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chießener A«reiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS
Montags.
Die Vießener JamittenötLtter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal keigelrgt.
ErAes Blatt. Freitag den 25 Oktober
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Mehener Anzeiger
Kenerat-Mnzeiger.
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fefgenber. Tag erfchemmden Rümmer biS Dorm. 10 Uhr. s y Z___f_________________________________________
Deutsche- Reich.
Setlii, 23. October. Im ersten Jubeljahre der deutschen Siuhett findet an diesem SamStag die glanzvolle Ein« nethung deS neuen ReichSge richtögebäudeS in Leipzig statt. ES ist dieses Zusammentreffen wohl nur eia Zufall, aber ein bedeutsamer, denn für alle patriotischen R reife unseres Volkes muß der Gedanke, daß gerade inmitten der Silberfeier der großen Ereigntffe von 1870 sich die Weihe deS ReichSjustizpalasteS in Leipzigs Mauern vollzieht, eta überaus erhebender Hin. Bringt doch das Prachtgebäude, i, welchem der höchste Gerichtshof Deutschlands nun bereits ft ft einigen Wochen seiu Heim aufgeschlagen hat, abermals die erfolgte nationale und politische Einigung unseres Ge- fLmmtvaterlandeS zum bleibenden symbolischen Ausdruck, ist doch mit ihm aufs Neue ein herrliches und gewaltiges Monument deutscher Einheit, Macht und Größe errichtet norden. Darum werden gewiß alle deutschen Patrioten im Seifte lebhaften Antheil an der bedeutungsvollen Feier nehmen, welche am 26. October in dem altehrwürdigen Leipzig vor sich geht und sicherlich wird der Wunsch zu dem sistltchen Ereigniffe ein allgemeiner sein, daß auch im neuen ReichSgerichtSgebäude nur ein guter Stern über den Be- schlüffen des obersten deutschen Gerichtshofes leuchten möge.
— Der Einweihung des neuenReichSgerichtS- g eb äud eS wird von fürstlichen Gästen außer dem Kaiser unb dem König Albert von Sachsen voraussichtlich nur noch Prinz Georg von Sachsen beiwohnen. Die beiden Monarchen treffen, wie bekannt, in der zwölften VormittagS- fiunbe des 26. October kurz hintereinander auf dem Dres- bener Bahnhof in Leipzig ein und begeben sich dann gemetn- fitn durch die hierzu bestimmten Einzugsstraßen nach dem Festgebäude. Hier findet sofort nach Ankunft der erlauchten Festgäste die feierliche Schlußsteinlegung nach dem festgesetzten Programm in Gegenwart des Reichskanzlers, der Bundes- rathsbevollmächtigten, der Herren deS ReichStagSpräfidiumS, der ShesS der ReichSämter, der Mitglieder deS Bundesraths- ausschuffeS für Justizwesen, der Vertreter deS sächsischen Staatsministeriums und der Leipziger Behörden, der Mit. giieder des Reichsgerichtes u. f. w. statt. Nach einer Besichtigung des Gebäudes nehmen die Majestäten sowie die vornehmsten übrigen Festgäste ein Frühstück in den Reprä- stataiionSräumen der Wohnung des ReichSgerlchtspräsidenten ein, der Kaiser und der König fahren hierauf nach dem Bayerischen Bahnhofe und reisen von letzterem gemeinschaftlich wieder ab. Während König Albert nach Dresden resp. Pillnitz zurückreist, gedenkt Kaiser Wilhelm, wie verlautet, von Leipzig auS zunächst an einer Jagd in Liebenberg, der Besitzung des deutschen Botschafters in Wien, Grafen Eulenburg, theilzunehemen.
WolffS telegraphisches Eorrespondenz-Bureau.
Berlin, 23. October. Die „Post" erfährt: Eine der Hauptforderungen bei den einmaligen Ausgaben deS außerordentlichen Etats der Marine Verwaltung für das bevorstehende Rechnungsjahr wird die einer ersten Rate zum Bau eines großen Trockendocks auf der Kaiserlichen Werft zu Kiel sein, sür die eine Million Mark nöthig sein
Berlin, 23. October. Resultat der seitens der Internationalen Vereinigung sür Zuckerstatistik angestellten Umfragen vom 10./21. October 1895:
Zuckerproduktion 1895/96 1894/95
voraussichtlich Tons k 1000 Kilo
Deutschland 1,431,000 1,831,624
Oesterreich-Ungarn 716,100 1,044,516
Frankreich 618,523 745,073
®eIn0ie"j 311,400 321,400
Holland \
Rußland 603,000 591,391
Leipzig, 23. October. Nach amtlicher Ermittelung gab
der Schutzmann August Ziegenbalg drei Schüffe aus den Polizeidirector Dr. Brettschneider ab, von denen zwei eine in einer Actenmappe unter dem Arme getragene 25 Blatt starke Denkschrift, betreffend die Grundsteinlegung des neuen ReichSgerichtSgebäudeS, durchschlugen und dem Polizeidirector bis auf das untere Hemd in der Gegend des Herzens drangen. Der Polizeidirector ist unverlctzt. DaS Publikum hatte den Thäter festgenommen. Derselbe erklärte mit größter Gelaffenheit, daß er den Polizetdirctor am Rathhause abgelauert und erschoffen hätte, wenn er einen
anderen Weg genommen hätte.
