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Zweites Blatt. Donnerstag den 22. August
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Der Krieg von 1870|71,
geschildert durch Ausschnitte aus Zeitung--Nummern jener Zeit.
(Nachdruck 0erboten.)
22. August.
Die deutschen Krieger find furchtbar feurige Freiweber um Straßburg, die wunderschöne und jetzt so arme Stadt des Volksliedes. Am 19. und 20. August wurde die Stadt von sechs Punkten aus den ganzen Tag beschossen. Die Citadelle gerieth in Brand, dichte Rauchwolken, auS denen Flammensäulen steigen, hüllen die Stadt ein. Aber auch Kehl leidet furchtbar unter dem Bombardement der Franzosen: 14 Häuser, darunter große Gasthöfe und Brauereien, wurden in Brand geschossen. — Die Vogesen Festung Pfalz- burg hat sich den Württembergern ergeben.
Wenn man auf der Karte das Gelände zwischen St. Privat und Chatel betrachtet, so sieht man, wie stark die Stellungen der Franzosen gewesen sind, und man bewundert die Taktik des Feldherrn, der durch einen Flankenmarsch mit späterer Umgehung des rechten Flügels die erste Aufstellung bei Verneville-Gravelotte umgeht, den linken feindlichen Flügel so lange festhält, bis die Umgehung aus- geführt ist und dann den Feind zurückwtrft. Die Bravour unserer Truppen bei Erstürmung dieser verschanzten und vorbereiteten Stellungen muß über alles Lob erhaben gewesen lein. Der Sieg ist blutig, sehr blutig erkauft/ aber er wird bafür seine Früchte tragen. ES wird die Schlacht bet Gravelotte und Vernevtlle vielleicht das letzte Mal gewesen tein, daß ein französisches Heer es wagt, sich unS in offener Feldschlacht gegenüberzustellen. Gravelotte ist hoffentlich ein zweites Königgrätz gewesen, daS uns ebenso schnell vor die Mauern von Parts, tote 1866 vor die von Wien führt.
Einnahme der Festung Marsal durch die Bayern. DaS zweite bayerische ArmeecorpS unter General- Iteutenant v. Bothmer langte am 15. gegen 1 Uhr Mittags -auf der sogen. Sichthöhe, eine Viertelmeile von Marsal, an. Der Posten daselbst gab daS Alarmsignal, zog sich jedoch zurück. Generallieutenant v. Bothmer sandte den Hauptmann v. Hanfstengel an den Commandanten von Marsal und forderte ihn auf, die Festung zu übergeben, wurde jedoch schroff zurückgewiesen. Der Hauptmann, als Parlamentär, war noch nicht außer Schußweite, da wurde auS der Festung auf ihn geschossen, so daß er schwer verwundet zusammenstürzte. Vom Fort Louis wurde gleich darauf das Feuer auf die Bayern so stark eröffnet, daß die Batterien, die kaum ausgestellt waren, schon zurückweichen mußten. Ein Regen
Ferrillctsir.
A krillnernugkn eines freiwilligen Knaitätsmavnes ins hm August- ueh Zegteinderlagen hes Jahres 1870.
(Nachdruck untersagt.)
Keine großen Heldenthaten hat der Schreiber dieser Zeilen zu schildern, sondern einfache Dinge, aber Selbsterlebtes, was er sich vor 25 Jahren ausgeschrieben hat. Viel ist es nicht, aber immer schon etwas, wenn man die Kanonen von Metz in der Nähe, und diejenigen von Sedan, obzwar in etwas größerer Entfernung hat donnern hören. Schlachtenbummler, wie sie damals oft genannt wurden, sind wir nicht gewesen; es beglückt uns noch heute der Gedanke, daß wir verwundete Freunde und Feinde erquicken und ihre Leiden lindern helfen konnten. Die Reihen Derer, welche anno 1870 mit dabei waren, lichten sich immer mehr. ES schadet nicht, wenn man den Nachkommen einfach und schlicht erzählt, wie es unS vor 25 Jahren zu Muthe war und wie es in bescheidenen Verhältnissen herging.
