Nr. 300
Der fUjwr -«teiger erscheint täglich, Mtt Lu-nohmr bei Montags.
Die GieHtner vkäller werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigelegt.
Erstes Blatt. Samstag den 21. December ___________
Gießener Anzeiger
Aenerat-Mnzeiger.
188»
Vierteljähriger -vonnemeutspreis r 2 Mark 20 Psg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Psg.
Nedaction, Lxpeditioß und Druckerei:
Kchntstrage Ar.r. Fernlprecher 51.
Amts- und Anzeigeblatt fitr den Kreis Gieren
Anrtlichev Theil.
Bekanntmachung.
NuttStage des Großherzoglichen KretöamtS Gießen betreffend. Die unterzeichnete Behörde wird
Samstag deu 4. Januar 1896, von Vormittags 9 Uhr au, einen AmtStag im Rathhause zu Grüvberg abhalten und wird den KreiS-Eingeseffenen aus den Amtsgerichts-Bezirken Grünberg, Homberg und Laubach anheimgestellt, etwaige Anliegen in Meiern Termine vorzubringen.
Gießen, den 20. December 1895. Grobherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gag er n.
Gießen, den 20. December 1895.
Betr.: Wie vorher.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen au die Grosth. Bürgermeistereien der iu deu Amtsgerichtsbezirkeu Grünberg, Homberg und Laubach gelegenen Gemeinden des Kreises Gießen.
vorstehende Bekanntmachung wollen Sie auf ort-übliche Weise zur öffentlichen Kenntoiß bringen laffen.
v. Gagern.
Erhebungen über das Handwerk.
Die tu deu Reichstagsverhandlungen mehrfach erwähnten Ergebniffe der im vergangenen Sommer von Sehen der Reichsregierung angeordneten Handwerks-Eaquste liegen in einem umfangreichen Bande vor, welcher den Titel: „Erhebungen über Berhältniffe im Handwerk" trägt. Die Erhebungen sollten einen Theil der Grundlage für die geplante Organisation des Handwerks bilden und bezweckten demnach namentlich die Feststellung von Anhaltspunkten betreffs der Anzahl, des UmfangS und der örtlichen Bertheilung derjenigen Gewerbe, welche für eine allgemeine korporative, in erster Linie mit der Fürsorge für die Ausbildung von Lehrlingen und Gesellen im Handwerk zu betrauende Organi- satton des Handwerks in Betracht kommen." Außerdem wurden einige andere mit der Frage der Organisation in Zusammenhang stehende Punkte, so die fachmännische Vorbildung der gegenwärtigen Unternehmer von Handwerksbetrieben, in die Enquete einbezogen. Die Untersuchung war eine Stichprobenerhebung und erstreckte sich auf zwei preußische Regierungsbezirke, Danzig und Aachen, und die fünf preußischen Kreise Oberbarnim*, Waldenburg, Kalbe, Einbeck und Solingen, ferner auf die bayerischen Bezirksämter Bruck, Stadtamhof, Neustadt a. S., die sächsischen AmtShauptmannschasten Pirna und Zwickau, den württem- bergischen Oberamtsbezirk Göppingen, deu badischen Amtsbezirk Heidelberg, deu hessischen Kreis Friedberg und auf die Stadt Lübeck. Das ganze ErhebungSgebiet betrug 18 700 Quadratkilometer, also ungeiähr der ganzen
Fläche des Reiches, und zählte 2 295 525 E nwohner. ES war iu 156 Zählbezirke eingetheilt, 26 städtische und 130 ländliche. Die DurchschnittSgröße der Bezirke betrug 124,6 Quadratkilometer, entsprach also ungefähr dem Durch- fchntttSbezirk einer Innung iu Sachsen. Die Erhebungen umfaßten 70 Handwerke und 28 Specialitäten-ber Schlofferei, des Schmiedehandwerks und der Tischlerei. Es kamen im Ganzen 61 257 Betriebe in Betracht, von welchen 58 aus- geschieden wurden, weil es als zweifelhaft angesehen wurde, ob sie dem Handwerk oder dem Fabrikbetrieb zuzurechnen feien. Die Gesammtzahl der im ganzen Erhebungsgebiet ermittelten selbständigen Handwerksbetriebe betrug demnach 61 199. Auf 1000 Einwohner des ErhebungSgebteteS kommen 26,7 Handwerkömetster und 30,2 Htlfspersouen. In den städtischen Bezirken kommen 23,3 Meister und 43,5 Hilfspersonen auf 1000 Einwohner, in den ländlichen Bezirken 28,3 Meister und 22,9 Hilfspersonen.
