.n blauer Farbe tragt
Sonntag den 22. September
Erstes Blatt
Ur. 223
vierteljLhriger
Zlnits- und Anzeigeblatt für den Arris Gissten
gesteigert wurde, bis endlich die Alkoholflasche sein unzertrennlicher Begleiter wurde.
In eben demselben Maststabe, als sich der Mensch dem Alkohol zuwendet, schwinden demselben die körperlichen und geistigen Kräfte, während der Charakter des Trinkers, diesem selbst unmerklich, sich vom Guten zum Bösen mehr und mehr verändert, der innere selbstständige Halt beginnt zu fehlen, und äußere, meistentheilS schlechte Einflüsse gewinnen die Oberhand bei ihm. Sein ganzes Wesen ist gereizt und der starke Trinker geht aus dem Zustande der tollsten Heiterkeit in den der tiefsten Traurigkeit über, während alle seine Jn- stincte, manchmal wohl die guten, aber doch meistentheilS die schlechten unnatürlich erregt sind.
Hieraus folgt, daß seine Empfindungen und Wahrnehmungen, sein Fühlen und Denken unter diesem Druck der Verhältnisse getrübt erscheint, während der vorgeschrittene Alkoholiker bei seiner ausgesprochenen Reizbarkeit urplötzlich und wie eS ihm gerade in einem gegebenen Augenblicke paßt, ohne längere Ueberlegung handelt. Es entstehen somit natürlich auch Conflicte mit den Landesgesetzen, welche manchmal sogar in offene Rebellion ausartet. Von welcher Seite man also auch einen solchen Menschen betrachtet, so ergibt sich, daß derselbe für sich selbst, seine Familie, die menschliche Gesellschaft im Allgemeinen verloren ist. Dem vorher be- schriebenen erregten Zustande folgt zuweilen auch eine Depression aller körperlichen und geistigen Kräfte, der Alkoholkranke fühlt sich müde und matt, hat daS Bedürfniß der Ruhe, will und kann daher nicht arbeiten, verliert seiner Hände Geschicklichkeit, wenn er ein Künstler oder Arbeiter ist, alles wird ihm gleichgilrig, seine Denkkraft erlahmt, er kann seine Thaten nicht mehr gesund beurtheilen, daS Resultat bleibt daher unverändert. —
Die socialen Folgen für den Gewohnheitstrinker lassen nicht lange auf sich warten- ob reich, oder arm, er muß wohl wirthschaftlich und gesellschaftlich »ehr und mehr zurückkommen, denn ernstliche Arbeit ist 'hm zuwider, er verliert
Annahme eon Anzeigen zu der Nachmittag« für de» folgenden Lag erscheinenden Nummer bi« Bonn. 10 Uhr.
Der tUltwtt Kotiger «scheint täglich, Mit Au-»ahme dr« Montag«.
Die Gießener
D««itte»vtL1ter werde« dem Anzeiger »Lchnttlich dreimal btiyltgi.
Der Papst wird sich heute Abend nach «t. Peter begeben, um bei geschloffenen Thüren ein Gebet zu verrichten. Aus den Provinzen hier eingegangene Telegramme berichten über festliche Veranstaltungen anläßlich deS heutigen Tage«.
Paris. 20. September. General Saus fier erließ einen Tagesbefehl, wonach die bet den Ostmanövern zu Tage getretenen Fortschritte seine Erwartungen überträfen. Die Truppen hätten sich durch Energie, Ausdauer und Disciplin hervorgethan und gezeigt, daß zwischen ihnen und den Osfi- zieren gegenseitiges Vertrauen bestehe, welches die Fürsorge und andererseits Ergebenheit und Selbstverleugnung erzeugt habe. Auch die übrigen Dienstzweige hätten besriedigeud functionht und insbesondere auch die Ostbahn sich aus der Höhe ihrer Aufgabe gezeigt. . ,
Stagen, 20. September. Heute wurden zwei Leichen auf dem Strande bei Karred aufgetrieben. Beide trugen Martneuutform und rühren wahrscheinlich von dem in der Jammerbucht gesunkenen deutschen Torpedoboo^ her. Dieselben wurden hierher überführt. Auch auf dem Stach- Holm-Strand ist gestern eine Leiche aufgetrieben.
