Sonntag den 24. März
1S95
Nr 71 Drittes Blatt.
Anrts- und Anzeigeblutt für den Ureis Gieren.
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Kmerat-Anzeiger.
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die Kriegsbereitschaft des Deutschen Reiches gelähmt, da» ganze Erwerbsleben sofort in eine Ueberspeculation gestiirzt und für immer um die ihm nöthige Stetigkeit gebracht. Da» Verlangen der B'metall'sten bedeutet den Einsatz deS ge- sammliu Wohlstandes deS Deutschen Reiches auf einen zwiisel- haften, sehr fragwürdigen Erfolg, den zudem nur einige wenige Großgrundbesitzer für die kurze Zeit deS Uebergange» erlangen (Bunten; eS bedeutet daS Ansinnen eines gewagten, veraniwortungSvollen Spieles, vor dem gerade jetzt die schwere Krise warnen sollte, die derzeit Nordamerika infolge seiner Stlberpoluik zu bestehen hat. Sollte eS nicht de» Rüttelns an der bestehenden Währung, womit der lano« wirtschaft nichts genützt, sondern nur eine ständige Be- unruhigung in die Masten hineingetragen wird, endlich genug sein?
Abonnements - Einladung
Zum Bezug des „Giehener Anzeiger" für da- 2. Vierteljahr 1895 laden wir hiermit ergebenst ein. Wie bisher, wird der „Gießener Anzeiger" die | Tagesereignisse in kurzer den Thatsachen entsprechender Weise zur Kenntniß seiner Leser bringen. Die neuesten i Nachrichten der zuverlässigsten telegraphischen Nachrich- ten-Bureaus sowie zahlreiche Mittheilungen aus dem engeren und weiteren Vaterland halten den Leser stets über die Vorfälle in demselben auf dem Lau- , senden. Unterstützt durch an allen Orten der Provinz O b e r h e s s e n ansässige Berichterstatter, ist der „ Gießener Anzeiger" ferner in der Lage, die interessanten Vorgänge in der Provinz so frühzeitig wie möglich zur Kenntniß seiner Leser zu bringen, desgleichen wird den Begebenheiten in der Stadt Gießen die gebührende Besprechung im localen Theile des Anzeigers zu Theil werden. Der in der Provinz Obcrhessen bettiebenen Landwirthschaft wird der Anzeiger durch Veröffentlichung von allem Wissens- werthen aus dem Gebiete derselben besondere Berücksichtigung zu Theil werden lassen, daneben aber auch die Beobachtungen und Erfahrungen in Haus- wirthschaft, Handel, Gewerbe und Industrie m den Kreis seiner Besprechungen ziehen. Ein gediegenes Feuilleton wird neben besonderen Artikeln ernsteren und heiteren Inhaltes den erwünschten Unterhaltungsstoff bieten. Außerdem werden die „Gießener Familienblätter", welche dem Anzeiger wöchentlich 3 mal beigelegt werden, und die stet- ein gewähltes Feuilleton als Untcrhaltungsstoff bringen, namentlich im Kreise der Familien eine beliebte Beigabe bieten.
Wir ersuchen nun namentlich auswärtige Leser, chre Bestellung bei der Post baldgefl. aufgeben zu wollen. Neuhinzuttetende erhalten vom Tage der Bestellung bis 1. April den Anzeiger kostenfrei zugestellt, wie wir auch gerne bereit sind, Probe- Nummern nach auswätts postftei zu versenden. Den Lesern in hiesiger Stadt werden wir, wie seither, den Anzeiger weitersenden und den Abonnementsbettag durch Quittung erheben lasten, falls nicht ausdrückliche Abbestellung erfolgt.
Hochachtend
Verlag des „Gießener Anzeiger" Brühl'sche Univ.-Buch u. (Steinbruderei (Pietsch & Scheyda).
Zur inneren Lage.
Wenn der RcichStag am 5. April — wie dteS einst- weilen festgesetzt ist — m die Osterferien geht, so wird er voraussichtlich wenigstens eine wichtige Entscheidung vorher getroffen haben, diejenige über den Antrag Kanitz. Nach den vorläufigen parlamentarischen Dispositionen soll der Antrag Sanitz am nächsten Mittwoch zur Berathung im Reichs- tafle gelangen, so daß also die Entscheidung in dieser Haupt- anb Staatsaffaire unmittelbar bevorsteht. Vielfach gelten Me Aussichten des so viel genannten und in der öffentlichen Meinung schon des Langen und ©reiten erörterten Antrags ttantfe alS ungünstige, dennoch wird man gut thun, die Abstimmung des Parlaments abzuwarten, vornehmlich, da die Stellungnahme des ausschlaggebenden Centrums in der ganzen ftraae noch eine durchaus unsichere ist. Mit begreiflicher Spannung sieht man den Erklärungen der Regierung bet den heranqenahten wichtigen agrar-politischen Debatten deS RetchS- tagS entgegen, wird doch der Curs Hohenlohe wohl oder Übel jetzt endlich Farbe über seinen Standpunkt in der »Frage Ranifc* bekennen müssen. Da der Wind in den Berliner Regierungsregionen bislang keineswegs freundlich für die dem Anträge Kanitz zu Grunde liegenden Bestrebungen wehte, so steht allerdings schon jetzt mit ziemlicher Gewißheit zu erwarten, daß die Regierung dem Antrag Kanitz ein „Nein
entg'gensetzt, mag dasselbe vielleicht auch mit allerhand wohlwollenden Redensarten für die Rechte verbrämt sein. Sollte nachher letztere dann in der That mit einer oppositionellen Schwenkung antworten, bann wäre freilich abermals d'e seltsame und widerspruchsvolle Situation fertig, welche sich schon unter der „Aera Caprivi" wiederholt bemerklich machte.
