Ausgabe 
23.4.1895 Erstes Blatt
 
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Nr. 94

Erstes Blatt.

Dienstag den 23. April

189$

Der Hiehtncr Anjeiger rricheint täglich, nut Ausnahme de- MontagS.

Die Gießener P« milieu b tatter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigritgL

Gießener Anzeiger

Kmerak-Mnzeiger.

Vierteljähriger X6oe«mrnl5prd«: 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.

Redaction, Expeditto» und Druckerei:

Kchnkstraße Ar.7.

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Zlnrts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gieren.

Hratisöeikage: Hießener Aamikienötätter

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag« für den ^lgenden Tag erscheinenden Nummer bi« Borm. 10 Uhr.

Alle Annoncen-Bureaux de« In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Anrtliehev TKeil.

Gießen, den 19. April 1895. Betreffend: Den Wiesengang.

Dar Grotzherzogliche Kreisamt Gießen

OU die «rstzh. BfttgermdfUreie* des «reifes.

Diejenigen von Ihnen, welche unserer Auflage vom 2. März l. IS. (Anzeiger Nr. 54) noch nicht nachgekommen sind, erinnern wir an Erledigung derselben bis zum 1. Mai d. IS.

v. Gagern.

Gießen, am 28. März 1895. Betr.: Frühjahrs-Controlversammlungen.

Das Grotzherzogliche Kreisamt Gietzen

Ml W »nU. B4re*nuti»ttrt«e X« ÄvNM.

Nachstehende Bekanntmachung wollen Sie auf ortsübliche Weise zur öffentlichen Kenntniß bringen laffen.

v. Gagern.

BekaunlumchLkA.

Bei den diesjährigen Frühjahrs-Controlversammlungen im Kreise Gietzen haben zu erscheinen alle zum Hauptmeldeamt Oiehen gehörigen:

1) Offiziere, Sanitätsoffiziere und Beamten der Reserve und Landwehr I. Aufgebots (Anzug: Helm, Waffenrock ohne Schärpe).

2) Reservisten, sowie zur Disposition der Truppentheile und der Ersatz-Behörden Entlassenen.

3) Wehrleute I. Aufgebots, die vom 1. October 1882 ab eingestellt worden.

4) Ersatz-Reservisten, geübte und nicht geübte.

Nachstehend ist angegeben, wo und zu welcher Zeit die Tontrolpflichtigen anzutreten haben :

A. Zu Gietzen

in Oswalds Garten für die Bewohner von Annerod, Burk­hardsfelden, Gießen mit Schiffenberg und Herrnwald, Heuchel­heim, Klein-Linden, Oppenrod und zwar:

am 25. April 1895.

1. Appell Vormittags 8 Uhr:

Offiziere, Sanitätsoffiziere und Beamten der Reserve und Landwehr I. Aufgebots.

Reservisten sowie zur Disposition der Ersatz-Behörden entlassenen Mannschaften der Infanterie.

2. Appell Vormittags 10 Uhr 30 Minuten:

Wehrleute I. Aufgebots der Infanterie.

3. Appell Nachmittags 1 Uhr 30 Minuten :

Reservisten, sowie zur Disposition der Truppentheile und der Ersatz-Behörden entlaßenen Mannschaften und die Wehrleute I. Aufgebots aller übrigen Waffen und zwar der Garde, Jäger, Cavallerie, Feld- und Fuß-Artillerie, Pioniere, Eisenbahn- und Luftschiffertruppen, des Trains (einschl. Krankenträger), Sanitäts- und Veterinärpersonals, Büchsen- machergehülfen, Oeconomie - Handwerker und Marine-Mann­schaften.

4. Appell Nachmittags 3 Uhr

Sämmtliche Ersatzreservisten.

5. Appell Nachmittags 4 Uhr ;

für die Bewohner von Allendorf a. d. Lahn, Großen-Linden, Lang-Göns, Leihgestern, Watzenborn und Steinberg, Hausen.

Reservisten und Wehrleute I. Aufgebots zur Disposition der Truppentheile und der Ersatz-Behörden entlaffene Mann­schaften aller Waffen sowie der Ersatz-Reservisten.

B. Z« Lollar

am 26. April 1895, neben dem neuen Bahnhofsgebäude für die Bewohner von Allendorf a. d. Lda., Alten-Buseck, Bersrod, Beuern, Climbach, Daubringen mit HeibettShausen, Großen-Buseck, Lollar, Mainzlar, Rödgen, Ruttershausen mit Kirchberg, Staufenberg mit Friedelhausen, Treis a. d. Lda., Trohe, Wieseck.

1. Appell Vormittags 8 Uhr 45 Minuten:

Offiziere, Sanitätsoffiziere und Beamten der Reserve und Landwehr I. Aufgebots, Reservisten sowie zur Disposi­tion der Truppentheile und der Ersatz-Behörden entlaßenen Mannschaften aller Waffen.

