Sonntag den 25. August
Zweites Blatt
Nr. 199
18SN
Gießener Anzeiger
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Amtlich«» Theil.
Nachrichten über den Saatenstand im Grostherzogthum Hessen
um die Mitte des Monats August 1895.
Zusammengestellt bet der Großherzogltchm Oberen landwirthschast- lichm Behörde.
Saatenstand.
Provinzen
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Erhebungsbetirke.
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Darmstadt. . Dieburg . . Erbach . . . Groß-Gerau . Heppenheim . Ostenbach . .
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Bingen. . Flonheim . Ingelheim. Mainz . . Nteder-Olm Oppenheim Ostbosen . Pfeddersheim Wöllstein . Wörrstadt. Worms .
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Provinz Starkenburg. Kreis Bensheim ....
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Durchschnitt für Rheinhessen
Durchschnitt s. d. Großherzoglh.
Provinz Oberhessen.
Kreis Alsfeld.....
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Provinz Rheinhessen.
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Note 1 — sehr guter, 2 — guter, 3 — mittlerer, 4 — geringer, 5 — sehr geringer Stand
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Bemerkungen: Die Ernte des Getreides ist in den meisten Erhebungsbezirken beendet; nur im Vogelsberg und Odenwald ist die Haferernte zum Theil noch im Gange. In den einzelnen Bezirken (Bensheim) steht der Ernteertrag hinter den gehegten Erwartungen zurück; die Trockenheit vor der Reife hat nachtheilig gewirkt, besonders in den Bezirken Alzey, Ingelheim und Mainz. Die während der Ernte eingetretene Regenperiode hat zwar die Erntearbeiten recht behindert, jedoch wird über Auswachsen des Getreides nicht geklagt. In einigen Bezirken Rheinhessens (Alzey und Ingelheim) hat die Trockenheit der Entwickelung des zweiten Schnittes von Klee und der
Futtergräser geschadet. Im Bezirk Wörrstadt dauert der Mäusesraß, | über welchen im letzten Berichte bereits geklagt wurde, immer noch fort.
Die Weinberge stehen schön im Holze, geben aber wenig Wein.
Kommt Frankreich zur Erkenntniß?
Die zukünftige Entwickelung der Dinge in Europa könnte einen ungeahnten Aufschwung und Frankreich und Deutschland könnten die Herren der Welt werden, wenn Frankreich zu der Erkenntniß kommen würde, daß es im Kriege 1870/71 im Unrechte war, und daß eS nichts BestereS zu thun vermag, als mit dem neuen deutschen Reiche rück- haltSlosen Frieden und aufrichtige Freundschaft zu unterhalten. Diese Wahrheiten sind unanfechtbar, denn außer Deutschland und Frankreich giebt eS in Europa eigentlich weiter gar keine Großmacht von überschüssiger gewaltiger Cutturkraft und unversiegbarer geschloffener BolkSkraft. Das Schlimme war bisher nur, daß die Franzosen diese Heilsbotschaft deS Frtedensbundes mit Deutschland nicht hören wollten, ja als größte nationale Beleidigung ablehnten. Indessen har doch hin und wieder ein Franzose den Muth, seinen Landsleuten die Wahrheit zu sagen. So ist dies namentlich in den letzten Tagen in der Pariser Zeitung „Matin" geschehen, in welcher auSgeführt wurde, daß im Jahre 1870 der Kaiser Napoleon, dessen Minister und die Volksvertretung^ sammt der damaligen liberalen Opposition unter Thiers' und Gambetta eine ganze Reihe von „Fehlern" und „Verrücktheiten" begangen und dadurch Frankreich ins Unglück gestürzt hätten. Frankreich hätte überhaupt nach dem diplomatischen Erfolge in der spanischen Throncandidatur und nach dem Verzicht des Hohenzollernprinzen auf den spanischen Thron gar nicht nöthtg gehabt, einen Krieg gegen Deutschland zu führen. Ein wahnsinniger Fehler sei eS ferner gewesen, daß nach Sedan Frankreich den Krieg fortgesetzt habe und die damals viel günstigeren Friedensbedingungen Deutschlands abgelehnt hätte. Ein Schlag in das eigene Gesicht wäre es ferner, wenn man jetzt in Frankreich die deutschen Siege verkleinern wolle. Dadurch setze man doch die französische Tapferkeit im Jahre 1870/71 herab. Die Deutschen hätten auch ein gutes Recht, sich ihrer großen, vor 25 Jahren errungenen Stege zu freuen, deren Erfolge und Früchte so leicht Niemand streitig machen werde. Nicht genug mit diesen Auslassungen hat der „Matin" durch einen Berichterstatter auch die elsässischen Abgeordneten Petri und Guerber über die Lage in Elsaß-Lothringen ausforschen laffen und dabei hören müssen, daß die friedliche und zufriedenmachende deutsche Enwickelung in Elsaß-Lothringen immer mehr Fortschritte mache. Die feste, zuverlässige, wie ein Uhrwerk sunctionirende Art der deutschen Regierung gefalle den Elsaß-Lothringern viel besser als die ewig wankende und schwankende französische Regierung. Zum Schrecken der Franzosen hat der elsaß-lothringische ReichStagsabgeordnete Guerber sogar erklärt: „Deutsche find wir und Deutsche bleiben wir!" — Ferner hat der ebenfalls in Elsaß -Loth ringen lebende und vom Berichterstatter des „Matin" befragte Abbe Colin erklärt, daß die militärische Kraft Deutschlands furchtbar und unüberwindlich sei, und daß die Elsaß- Lothringer es gern sehen würden, wenn sich Deutschland
und Frankreich freundschaftlich näherten. — Leider hat man noch nicht bemerken können, daß diese mutbigen Kundgebungen des „Matin" belehrend und die politische Erkenntniß fördernd bei den Franzosen gewirkt hätten. Die Chauvinisten schnauben vielmehr Wuth und fordern, daß das Band zwischen den Franzosen und den Elsaß Lothringern wieder enger geknüpft werden müsse. Vielleicht dämmert in dem reiferen Theile der Franzosen aber doch nach und nach die beffere Einsicht.