Im Garten deS berühmten Gasthauses „Zum halben Mond" in Heppenheim a. d. B. saß am 14. Juli 1870 eine Gesellschaft von acht bis zehn Herren; es waren einige Hessen, ein Pfalzbaier, ein Württemberger, ein Badenser, ein Frankfurter und zwei Norddeutsche, somit waren die Hauptstämme deS deutschen Vaterlandes vertreten. Die Unterhaltung drehte sich selbstverständlich um Politik. Alle stimmten darin überein, daß die Unverschämtheit und Frechheit der französischen Zeitungen unerträglich geworden sei. „Wie darf man sich Ausdrücke wie: „Das caudinische Joch ist bereit", oder: „Wir werden die Preußen mit Kolbenflößen in den Rücken über den Rhein jagen," u. a. m. von solchen Maulhelden bieten laffeu!" sprach einer der Heffen. (Es war an demselben Tage, an welchem der Vorfall zwischen Kaiser Wilhelm und dem Botschafter Benedettt in Ems wie ein gewaltiger Blitz durch ganz Deutschland zuckte, unsere Tafelrunde batte noch keine Kunde davon.) — „Man muß
von Granaten fiel auf der Höhe und dennoch versuchte unsere Infanterie, auf den Dorwall loszustürmen. Aus den Schießscharten wurde jedoch so mörderisch und leider gut geschossen, daß die Braven beinahe verloren gewesen wären, wenn nicht unsere Batterien inzwischen eine Stellung auf der Südseite der Festung, der Citadelle de Pate gegenüber, genommen hätten. — Nach einem halbstündigen Geschützfeuer ging der Pulverthurm in die Luft. Die Division Otto hatte mittlerweile die Position am Vorwall genommen. Von den Wällen spieen 40 Geschütze auf unS herab. Doch nach einstündiger Beschießung wurde auf zwei Seiten die weiße Fahne aufgehisst, die Batterien stellten ihr Feuer ein und ein Offizier erschien mit einem Trompeter. Der Commandant ersuchte um die Bedingungen der Eapitulation. General v. Bothmer ließ dem Commandanten sagen: „ES ist Völkerrecht und Sitte, Parlamentäre, so lange sie im Bereiche der feindlichen Stellung sind, als Friedensboten zu betrachten. Auf Hauptmann Hanfftengel in dieser Eigenschaft ist geschossen worden, daher kann von Bedingungen keine Rede sein. Liefert der Commandant die Festung nicht binnen einer halben Stunde auf Gnade oder Ungnade aus, so wird ohne Erbarmen alles zusammengeschossen." Nachdem der Parlamentär zurückgekehrt war, eapitulirte die Festung. Es wurden 60 Geschütze, viel Proviant, an 600 Pferde, 512 unverwundete Gefangene mit Offizieren genommen.
Fünfundzwanzigjährige Erinnerungsfeier an 1870.
(Ortginalbertcht des „Gießener Anzeigers").