2. Appell Vormittags 9 Uhr 45 Minuten:

Wehrleute I. Aufgebots aller Waffen.

3. Appell Vormittags 10 Uhr 30 Minuten: Ersatzreservisten.

C. Zu Grünberg

am 26. April 1895 am Bahnhof für die Bewohner von: Allertshausen, Beltershain, Geilshausen, Göbelnrod, Grünberg mit der DickelSmühle, Neumühle, Stadtmühle, Steinmühle, Obere und Untere Ziegelhütte, Latzmühle, Hattenrod, Harbach mit der Kolbenmühle und Sommermühle, Keßelbach mit der Rabenau'schen Papiermühle, Lauter mit der Arztmühle, Bing­mühle, Georgenhammer, Strellesmühle und Walkmühle, Linden­struth, Londorf mit der Burg Rabenau, Burgmühle, Schmidt- mühle, Reitzenmühle und Ziegelhütte, Lumda (Groß-und Klein-), Odenhausen mit Appenbörnerhof, Queckborn, Reinhards- Hain, Reiskirchen, RüddingShausen, Saasen mit Bollnbach, Veitsberg und Wirrberg, Stangenrod, Stockhausen, Weickarts­hain, Weitershain mit Hainerhof, Winnerod.

1. Appell Nachmittags 1 Uhr:

Offiziere, Sanitätsoffiziere und Beamten der Reserve und Landwehr I. Aufgebots, Reservisten sowie zur Disposition der Truppentheile und der Ersatz-Behörden entlaßenen Mannschaften aller Waffen.

2. Appell Nachmittags 2 Uhr 30 Minuten: Wehrleute I. Aufgebots aller Waffen und Ersatz-Reservisten.

D. Zu Hurrgerr

am 27. April 1895 am Friedhof für die Bewohner von: Bellersheim, Bettenhausen, Hungen, Inheiden, Langd, Langs- dorf, Muschenheim mit Hof-Güll, Nonnenroth, Obbornhofen, Rabertshausen mit Ringelshausen, Rodheim mit Hof-Graß, Röthges, Steinheim, Trais-Horloff, Utphe, Villingen.

1. Appell Vormittags 9 Uhr 30 Minuten:

Offiziere, Sanitäts-Offiziere und Beamten der Reserve und Landwehr I. Aufgebots.

Reservisten, sowie zur Disposition, der Trnppenthette und der Ersatz - Behörden entlassenen Mannschaften aller Waffen.

2. Appell Vormittags 10 Uhr 30 Minuten

Wehrleute I. Aufgebots aller Waffen und Ersatz- Reservisten.

E. Zu Lich

am 27. April 1895 am Bahnhof für die Bewohner von: Albach, Birklar, Dorf-Güll, Eberstadt mit Arnsburg, Ettings­hausen, Garbenteich, Grüningen, Holzheim, Lich mit Albacher-

Feuilleton.

ein braver Hochstapler.

Humoreske von Robert Frohn.

(Schluß.)

Da erblickte ich zwischen den hohen Stämmen plötzlich wieder meinen Onkel.

Herr Bäckermeister Krüger hatte die hohe Gestalt, die in stattlich grader Haltung uns entgegenschritt, kaum bemerkt, so rief er auS:Dort kommt Bismarck! Er hat zwar gealtert, aber man erkennt ihn doch noch auS den früheren Bildern in den illustrirten Zeitungen sofort wieder."

Ich hatte nicht Zeit, die Gesellschaft über den Jrrthum aufzuklären, denn schon schwenkten die Herren ihre Hüte und die Damen winkten Grüße mit ihren Tüchern und alles schrie voll Begeisterung:Hoch Fürst Bismarck! Hurrah! Hurrah!"

Der alte Herr zog lächelnd seinen Schlapphut und rief gleichfalls:Er lebe hoch!" und die Gesellschaft nahm dieses für die Bestätigung, daß BtSmarck es wirklich sei. Die Damen drängten sich heran, um die Hand des Gefeierten zu ergreifen und sie zu drücken und zu küssen.

Zu meiner Verwunderung ließ mein Onkel sich dieses nicht nur ruhig gefallen, ohne die Verehrer des alten Reichs­kanzlers aufmerksam zu machen, daß er der nicht sei, für den sie ihn hielten, sondern er trat sogar au die geputzte dicke Bäckermadam heran und küßte sie auf die Stirn, eine Ehre, welche Frau Krüger mit einem triumphirenden Blick auf die übrigen Damen eutgegenvahm.

Darauf wandte sich der vermeintliche Bismarck zu meinem bescheiden abseits stehenden Freund AlberS, den er von vorher wiedererkannt haben mußte, und redete ihn an:Ah, Sie sind doch der Herr Doctor AlberS?"

Ganz erstaunt, daß der Fürst ihn kannte, bestätigte mein Freund dieses.

