enthalten. Die Forftwarivezirke sollen nach den Vorschlägen der Gemeinden gebildet werden und bedürftigen Gemeinden werde man durch einen zu bildenden Dispositionssond zu H lse kommen. — Die Abgg. Köhler, Sturmfels und Osann beantragen Ablehnung der Vorlage, weil dieselbe neue Lasten
Feuilleton.
Wochrndriefe aus der Residenz.
(Originalbericht des „Gießener Anzeiger".)
Z. Darmstadt, 25. Januar.
Vom Kuustverein. — Coucerte. — Vom Großh. Hoflheater.
Seitdem der hiesige Kunstverein es feittq gebracht, sich tn unserer Stadt ein eigenes Heim, das heißt eine wirklich künstlerischen Interessen dienende Ausstellungshalle zu schaffen, hat er sich um das künstlerische geben und besonders um die Weckung des künstlerischen Jnterefies tn allen Kreisen der hiesig n Gesellschaft ein hervorragendes Verdienst erworben. Schon manchmal habe ich die Gelegenheit wahrgenommen, Ihnen über große Ausstellungen, die der Verein zur Erreichung seiner Zwecke veranstaltete, Bericht zu erstatten. Auch jetzt, seit einigen Tagen, b, findet sich im Ausstellungsräume wieder eine Sendung, des „MÜnchener Kunst- v er eins" zur öffentlichen Besichtigung, die vielleicht weniger durch die Zahl der Werke, als durch den künstlerischen W:rth derselben weitere Kreise interessiren dürfte. Unter den gesandten Landschaften sind ganz vorzügliche Stücke von Gebhardt, Wenk und Gogarlen. Das Beste tn diesem Genre ist unbedingt etn Weik von Schleich, „Heuernte" betitelt. Ein ganz eignes, aber deshalb nicht minder interessantes Bild ist Karl Bauers „Phantasie zu einem Adagio von Beethoven". Ein junges Mädchen sitzt, von der Lampe matt beleuchtet, am Clavier ob spielt. Die dem Instrumente entlockten Töne sind emporsteigend und sich zu lichten Frauengestalten verwandelnd gedacht. Auch Stillleben sind mehrere recht gute vertreten. Aesonders interessant für die Darmstädter find aber mehrere Werke zweier hiesiger Meister. Hofmaler R. H. Kröh, der Im Kunstverein stets ein gern gesehener Gast ist, hat zwei znoße Pastellbilder gesandt, die uneingeschränktes Lob verdienen sowohl in Bezug auf die Porträtähnlichkeit — sie stellen beide Darmstädter Einwohner dar — als auch hi«- sichtlich der Behandlung des ColoritS. Der andere hiefige Wnftler Adolf Beyer, ein noch junges aber viel ver
sprechendes und schon viel haltendes Talent, ist mit sechs Porträts auf dem Plane erschienen. Alle sechs stellen Glieder der Darmstädter Hof- und bürgerlichen Gesellschaft dar und zeichnen sich durch sprechende Aehnlichkeit, virtuose Farbenbehandlung und charaetenstische Auffassung aus.
