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22.10.1895 Zweites Blatt
 
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Zweites Blatt. Dienstag den 22. October

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Rede bei Enthüllung des Kaiser Friedrich- Denkmals bei Wörth.

Gehalten von dem General der Infanterie von Mischte.

Hohe kaiserliche und königliche Majestäten! Erlauchte und hohe Festversammlung! Theure Kriegskameraden!

AIS heute vor 64 Jahren ringsum auf den Höhen von Potsdam nach altem Brauche die Flammen zum Himmel loderten, ein Erinnerung-- und DankeSzeichen an die Völker­schlacht bei Leipzig, welche das Vaterland von der drückenden Fremdherrschaft befreite, da war im stolzen Königsschlosse deS Großen Friedrich der ersehnte Thronerbe geboren, dem edlen Hohenzollernstamme war ein neues Reis erblüht, welches emporwachsen sollte zu einem starken Baum, würdig seiner Ahnen, hochgemutheten Sinnes, von königlicher Art, weise im Rath und tapfer in der Schlacht, in seiner äußeren Gestalt ein herrliches Gebilde Gottes.

Seher würden verkündigt haben, wie der echte Hohen- zollernsproß werde berufen sein, an den großen Geschicken deS Vaterlandes an hervorragender Stelle mitzuwirken. Der lang gehegte Traum der Nation, die Vereinigung und Wieder­aufrichtung des deutschen Reiches zu neuer Macht und Herr­lichkeit werde verwirklicht werden- ein Liebling des Volkes, werde die Kaiserkrone sein edles Haupt schmücken, und wenn Du nach GotteS Rathschluß vollendet, wird auch der Glorien­schein des Märtyrers Dein brechendes Auge verklären: Ein Held und ein Heiliger zugleich.

So liegt denn auch über der heutigen Feier, an welcher Alldeutschland seinem ersten Kronprinzen und siegreichen Führer in großer Zeit hier an der Stätte seines unver­gänglichen Ruhmes seine Huldigung darbriugt, ein trüber Schatten gebreitet und unsere Herzen sind in liebevoller Er­innerung an den Unvergeßlichen mit tiefer Wehmuth erfüllt.

Es liegt unS fern, bei der nachbarlichen großen Nation, mit deren tapferen Armee wir uns in rühmlichem Kampfe gemeßen haben, schmerzliche Erinnerungen zu erwecken, wenn auch das wandelbare SchlachtenlooS gegen sie entschied, nach dem erhabenen Vorbilde unseres großen Kaisers Wilhelm L, hochgesegneten Andenkens, welcher den hier erfochtenen Steg Ihrer Majestät der Königin Augusta mit den Worten ver­kündigte:Welches Glück dieser neue große Sieg durch Fritz! Preise nur Gott für seine Gnade! ES soll Victoria ge schoßen werden!" Geben auch wir Gott allein, dem Lenker der Schlachten die Ehre!

Mit dem sicheren und weisen Herrscherblick, mit welchem der große Kaiser seine Paladine zu wählen, und Jeden an die richtige Stelle zu fetzen verstand, übertrug Allerhöchst-

derselbe bei AuSbruch des Krieges seinem einzigen Sohne, dem Kronprinzen, den Oberbefehl über die aus den ver­einigten nord- und süddeutschen Corps gebildete dritte Armee; war es doch, als habe die Vorsehung gerade ihn zu so hohem Werke auSersehen. Auf den Sieger von Chlum blickten Führer wie Soldaten mit hingehendem Vertrauen. Dem Zauber und der Anmuth seines Wesens vermochte Niemand zu widerstehen, und wo er erschien, jubelten ihm die Herzen Aller in Liebe und Verehrung entgegen.

