Ausgabe 
26.6.1895
 
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18SK

Mittwoch bett 26. Juni

Nr 147

Gießener Anzeig er

Keneral-Wnzeiger.

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Deutsche» Reich.

Berlin, 24. Juni. D»e Gerüchte von der angeblich beschlossenen Convertirung vorerst dervierprocentigen preußischen Staatsschuldverschreibungen sind aufS Neue auf­getaucht. In einem süddeutschen Blatte wurde sogar schon ein genauer Convertirungsplan mitgeiheilt, welche Veröffent­lichungen sich, wie es hieß, auf Mitiheilungen aus ,,bester Berliner Quelle" stützten. Trotzdem aber handelt es sich auch jetzt nur um bloße Vermuthungen in der Convertirungs- frage, ein bestimmter Entschluß ist von der preußischen Regie­rung in dieser wichtigen Sache offenbar noch nicht gefaßt worden,- freilich wird es immer wahrscheinlicher, daß die Lonvertirunq früher oder später doch kommt.

Neueste Nachrichten»

Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.

Kiel, 24. Juni. Der Kaiser wohnt um 8 Uhr dem -für die deutschen Offiziere auf derRoyal Sovereign" ge­gebenen Festessen bei. Morgen geht die englische Flotte nach Kopenhagen.

Bremerhaven, 24. Juni. Um 10V< Uhr Vormittags trafen die LloyddampferKaiser Wilhelm II." und Trave" mit etwa 250 Reichs- und Landtagsabgeordneten und 60 Mitgliedern der deutschen und ausländischen Preffe en Bord hier ein, die auf Einladung des Norddeutschen Lloyd die Fahrt von Kiel nach Bremen um Cap Skagen herum gemacht hatten. Die Gäste aufKaiser Wilhelm II." wurden am Samstag bei dem Diner vom Präsidenten Plate herzlich begrüßt. Abgeordneter Fritzen dankte Namens des Reichstags. Abgeordneter Alexander Meyer toastete auf das Glück, welches darin liege, Lloydpaffagter zu sein. Während am Samstag das Wetter prächtig war, trübte es sich am Cap Skagen. Der Regen jedoch und der gestern Nachmittag stetig steigende Sturm vermochten nur kurze Zeit das Wohlbefinden der Lloydgäste zu stören. Die Leuchtthürme an der Wesermündung begrüßten heute früh die Theilnehmer in vollem Flaggen- schmuck. An Bord war Alles wohl auf. Einstimmig gelobt wurde die gastfreundliche Aufnahme an Bord der prächtigen vortrefflich eingerichteten Dampfer. Nach längerem Aufenthalte erfolgte um 12 Uhr 30 Min. die Abfahrt von Bremerhaven mittelst eines vom Lloyd gestellten Extrazuges nach Bremen, wo um 4 Uhr 30 Min. auf Einladung deS Senats eine Rundfahrt durch Stadt und Freihafen und Abend- Begrüßung m Rathskeller stattfindet.

Bremen, 24. Juni. Die Mitglieder des Reichs­tages, sowie die Vertreter der Presse trafen um 1 Uhr 15 Min. Nachmittags hier ein und wurden vom hiesigen Festcomitö auf daS Wärmste empfangen und begrübt. Die Stadt ist reich beflaggt, daS Wetter ist regnerisch.

Depeschen deS Bureau .Herold".

Berlin, 24. Juni. DaS Staatsministertum trat heute Nachmittag um 2 Uhr unter dem Vorsitze des Reichskanzlers Fürsten Hohenlohe zu einer Sitzung zusammen.

Berlin, 24. Juni. DerReichsanzeiger" veröffentlicht die Verleihung des Rothen AdlerordenS erster Klaffe mit Eichenlaub und Schwertern am Ringe an den comman- direnden Admiral Knorr.

Berlin, 24. Juni. Im Preußischen Landtage wurde heute die Vorlage betr. Verstaatlichung der Weimar- Geraer, der Saale- und Werra Eisenbahn der Budget-Commission zur Vorbereitung überwiesen. Ferner wurde die Novelle zur Apothekerordnung in erster und zweiter Lesung und der Gesetz­entwurf betr. die Erbschaftssteuer in zweiter Lesung genehmigt. Morgen Interpellation Sattler betr. Mellage-Proceß und Gesetzentwurf betr. Entschädigung bei Schweineseuchen.

Berlin, 24. Juni. DieVoss. Ztg." meldet aus Stock- Holm: K a i s e r W i l h e l m, der dies Jahr nicht nach Norwegen geht, sondern Schweden besucht, trifft am Mittwoch den 3. Juli oder einem der nächstfolgenden Tage in Stockholm ein.

