übrig zu lassen. Das sagen uns die großen gedruckten Plakate, die beim Betreten des DomeS sofort die Blicke auf fich ziehen: „Man hüte sich, durch Ausspeien den Boden der Kirche zu verunreinigen, Taschentuch gebrauchen!" Zu dieser energischen Warnung muß doch wohl die Noth gedrängt haben.
Auf Fremdenausbeute scheinen die Fuldaer vorläufig noch nicht verlegen zu sein. Weder auf dem Domplatze, noch vor den Thüren der Kirchen stellen sich lebendige Wegweiser zur Verfügung. Unbehelligt und ungefragt konnte ich in den Vormittagsstunden Hauptschiff, Nebenschiffe und Gruftcapelle durchwandern, die in völliger Einsamkeit dalagen, denn alles Leben schien sich in die Promenaden-Allee und den Schloßgarten geflüchtet zu haben, wo man fich noch mit „Nachfeiern" beschäftigt.
Will man übrigens den kostbaren Domschatz sehen, der in der Sakristei aufbewahrt liegt, so wird man sich natürlich an den Küster wenden müssen, der dann auch die Führung durch den ganzen Dom übernimmt.
Der Besichtigung werth find außer dem Dome die feiner Nordseite gegenüberliegende Mtchaelsktrche im byzan- ttnischen Stile und die Stadt-Pfarrkirche am Friedrichs- markt im Jesuttenstil.
Ehe ich von Fulda Abschied nahm, kaufte ich mir natürlich einige jener colorirten Postkarten, ohne die eine Stadt von irgendwelcher Bedeutung nicht mehr auskommen kann. ES ist nun eine bekannte Thatsache, daß der Deutsche keinen schönen Punkt im Landschaftsbilde, keine denkwürdige Stätte aufsuchen kann, ohne daß nicht in ihm das lebhafteste Be- dürfniß erwacht, seine Lieben von hier aus mit Postkartengruß zu beglücken. Diesem Bedürfniß trägt nun die moderne Industrie in gefälligster Weise Rechnung. Es wird bereits ein wahrer Luxus mit diesen Bildnißkarten getrieben. DaS Portrait Fuldas nimmt fich sehr gut auf ihnen auS. Die thurmreiche, unregelmäßig gebaute Stadt mit den fie von allen Seiten begrenzenden Hügeln, wie Frauenberg und Kalvarienberg, Rauschenber'g und Petersberg, Schulzenberg und H atm berg rc. :c. bietet die malerischsten Gesichtspunkte.
Wer fich länger in Fulda aufhält, hat wohl acht Tage und darüber zu thun, wenn er allen diesen Bergen mit ihren lohnenden Fernblicken einen Besuch abstatten will.
m. 170
Erstes Blatt
Dienstag den 23. IM
1898
Die Gießener Isamittendkälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Der
Lietzener -itzeiger erscheint täglich, mit Au-pahme de- Montag-.
Vierteljähriger Avounementspreisr 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezöge» 2 Mark 50 Pfg.
Redaction, Expedition und Druckerei:
Schntstraße Hlr.7.
Fernsprecher 51.
’VäÄ Ä* in6 da d en- erfei? wSn*
icßcncr Anzeiger
Kenerat-Ztnzeiger.
Bertitfuog In btt Fra Mr-. Chr. ©dixen. Aich 1.60 Mk. hrd jart.
“nbt), MW “»«taltU» S*11 fr '.Ms.
äS-ii M-ä: sie: »b
w Bücher it. ^nllichen Lebens, ft«.
l°8 oder durch jede i
seither von Frau M:- llenius bewohnte dx mehrere Mansarden icj 't tDtnb auch früher m itdfa.
• Stütt, Wa&nljoffirß rstra'tzr & \\\ v« W ohnuntz m 6 Sitsr ch'vr yi vnmirthe.
.xu Dtardurgtr-r.k
i5ne Wohnung, mittig it Zubehör, alsbald p r
Ehr. -audach 11, strosdorserstrabe i
i§, dritter Stock, 6 Ste antbeil und MeichM: n ittbttt.
t Haha, Äletchstraße i ■ 2. Stock meines Hai Ecke der Nordanlage, -7 Zimmern, Blüchplq lermiühen.
