Ausgabe 
26.7.1895 Zweites Blatt
 
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Nr. 173

Zweites Blatt

Freitag den 26. Juli

189*

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-ietzener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

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8. Friedberg, 24. Juli. Gestern Abend hat die hiesige Kirchengemeindevertretung einen bedeutungsvollen Md hocherfreulichen Beschluß gefaßt. Die Stadtkirche, dieses herrliche, altehrwürdige Denkmal gothischer Baukunst, wird späteren Geschlechtern erhalten werden. Ihre Wiederher­stellung und künstlerische Ausschmückung wird demnächst in Angriff genommen werden. Die Ausführung liegt in den bewährten Händen deS auf dem Gebiete kirchlicher Baukunst rühmlichst bekannten Herrn Architecten Opfermann in Mainz, der auch die Pläne und Kostenvoranschläge entwarf. Die Baukosten belaufen sich auf 482,500 Mk. 100,000 Mk. sind bereits von den Landständen des Großherzogthums be­willigt- man hofft auf einen weiteren namhaften Beitrag aus Landesmitteln zu den beträchtlichen Kosten. Einen weiteren Theil. der erforderlichen Mittel hofft man durch eine zu veranstaltende Lotterie aufzubringen, deren Geneh­migung wohl keinen Schwierigkeiten begegnen dürfte. Immer­hin hat die evangelische Gemeinde Friedberg für ihr herr­liches Gotteshaus noch schwere Opfer zu bringen. Die Be­reitwilligkeit und Einmüthtgkeit, womit das geschieht, ver­dient öffentliche und allseitige Anerkennung und Nacheiferung!

R. Reichelsheim i. d. SB., 24. Juli. Der gestrige Nach­mittag brachte unS mehrere schwere Gewitter mit heftiger electrischer Entladung. Diese veranlassen uns, auf Folgendes aufmerksam zu machen: In der Nähe von Blofeld schlug der Blitz in einen Kornhaufen- mehrere Kinder hatten darin Schutz gesucht/ wurden aber veranlaßt, sich daraus zu entfernen. Einige Minuten später fuhr der Blitzstrahl in den Haufen, der Feuer fing und abbrannte. Wären die Kinder darinnen geblieben, so hätten sie wahrscheinlich daS Leben etngebüßt. Auf einem nordwestlich von jener Stelle gelegenen Hügel gingen zwei Erwachsene an einem Kornhaufen vorüber und der eine davon hatte die Absicht, sich in dem Haufen gegen den strömenden Regen zu schützen, unterließ es aber, weil sein Gefährte weiter ging. Kaum waren sie einige hundert Schritte weg, so erfolgte ein entsetzliches knattern und Donnern, ein Blitzstrahl war in den Korn­haufen gefahren, aus welchem ein bläulicher Dampf aufstieg, der aber sogleich wieder erlosch. Der Haufen brannte nicht ab, ein sogen, kalter Schlag war hineingesahren. Vorstehende zwei Beispiele zeigen, daß der Blitz leicht in Fruchthaufen einschlägt, wenn Letztere auf Hügeln und Anhöhen aufgebaut find. Dies wird auch von anderer Sette bestätigt. Die Fruchthaufen bilden gleichsam eine Fortsetzung des Hügels, der gleichsam in eine Spitze ausläuft, in welche der Blitz leicht einschlägt. Es wird daher dringend vor der Bergung in solchen Fruchthaufen gewarnt, wenn Gewitter heran­

Feuilleton.

85)

»Lits, dahin, wo ein immer lebhafter werdendes Gewehr-

Nicht d'lichttreue sichte deS

Freundester» e.

Eine Erzählung von K. Wagemann.