Bringerlol) n.
Durch die Post bezöge« 2 Mark 50 Pfg.
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) und 200 Gramm.
• seine Zeit und sein Geld, die DermögenSverhältniffe desselben gehen deshalb rückwärts und bald heißt eS von ihm: „ES war ein gut situirter, sehr intelligenter Mann, aber — er trinkt." Je weniger Mittel nun ein Alkoholiker ursprünglich zu seiner Bersügung hatte, desto rascher kommt natürlich der Anfang vom Ende.
Das Schreckliche bei einer solchen Sachlage ist aber, daß der Trinker sich nicht nur selbst materiell und geistig ruinirt, sondern auch seine Frau und Kinder mit in den Schlamm hinabzieht, sie der Roth, dem Elend preiSgibt, nach und nach ihre Moralität zerstört- dieser schlechte pater familias erzieht folglich auch schlechte Bürger, er ist daher ein Schaden für die menschliche Gesellschaft im Allgemeinen. Ohne den stetig wachsenden AlkohiliSmuS würden unsere Gefängniffe und Anstalten zur zwangsweisen Erziehung nicht so wie jetzt überfüllt sein, daS bedarf wohl kaum noch einer Frage. —
Eine reiche Lebenserfahrung hat uns bewiesen, daß der Gewohnheitstrinker auf die Dauer, besonders wenn er sich selbst überlaffen bleibt, nicht zu retten ist, sondern ftüher oder später ist daS Delirium tremens sein LooS, und er muß seine Tage gewöhnlich im Jrrenhause beschließen. Gibt eS aber wirklich ein Mittel gegen die Trunksucht, so sollte dasselbe von ftaatSwegen veröffentlicht werden, denn es würde sicherlich ebensoviel Menschen retten, als daS Heilserum für DiphtheritiS, von dem in der letzten Zeit so viel die Rede ist. Das letztere gibt nur einem Individuum die Gesundheit wieder, während eine tatsächlich gegen die Trunksucht wirkende Arznei ganze Familien einem physischen und moralischen Tode entreißen würde.
Ein guter, mit Mäßigkeit genoffener Alkohol enthaltender Trunk schadet Niemandem, wohl aber daS Uebermaß desselben, auS dem dann die Gewohnheit entspringt, dem Organismus Mengen von Alkohol zuzusühreu, welche den Menschen langsam aber sicher dem thierischen Zustande zu« führen. F. Schönfeld.
selten 1 bis zu den elegantesten r mna Roth, pezial-GeschÄ enweg Nr. 30.
Zkuefte Nachrichten.
WolffS telegraphisches Correspondenz-Bureau.
Berlin, 20. September. In Erörterung der Mittel, »eiche die socialdemokratische Preffe zur planmäßigen Verletzung auch bei der Landbevölkerung anwende, erklärt der .Reichsanzeiger" gegenüber einem Artikel des als Beilage zur „Volksstimme" in Magdeburg erscheinenden „Land loten", worin ausgeführt wird, das Kreisamt in Gießen habe eine Bekanntmachung erlaffen, in welcher kurz und sündig mitgetheilt werde, daß vom 23. bis 27. Juli im Gelände von 4 Gemarkungen Schießübungen mit scharfen Patronen abgehalten und daS Gelände abgesperrt würde .Die amtlichen Feststellungen ergaben, daß mit den betr. Gemeinden lange vor der Bekanntmachung mündlich und ^christlich verhandelt worden sei, und daß die Gemeinden »ich sämmtlich mit der Abhaltung der Schießübungen ein- verstanden erklärten.