Ehr. Ctyw» stanlage 39 t $arti Zimmer, per 1b. Del. ine Wohnung, 4 Alper 1. Ociober zu? ravkfurterstr. 43^ v m Prof. ve. Weifst drille Sto-k 'fi md-M! . Puckbinder Häuser
»U 3*«*’
«eystadt 78, i *»*' am OswaldSgarlt£ ntl FamilienlogisWllt
iofort
11
lärtn« Beck" einer I Ä-m Cri°>g- teninW«»tWV
l"* * * * * * * * 9 *D'änielH^
velsi'' jer d 3-°^ rthkilt
B lu VatteaßÄ^
Anrts- und Anzeigeblntt für den Kreis Gieren.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für de« folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- Dorm. 10 Uhr.
Gratisbeilage: Hießener Kamitienökälter.
Alle AnnoncM'Bureaux deS In. und Auslandes nehm« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
2lmtiid?er Theil.
Bekanntmachung,
betreffend Schießübungen.
Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß das Infanterie-Regiment Kaiser Wilhelm Nr. 116 nunmehr nicht, wie in der Bekanntmachung vom 8. l. Mts. — Anzeiger Nr. 160 — angegeben, in der Zeit vom 23. bis 27. Juli l. I., sondern jetzt vom 30. l. Mts. bis 3. k. M., jedesmal von Vormittags 7 Uhr ab bis 3 Uhr Nachmittags, Schießübungen mit scharfen Patronen in dem Gelände Odenhausen-Geilshausen Bersrod-Beuern-Allertshausen nörd- lich Grünberg abhalten wird. Das vorbemerkte Gelände ist zu diesem Zweck an den genannten Tagen für jeglichen Verkehr abgesperrt und das Betreten des abgesperrten Geländes verboten. Die Schußlinie läuft in der Richtung auf Beuern. Die Straßen Geilshausen-Londorf-Climbach-Beuern- Bersrod-Reinhardshain sind passirbar.
Das Regiment wird an den hauptsächlichsten Communi- cations-Punkten Posten ausstellen.
Gießen, den 20. Juli 1895.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
I. V.: Br. Melior.
Gießen, den 20. Juli 1895. Betr.: Wie oben.
Das Großherzogliche Kreisamt Gietzeu an die Grosth. Bürgermeistereien Allertshausen, Beuern, Bersrod, Climbach, Geilshausen, Lon- dors, Odeuhauseu und Reinhardshain.
Die vorstehenve Bekanntmachung wollen Sie alsbald auf ortsübliche Weife veröffentlichen lassen und vor dem Betreten des durch das Schießen gefährdeten Geländes warnen.
Weiter wollen Sie die Nachweisungen über etwa ent- fichende Flurschäden sofort nach Beendigung des Schießens am 3. August l. Js. dem Regiment zusenden, damit die Abschätzung rechtzeitig erfolgen kann.
I. V.: Br. Melior.
Feuilleton.
Ein Ausflug nsch Fulda.
Neisebriefe für den „Gießener Anzeiger".
III.
(Nachdruck verboten.)
Br. M. Reisen haben unter Anderem häufig das Gute, daß fie irrige geographische Vorstellungen, die sich aus Gott weiß welchem Anlaß tu unserem Hirn eingenistet, entsprechend eorrigiren.
Fulda ist eine düstere, verwinkelte und unerquickliche Stadt, hatte ich des Oefteren sagen hören und wohl theil- veise selbst daran geglaubt. Ich genaS nun gründlich von liesem Vorurtheil, als mich jüngst ein sonniger Julitag in laS Weichbild Fuldas führte. Vielleicht hätte ich es kaum günstiger treffen können, denn die Stadt stand noch unter dem Einfluß eines großen Sängerfestes, dessen Nachfeier sich ta Wort, Farben und Ton lebhaft bemerkbar machte. Ueber Fahnen« und Guirlandenschmuck und Stnnsprüche werde ich »ich natürlich nicht verbreiten, denn wie eine geschmückte, zum Fremdenempfang bereite Stadt aussieht, das haben wir ja hier erst vor Kurzem erlebt. Ich möchte nur bemerken, daß flch Fulda durchaus nicht fremdartig in seinem Feftschmuck fühlte, daß er ihm glaubwürdig zu Gesicht stand und daß bie großen Zeugen einer großen geschichtlichen Vergangenheit zu diesem bunten, geräuschvollen Treiben nicht scheel zu sehen brauchten.