In welchem Maße aber der Kronprinz daS Allerhöchste Vertrauen seines königlichen Vaters zu rechtfertigen verstand, das verzeichnet die Geschichte in ehernen Lettern und auch die heutige Feier gibt davon ein beredtes Zeugniß. Ganz erfüllt von dem deutschnationalen Gedanken, ja, der haupt­sächlichste Träger desselben, zog er auS in der klaren Er- keuntniß und in der festen Zuversicht, daß der Preis des unS aufgedrängten Kampfes nur daS unter der Kaiserkrone wieder vereinte deutsche Vaterland sein würde.

Schon auf der Fahrt nach Süddeutschland fand er in dem begeisterten Empfang, der ihm allerorten zu Theil wurde, den lebhaftesten Wiederhall. In seinem Bericht an Se. Majestät den König meldete der Kronprinz wörtlich: Üeberall brach der eine Gedanke aus, voll und einmüthig zusammenzustehen für deutsches Recht, sür Deutschlands Ehre. DaS Offiziercorps gab mir seine Freude zu erkennen, mich als Oberbefehlshaber erhalten zu haben- es sei stolz, an der Seite seiner preußischen Waffenbrüder für die gerechte Sache in den Kampf zu ziehen." Und als am Abend der festlichen Vorstellung in München der edle, für die deutsche Sache erglühende Bahrrnkönig dem preußischen Kronprinzen die ritterliche Hand darbot, ein unvergeßliches, hehres Bild, da durchbraufte ein gewaltiger Beifallssturm die weiten Hallen und auf den Lippen erbebte und in den Herzen tönte es wieder, das Wort des deutschen Dichters:

Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern,

In keiner Noth uns trennen und Gefahr."

Ein gleicher sympathischer Empfang wurde dem Kron­prinzen von den erhabenen BundeSfürften und der Bevölke­rung in Württemberg und Baden zu Theil. In seinem ersten Armeebefehl aus dem Hauptquartier Speyer am 30. Juli heißt es:Es erfüllt mich mit Stolz und Freude, an der Spitze der aus allen Gauen des deutschen Vate landes ver­einten Söhne sür die gemeinsame nationale Sache, sür deutsche-Recht, für deutsche Ehre gegen den Feind zu ziehen. Wir gehen einem großen und schweren Kampfe entgegen, aber im Bewußtsein unseres guten Rechtes und im Ver­trauen auf Eure Tapferkeit, Ausdauer und Manneszucht ist

uns der siegreiche AuSgang gewiß. So wollen wir denn fefthalten in treuer Waffenbrüderschaft, mit Gottes Hilfe unsere Fahnen zu neuen Stegen zu entfalten sür des ge­einigten Deutschlands Ruhm und Frieden!"

Nur wenige Tage darauf kamen die eisernen Würfel ins Rollen, von den Höhen von Weißenburg donnerten die Kanonen ihren ersten kriegerischen Gruß, begleitet von dem schrillen Laute der Mitrailleuseu. Dem unwiderstehlichen Anstürme der tapferen Bayern, die mit den gelichteten Reihen der todeSmuthigen preußischen Köntgsgrenadtere den GaiSberg erstürmten, erlag die alte Veste. Der erste Steg war erfochten, das blutige Vorspiel der zwei Tage später hier an dieser Stelle folgenden Weltschlacht. Zwar bildete die Schlacht von Wörth nur eines der ruhmreichen Glieder in der Geschichte dieses Feldzuges, und nicht einmal ein gutes und inhaltreiches - aber weit über die unmittelbaren tactischen Erfolge hinaus war der hier erfochtene Sieg folgen- und bedeutungsschwer, sowohl für den weiteren Gang der kriegerischen Ereignisse, wie für die Gestaltung der all­gemeinen politischen Lage.