(Nachdruck verboten.)

blos unübertroffene, ja unerreichte Thaten der und der Vaterlandsliebe berichtet uns die Ge- ruhmretchen Krieges von 1870 und 1871, sou-

lener es rief. Nun war es in der Gefechtslinie. Ein Kugelhagel praffelte ihm entgegen, die eigenen Salven ant- oorttten donnernd - dann ging es mir Hurrah auf die Franzosen los und bei beginnender Dämmerung prallten sie nil denselben Mann gegen Mann zusammen. Ein grauen- asteS Hauen, Stoßen, Stechen und Schießen begann. Zu-

aber wichen die Franzosen vor den kraftvollen Söhnen r rothen Erde zurück und flohen in das Dunkel der Nacht

1895.

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tun auch Beispiele der. aufopferndsten Freundestreue. Und liefe find wohl nicht minder bewundernswert als jene. An eine solche That der FreundeStreue und Kameradschaftlichkeit

... Infanterie-Regiment Prinz Friedrich der Niederlande mit- E irsochten. Im Jahre 1870 gehörte er zu einem der Metz goj einichließenden Landwehr-Regimenter.

1887 $ An einem unfreundlichen Octoberabend verzehrte Eichner eben mit seinem treuen Landsmanue und Nebenmanne Carl Wohlmann das sehr einfache Abendbrod und fie erzählten sich zum Zeitvertreib allerleiDöhnkens", daS sind schnurrige

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* 01,1 .-»klOto llL Srschichten aus ihrer Heimath. Da ertönte das Alarmsignal bald darauf marschirte das Regiment kampfbereit vor-

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** 6* g |ti nachfolgende Geschichte augeknüpft.

n Vt Arnold Eichner, so wollen wir den Braven nennen,

halte schon 1864 und 1866 tapfer in dem westfälischen

ziehen - bei gewöhnlichen Regengüssen kann man eher darin Schutz suchen.

H. Herchenhaiu, 24. Juli. Seit dem Jahre 1837, also nahezu sett 60 Jahren ist einer unserer Mitbürger, Konrad Nies in den herrschaftlichen Waldungen beschäftigt worden und er kann daher als der Nestor der Waldarbeiter bezeichnet werden. Da NteS bei den schlechten Zeiten und seines vor­gerückten Alters wegen, geringe Verdienste hat, ist dem fleißigen Manne die stattliche Unterstützung von hundert Mark bewilligt worden, welche dieser Tage an ihn aus­gezahlt wird.

H. Alsfeld, 24. Juli. Die Vorbereitungen zu der am 25. August bis 15. September stattfindenden Ausstellung oberhessischer Industrie- und Gewerbe-Erzeug­nisse sind im vollen Gang. Auf dem in der Nähe des Bahnhofs befindlichen Ausstellungsplatz herrscht seit einigen Wochen eine rege Thätigkeit. Eine geräumige, zweistöckige Ausstellungshalle und ein daranstoßendes Restaurations- Gebäude gehen ihrer Vollendung entgegen. Geschmackvolle gärtnerische Anlagen, Pavillons u. dgl. werden den Platz noch verschönern. Die Beschickung der Ausstellung ist recht erfreulich, es steht nur noch äußerst wenig Platz für Aussteller zur Verfügung, und wird ein Gesammtbild alles dessen bieten, was auf gewerblichem Gebiete in der Provinz Oberheffen geleistet wird. Da die Stadt an sich mit ihren Sehenswürdigkeiten und mittelalterlichen Bauten schon des Interessanten genug bietet, dürfte sich ein Ausflug dorthin auch für den, den nicht gewerbliche Interesse allein leiten, in jeder Hinsicht empfehlen. Für Verpflegung ist in den der Neuzeit entsprechend eingerichteten Hotels und Restau­rationen reichlich gesorgt, und den Leistungen des Herrn Reinhold vomKaiserhof" in Gießen, dem die Restau­ration auf dem Ausstellungsplatz übertragen wurde, geht der beste Ruf voraus. Während der Ausstellung erscheint ein Catalog mit Führer durch Stadt und Umgebung und die einfache Fahrkarte der oberhessischen Eisenbahn berechtigt, wenn in der Ausstellung abgestempelt, zur freien Rückfahrt.