Berlin, 20. September. Die „Nordd. All gern. Zeitung" gibt AuSsllhrungen der „Nationalliberalen Corre- ipoudenz" wieder, worin auS Anlaß des Falles Hammerstein betont wird, daß man von nationalliberaler Seite im Interesse fcer Wiedergesundung der inneren Verhältniffe des Reiches Immer gewünscht habe, daß die Conservativen sich dem Ein- ffluß der extremen Elemente entziehen und dadurch die Möglichkeit einer Verständigung mit der Mittelpartei wieder her- gestellt werden möge, daß man aber nicht gegen die Sclbst- iüändigkeit der Conservativen ein Attentat begehen wolle. Die ,Nordd. Ällg. Ztg." bemerkt, der obige Artikel dürste im Allgemeinen das Richtige getroffen haben- es wäre zu wünschen, daß die Blätter der Mittelparteien mehr nach stnatSrnänoischen Gesichtspunkten schreiben und deutlich zu er* le inen geben, daß sie für eine starke und selbstständige confer» wative Partei find. Innerhalb des StaatSorganiSmuS sei bieS als erwünscht zu erachten. Die „Nordd. Allg. Ztg." «rklärt zugleich, Grund zu der Annahme zu haben, daß diese .Anschauungen auch von der Regierung getheilt werden.
Dresden, 20. September. Die Generaldirection der sächsischen Staatsbahnen macht über das gemeldete Eisenbahnunglück bet De betau bekannt: sieben Wagen des Militärzuges wurden zertrümmert. 13 Soldaten sind tobt, 30 schwer und 30 leicht verwundet. Der Zugführer ist leicht, ein Schaffner schwer verletzt. Die Ursache des Unfalls ist wahrscheinlich die ,u frühe Entblockung der daoorltegenden Streckenblocks.
Rom 20. September. Der Vatikan tragt daS ge* «lihnuchr Äu«,eh-n. ®« h-r-lcht vollkommene Ruhe. Das Museum und die Gallerien deS Vatikans find stark besucht.
Alle Annonccn-Bureaux de« In- und Auslande» nehme« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Feuilleton.
Die Gefahren des Alkohols.
(Nachdruck verboten).
Die heutigen, sich täglich mehr zufpitzcuden Verhältniffe unseres Lebens mit ihrem Dichten und Trachten nach Erwerb, nicht nur um deS LeibeS Nahrung und Nothdurst zu be- iriediaen, sondern auch im Ueberfluß zu schwelgen, bringt es mehr rote in früherer Zeit mit sich, daß der Mensch zum »lkobol greift, um die abgespannten Körperkräfte auszu- muntern, zu erregen, noch weiter auf künstliche Weise an- zureizen, nachdem die Natur schon den Dienst versagt hat.
Die neuesten Forschungen ergaben den sehr merkwürdigen Umstand, welcher daher auch erst sehr wenig bei Laien bekannt ist, daß sich in unseren Eingeweide» große Mengen von Bacterien aufhalten, denen weiter kein Zweck zuertheilt wurde, als den überschüssigen Zucker in unserem System in Alkohol zu verwandeln und damit wäre hinlänglich bewiesen, daß geringe Quanten dieses Reizmittels dem menschlichen Körper nicht nur nicht schädlich, sondern gesund find, sonst hätte die allweise Natur unserem Organismus gewiß nicht jene Lebewesen zuertheilt. -
Es ist nun wohl aber ein großer Unterschied zwilchen der minimalen, natürlichen, nützlichen Erzeugung von Alkohol durch Bacterien und dem beinahe mechanischen Hinabgießen vieler starker Schnäpse, Weine, Biere in den Magen deS »«glücklichen dem Delirium k-emeus "absehbarer Zeit ver* faflenen Säufers, der Jedermann mit Abscheu und Ekel erfüllt.
Um die Gefahren deö Alkohols zu begreifen, muß man sich klar und deutlich vor Augen führen, daß dieser dem Thiere bereits sehr ähnliche Mensch doch nicht gleich auf einmal in einem dem Wahnsinn nahen Zustand deS AlkoholiS- mus versetzt wurde, sondern daß derselbe ursprünglich klein anfiug, zur Klaffe der sogenannten mäßigen Trinker gehörte, daun aber die GetriinkdofiS von ihm langsam aber stetig
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billigere Cigarrensorten (etwa bis zu 6 Pfg.) nicht zu fordern und den dadurch zu erwartenden Ausfall von achtzehn Millionen durch eine entsprechende höhere Besteuerung der importirten Tabake wieder einzubringen. Ein Gesetzentwurf tu diesem Sinne werde bereits im Reichsschatzamte auS- gearbeitet.