Mit Staunen sah die Welt, was vereinte deutsche Kraft vermag. Die Legende von der Ueberlegenheit der gegnerischen Angriffe war zerronnen und zog dahin, baß Zünglein der politischen Waage, das noch geschwankt hatte, nach welcher Richtung sich neigen sollte da stand plötzlich fest. Deutschland hatte Arme und Rücken frei. Hier wurde die Waffenbrüderschaft zwischen Nord und Süd mit dem Blute vieler Tausender von Streitern besiegelt- hier wurden alte deutsche Lande dem Reiche für immer wtedergewonnen, hier wurde der erste Reif zur deutschen Kaiserkrone im Feuer geschmiedet - hier entstand das schöne LosungswortUnser Fritz", welches ihm fortan das schöne und liebste Reiß seines reichen Ruhmes- und Ehrenkranzes war. Und wie diese heldenhafte Brust, wie dies diamantreine gütige und milde Herz von edelster Menschenliebe die Wunden, die sein starker Arm geschlagen hatte, zu heilen und zu lindern verstand Sobald die blutige Arbeit gethan war, wenn die Wogen des heißen Kampfes sich gelegt hatten, dann erschien er, ein königlicher Samariter, als Helfer, Retter und Tröster sür Freund und Feind. So wurden alle Umstehenden von tiefer Rührung ergriffen, als er sich zu dem bei dem Sturme auf den GaiSberg mit der Fahne in der Hand tödtlich zu Boden gestreckten Major v. Kayferberg von den Königsgrenadieren herabbeugte und ihn in feine Arme schloß. Verwundete und Sterbende blickten noch einmal freudig auf, wenn er sich nahte und seine Hand dem erkaltenden Leben hinstreckte. Wie er dann in stiller und ernster Betrachtung an der Bahre

Feuilleton.

Aus alter Zeit.

(5. Fortsetzung.)

Bor mir tief am Boden im Strauchwerk huschte ein zierlich Vögelein und ließ dabet einen lieblichen leisen Sang erschallen, wie ein zart Kinderstimmlein, und die großen klugen Aeugletn leuchteten und das rothe Brüstletn hob sich beim Sang. Hätt mögen dem Thier zuschauen immerfort, ist ja auch gar zahm gewest, also daß einmal bis dicht zu meine» Füßen gehüpfet. Doch, Rothbrüstlein, ich suche Roihraut im Walde, kannst mir künden, wo ichS soll finden? Da ist daß Vöglein von dannen flogen und ich bin Berg auf- stiegen tiefer in den Wald.

Den Born hab unschwer sunden, wär ja auch an jenem Abend ntt irre gangen, so ich nur auf dem Wege geblieben. Dort ist daß Bänklein, da ich mit ihr geseffen. Mit vollster Klarheit ist ihr Bild mir in dieser Umgebung wider vor die Seele treten mit den wundersamen Augen, die also laug, ohn auch nur mit dem Wimperlein zu zucken, mich ange­schaut, daß ich den Blick noch zu fühlen vermeinet. Und der leidvolle Mund, der so wenigeß gesprochen und daß noch wie unter Thränen. Drunten in der Brust hat sich etwaß ge- reget und ist mir worden wie damals, da ich zum ersten Male die Heimath mußt laßen. All mein verständig Für- nehmen ist dahin gewest, hab ntt anders können. Auf dem Bänklein aber da hab geseffen, lange, lange.

Landleute kamen zum Borne und gingen, mich hats nit gekümmert, glaubte immer noch die großen unergründlichen Augen vor mir zu sehen, die so gar traurig geschauet. Hab mich selbsten schölten, wie ich also leicht sollt in heißer Minne sein erglühet zu der Maid, von der mir nicht itzo bekannt, außer, daß sie Rothraut geheißen und dort drüben über dem Hügel im Walde wohne! Halt, ihren Wohn- slatz mußt ich finden und sollt ich suchen bis zum Abend.

Allhie hatte sie gestanden und hinüber gedeutet zu der Eichen dort hinten im Walde.