Hannover, 24. Juni. In der hier stattgefundenen Pro- vtnzialverfammlung des Bundes der Land­wirt he hielr der Bundesdirector vr. Suchsland-Berlin einen längeren Vortrag über die großen und Ile.r en Mittel zur Hebung der Landwtrthschaft. Redner empfahl den Antrag Kanitz und verlangte eine durchgreifende Börsenreform. Der Staat müffe, führte Redner aus, das Programm Friedrichs des Großen verwirklichen. Der Deutschsociale Dr. Lindstroem- Goslar sprach über die Interessen deS Mittelstandes in Stadt und Land und forderte zum Zusammenwirken auf. Schließlich < theilte der Geschäftsführer mit, daß der Bund der Provinz ; Hannover 10000 Mitglieder zähle.

Stiel, 24. Juni. DaS Befinden der Kaiserin ist zufriedenstellend.

Kiel, 24. Juni. Das italienische Geschwader hat heute früh den hiesigen Hafen verlaffen. DaS amerika­nische Geschwader wird voraussichtlich bis Anfang Juli hier bleiben.

Hamburg, 24. Juni. Gestern sind infolge eines heftigen WinduoßeS zahlreiche Segelboote auf der'Unter­elbe umgeftürzt. Soviel bekannt, sind dabei acht Personen ertrunken.

Leipzig, 24. Juni. Die Verhandlung im Spionage- Pro ceß gegen den Kohlenhändler Hanns aus Metz findet am 8. Juli vor dem Reichsgericht statt.

Partenkirchen, 24. Juni. Der norddeutsche Tourist, welcher am Freitag Morgen von der Zugspitze abgestürzt ist und sofort tobt blieb, wurde als der städtische Beamte Simon aus Berlin recognosctrt. Der gleichzeitig ab- gestürzte Führer Kose befindet sich bereits auf dem Wege i der Besserung.

Budapest, 24. Juni. Die Durchführung und die Vor­bereitungen für die Einführ un g der kirchenpolitischen Gesetze stoßen in vielen Landestheilen auf offenen Wider­stand, besonders in den Comitaten Preßburg, Neutra und Turocz, weshalb die Regierung die Verstärkung der Gendarmerie verfügte.

Triest, 24. Juni. Nach Meldungen, welche aus Kon­stantinopel eingetroffen find, soll sowohl in Konstantinopel, wie in der asiatischen Türkei die Cholera in bedrohlicher Weise herrschen. In Konstantinopel sollen täglich 10 bi- 15 Todesfälle vorkommen.

Paris, 24. Juni. Heute findet eine Gedenkfeier für Carnot statt. Bereits gestern find aus Paris und den Provinzen zahlreiche Kränze eingetroffen, welche im Pantheon niedergelegt werden. Eine große Anzahl Häuser hatten Trauerschmuck angelegt. Zahlreiche Beileidstelegramme sind bet der Wittwe eingetroffen. Man erwartet heute vor dem Pantheon und der Madelaine-Kirche große Menschen­ansammlungen.

Petersburg, 24. Juni. Hiesige Blätter melden, daß die russische Staatsregierung, angeregt durch die Eröffnung deS Nord Ostsee-Canals, eine Canalverbindung deS Schwarzen Meeres mit der Ostsee projectire.

Sofia, 24. Juni. DaS Gebiet des macedonischeu Aufstandes umfaßt bte Vilajets Bonaster und Ueskueb. Zwischen den stark bewaffneten Aufständischen und den Türken kam es zu zahlreichen blutigen Gefechten, bei denen auf beiden Seiten viele Todte und Verwundete biteben. In den Straße« von Palanka und Preschowo wurden abgeschnittene Köpfe herumgetragen. Die Erbitterung ist jetzt auf beiden Seiten aufs Höchste gestiegen. Das macedontsche Comttö hat eine

Fenilleton.

F a r l> r n d l i« b.

Von Marie Treuter.

(2. Fortsetzung.)

Als er eines Tages baß Schulgebäude verließ, hatte tr sie wiedergesehen. Sie kam aus einem Grünkramkeller, dog aber sofort um die nächste Straßenecke und war bald in dem Menschengewühl feinen ihr sehnsuchtsvoll folgenden Blicken entschwunden.

Schnell entschloffen trat er in den betreffenden Grün- ^ramkeller und ließ sich von der dicken Besitzerin einiges Obst abmeffen.

Wiffen Sie vielleicht, wer die Dame war, welche eben Ihr Geschäft verlassen hat?" fragte er bei dieser Gelegenheit schüchtern.

Ick kenne ihr nich," war die etwas mürrische Antwort. Bei Müllers nach der Akazienallee Nr. 38, Hof drei Treppen, soll ick ihr den Kram hinschicken."

Nun, das war vor der Hand genug, und mehr, als Arminius Werter zu erfahren erwartet hatte. Also Müller hieß seine Angebetete.

Warum mußte sie gerade Müller heißen, wie sein Feind?

Amanda, seine Tanzftundeuflamme, hieß übrigens auch Müller. Der Name schien sein Berhängniß zu sein. Aber hieß denn nicht die halbe Welt Müller?