Vermischtes

* Caub a. Rh., 23. Juli. Auf der bei Weisel ge­legenen DachschiefergrubeHobelbank" wurden durch einen herabstürzenden Steinblock zwei Grubenarbeiter getödtet und einer leicht verletzt.

Berlin, 23. Juli. Einen grauenhaften Selbst­mord beging heute Vormittag der in der Lützowstraße wohnende Legationscanzlist Wesenberg, indem er sich die Kehle durchschnitt und aus dem zweiten Stock auf die Straße hinausstürzte. Wesenberg war vor etwa vier Wochen

Da ertönte das Signal zum Sammeln und jetzt erst sah Eichner, daß das Blut an seinem linken Arme herunter­rann, jetzt erst fühlte er, daß der Oberarm von einem ge­waltigen Hiebe getroffen war und das Fleisch weit aus­einanderklaffte. In der Aufregung des Kampfes war er deS Schmerzes nicht bewußt geworden. Unverletzte Kameraden halfen ihm einen nothdürftigen Verband anlegen und er folgte nun den ins Bivouak einrückenden Truppen langsam nach. Erst auf wiederholten Befehl begab er sich auf den Verbandsplatz. Es sei so schlimm nicht, ein paar Ruhetage werden den Riß schon wieder flicken, meinte er. Seine Ge­danken suchten seinen Kameraden Wohlmann. Er hatte ihn mit verbundenem Kopfe aus dem Gefecht gehen sehen, auch hatte er sich den rechten Arm gehalten, als sei der ebenfalls getroffen. Hierher, auf den jetzigen Verbandsplatz zu, war er gegangen, aber er befand sich nicht da. Immer mehr Verwundete wurden herbeigebracht Wohlmann war nicht darunter.

Er mußte sich jedenfalls in der Dunkelheit verirrt haben und dann abseits vom Kampfgefilde niedergesunken sein. Wenn er sich nun verblutete, ehe Rettung kam! Kinder hatte er ja nicht, aber seine junge schöne Frau, deren Bild er seinen Kameraden so oft entzückt gezeigt hatte, wie würde fie klagen und weinen. Eichner selbst hatte ja schon für drei Kinder zu sorgen. Er dankte Gott, daß seine lieben Kleinen, sein Carl und die zwei Mädchen, noch nicht Waisen geworden waren. Seine Wunde war ja auch diesmal un­bedeutend und ungefährlich, meinte er. Aber der arme Wohlmann! Und wenn der nun im Todeskampfe den Leichen­räubern, diesen Hyänen, in die Hände fiele! Dieser ent­setzliche Gedanke trieb Eichner in die Höhe- er fand keine Ruhe auf dem Verbandsplätze, er mußte fort, mußte seinen Freund suchen.

Dann und wann zerriß der Wolkenschleier und der

von Marokko, wo er der deutschen Gesandtschaft attachirt war, nach Berlin zurückgekehrt und hoffte hier Verwendung zu finden- statt dessen wurde er durch eine Versetzung nach Konstantinopel überrascht. Aus Schmerz über die bevor­stehende Trennung von seinen Angehörigen hier soll er den Selbstmord begangen haben.

* AlsNeuestes" auf dem Gebiete des Radfahrens verdient mitgetheilt zu werden, daß eine Hebamme zu Asberg, Bürgermeisterei Mörs Land, sich bei Ausübung ihres Berufs eines Fahrrades bedient.

* Gera, 23. Juli. AuS Brotterode wird hierher gemeldet, daß der Brand durch einen Knaben veranlaßt worden sei, der eine von ihm gefangene Forelle in einer Scheune braten wollte, nachdem sein Vater ihn aus der Stube vertrieben h-tte.