Depesche« bei Bure« „Herold*.
Berlin, 23. October. Prinz und Prinzessin Heinrich haben sich heute Vormittag im neuen PalaiS verabschiedet und find nach Kiel abgereist.
Brux. 23. October. Am Bahnkörper der Aussig-Teplitzer Bahn hat wieder ein Erdbruch stattgefunden. Man arbeitet energisch an der Wiederherstellung des beschädigten Bahnkörpers.
Paris, 23. October. Die französische Regierung hat die Mttthetlung erhalten, daß die belgische Regierung an der Ausstellung im Jahre 1900 theilnehmen werde.
Paris, 23. October. Ueber das Eisenbahnunglück auf dem Bahnhofe Mont Parnaffe wird weiter gemeldet: Die Maschine des Schnellzuges, welche sich von diesem loSriß,
stürzte von 10 Meter Höhe auf die Straße herab, nachdem sie vorher eine Mauer eingestoßen hatte. Von den Paffagieren deS Zuges waren zehn Reifende leicht verletzt, getvdtet Niemand. Heizer und Maschinist sprangen rechtzeitig von der Maschine ab. Der Unfall ist auf Nichtfunctioniren der Bremse zurückzuführen. Eine Zeitungsfrau wurde von der herabfallenden Maschine zermalmt. Von der rechtzeitig an- haltenden Straßenbahn wurde nur ein Wagen beschädigt, dagegen erlitten einige Omnibuswagen durch herabfallende Steine schwere Beschädigungen, wobei ein Conducteur starke Verletzungen davontrug.
Paris, 23. October. Ein Luftballon, welcher vor einigen Tagen ohne Begleitung zu wiffenschaftlicheu Zwecken aufgelaffen worden war, wurde gestern im Seinedepartement unweit Marne aufgefunden. Die im Ballon angebrachten Instrumente zeigten, daß derselbe eine Höhe von 17 000 Metern erreicht hatte und daß die Temperatur in dieser Höhe 75 Grad unter Null war. DaS Thermometer im Innern deS BallonS war auf 11 Grad herabgesunken.
Havre, 23. October. Der russische Dampfer „Wladimir", welcher den Städten Lyon, Paris und Marseille Geschenke deS Czaren überbringt, wird stündlich hier erwartet.
Loudon, 23. October. Die Friedensgesellschaft hat gestern in Birmingham eine Versammlung abgehalten, in welcher energisch gegen die KriegSrüstungen, die den Bankerott nach sich ziehen, Stellung genommen wurde. Die Gesellschaft drückt ihre Freude über die Zunahme der Schied«- gerichte aus.
Konstantinopel, 23. October. Neuerdings ist hier wieder ein Palast-Zerstörungs'Complott entdeckt worden. Zahlreiche Verhaftungen find erfolgt. Die Paläste der Mi- nister wurden militärisch besetzt.
Der Krieg von 1870|71,
«schildert durch Ausschnitte «us ZeitungS-Nummern jener Zett. (Nachdruck verboten.)
25. Oktober.
Die guten Deutschen werden jetzt von allen Seiten bestürmt, daß sie den armen Franzosen nicht zu wehe thun. Es ist die alte Geschichte: wenn es nicht gelingt, den deutschen Michel durchzuprügeln oder zu überlisten, dann appellirt man an sein Herz. Von ihren Brüdern in Frankreich und Italien sind u. a. die Freimaurer oufgesordert worden, dafür zu wirken, daß Elsaß bei Frankreich bleibe. Die deutschen Brüder stellen sich aber, als ob sie weder französisch noch italienisch verständen. Auch die englischen VermittelungS- versuche finden taube Ohren.
Manche Berichterstatter auS Wilhelmshöhe glauben wahr- hastig an den neu ausgehenden Stern Napoleons. D.S
Feuilleton.
Aus Liter Zeit.
(8. Fortsetzung.)
„Bleibet, decket mich vor ihm- soll mir nit nahen, will wie die Thalleute glauben."
Ja, glaubt nur, wie wir drunten in Marpurg glauben, holde Maid, aber," und plötzlich hatte ich Muth zu solch wunderbarer Red, „glaubt auch mir, daß ich Euch liebe, Rothraut, so recht von Herzen."
Da hat fie mir seelig lächelnd in die Augen geschaut. ,«ommt," sagte sie. „Dein Hand soll mich stützen, da ich heimgehe." Dann sind wir unter die Bäume treten Hand in Hand, doch hat sie öfter« sich gewendet, nach dem entschwundenen Mönchlein schauend. Hab ihn ja nur einen Augenblick gesehen, ein also bleich und hager Antlitz aber batte nie erblickt, gleich einem grinsenden Todtenschädel unter ber dunklen Kutte, so er übergeschlagen. Der sollte meinem Mägdlein kein Leids thnu. Da er jedoch sich entfernet, so «rächte sein nit gebauten. Hohe Freud aber hatte mein Herz ^füllet, da ich itzo ihr Heimmcsen sollt erschauen.