Bon dem nächsten Tage an wohnte ArminiuS Werter in dem Hinterzimmer der Madame Koch, deffen Fenster nach dem Hofe des Hauses Akazienallee 38 hinauSführteu, und blicktenach dem Fenster seiner Liebe, bis vaS Fenster klang, biß die Liebliche fich zeigte".

Ja, fie zeigte sich zuweilen, die holde Aglaja, wie er sie, die Vornameulose zu nennen pflegte. So wie diese un­gefähr, vermochte ler sich eine der drei Grazien vorzustellen.

Die Küchenfenfter ihrer elterlichen Wohnung führten ckuch nach dem Hofe hinaus und befanden fich gerade gegen- a6er von Arminius Werter- Domicil.

Aglaja hatte viel in der Küche zu thun zur großen Freude ihres Verehrers. Vielleicht weilte sie nur so gern daselbst, weil nun er erröthete bei dem Gedanken weil fie ihn von hier auS sehen konnte.

Sie begrüßten fich bei dieser Gelegenheit, daS war aber auch alles.

Einem liebeglühenden Herzen aber genügt auf die Dauer eine Liebe per Distance nicht.

Arminius Werter wollte und mußte seine Angebetete näher kennen lernen. Aber wie, wo, wann? Auf der Straße begegnete er ihr merkwürdiger Weise nie mehr. Amanda und Lucilie hatte er in der Tanzstunde kennen ge­lernt. Bon seiner Liebe zu Aglaja hatte Niemand, nicht einmal seine intimsten Freunde, eine Ahnung. Sie war ihm zu wahr, zu heilig, als daß er fie dem etwaigen Gespött seiner Commilitoneu preisgegeben hätte.

Sollte er ihr durch einen Strauß ober ein Gebicht seine Liebe zu erkennen geben?

Amanba unb Lucilie hatten solche Aufmersamkeiten stets hulbvoll entgegengenommen, aber Aglaja war so ganz anberß wie jene. Wie würbe fie es aufnehmen?

Jnbeffen Arminius Werter war ein energischer Character.

Eines Tages kaufte er einen wunderbar schönen Rosen- strauß, welchen er nebst einem schwungvollen Gedicht per Dienstmann seiner Angebetenen Übersandte. ES wäre in- discret, wollten wir den Inhalt deS Gedichtes den profanen Blicken der Welt preisgeben. Jedenfalls waren es Worte, so schön, wie fie ein zum ersten Male liebendes Jünglings- herz hervorzustammeln vermag. So viel nur will ich ver- rathen, daß viel von Aglaja und ihren braunen Augen die Rede war.

Zerstreut und nervös vor Unruhe um die noch nicht abzusehenden Folgen seiner kühnen That, begab fich Arminius Werter nach einer fast schlaflos verbrachten Nacht in die Schule.

Die erste Unterrichtsstunde ertheilte Profeffor Alfred Gottfried Müller.

Trotzdem Arminius Werter nicht abergläubisch war, so

hätte er viel darum gegeben, wenn - er diesem Manne heute nicht hätte zu begegnen brauchen.

Und gerade heute sah er ihn mit einem so cynischen Lächeln an unb richtete fast permanent bte Fragen an ihn. Es war zum Tollwerben.

AlS er enblich Mittags mübe unb abgespannt sein Domicil erreichte, übergab ihm Madame Koch ein für ihn etngegangeneß Schreiben. Zitternd vor Aufregung laS er folgende, augenscheinlich von einer Frauenhand geschriebene Zeilen:

Sehr geehrter Herr Werter!

Wir erlauben uns, Sie zu einer Familienfeier, dem Geburtstage unserer. Tochter, hiermit ergebenst einzu- laden und erwarten Sie Nachmittags 5 Uhr in unserer Wohnung, Akazienallee 38, 3. Etage.

Ergebenst

Müller.

Müller? Nun, er wußte ja, wer Müller war. Bet dem Cigarrenhändler, wo er seinen Bedarf an Cigarretten entnahm, hatte er in einem, allerdings schon antiken, Adreß- buche nachgeschlagen.

Müller, Rentier, Akazienallee 38, eine Treppe," hatte er gelesen. Nun, baß konnte verbruckt sein, ober war er eine Etage höher gezogen.

Jebenfalls würbe er bte Familie ja heute kennen lernen, die Familie, zu der er einst gehören würde. Einst? O, das konnte ja gar nicht so entsetzlich lange mehr dauern. In zwei Monaten war baß Abiturienten-Examen, bann gingS drei Jahre auf bk Universität, im vierten Semester machte er ben Doctor.

Sechß Jahre höchstenß! Dann war er fünfunbzwanzig unb er konnte sein Mädchen mit den braunen Augen heim- führen. Vergeffen war alles Hangen und Bangen der früheren Zett, selbst das cynische Lächeln deß Profeffors dünkte ihm in der rosigen Beleuchtung seiner momentanen Stimmung huldvoll und glückverheißend.

(Schluß folgt.)