khemuttz, 20. September. Die neueren Meldungen über daS Eisenbahn-Unglück besagen, daß der Zusammenstoß gegen 12 Uhr NachtS erfolgte. Nach den letzten Feststellungen wurden drei Soldaten und ein Bremser deS Militärzuges getödtet. 47 Soldaten sind theils schwer, theilS leicht verletzt. Als großes Glück im Unglück ist zu de- trachten, daß der Dresdener Schnellzug den Bahnhof bereit« pasfirt hatte, als der Zusammenstoß erfolgt war. Der Zusammenstoß war derart gewaltig, daß man den Krach weithin hören konnte. Der Militärzug hatte 96 Achsen. Der Gepäckwagen und vier Personenwagen, in welchen die erste und ein Theil der zweiten Compagnie deS 133. Infanterie- Regiments untergebracht waren, sind zertrümmert. Von dem Güterzuge sind ein Gepäckwagen und eine Lowry zertrüm- wert, daS Jammergeschrei der Verunglückten war herzzerreißend. Einem Unterosfizier wurden beide Beine ab- gefahren. Ein Soldat, welcher zwischen die Puffer zweier Wagen geraden war, konnte erst nach zwei Stunden auS seiner Lage befreit werden, worauf der Tod bald eintrat.
München, 20. September. Zu dem Parteitage der deutschen Dolkspartei, welcher SamStag und Sonntag hier abgehalten wird, haben sich die süddeutschen Parteiführer und auch norddeutsche GefinnungSgenoffen zahlreich ein- gesunden. Unter Anderen sind anwesend der würitembergische Parteiführer, R.ichstagSabgeordneter Payer und die beiden Brüder Haußmann, der Führer der badischen Demokraten, Muser aus Offenburg, ferner auS Frankfurt der alte Führer der Partei, Leopold Sonnemann, Kochi auß Würzburg und Dornbusch aus Nürnberg. Morgen werden in einer großen Volksversammlung im Münchener KindLKeller die Abgeordneten Payer und Dr. Sigl sprechen.
München, 20. September. Die „Neuesten Nachrichten" melden aus Berlin: Alle sechs socia listischen Ge- meind e-Vcrtr eter von Rixdorf wurden gestern in einer Versammlung zur Amtsniederlegung gezwungen, weil sie 2000 Mk. zum Kinderfeste am Sedantage auS Ge* meiridemitteln bewilligt und ein Mitglied ein Circular unter» schrieben hatte zu Gunsten deS Kaiser-DenkmalS in Rixdorf.
München, 20. September. Namens der katholischen Prefle ließen die Redactionen von 38 katholischen Zeitungen Bayerns dem apostolischen Nuntius Dr. Ajudi heute Bor-
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Berlin, 20. September. Die „Kreuzzeitung" schreibt: In der Sitzung vorn 19. September hat der Parteirath deS deutsch-conservativen Wahlvereins zu Berlin einstimmig folgende Erklärung beschloffen: „Wir sprechen dem Herrn Hofprediger a. D. und Landtagsabgeordneten Stöcker als dem Vertreter Berlins für seine gegenwärtige wie frühere gegen die verderbliche Mittelpartei. Politik geführten Kämpse unsere volle Anerkennung und Zustimmung auß. Wir erkennen auch in dem dem Herrn Hospredrger Stöcker zugeschriebenen Briefe aus dem Jahre 1888 nicht die Absicht, Kaiser und Kanzler von einander zu trennen, sondern vielmehr den berechtigten Wunsch, den Kaiser in seiner eigenen Anschauung gegenüber der damaligen inneren Politik des Reichskanzlers zu stärken. Damit fallen für unsere Auffassung die verleumderischen Anklagen der gegnerischen Preffe in sich selbst zusammen."
Berlin, 20. September. Die „Post" hört, daß die Reise des StaatSsecrerärS des Reichsschatzamts Grafen Posa- dowsky nach Süddeutschland mit der Frage der Tabak- befteuerung in engerem Zusammenhänge gestanden habe. Der StaatSsecretär sei davon überzeugt, daß er auf eine freundliche Haltung SüddeutfchlandS rechnen könne, wenn er den Forderungen der dortigen Jntereffenten bis zu einem gewiffen Grade entgegenkomme. Wie die „Post" weiter I hört, hat man ins Auge gefaßt, eine Fabrikatsteuer für


