Ausgabe 
22.12.1895 Erstes Blatt
 
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Sonntag den 22. December

Erstes Blatt.

Nr. 301

Amts- und Anzeigeblatt für den Tireis Gieren.

chralisöeikage: Gießener Kamikienökatter

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de« Lokgrndcn Tag erscheinenden Nummer bis Borin. 10 Uhr.

AL; Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Hall unter dem Borfitz des UuterhauSrnitgliedeS JameS Lowcher und in Anwesenheit vieler anderer Unterhaus- Mitglieder abgehalten wurde. Dieselbe nahm mit allen gegen zwei Stimmen eine Resolution an, in der erklärt wird, zum Schutze der heimischen Industrie müfie England da»fiSca- lische System" neuerdings in Erwägung ziehen. Eine zwelte Resolution sprach fich für gegenseitige Handelsbegünstigungen aller Theile des britischen Reiches aus. Der Ausdruck fiscalisches System lautet zwar noch etwas unklar. Er kann ganz gut etwa- Aehnliches bedeuten, als das, was Chamber« Iain mit den Colonien im Sinne zu haben scheint. Aber etwas Anderes, als die altenglische Freihandelspolitik, zu der sich die Minister noch der Landwirthschastlichen Vereinigung gegenüber bekannten, bedeutet er jedenfalls. Ein verschämtes Schutzsystem befolgt die englische Industrie ja schon seit längerer Zeit, unter Anderem in der gesetzlich verlangten Vorschriftmade in Germany. Jedenfalls hat unsere deutsche Industrie alle Ursache, auf ihrer Hut zu sein und die neue Bewegung mit aller Aufmerksamkeit zu verfolgen. An eine ernstliche Beseitigung des englischen Freihandels ist bei dieser Bewegung wohl noch nicht zu denken, wohl ist aber mit einer Anzahl seiner Kunstgriffe zu rechnen, welche von Seiten Englands in Scene gesetzt werden, um die Einfuhr gewisser Maaren nach England zu erschweren.

sein eminentes Können, die der ihm vorauSgehende Ruf er­weckt hatte, im weitgehendsten Maße. Glänzende technische Fertigkeit verbunden mit einem gefühlvollen, bis in den ge­ringsten Einzelheiten fein durchdachten lebendigen Vortrag und eine selten gesehene Liebenswürdigkeit und Bescheidenheit im Auftreten eroberten ihm die Gunst des Publikums im Fluge. Die Hofcapelle selbst führte neben verschiedenen an­deren clasfischen Concertstücken als Novität die Symphonie path6tique des russischen Componiften Peter Tschaikowski auf. Das Merk birgt neben manchen minder anziehenden Stellen, unter die besonders der in seiner Art außerordentlich gesuchte dritte Satz gehört, Klangschönheiten, wie sie selten gehört werden, namentlich der zweite Satz errang deshalb den begeisterten Beifall des Publikums.

Die am letzten Samstag abgehaltene Schlußsitzung des Comitees für die im vergangenen Sommer stattgehabte Er in n er un g s feier an 1870/71 fand in Anwesenheit Sr. Großh. Hoheit des Prinzen Wilhelm und den Spitzen der Militär, und Civilbehörden statt. Nach der erstatteten Rechnungsablage schloß die wohlgelungene Feier mit einem Ueberschuß von rund 12000 Mark ab, die zur Hälfte an die Kriegerkameradschaft Hassia vertheilt werden soll, die andere Hälfte fällt den hiesigen Kriegervereinen zu, die für den Garantiefonds zeichneten. Ein solenner Commers be­endete die kleine Feier, mit der nun auch die Veranstaltungen aus Anlaß des Kriegerfestes ihr Ende erreicht haben dürften.

erfolg. Arn zweiten Abend spielte der Künstler denValentin" in RaimundsVerschwender". Hier erreichte sein Spiel erst im letzten Acte die Höhe, auf der eS beim ersten Auftreten gleich zu Anfang gewesen war. Dreher ist kein Jüngling mehr, oaS merkte man demKutscher Valentin" immerhin wohl an, der TischlerValentin Holzwurm" war eine Glanz­leistung allerersten Ranges, fein ausgearbeitet bis in die kleinsten Details und dabei frei von jeglicher Uebertreibung. Gerade letzteres, das Vermeiden aller Virtuosenkunftstückchen und das Verzichten auf das allzu scharfe Hervortretenlaflen der Pointen ist eines der sympathischsten Characteristika deS Spieles des Münchener Gastes. Dreher wirkt eben nur durch den trockenen Humor, mit dem er seine Figuren gibt und durch fein routinirteS Mienen- und Gebärdenspiel. Eine recht angenehme Abwechslung weiß er dann noch durch die vielen eingeftreuten Couplets in das Ganze hineinzubringen, die er mit seiner nicht allzu umfangreichen, aber ganz sym­pathischen Stimme köstlich zu singen versteht. An Darmstadt wird der Künstler wohl gerne zurückdenken, denn Lorbeer, auSverkauste Häuser und Beifallsstürme waren ihm hier bei jedem Auftreten sicher.