In den (5 oncerti ölen herrscht eben daS geräuschvollste Treiben. Ganz abgesehen von den musikalischen Darbietungen der vier hiesigen Mtlttärcapellen und der Feuerwehrcapelle, die eben fämmtlich guibesuchie Veranstaltungen geben, brachte uns die vergangene Woche fünf große (Soncerte, tn denen allen Solokiäste ersten Ranges mnwirkten und die der Sammelplatz der ersten Kreise unserer guten Gesellschaft wurden. Am vergangenen Montag Nachmittag hatte der Olganist der Stadtkirche W. Stumpf, ein tüchtiger Orgelspieler, ein Concert veranstaltet zum Besten des Diaconissen- hauses, bei dem außer ihm selbst die Primadonna unseres Hostheaters Fräul. Borchers, sowie die Hofopernsängennnen Fräul. Jungk und Egli und Herr Hoiopernsänger Stury mitwirklen. Unter den Besuchern der Feier befanden sich unser Großherzogliches Paar, sowie S. K. H. Prinz Wilhelm und I. D. die Frau Prinzessin Battenberg. — Am letzien Samstag feierte der sowohl durch seine glänzenden Fcste, wie durch feine stets bereite Mitwirkung, wo es gilt, Noth zu lindern oder gemeinnützige Werke zu fördern, bestens accredirte Männerchor „Humanitas" seine Bannerweihe, mit der ein Concert verbunden war, in dem neben dem Chor Fräul. Susanne Lavalle und Herr Max Sturch als Solisten große Erfolge ernteten. Die zuerst genannte Künstlerin wirkte auch am vergangenen Montag in dem Concert des Richard Wagner-Zweigvereins mit. Dieser Verein, der in den 4l/2 Jahren, die er hier besteht, uns wirklich hervorragende Concerte brachte, feierte eine Art Jubiläum am letzten Montag. Es war näml ch der 25. Vereinsabend, den er hier veranstaltete- der große Saal des Hotel „Zur Traube" prangte deshalb in festlichem Grün und war schon lange vor Beginn des Concertes von einem erlesenen Publikum Überfülle. Das mit ausgezeichnetem Geschmacke zusammengestellte Programm wies fast nur Werke jüngerer Meister auf. AIS Instrumentalist war für den Abend Herr
Professor James Kwast aus Frankfurt gewonnen, der eine reizende L-raoIl Sonate von Edward Giieg und mehrere effectvolle Stücke eigener Composition mit vollendeter Meisterschaft spielte. Neben der bereits genannten Fräul. Lavalle, die besonders in einigen Wagner'schen Sachen große Triumphe feierte, trat noch Fräul. Gizella Blätterbauer aus Berlin, als Gesangssolistin auf. Die Dame hat vor mehreren Jahren schon an unserer Hosdühne sehr erfolgreich gastirt und verstand auch am Montag wiederum durch den bestrickenden Zauber ihrer henl chen Stimme, den sie im Vortrag mehrerer Lieder von Brahms, Schubert, Hohfeld und Goldmark entfaltete, ihre zahlreichen Zuhörer zu entzücken. Als dritter Sänger des Abends endlich war noch ein für die Darmstädter alter und lieber Bekannter auf dem Podium erschienen, Herr Kammersänger F e ß l er aus Frankfurt a. M. Der Künstler war mehrere Jahre hindurch eine Z'erde unserer Oper und besonders die Verkörperung Wagner'scher Gestalten war es, die an ihm am meisten geschätzt wurde. Die br llante Art, mit der er am Montag wiederum mehrere Wagner'sche Compositionen zu Gehör brachte, mögen manchem unter den Zuhörern eine Art Heimweh nach ihm bereitet haben. — Der tüchtigen Direction unseres Hoftheaters wird die Arbeit immer noch nicht erleichtert. Kaum daß die Lücken, welche durch das plötzliche Ausscheiden mehrerer erster Kräfte eniftanben, nothdüiftig ausgesüllt sind, da regt es sich schon wieder. Wie bestimmt verlautet, wird auch Frau Egli, unsere komische Alte, uns am Schluffe der Saison verlafien. Für sie gastirte am Freitag F-äul. Denkhausen vom Düffeldorfer Stadttheater mit leidlichem Glücke als „Ulrike" in dem Benedix'schen Lustspiel „Die Zärtlichen Verwandten". In der Oper sangen im Laufe der letzten Woche ebenfalls zwei Gäste, Fräul. Olga Pewny, die Partie der „Elisabeth" im „Tannhäuser" und Herr Grüyner die des „Wolfram" im nämlichen Stücke, beide Gastspiele dürfien nach dem Gebotenen wohl zum Engagement führe«. Auch der in Gießen wohlbekannte Opernsänger Rupp soll einen einjährigen Contract mit unserer Hofbühne abgeichloffen haben.