* Das Scheitern der Taucherarbeiten nach dem Unter- gauge derElbe". Der Taucher Ewald Vogt aus Raters­dorf, Kr. Havelschwerdt, welcher bet den Taucherarbeiten an derElbe" beschäftigt war, äußert sich darüber u. A. wie folgt: Auf Veranlassung desNorddeutschen Lloyd" in Bremen entsendete dieNorddeutsche Bergungsgesellschaft" in Hamburg den DampferElise" in die Nordsee, um zu versuchen, die im Wrack noch vorhandenen Werthsachen zu bergen, und die sonst noch etwa möglichen Feststellungen über die im Schiff eingeschlossenen Leichen vorzunehmen. Die hierzu angeworbenen Taucher, zwei Deutsche, zwei Franzosen und zwei Engländer, versuchten ihr Bestes. Jeder der Taucher arbeitete in der Zeit vom 17. bis 22. April täglich einmal. Aber trotz aller Anstrengungen gelang es keinem der Taucher, über 57 Meter tief in die See zu dringen, während die untergegangeneElbe" in 80 Meter Wasser liegt. Der Wasserdruck auf den Körper wurde schließlich so stark, daß dem Taucher alle Luft aus dem Körper gepreßt wurde. In den Ohren begann es schmerzhaft zu sausen, und eine Befangenheit des Kopfes stellte sich ein, die auf eintretende Besinnungslosigkeit schließen ließ. Da diese bei der gefährlichen Lage des Tauchers, der am Grundtau arbeitete, gleichbedeutend mit Verlust des Lebens wäre, so mußten die Versuche aufgegeben werden. Von dem tiefsten Punkte, den die Taucher erreichten, sahen fie wie durch einen Nebel den Schiffskörper derElbe" liegen, der, über Back­bord (linke Seite) geneigt, noch einen Theil der Takelage und die Schornsteine schräg aufwärts streckte. Die deutschen und franzöfischen Taucher bedienten sich des in der deutschen Marine angewendeten Tauchapparates, die Engländer be­nutzten einen etwas abweichenden englischen Apparat, mit dem aber auch nicht mehr zu erreichen war.

* Ein tapferer Bauersmann. In einer Reihe von bayerischen Städten wurde schon in den letzten Tagen von

Mond übergoß die Gegend mit trübem Schein. So hoffte Eichner auf den kahlen, vom Herbstwinde bestrichenen Wiesen und Feldern seinen lieben Kameraden noch zu finden. Er suchte und forschte lange hier und da- seine Kräfte schwanden immer mehr, immer heftiger wurden die Schmerzen in der Wunde. Oft mußte er sich hinsetzen und ausruhen. Endlich, lange nach Mitternacht, müde und todtmatt wollte er eben nach dem Verbandsplätze zurückschleichen da fand er den Gesuchten unter einem Dornstrauche zusammengesunken, weit vom Kampfplatze entfernt. Wohlmann hatte sich wirk­lich in der Dunkelheit verirrt und hier hatten ihn Er­schöpfung und Blutverlust niedergeworfen. Eben beschien ter Mond sein bleiches, leichenähnliches Gesicht und sein fast er­loschener Blick heftete sich auf den nahenden Retter. Dieser erquickte ihn aus seiner Feldflasche, verband ihm die Wunden, so gut er konnte, hüllte ihn dicht in seinen Mantel und legte sich dann neben ihm nieder. Er konnte auch nicht mehr. Eine furchtbare Mattigkeit war über ihn gekommen. Kaum hörte er noch die Dankesworte seines Freundes.

Am anderen Morgen fand eine Patrouille die beiden im heftigsten Fieberfroste und unfähig, einen verständlichen Laut über die Lippen zu bringen. Eiligst wurden fie in ein Lazareth gebracht. Eichner hatte sich den Typhus zu­gezogen- er wurde bald von Wohlmann und den anderen Verwundeten geschieden und kam in ein besonderes Gemach. Wochenlang lag er da, und schwer, schwer hatte er an der Krankheit und der Wunde zu leiden. Endlich siegte seine urkräftige Natur, und kurz vor Weihnachten wurde er in die Heimath zu seiner geängstigten Frau und den harrenden Kindern entlassen. Von seinem Nebenmanne hörte und sah er nichts wieder. Gewiß war er seinen Wunden erlegen.

(Fortsetzung folgt).