Einen zweiten illnstren Gast beherbergte unser Hof­theater bei Gelegenheit des dritten Hosmusikconcerts am letzten Montag. Der Ruffe Alexander Petschnikoff, ein genialer Musiker auö Moskau, der, trotz seiner Jugend, doch unter die ersten jetzt lebenden Geigenkünstler zählt, spielte ein Concert von WiemiawSky und dieCharonne" von Bach und rechtfertigte damit die hochgespannten Hoffnungen auf

Die Schutzzollbewegung in England.

ES ist zwar erst vor Kurzem von dem englischen Minister­präsidenten Lord Salisbury erklärt worden, daß die Re­gierung in England nicht daran denken könne, von der im Handel und Geldverkehr bewährten Politik, die auf Frei- hanbei und Goldwährung hinauSläuft, abzuweichen und von der jetzigen conservativen englischen Regierungspartei haben diese Worte gewiß eine große Bedeutung. Aber die wirth- schaftlichen Berhältniffe oder besser gesagtBedrängnisse" sind in England schließlich doch auch mächtiger wie die alten Theorien, die fich in den verflossenen Jahrzehnten proctisch bewährten und nun für viele englische Fabrikanten zu ver­sagen beginnen, von den englischen Landwirthen aber schon längst bekämpft werden. So scheint sich nun die schütz« zöllnerische Bewegung der ganze» Bevölkerung Englands be­mächtigen und von der Landwtrthschaft auch auf, die Industrie auSdehnen zu wollen. Dem Empfange der schutzzöllnerischen Landwirthschaf'lichen Vereinigung" durch Lord Salisbury folgte eine große öffentliche Versammlung, die in St. JameS

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Kola, 20. December. DerKölnischen Volkszeitung" zufolge erfolgt die Beisetzung deS Cardmals MelcherS im Kölner Dom nächsten Freitag Vormittag. Die Trauer- rede wird Bischof Korum Trier halten.

Bremen, 20. December. Wie Bösmanns telegraphisches Bureau meldet, liegt der DampferSpree" völlig ruhig und ziemlich geschützt. Irgendwelche Gefahr füchdas Schiff ist nicht zu befürchten.

München, 20. December. Der Kaiser von Oester­reich trifft Dienstag früh hier ein und verlebt das Weih- nachtSfest bei dem Prinzen und der Prinzessin Leopold. Der Kaffer reist am Donnerstag den 26. ds., Abends 9 Uhr, nach Wten zurück.

Zürich, 20. December. Der als socialpolitischer Dichter in weiteren Kreisen bekannte Dr. Leopold Jacoby, ge­boren 1840 in Lauenburg, ist heute Mittag nach längerem Leiden im Krankenasyl Neumünster gestorben.

Rom, 20. December. Heute Abend gingen an Bord deSGottardo" von Neapel ein Bataillon Alpenjäger und Artillerie nach Massauah ab. DaS Publikum begrüßte die Truppen bei der Einschiffung aufs Herzlichste.

Rom, 20. December. Im Senat legte die Regierung den Gesetzentwurf über die Afrikacredite vor. Die Be- rathung desselben findet morgen statt.

Neapel, 20. December. Prmz und Prinzessin Heinrich von Preußen nebst Sohn reisen heute Nacht mit dem englischen AvisoSurprise- nach Malta.

London, 20. December. Der Schatzsecretär HickS-Beach sprach auf einem Bankett in Bristol und sagte, die Lage be­züglich der venezuelanischen Frage sei ernst, es sei aber verfehlt, den Ernst der Lage zu übertreiben. ES könne nicht versichert werden, daß die Bande der StammeSgenoffen« schäft zwischen England und Nordamerika einen Krieg unmög- lich mache, er glaube aber nicht, daß die Nation jenseits deS Atlantischen OceanS den Krieg wünsche. HickS-Beach schloß damit, er sehe voraus, daß das schließliche Ergeb- niß ein friedliches und ehrenvolles Ende für beide Theile sein werde.

Petersburg, 20. December. Zum nordamerikanisch' englischen Zwischenfall bemerkt dieNowojeWremja": Sollte es zum Kriege zwischen den Vereinigten Staaten und England kommen, so würde letzteres mit äußeren und inneren Feinden kämpfen müffen, denn die Irländer dürften dem Kumpfe kaum thatenloS zuschauen. In der Türkei und im fernen Osten würde die Sache Englands nicht so günstig stehen, wie es den heutigen Wünschen Englands entspricht. würde für Großbritannien eine Stunde bitterer Ab­rechnung für Thaten der Vergangenheit schlagen, deren sich die Engländer rühmen, weil sie vergessen, daß Erfolge, die durch Hinterlist und Gewaltthaten erzielt wurden, niemals nachhaltige find. DieBirschewija Wjedomosti" sagen, es gebe für England ein ehrenvolles Mittel, fich aus der Affaire zu ziehen. DaS fei ein Tadelsvotum für Lord Salisbury. Ein neues englisches Ministerium wäre in der Lage, den Fehler Salisburys zu corrigiren. DasJour-

Deutjches Reich.