Fulda ist die Stadt der religiösen und pädagogischen Erinnerungen. Ganze Abhandlungen ließen fich über die Reliquien schreiben, welche das Leben und Wirken großer Apostel und Erzieher Hierselbst aufgespeichert hat. Som Schutzheiligen Bonifacius an bis hinauf zu den Lagen, da Ulrich von Hutten die Fuldaer Klofterschule besuchte.
Auf ihr Bonifacius-Denkmal können die Fuldaer Sil Recht stolz sein. Ehrwürdig und schlicht steigt dies ,50 Meter hohe Standbild am Schloßplatze auf, in der Sprache einer idealen Plastik gegenwärtigen und künftigen Geschlechtern das Werk eines glaubensstarken Helden ver- Ladend, auf dessen Anregung im Jahre 744 in dem großen
Nr. 29 des Reichs - Gesetzblatts, ausgegeben den 18. d. M., enthält:
(Nr. 2255.) Bekanntmachung, betreffend die Einfuhr von Pflanzen und sonstigen Gegenständen des Gartenbaues. Vom 12. Juli 1895.
(Nr. 2256.) Bekanntmachung, betreffend die Anzeigepflicht für die Schweineseuche, die Schweinepest und den Rothlauf der Schweine. Vom 16. Juli 1895.
(Nr. 2257.) Bekanntmachung, betreffend die Beschäftigung von Arbeiterinnen in Meiereien (Molkereien) und Betrieben zur Sterilisirung von Milch. Vom 17. Juli 1895.
Gießen, am 22. Juli 1895.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
I. V.: Br. Melior.
Deutsches Reich.
Berlin, 20. Juli. Wie die „Voss. Ztg." aus Stockholm meldet, hat Kaiser Wilhelm bei seiner Abreise von dort dem deutschen Gesandten Grafen von Bray-Stein- burg 1000 Kronen zur Dertheilung unter die Armen in der Hauptstadt übergeben.
Berlin, 20. Juli. Gestern Abend brauste über Berlin und Umgegend ein orkanartiger Sturm, dessen Folgen sich erst heute übersehen lassen. Der Orkan fügte den Wald- bestanden und Obstzüchtereien in den nordöstlichen und nördlichen Vororten empfindlichen Schaden zu, riß das Obst von den Bäumen und entwurzelte auf der Köpniker Chaussee mehrere Bäume. Die Schiffe aus der Oberfpree mußten die Segel reffen und Anker werfen, um dem Kentern zu entgehen. Die leichten Holzbauten für die Ausstellung im Treptower Park find nicht beschädigt. Bei Treptow ging ein wolkenbruchartiger Regen nieder, der weite Strecken überschwemmte. Ueber Charlottenburg zog eine 8 Meter hohe Windhose, welche sich jedoch in den Bäumen des Thiergartens verfing und keinen Schaden anrichtete. Ueber den Wannsee ging plötzlich eine orkanartige Böe, welche den Schiffen die Segel zerriß und denselben den Untergang drohte. Die Böe ließ nach den ersten starken Stößen nach und hörte gegen Abend ganz auf.
Gleiwitz, 20. Juli. Auf der Cäciliengrube sind colossale Erdmassen zusammengestürzt. Mehrere
Bergleute wurden verschüttet. Bis jetzt blieb einer tobt. Zwei wurden schwer verletzt ans Tageslicht gebracht.
Köln, 20. Juli. Der „Kölnischen Zeitung" wird aus Brüssel gemeldet: Verschiedenen Nachrichten zufolge find im Bezirke des Aruvimi ernste Unruhen der Eingeborenen gegen die Beamten des Congostaates ausgebrochen. Lieutenant Bock wurde zur Niederwerfung derselben abgefandt.
Ausland.
Lemberg, 20. Juli. Die polnische Studentenschaft sandte ein Beileidstelegramm an Frau Stambulow. Heute wird der Letzteren auch eine Adresse mit mehreren Tausend Unterschriften übermittelt. Die polnischen Frauen wollen eine besondere Adresse schicken.