Zum Schutze der Obstbäume im Winter.
w. H. Wiese», 21. August.
Eg ist eine alte Gewohnheit unserer Landwirthe, junge Obstbäume beim Eintritt des Winters zum Schutz gegen Hasenfraß mit Stroh etnzubinden. Alle.dings schützt der Stroheinband vor den meißelariigen Schneidezähnen der Hasen, aber er schützt auch die darunter überwinternden Jnsecten und bietet der Feldmaus das sicherste Winterquartier, das sich denken läßt. Häufig habe ich die Beobachtung gemacht, daß der Stroheinband so angelegt ist, daß er über dem am Wurzelhals des Stämmchens befindlichen Boden ein kegelförmiges Dach bildet. In diesem Falle sind alle Bedingungen vorhanden, die den Mäusen den Winteraufenthalt nur angenehm machen können: das Material zur Einrichtung des Nestes, Schutz neaen Feuchtigkeit und die Nahrung, welche die Rinde der Wurzeln und der untere Stammtheil liefern. Oft kann man schon kurz nach Beginn des Winters von den Mäusen stark benagte Bäume finden. Der Stroheinband ist deshalb unbedingt zu verwerfen; trotzdem steht er noch nicht auf dem Aussterbe - Etat. Durchwandert man nämlich gegenwärtig die Obstanlagen mancher Gemeinden, so findet man Bäume, die den Stroheinband, der ihnen im vorigen Herbste angelegt wurde, noch tragen. Das ist doch wirklich zu arg. Bei solch althergebrachtem, eingefleischtem Schlendrian verhallt unbeachtet das warnende Wort, da ist alles Lebren, alles Predigen umsonst, und wenn dann im Frühling und Scmmer gefräßige Larven die' Blütben und Früchte zerstören, macht man ein saures Gesicht und sägt: „Es giebt auch dieses Jahr wieder nichts "
Hier und da wendet man auch das Verfahren an, durch Umbinden mit Ginster die Bäume vor Hasenfraß zu schützen. In ge- lindern Wintern mag sich dasselbe bewähren, bei strengem Frost und lange andauernder, hoher Schneelage ist es aber in feiner Weise verläßlich. Die Hasen nagen nicht nur die bisweilen fingerdicken Ginster weg, sondern ruinhen die Stämme auch dermaßen, daß viele völlig eingehen müssen. rt t
Das billigste und practischste Material zum Einbinden unserer jungen Obstbäume liefern der Wachholder- und der Dornstrauch. Qwei bis drei solcher Sträucher genügen oft schon, einen Baum auf 3 bis 4 Jahre gegen Hasen- und Mäusesraß zu schützen; nur muffen die zum Schutze dienenden Reiser nicht mit Weiden, sondern mit Draht befestigt werden. Denn ich habe schon öfter gesehen, daß die Weidenbänder durchfressen waren und die Bäume kahl und doch beschädigt dastanden. ,, .
Das Neueste, was auf diesem Gebiete zu verzeichnen ist und in obstbaulichen Blättern und Tageszeitungen emrfohlen wird, sind die aus verzinktem Drahtgeflecht hergestellten Baumschutzer, welche, je nach der Große des Durchmessers, zu verschiedenen Preisen zu haben sind. Wer die Kosten nicht scheut und Zeit und Muhe sparen will, mache einmal den Versuch damit; die Anschaffung wird ihn nickt gereuen.
Schließlich will ich noch eines Anstrichs erwähnen, der gleichfalls zur Fernhaltung der schädlichen Nager Anwendung findet. Derselbe besteht aus einem Brei, welcher aus gelöschtem Kalk, Kuhfladen, Kloakendung und einigen Tropfen Petroleum zusammengesetzt ist. Damit dieMaffe nicht abläuft und gut deckt, macht man sie nicht zu dünn. Zum Anftreichen kann man einen verbrauchten Stuben-Borstenbesen benutzen. Treten starke Regengüsse ein, so ist es zweckmäßig, den Anstrich noch einmal zu erneuern. Das Mittel wirkt, wie mir Baumzückter versichern, absolut sicher und sein Gebrauch dürfte sich deshalb zur Nachahmung empfehlen.