So bin ich allsobald unter die Baumkronen treten und hab mich nur umgeschauet, daß ich möcht der Richtung nit fehlen. Stundenlang bin ich hin und her gelaufen im Walde und gar oftmals widerum zu derselben Stellen kommen, einem knorrigen Eichbaum, dessen Ansicht mir sich eingepräget, oder einer Tannen mitten im Laubwald, oder einer hügel- lichen gar steinigten kleinen Lichtung, wo über frühen Wald­blumen die ersten bunten Falter schwebten. Hab keinen Wohnplatz fanden, ja nicht einmal einen Waldpfad troffen, der zu ihrem Hause hätte führen mögen. Gar müd des Wanderns und entmuthigt stand ich widerum auf der Lichtung. Die moosigen Steine luden zum Ruhen. Von der Buche drüben schrie ein Rabe und flog dann davon, da ist eS gar still worden allhie. Mein Sinnen galt der Maid. Rothraut, Rorhraut, wo weilest Du? Ist mir plötzlich wider ein kühler Lufthauch übers Antlitz fahren, daß ich vermeinet, es sei wie damals und die Jungfrau werde kommen. Ist aber mt kommen, waS sollte sie auch allhie in der Einöde?

Itzo vermerkete anerft, wie so sehr ich gehvffet, heute noch in die tiefen Augen schauen zu dürfen, da ich ihr Wohn­haus nit funden.

DaS Abendglöcklein schallte von dem Orte, daher der Born den Namen getragen, von ferne nur noch leis herüber. Mochte mich aber nach dem Schalle richten. So mußte ich zur linken mich wendend das Flußthal erreichen und gen Marpurg gelangen. Hab auch balde die Höhe überschritten und gewahrte, daß ich bergab ging. Nach einer Weile gar unbequemen Stolperns über Steingeröll und, Wurzelwerk durch dichtes Gestrüpp lichtete sich der Wald, und so ich durch daS letzt Geheg hochragenden Brommbeergeranks gebrochen, Hut, da liegt der Rabenstetn dicht vor mir mit dem schauer­vollen Balkengerüste. Ist mir ein Frösteln über die Haut fahren, da ich der Unheilftätte allso nahe gewahret. Mit großen Haften bin zum Hohlweg drunten gestürzet und immer

weiter, bis ich zwischen den ersten Hütten angelanget. O, vielholde Rothraut, daß ich immerdar den Galgen muß erschauen, wenn ich von dannen komme, da Dein Fuß gewandelt."

Die wenigen Tage biß zum siebenten find mir gar lang­sam dahin gangen, und bin ein gar wenig aufmerkender Hörer gewest, ob ich gleich versuchet, aufzuschretben, waß geredet ward. Auch ist daß Wetter also unfreundlich worden, daß ich mit Sorg den grauen Regenhtmmel betrachtet, obß denn nit genug möcht sein der triefenden Wasser. Gegen Mittag deß siebenten Tages ist Plötzlich daS Gewölk zerrissen und hat die liebe Sonn also warm hernieder geschienen, daß die Weg sind trocken gewest, da ich den Hohlweg zum Walde bin schritten.

Gar groß Erregung war mein mächtig worden und daß Herz hat also gepochet, wie wenn ich wäre übermaaßen ge- eilet. Bin freilich droben auf der Höhe nit langsam gangen durch den Forst, denn leichtlich macht die holde Maid mein warten auf dem Bänklein am Born. Aber das Plätzlein ist annoch leer gewest', da ich herzu bin kommen. War wol gut, daß ich mich zuvörderst möcht erholen können. Dazu hat mein Sitzen mir zwar nit verhelfen mögen, denn immer stürmischer hats gepochet und hämmert da drinnen

Die warme wasserduvstig Luft muß bracht haben, daß mir trotz Spannung und sehnender Erregung ntt mög­lich gewesen, die '.'lugen aufzuhalten, und ist daß Haupt müd auf die Brust funken. Hab auch sicherlich ntt lange schlafen, denn itzo noch wie vorhin hat die Sonn meine Kniee be­schienen. Bin aber gar freudig überrascht worden, so ich die Augen voll aufgeschlagen und dicht neben mir Rothraut gewahret im hellen! Sonnenlicht fitzend, gerade wie vor fieben Sagen.

Hortsetzimg folgt).