Sicherlich werden aber die anderen schwebenden wichtigen Entscheidungen in der inneren Politik, wie sie mit den Fragen des „Umsturzqesetzes", der Tabaksteuer und der Finanzreform zusammenhängett, sich noch geraume Zeit hinziehen. Die Tabaksteuer-Vorlage ist in der betreffenden Commission kaum erst in Angriff genommen worden und bis zur vorläufigen Erledigung dieser einen Aufgabe der Commission muß natürlich die Berathung deS Reichsfinanzgesetzes völlig ruhen. WaS aber die „Umsturz Vorlage" anbelangt, so ist eS noch recht zweifelhast, ob der zuständige Parlamentsausschuß die zweite Lesung vor den Osterferien vollenden können wird. Zum Mindesten werden bis zu den entscheidenden Plenar- beichlüffen in allen diesen Fragen noch lange Wochen vergehen, bis dahin aber bleibt daS Schicksal aller der in Rede stehenden Gesetzentwürfe nach wie vor ungewiß. — Es ist daher auch noch müßig, darüber Betrachtungen anzustellen, waS die Regierung etwa im Falle des Scheiterns der einen oder der anderen wichtigen Vorlage thun würde, dies zeigt sich nachher schon noch früh genug. Immerhin darf man indessen doch bereits behaupten, daß die Regierung gewiß nicht darauf brennt, es auf eine Auflösung deS Reichs- taqes ankommen zu laffen, während anderseits auch die Mehrzahl der Parteien schwerlich sich nach dieser «ultima ratio“ sehnt. Es kann daher noch immer angenommen werden, daß durch gegenseitige Nachgiebigkeit zwischen Regierung und Parlament die unleugbar vorhandenen ernsten Schwierigkeiten der gegenwärtigen Situation schließlich ihre befriedigende Lösung finden.
Von den Bimetallisten
war bisher die Befehdung unserer Goldwährung hauptsächlich damit begründet worden, daß eine Knappheit des Goldes und eine Unzulänglichkeit der Goldproduetion für die Münzprägung und Notendeckung schon eingetreten sei ober frühzeitig eintreten könnte. Wie grundlos diese bisherige Agitation war, zeigt greifbar der heutige Stand der Goldproduetion, wie der der Goldreserven der Banken, denn er ist heute so hoch, wie in den letzten zwei Jahrzehnten überhaupt noch nie. Da nun dieser Scheingrund nicht mehr verfängt, wird heute der alte Streit mit neuen Waffen fortgesetzt und der neueste Rückgang deö Getreidepreises vorgeschoben. Die Agitatoren verlangen eine internationale Vereinbarung deS Werth- verhältniffeS zwischen Gold und Silber in der Hoffnung, daß dieses Verhältniß zu Gunsten des Silbers wesentlich höher angenommen wird, als das Rohsilber auf dem Londoner Markte gekauft werden kann, und daß durch eine derartige gesetzliche Fiction die erstrebte Erhöhung der Rohproducten- Preise und die Schuldenerleichterung eintreten würde. Aber auch diese Voraussetzung ist nicht stichhaltig und zwar schon deßhalb nicht, weil die Menge des jährlich zu gewinnenden Silbers, so lange dieses Werthverhättniß namhaft von dem Stande deS Londoner RohmetallmarkteS abweicht, nach allen seitherigen Erfahrungen in gleichem Maße -unehmen wird, in welchem die staatlichen Prägestellen das Silber ankaufen. Schon auS diesem Grunde kann man nicht absehen, inwiesern im Wege des Gesetzes durch eine solche Fiction auf die Dauer dem Productenpreise irgendwie aufgeholfen oder gar die überseeische Eoncurrenz ferngehalten werben könnte. Noch weniger hegt irgend eine Wahrscheinlichkeit dafür vor, daß, wenn Deutschland seine Währung verschlechtert, dadurch die- jenige der Roggen einführenden Länder (Argentinien, Ruß- land, Indien) verbsffert und die Valutadifferenz aufgehoben würde- insbesondere ist daS Goldagio, unter dem Argentinien leidet, nicht, wie in der Reichstagssitzung vom 14. März behauptet worden, eine Folge der deutschen Goldwährung, sondern der argentinischen Mißwirthschaft zu Ende der 80er Jahre - wäre die gegenteilige Behauptung richtig, so ' hätte sich ja daS Agio schon ein Jahrzehnt früher, nachdem die deutsche Goldwährung eingeführt war, ausbilden müffen. Es war dies nicht der Fall und deßhalb kann man auch nicht einsehen, waS es gegen dieses Agio und gegen die ! argentinische Papierwährung helfen soll, wenn man dem Rathe ; der Bimetallisten folgt. Auf der anderen Seite aber sind ! alle Sachkundigen darüber einig, baß durch die Abänderung ! der bestehenden Währung alle Preise, Arbeitslöhne, For- 1 berungen, alle Kundschafts-, Schuld- und Arbeiterbeziehungeu
revolutionirt würden- unser StaatScredit würde geschädigt,
Deutsches Reich.