^nilkton.
Die Stadt der Uhren.
Reisebriefe für den „Gießener Anzeiger".
VI.
(Nachdruck verboten.)
Dr. M. Zwei Dingen verdankt Tri berg seine Bedeutung in der Welt: einem Naturschaufpiel und einem Kunst- Product. Der mächtige Fallbach der Gutach, der über Granilmaffen in einer Gesammthöhe von 160 Meter herabstürzt, ist alljährlich daS Reiseziel vieler Tausenden. Und daS Kunstproduct, das nicht an Ort und Stelle gebunden, sondern in unzähligen Exemplaren über alle civilifirten Länder verbreitet wird, wer kennt es nicht: die schmucke Schwarzwälder Uhr!
Die Bahnstrecke von Offenburg bis Triberg, gleichviel ob man nun im Personenzuge oder im Schnellzuge mit AuS- sichtswagen sitzt, kommt Einem erstaunlich kurz vor, denn die fiebenundfünfzig Kilometer, die wir in V/2 Stunden zurücklegen, vertheilen sich auf die berühmtesten Partien des Schwarz waldeS. Bald ist eS eine Schloßruine auf steilem Hügel, rote HohengeroldSeck bei Schönberg, die unser Auge beschäftigt, bald führt uns ein Tunnel in ein lachendes, rings von bunklen Tannen eingeschloffeneS Thal, denn die Curven,
welche die Bahn beschreibt, eröffnen immer neue und überraschende Ausblicke.
In Triberg angekommen, werden wir denn auch alsbald an den Mann erinnert, der der rauhen Gebirgsnatur den eisernen Schienenweg, auf welchen viele Hunderte zu ihren Wundern Vordringen, aufgezwungen hat.
Unfern der Station ist dem Erbauer der Schwarzwaldbahn: Robert Gerwtg ein Denkstein mit der Jahreszahl 1889 errichtet worden: eine schlichte, schwarze. Tafel, eingelassen in unbehauenen Fels, von welcher sich der characte- ristische Kopf in scharfem Relief abhebt, ein Monument so durchaus paffend für den Mann und sein Werk.
Tri berg wird von Jahr zu Jahr gesuchter. Schon jetzt schätzt man die Zahl der Gäste auf 10 000, und auf Schritt und Tritt begegnet man allen jenen Einrichtungen, die mit der Existenz eines in Ausnahme gekommenen Luftkurortes nun einmal unzertrennlich verbunden find. Trtberg hat seine Kurconcerte und ein bedeutend entwickeltes Hotelwesen. Das auf einer Anhöhe gelegene prächtige Schwarz- Wald-Hotel dürfte bald einen Concurrenten des berühmten Schweizerhofs in Schaffhausen abgeben.
Der erste Weg in Triberg gilt natürlich dem Wafferfall, zu dem man auf bequemen in sanften Windungen aufsteigenden Pfaden in 25 Minuten gelangt.
Da der Drang, die Schönheiten der Natur noch durch die Kunst zu erhöhen oder gar zu übertrumpfen, dem Cultur-
menschen tiefer eingepflanzt ist, als man ahnt, fehlt es bei dem Triberger Wafferfall denn auch nicht an künstlichen Beleuchtungsschauspielen aller Art. Mittelst einer Reflector- lampe findet täglich electrische Beleuchtung statt und allwöchentlich läßt man den weißen Gischt auch noch in bengalischen Flammen erglänzen.
Noch für etwas anderes ist in der Nähe deS FallvachS gesorgt. Wer der Meinung ist, daß zu seiner werthen Persönlichkeit die tosenden Waffermaffen gerade den wirkungsvollsten Hintergrund bilden möchten, findet einen diensteifrigen Photographen, der, ganz wie man eS wünscht, Einzelfiguren, Paare und Gruppen zu ihrer und der Fahrtgenoffen Freude ver- ewtgt.
Und wer etwa „Salonschwarzwälder" spielen möchte, findet dazu auch Gelegenheit, denn fast alle Photographen befitzen eine reiche Collection von Schwarzwaldtrachten, die fie ihren Kunden zur Verfügung stellen. Ein Blick in einen mit solchen Photographien angefüllten Schaukasten genügt jedoch schon, um zu erkennen, daß Kleid und Persönlichkeit nicht zu einander stimmen und daß die versuchte Anpaffung an das Milieu über einen Mummenschanz nicht hinauskommt.
Die Straße, die man vom Bahnhof durch das freundliche Städtchen bis zum Wafferfall zu durchwandern hat, bringt uns in die unmittelbare Nähe der Haupterzeugniffe der Schwarzwaldindustrie, der Uhren. Hier, in den meist nicht großen Läden, finden wir sie alle beisammen, von den statt-