Brüx i. Böhmen, 20. Juli. In voriger Nacht stürzten hier infolge Schwimmsandes mehrere Häuser ein. Zwei Gebäude sanken spurlos in die Erde. 18 Häuser stürzten thetls ganz zusammen, theils wurden sie stärkte schädigt. Das Bahnhofsgebäude und das Hotel Siegel befinden fich unter den zerstörten Häusern. Die Geleise der Aussig-Teplitzer Bahn lenkten sich- der Verkehr wußte sifttrt werden. Zahlreiche Einwohner von Brüx haben bei dem Einsturz nur das nackte Leben retten können. Die Panik ist unbeschreiblich. Die Wasser- und Gasröhren sind zerstört. Der in Gefahr befindliche ganze Stadttheil ist abgesperrt. Die Einwohner desselben mußten die Häuser räumen. Der Schaden beträgt 2 Millionen Gulden. Beim Bahnhofe, welcher vollständig verloren ist, hat fich ein 20 Meter großes Loch gebildet. Zehn Personen, darunter zwei Kinder, werden vermißt.
Loudon, 20. Juli. Nach einer Meldung des „Reuter'schen BureauS" aus Tanger werden die deutschen Kriegsschiffe solange in den marokkanischen Gewässern bleiben, bis die Antwort des Sultans auf die Forderungen Deutschlands in Tanger eingetroffen ist. Die Antwort wird in ungefähr zwanzig Tagen erwartet. Sollte nicht vollständige Genugthuung gewährt werden, so würden energische Schritte gethan werden. Deutschlands Verhalten wird von den fremden Ansässigen gebilligt.
Sofia, 20. Juli. Heute Mittag wurde hier ein Aufruf an die bulgarische Armee colportirt, worin die Truppen aufgefordert werden, nach Macedonien zu kommen und sich an den Kämpfen gegen die Türkei zu betheiligen. Der Aufruf
Buchenwalde, der fich vom Main bis zur Werra und von der Rhön bis zum Vogelsberg erstreckt, jenes Kloster entstand, in dessen Nähe sich zuerst Mönche anfiedelten, um deren Zellen dann die Dörfer entstanden.
Der Denkmalssockel trägt keine andere Inschrift als: „Das Wort deS Herrn bleibet in Ewigkeit." (Verbum Bomini manet in aeternum.) In dieser Sentenz ruht das Geheimniß der Culturarbeit deS großen „Apostels der Deutschen", der in die dunklen germanischen Wälder ein- rückte, mit keinen anderen Waffen ausgerüstet, als sie ihm
das Denkmal gibt: Kreuz und Bibel.
Im Dome, der wenige Schritte links vom Schloßplatze gelegen, können wir an Statuen, Glasmalereien und Votiv-
tafeln die fernere Entwickelung des Missionswerkes Winfrids
verfolgen. Von der Geschichte des Bischofssitzes Fulda geben
uns diese Räume inhaltvolle Kunde. Der Eindruck, den man
von der Architectonik des eine kreuzförmige Basilika mit zwei
Chören und zwei Krypten bildenden Domes empfängt, ist
an und für fich schon ein großartiger. Die PeterSkirche in
Rom hat offenbar dem Bau zum Vorbilde gedient.
Die Stuckarbeiten an den Gewölben und Pilastern im Inneren, die reiche Verwendung von Gold und Marmor an den Altären bezeugt das prachtliebende Wesen des Renaissancestils.
Vom Chor hinter dem Hochalter führen steinerne Treppen zu der größten Sehenswürdigkeit, zu der Bonifacius- Capelle, deren Hauptaltar die Gebeine des Heiligen umschließt. Am 5. Juni wird alljährlich das Gedächtniß desselben gefeiert. Opferstöcke im Dome nehmen Gaben zur Ausschmückung der Grabcapelle in Empfang.
Die Glasmalereien schildern in jenem für die Kirchengeschichte so passenden Ausdruck naiver Frömmigkeit, die letzte Stunde von Bonifacius, seiner treuen Missionsgehilfin Lioba und seines eifrigsten Schülers, des Abtes Sturmius. In dem stillen, halbdunklen Raume könnte man sich den andächtigsten Gefühlen überlassen. Meine Stimmung ruhiger Beschaulichkeit wurde jedoch wiederholentlich durch die weltlichen Geräusche einer benachbarten Kegelbahn gestört, die fich hier hart neben dem Frieden der Grabcapelle bemerkbar macht.
Die Pietät der Leute scheint manchmal sehr zu wünschen