Berli«, 22. März. Der Kaiser gedenkt an diesem Montag zum Besuch des Fürsten Bismarck te Friedrichsruh einzutreffen. Dem Vernehmen nach werde» sich in der Begleitung deß Monarchen die bAt ältesten kaiserlichen Prinzen, der Reichskanzler und einige Minister und mehrere Generäle befinden. Die Wi-derabreise des Kaiser» von Friedrichsruh soll noch am Abend des genannten tage» erfolgen. Gerüchtweise verlautet, daß auch der König voa Sachsen, sowie der Prtnz-Regent von Braunschweig dem Fürsten Bismarck anläßlich beffen bevorstehende« GeburtssesteS einen Besuch abstatten würden.
Brrliu, 22. März. Der gestern bereits mitgetheiltc Kaiserliche Erlaß, betreffend Unterstützung der Kriegs-Invaliden hat folgenden Wortlaut: Binnen Kurzem wird ei» Bierteljahrhundert vollendet sein seit den weltgeschichtliche» Ereigniffen, welche unter der ruhmreichen Regierung meine» in Gott ruhenden Herrn Großvaters Dank dem einmüthigea Zusammenwirken der deutschen Fürsten und Völker zur Wiederaufrichtung des Reiches führten. In der Erinnerung an jene große Zeit empfinde Ich am heutigen, dem Gedächt. niß des Kaisers Wilhelm I. geweihten Tage besonders lebhaft das Bedürfniß, in Seinem Sinne fürsorgend für die Männer einzutreten, welche dem Rufe ihres Kriegsherrn folgend opferfreudig Leben und Gesundheit für daS Vaterland eilige* sevt haben. Ich würbe es daher mit hoher Genugthuung begrüßen, wenn denjenigen Oifizieren, Militärärzten, Beamte» und Mannschaften des deutschen Heeres und Meiner Marine, welche infolge einer im Kriege von 1870/71 erlittenen Verwundung oder sonstigen Dienstbeschädigung verhindert waren, an den weiteren Unternehmungen des Feldzuges theilzunehme» und dadurch der Anrechnung eines zweiten KriegSjahreS bei der Pcnsionirung verlustig gehen oder gegangen sind, auf Ansuchen der betreffende PensionsauSfall fortan erstattet werben könnte. Ebenso würbe es meinen Absichten entsprechen, wenn die Bereitstellung von Mitteln erfolgte, um solchen Personen des Unteroffizier- unb Mannschaftsstandes des Heeres und der Marine, die am Feldzuge von 1870/71 ober an de» von deutschen Staaten vor 1870 geführten Kriegen ehrenvollen Antheil genommen haben, würdig und in Folge von Erwerbsunfähigkeit bedürftig find unb weder eine Jnvalidenpension, noch eine laufende Unterstützung an Stellt der letzteren beziehen, in Zukunft Beihülfen gewähren zu können. Ich verkenne nicht, daß die Umstände nur die Berücksichtigung einer kleinen Anzahl dieser Kriegstheilnehmer gestatten. Es ist aber Mein lebhafter Wunsch, daß wenigstens denjenigen Männern der Dank des Vaterlandes betätigt werbe, die als vorzugsweise bedürftig anzusehen find. Ich beauftrage Sie, Mir nähere Vorschläge darüber zu machen, in welcher Weise diese Meine Absichten unter verfassungsmäßiger Mitwirkung des Bundesraths und des Reichstags zur Ausführung zu bringen sein werden.
Berlin, den 22 März 1895.
Wilhelm I. R.
Fürst zu Hohenlohe.
An den Reichskanzler.
foeaie» nnö Krovkrzielles
X Bon der Rahenau, 20. März. Auf der Rabenau werden die früheren so ungenügenden Schulloealitäte» in kurzer Zeit durch entsprechendere ersetzt sein. Nachdem von den acht Orten des Kirchspiels Londorf vier bereit» neue Schulgebäude erhalten haben, soll nunmehr auch Climbach ein neues Schulhaus gebaut werben. In Lon oy ist gleichfalls von einem solchen schon lange die Reoe g »