Z. Darmstadt, 19. August.
Der vorwiegend heiteren Feier deS gestrigen Tages folgte heute eine ernste, die dem ruhmreichen Gedächtnisse aller derer galt, die auf den Schlachtfeldern den Heldentod für das Vaterland gestorben find. Auf dem Friedhöfe fanden sich in früher Morgenstunde die Mitglieder sämmtlicher hiesiger Krtegervereine mit umflorten Fahnen ein, unter ihnen auch Prinz Wilhelm. Die Gräber der hier ihren Wunden erlegenen Deutschen und Franzosen waren pietätvoll geschmückt und Kranz auf Kranz wurde auf die Grabhügel der Tapferen gelegt, die des Deutschen Reiches Herrlichkeit nicht mehr mit eigenen Augkn schauen sollten. Nachdem die Capelle deS ArtillerieregimenteS einen Choral gespielt, hielt Herr Prof. Trümpert eine formvollendete würdige Ansprache an die Versammlung. Seine Worte waren etwa folgende: „Deutsche Männer, deutsche Krieger! Fünfundzwanzig Jahre sind ver°
die unendliche Geduld des Königs und die großartige diplomatische Ruhe deS Kanzlers Bismarck bei diesem widersinnigen französischen Gebrülle bewundern," antwortete ein Norddeutscher. „Ich kenne die Franzosen," fuhr er fort, „seit zehn Jahren mache ich Geschäfte mit Häusern in Bordeaux und Paris. Jedes Jahr verweile ich einige Wochen in beiden Städten. Die Franzosen sprechen ungescheut aus: Unser KriegSruhm ist durch Sadowa von den Preußen verdunkelt worden. Das können wir nicht ertragen. Frankreich ist das Herz der Welt, alle Nationen müssen sich vor uns beugen, nous sommes la plus grande nation du monde. Jeder Gassenkehrer, jeder Nachtwächter, jeder Schusterjunge spricht dies aus. Macht man gelegentlich eine Bemerkung, daß da oder dort etwas geleistet würde, daß es auch anderswo hübsche Städte und Länder gäbe, so heißt es: Oh la grande nation ? und dabei machen die Leute herablassende Handbewegungen, als bestünde die übrige Welt nur auS Gassenkehricht. Den Ausdruck: Oh la grande nation! hören Sie im Verkehr mit Fremden in allen Kreisen, bei allen Gelegenheiten, an allen Orten." — „Man sollte nicht glauben, daß eine sonst hochgebildete und höfliche Nation so stark au Selbstüberhebung leiden könnte," bemerkte ein Anderer. — „Die Franzosen find in diesem Punkte blind und taub," war die Antwort. „Es find gute Denker, treffliche Chemiker, Mathematiker, Ingenieure und Architecten, besitzen also Verstand und Vernunft. Sobald es sich aber um la gloire handelt, haben die gescheidtesten Menschen ein Brett vorm Hirn. Wir treiben in einen Krieg mit diesen — Narren! muß man sagen — hinein und sie speculiren darauf, daß Ihr Süddeutschen uns dabei in den Rücken fallt!" — „Niemals, wenn es gegen den Erbfeind geht!" antworteten die Süddeutschen wie aus einem Munde. — „DaS wäre ein großes Glück," erwiderte der Norddeutsche mit Feuer. „Ich kenne Deutschland und ein großes Stück von Europa, ich weiß ganz genau, daß man unS Preußen in Süddeutschland alle Anerkennung zu Theil werden läßt, aber Sympathie . . . hm! . . . daran fehlt eS noch einiger
flossen seit dem gewaltigen Ringen zwischen Deutschland und Frankreich, daS in der Aufrichtung eines deutschen Kaiser- reiches und der Wiedervereinigung zweier deutscher Provinzen mit dem Mutterlande seinen herrlichen Abschluß gesunden hat. ES wäre undankbar vom deutschen Volke, wenn es die Gedenk- tage einer großen Zeit ohne Feier vorübergehen ließe. Blicken wir hier am Grabe der deutschen und französischen Kameraden zurück auf die Mühen und Erfolge der Jahre 1870/71, so bleiben wir bewahrt vor Uebermuth und Schadenfreude, vor Prahlerei und Gehässigkeit. Hier . drängt sich uns die Wahrheit unabweislich auf. Das ist daS Große und Erhebende an unserer Feier, daß wir die Ereignisse, denen sie gilt, im Lichte der Wahrheit betrachten und dabei froh und freudig bleiben können, da wir erkennen: unsere Sache war gerecht, unser Krieg war ein gerechter Krieg. Zunächst gilt eS, dem allmächtigen Schlachtenlenker zu danken, der unS wunderbar geführt hat. Ihm danken wir aus tiefster Seele, daß er uns Ruhm und Ehre gönnte. Aber wir gedenken auch in inniger Dankbarkeit Derer, die ihr Leben für daS bedrohte Vaterland eingesetzt haben, der lebenden und der tobten Helden. 130000 blühende, gesunde Männer sind den Tod fürS Vaterland gestorben. Doch auch Tausende sind heimgekehrt zu Eltern und Geschwistern, zu Braut und Gattin, zu Kindern und Freunden. So lange noch einer dieser Kämpfer unter unS weilt, gilt eS, ihm die Dankbarkeit zu beweisen. Und daS kann nicht besser geschehen als durch die That, durch Bewahrung und Erhaltung der Einheit, Stärke und Wehrhaftigkeit deS deutschen Vaterlandes. Es gilt einen festen Damm aufzurichten gegen die Sitte und Ordnung zerfressenden Bestrebungen, die leider allenthalben auftauchen. Wir wollen uns heute aufs Neue vereinigen zu dem Gelöbniß der Treue gegen unseren geliebten Landesherrn, gegen Kaiser und Reich, gegen daS ganze heißgeliebte Vaterland mit allen seinen Fürsten. In daS Grab unser gefallenen Kameraden wollen wir hinabrufen:
Euer Blut, das ihr vergossen, Nimmer sollS umsonst geflossen, Nimmer sollS vergeffen sein."