Glaubt ich doch, den Wald genügtem durchstreift zu haben vordem, und dennoch, allhie war ich nit hinkommen, diese mächtigen Eichen sah ich nimmer. Da thönt ihr hold Vtimmlein an mein Ohr und inS Herze hinein, wie lieblicher Sang: „Dein Wort, mein Daniel, ist süß. zu süß, doch bi:a ich gar zu matt, die Ruh ist itzo süßer." Dabei schaute st« zu mir innig auf, daß ich sie mit meinen Armen um- Maßen, wenn ihr Händlein meine Rechte nit also fest gefallen, wie ichS ihr nimmer zugetraut. So hab gesagt: .Gielholde Rothraut, mein Leben ist Dein, Dein Leben ist
mein, willst harren eine Weil, daß ich mich Dir eine?" | Lächelnd sagte fie: „Ich warte Dein."
Sind alsdann auf einen schmalen Pfad getreten und könnt ich deutlich vermerken, wie so gar leicht ihr schwebender Gang, als werde fie getragen. „Sag an, mein Lieb," hab gefraget, „so die Eltern Dir nit mehr leben, wer schützt meine süße Rothraut, hast wol Geschwistrige, die mit Dir Hausen?" Da hat sie ihre rechte gehoben und hingewiesen, wo durch die Stämme gar mott, wie im Nebel liegend, ein Gehöft ist sichtbar worden. „Dort ist mein Kämmerlein, ich Hause ganz allein, die lieben Eltern beide hin, das einzig Kind in die Flamme ging." En starker Erdruch ist mir in die Nase fliegen, da ich erschreckt ob solch dunklen Wortes sie angeblicket. Sie halte aber die Angen müd geschloffen und stüsterte: „Kehr um, mein Herr, fahr wohl, Du siehst mich nimmermehr, bis ich Dich holen soll." Da könnt mich nit enthalten, voll bangem Wehs ob solcher Trennung wollt fie an mein Herze drücken.
Plötzlich aber erthönet groß Getös vom Hofe her. Durch das groß Thor kommt ein seltsamer Zug daher, gleich einer Prozession. Vorauß einige Mönch mit Kreuz und wehender! Fahnen, fie führten gebunden einen Mann mit weißem Haare und ein all Mütterlein, dahinter ein wüster Haufe mit mancherlei Gewaffen, Männer und Weiber, alle aber angethan, wie ichS niemalen erschauet. Da haben fie ein Lied angehoben, gleich einer Litanei.
Indem ich also in starrem Staunen gestanden, höre, wie fie, die ich im Arme gehalten, gesagt: „Lieb Vater und Mütterlein schleppen fie fort," daß ich mich meiner Sinne nit mehr mächtig zu ihr gewendet. Doch kann nimmer sagen, wie mir ist worden- Rothraut war ver- schwunden- in meiner Hand hab nur ihr Kopftüchlein halten. Stand gebannt auf dem Platz- sah den nahen Hof- hörte
den Sang und sah, wie der Alte fein Haupt zurückgewendet zum Haufe. Siehe, am offenen Fensterlein stand Rothraut weinend und taufte fich das Haar. Da bin ich meiner Glieder mächtig worden und herzugeeilel.
Die letzten der Gesellen verließen lachend den Hof, da ich ins Thor gestürzct. Sie hatten mein nit Acht, und ich sah nur sie im Fensterlein. Hab des Weges fein Augenmerk gehabt, der unachtsame Fuß stolperte und ich lag auf der Erden.
Muß wol ohn Besinnung sein gewest, denn da ich er- wachte, war das Zwielicht schon gar dunkel, ich aber lag auf den moosigen Steinen der Waldlichtung.
Heiliger Gott, was wars, daS ich erlebet? Ist mir ein groß Grauen kommen, daß ich nit macht ein Glied können heben, hab gebebet am ganzen Leib. Da ich mich ein wenig ermannet und meiner S'nne ganz bin mächtig worden, da hab in der Hand ihr Tüchlein halten. Wo toar sie? — War ich irre? — Mein Verstand wollt mich schier abermals verlaffen, und ist itzo daS Grauen so groß worden, daß ich hinweggeftürzel von dieser unheilvollen Stätte. Bin gelaufen, als wenn die ganz Hölle hinter mir sei, zum Walde hinaus. DaS Tüchlein aber habe fest in Händen halten, das sollt mir Niemand nehmen.
Droben am Himmel stand der bleiche Mond über den Baumwipfeln und kühler Lusthauch strich herauf vom Thale her. Weiß nit, wie ich bin Heimkommen, weiß gar nicht, waS ich gethan. Hab mich aber beim Erwachen in meinem Bette funben, efi war helllichter Tag und hat die Wittib in der Kammer standen und ein Töpflrin in Händen hallen.
(Fortsetzung folgt).