Ich hatte schon einmal daS Vergnügen, Sie zu sehen," suhr mein Onkel so laut, daß alle Anwesenden eS hörten, fort,und man hat mir so viel Gutes von Ihnen erzählt, daß ich mich freue, Sie persönlich begrüßen zu können- Sie

machen mit Ihrem klaren, verständigen Blick ganz den Ein- I druck, als ob Sie noch einst etwas Tüchtiges in Ihrem Amte leisten werden. . . . Wißen Sie," wandte er sich darauf an | die in Verwunderung dastehenden anderen Herren,Verbesserer der Welt können wir noch immer brauchen."

Dann verneigte er sich und schritt nochmals höflich grüßend weiter in den Wald.

Hoch Bismarck! Hurrah! Hurrah!" ries voll Be­geisterung der ganze Club, und:Er lebe hoch!" schallte es noch aus dem Walde zurück.

Die hohe Gestalt meines Onkels war unseren Blicken entschwunden.

Ich hätte aufschreien mögen vor Lachen, aber ich hütete mich wohl jetzt noch, den Aufklärer zu spielen.

Es dauerte einige Zett, bis die Gesellschaft sich von ihrem Entzücken erholt hatte.

Welche Ehre auch, so leutselig begrüßt zu werden!

Wie schade, daß der Bürgermeister die Reise nicht mit­gemacht - der hätte dem Fürsten Namens der Stadt das Ehrenbürgerrecht verleihen müssen.

Am stolzesten war natürlich Frau Krüger auf den Kuß, welchen sie erhalten hatte. Wie mußte sich die Frau des Gewürzkrämers, des MetzgermetsterS und des Polizeimeisters wohl ärgern!

Auch der Herr Krüger fühlte sich in ganz gehobener Stimmung. Was würde man daheim sagen, wenn die Mit­bürger und Mitbürgerinnen die seiner Frau und seinem Schwiegersöhne erwiesene Auszeichnung erfuhren, denn das stand auf einmal bet ihm fest, Dr. Albers müsse jetzt sein Schwiegersohn werden.

Er nahm die erste Gelegenheit wahr, sich mit seiner Gattin und Tochter von der übrigen Gesellschaft abzusondern, dann legte er die Hand Trudcheus in die des soeben ob seiner Tüchtigkeit öffentlich anerkannten vr. AlberS,. der selbst­verständlich Gertruds wegen in der Nähe geblieben war, und unter dem heiligen Rauschen uralter Eichen segneten die biederen Eltern daS junge Brautpaar.

Die Weltverbesserer waren überrascht, als sie die Abend- täfel in der Aumühle mit zahllosen Weinflaschen gefüllt sahen und als dann Herr Krüger daS Mahl mit einer Ansprache

eröffnete und ihnen mittheilte, eS sollte die Verlobung seiner Tochter Gertrud mit Herrn Referendarius Dr. AlberS festlich begangen werden.

Allgemeine Fröhlichkeit erfüllte darauf den Saal. Nächst dem Brautpaare freute sich aber am meisten mein alter Onkel, den ich draußen im Garten traf, als ich nach der Mahlzeit, Kühlung suchend, hinauStrat

Nun, alter Junge," fragte er,habe ich meine unfrei« willige Rolle gut gespielt?"

Bortresflich," erwiderte ich.Die Verlobung ist soeben vor dem ganzen Club proclamirt."

Dann ist der Zweck meiner Hochstapelei ersüllt," sagte er, sich vergnügt die Hände reibend, und zog sich in den Wald zurück, denn es traten eben andere Verlobungsgäfte aus dem Saale.

Es wartete aber unser noch eine andere Ueberraschung in Hamburg am Bahnhofe.

Wir hatten eben den Zug verlassen, als wir eine zahl­lose Masse freudig erregter Menschen erblickten und lauter Jubel und Hochrufe an unsere Ohre drangen.

Was war daS? Sollten unsere frohen Erlebnisse hier schon bekannt sein und man dem jungen Brautpaare Glück­wünsche darbringen wollen?

Aber nein.Hoch Fürst BiSmarck!jHurrah! Hurrah!" erschallte cs, dicht vor uns hielt ein Wagen und auS dem­selben stieg der verehrte Gründer des deutschen Reiches in höchsteigener Person und begab sich unter dem Jubel deS Volkes zum Perron des Bahnhofes.

Wie geht denn daS zu?" fragte der Bäckermeister Krüger den BahnhofSinspector.Wir kommen von Frie- richSruh und haben dort den Fürsten Bismarck gesprochen, und nun ist er hier?"

Unmöglich! Sie haben sich geirrt," war die Antwort, der Fürst war heute den ganzen Tag in Hamburg."

Ei, verwünscht," sprach enttäuscht Herr Krüger.Dann muß der in Friedrichsruh ja ein Hochstapler gewesen sein!"

Ein braver Hochstapler," sagte mein Freund AlberS, als ich ihm später den Scherz erklärte.Ein braver Hoch­stapler, dem ich mein ganzes Leben lang dankbar sein werde."