Nach den ergreifenden Worten deS Redners, die wir hier natürlich nicht vollständig wiedergeben konnten, wurden zahllose Kränze mit Widmungsscheifen auf den Gräbern niedergelegt, darunter auch einer von den in Amerika lebenden Hessen mit einer Schleife in den deutschen und amerikanischen Farben. Auch die Gräber des Siegers von Chambord, Hauptmann Kattrein, und des verstorbenen Präsidenten der KriegervereinS, Rechtsanwalt Neuling,
maßen. Wir Preußen besitzen so etwas wie Dünkel und Hochmuth; wir verstehen ein wenig zu schwadroniren, sind kühler und zugeknöpster als die Süddeutschen. DaS find Unterschiede, die sich nie verwischen lassen. Ein so zutrauliches, gemüthliches Wesen, wie eS die Süddeutschen haben, ist uns nicht gegeben." — „Aber deutsch sind und bleiben wir Alle!" rief der Pfalzbaier, hob sein Glas und rief: „All Deutschland hoch! hoch! hoch!"
Es gab einen guten Klang. Der 1868er Schloßberg funkelte in den Gläsern, ein Tropfen, tote er erst 25 Jahre später, anno 1893, wieder wachsen sollte.
Plötzlich wurde die aus dem Hause in den Garten führende Thüre anfgerissen. Der Gasthofbefitzer, bleich und aufgeregt, hielt ein Blatt in der Hand und tief von ferne: „Ihr Herren, der Krieg ist erklärt!"
ES ist unmöglich, die Wirkung zu schildern, welche diese sechs Worte auf die Tafelrunde hervorbrachte. Wir waren in unserer ländlichen Zurückgezogenheit noch vor einer Minute der festen Ueberzeugung, daß durch den Rücktritt des Prinzen von Hohenzollern alles friedlich beigelegt worden wäre, und nun sollte das Entsetzliche geschehen sein, was Jeder fürchtete, waS alle Welt als das Fluchwürdigste und Greulichste verdammen mußte.
Wir sprangen auf. • Mit verhaltenem Äthern schaute einer den andern an, keiner vermochte ein Wort hervor- zubringen. Unwillkürlich fanden sich zur Rechten und zur Linken die Hände. Ein ehrwürdiger GreiS von 75 Jahren, der die Drangsale von 1812 und 1813 erduldet, der 1806 Deutschland in seiner tiefsten Erniedrigung geschaut hatte, sprach die Worte: „DaS ist Gottesfinger! Droben sitzt einer im Regiment, der seine Deutschen nicht verläßt. So wie wir unS die Hände reichten, werden sich heute Millionen und Abermillionen begegnen, ich fühle es. Gerechter Gott, ich boote Dir, daß ich diesen Tag erleben durfte!"
(Fortsetzung folgt).