Berlin, 20. December. Der Colonialrath wird wahrscheinlich nächstens wieder zusammentreten, um fich mit dem umgearbeiteten Auswanderungsgesetze zu be­schäftigen. Der Entwurf deffelben ist dem zuständigen Aus- schuffe des Colonialrathes jetzt zugegangen. Der in der letzten Session des Colonialrathes angeregte Entwurf eines Gesetzes, welches die Ableistung der militärischen Dienstpflicht in Südwestafrika sür Reichsangehörige ermöglichen soll, wird ausgearbeitet und dem Reichstage möglichst bald unterbreitet.

Der bisherige Legationssecretär bei der preußischen Gesandtschaft in Dresden, Graf v. BernSdorff, ist als erster Botschaftssecretär nach Petersburg versetzt worden. Zu feinem Nachfolger wurde der zweite Botschasts- fecretär in Washington, Freiherr o. Flotow, ernannt.

In München fand am Donnerstag eine vom Bürgermeister Schuh geleitete große öffentliche Versamm­lung statt, welche von Angehörigen verschiedener Parteien besucht war. Die Versammlung beschloß die Veranstaltung einer allgemeinen Feier in München am 18. Januar, als dem 25. Jahrestage der Gründung deS Reichs. Zur Vor­bereitung dieser Festlichkeit wurde ein Ausschuß von 12 Mit gliedern gewählt.

Amtliche»» Theil.

Bekauutmachung,

betreffend die Maul- und Klauenseuche.

Nachdem in einem Gehöft der Gemarkung Obborn- hsfen die Maul- und Klauenseuche amtlich festgestellt wor­den ist, wird dies mit dem Anfügen zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß Gehöftefperre angeordnet worden ist.z^sMM

Gießen, den 19. December 1895.

Grobherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Neueste Uad?rid?tent

WolffS telegraphisches Sorrespondenz-Burum.

Berlin, 20. December. DerReichs Anzeiger" ver­öffentlicht einen gemeinsamen Erlaß des FinanzmintsterS und oeS Ministers deS Innern betr. die Ausführung des Corn- mui alabgabengesetzeS.

Feuilleton.

Wochenhriese «us der Residenz.

(Originalbertcht desGießener Anzeigers").

Z. Darmstadt, 19. December.

8e* Großh Hoftheater. hofmufikcovcett. Schlußsitzung des Kriegerfest Somitös.

Bor Allem habe ich heute meinem am Schluffe deS letzten Brieses gegebenen Versprechen gemäß über daS Gast­spiel deS Münchener DirectorS Conrad Dreher zu be­richten. Leider war eS infolge einer plötzlichen, vor Beginn der Darstellungen eingetretenen Heiserkeit dem Künstler un­möglich, an den augekündigten drei Abenden aufzutreten, sodaß sich unser Theaterpublikum mit zwei Vorstellungen begnügen mußte- indeffen ist Hoffnung vorhanden, daß in einigen Wochen bereits eine Fortsetzung der begonnenen Gastspielreihe erfolgen wird. Dreher betrat am ersten Abend alsMathias Schlegel" in der A. Anno'ichen PoffeDie beiden Reichenmüller" unsere Bühne und gefiel eigentlich hier am besten. Obwohl der Inhalt des Stückes nichts ist als eine Aneinanderreihung der unmöglichsten und tollsten Ber- wechselungen, die auch nur auf eine Spur von Wahrschein­lichkeit nicht den geringsten Anspruch erheben können, so erntete eS doch besonders infolge de« trockenen, natürlichen Humors, mit dem der Gast die Rolle desSteinklopferS" anszastatten wußte, einen unbestritten rauschenden Heiterkeit--

Der AiYtig" »ernt täglich, aiu Ausnahme deS Montags.

Die Gießener y*miMe*6f6ttet werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal teigrieflt

Gichmer Anzeiger

Keneral-Htnzeiger.

Bekanntmachung,

betreffend: Sonntagsruhe im Handelsgewerbe.

Für^Sonntag den 22. December d. I. werden in der Stadt Gießen für das Handelsgewerbe, außer den bereits früher für die drei Sonntage vor Weihnachten freigegebenen Stunden bis 7 Uhr Abends, auch noch die weiteren Stunden ven 79 Uhr als Beschäftigung»- und Verkaufszeit frei- gegeben.

Gießen, den 19. December 1895.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

I. E.

v. Bechtold, Regierungs-Affeffor.___________

Gefunden: 1 gold. Medaillon, 1 filb. Ring, 1 Porte- moKuaie mit Inhalt, 1 Spazierstock, 2 Kinderschuhe, 1 Taschen- lach, 1 Schürze, 1 Schleier, 1 Cape, 1 Peitsche, 1 Meter­maß, 1 Laterne und 1 Sack mit Inhalt.

Gießen, den 21.»December 1895.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

I. E.

v. Bechtold, RegierungS'Affeffor.