DaS Zahlenverhältniß zwischen den Hilfskräfte beschäftigenden und den allein arbeitenden Meistern ist folgende-: Im Allgemeinen beschäftigten von 100 Meistern nur 44 5 Personal. In den städtischen, also dichter bevölkerten Bezirken steigt die Procentzahl auf 58,5, in den ländlichen Bezirken finkt fie auf 39,1. Um Material für die Beurteilung der Frage einer örtlichen Organisation deS Handwerks zu gewinnen, wurde eine ausgedehnte Untersuchung darüber angestellt, in welchem Umfange die Bildung von Innungen möglich sein würde, wenn al- JnuungSgebiet der einzelne
Zählbeztrk, der Kreis (oder der entsprechende politische Bezirk der uichtpreußtschen Staaten) oder der Regierungsbezirk angenommen und zur Bildung einer Innung eine geringe oder höhere Mitgliederzahl als erforderlich erachtet würde. Gemäß dem der letzten Conferenz zwischen Innungs- Vertretern und RegierungSvertretern vorgelegien Organi- sattonSplan wurden dabei nur die „in der Regel Gesellen oder Lehrlinge beschäftigenden" Meister als bei» trittSpflichtig, die übrigen Meister nur als beitritt-berechtigt angesehen und als Typus für die Innung die reine Berufsoder Fachinnung betrachtet. Um dem Umstande Rechnung zu tragen, daß gegenwärtig Innungen mit einer sehr geringen Mitgliederzahl bestehen, wurde die Mindest Milgliederzahl so tief als möglich angesetzt, obwohl man sich, wie die Erläuterungen zu den Erhebungen bemerken, dem Bedenken nicht verschloß, daß Innungen mit kleinen Mitgliederzahlen kaum in der Lage find, etwas Erhebliches im Jntereffe de- Handwerks zu leisten. Für den Zahlbezirk berechnete man demnach die Zahl der Innungen nach mindestens 5, 10, 15, 20 und 30 Mitglieder, für den Kreis nach mindestens 10, 20, 30 Mitglieder und für den Regierungsbezirk nach mindestens 10, 20, 30, 50 und 100 Mitgliedern. Kreis und Regierungsbezirk kommen iudeffen practisch für die JnnungS bildung kaum in Betracht- das Hauptgewicht liegt auf den Zählbrzirken. Da 156 Zählbezirke vorhanden und 98 Handwerke und Specialitäten in die Erhebung einbezogen waren, so lag überhaupt 98 mal 156, da- ist 15,288 mal die Möglichkeit einer JnnungSbildung vor. ES ergab sich nun, daß bet einer Mindest-Mitgliederzahl von 20 Handwerksmeistern, wohl der für eine gedeihliche Wirksamkeit einer Innung erforderlichen geringsten Zahl von Mitgliedern, fich die Zahl der möglichen Innungen auf 295 beläuft, wobei 70 Handwerke und Specialitäten ohne Innung bleiben würden. Sie würden umfaffen: 43,6 pCt. der personalbeschästtgenden Meister, 19,4 pCt. der Meister überhaupt, 41,7 pCt. der Gesellen und 40,8 pCt. der Lehrlinge. Die Innungen der Backer, Metzger, Schuhmacher, Schneider, Tischler und Schmiede würden 4/B, die der Bäcker und Schuhmacher allein über Vs aller Innungen ausmachen. Bet einer Mindest- Mitgliederzahl von 30 Meistern wären nur noch 137 Innungen für 19 Handwerke möglich.
Diese Daten beweisen, daß die örtliche Organisation des Handwerks sehr enge Grenzen hat und in der Hauptsache auf die größern Städte und Ortschaften beschränkt bleiben muß, daß sie auch dort bet den günstigsten Bedingungen stets lückenhaft sein wird und daß sie von wirklicher Bedeutung nur für eine ganz geringe Anzahl von Handwerkern ist. WaS die Frage nach derhandwerkSmäßigenBorbtldungderHandwerkSmetster anlangt, so ergtebt die ©nquete folgendes: Bon 59,592 männlichen Handwerksmeistern (1607 weibliche Prtnz'paie wurden hier aus der Berechnung au-geschieden) hatten 57,666 oder 96,8 pCt. eine Lehrzeit durchgemacht, und zwar 96,1 pCt. bei einem Handwerksmeister, 0,7 pCt. nur in einem Fabrikbetriebe. Unter den 1926 Handwerksmeistern, die weder bei einem Hand- werkSmeister, noch in einer Fabrik gelernt haben, befinden fich auch die in Blinden-, Taubstummen-, Gefängniß-Anstalten, sowie die beim Militär, Lehrwerkstätten, Fachschulen, Fortbildungsschulen ausgebildeten- die große Maffe der Meister, sagen die Erläuterungen, ist also handwerksmäßig vorgebildet. Eine Lehrzeit von über zwei Jahren haben 80,6 pCt. aller Meister durchgemacht- eine solche von zwei bis drei Jahren 56,9 pCt., eine solche von über drei Jahren 23,7 pCt. Eine Lehrzeit von weniger als einem Jahre hab n nur 3,3 pCt. aller Meister. Die Behauptung, das Handwerk kranke an dem Mangel eines obligatorischen Befähigungsnachweises, wird angesichts dieser Statistik in gutem Glauben kaum noch ausgestellt werden können.
Deutscher Reich.
Darmstadt, 19. December. Der „Darmst. Ztg." zufolge kehren der Großherzog und die Großherzogin am Samstag Nachmittag hierher zurück.
Neueste Nucheichte«.
Wolff- telegraphisches Correspondenz-Bmeau.
Berlin, 19. December. Der BundeSrath hat in seiner heutigen Sitzung dem Berichte über den Entwurf einer Verordnung betr. Abänderung der Verordnung vom 16. August 1876 über die Kautionen der bet der Militär- und Marine- Verwaltung angestellten Beamten und den Antrag betreffend die Vergütung der Branntweinsteuer bei der Ausfuhr von flüssigen, alkoholhaltigen Parfümerien, sowie von alkoholhaltigen Kopf-, Zahn- und Mundwaffern die Zustlmmung ertheilt.
Die Mittheilung betreffend die Ergebniffe der Stichproben- Erhebung über die Berhältniffe im Handwerk wurde zur Kenntniß genommen. Die Vorlage betreffend den Entwurf eines Einführungsgesetzes zum bürgerlichen Gesetzbuch (im Druck befindlich) und der Antrag des Königreichs Sachsen betreffend die Befreiung der mit PenfionSberechtigung an- gestellten kirchlichen Unterbeamten bei den römisch katholischen Erblanden deS Königreichs Sachsen von der JnvaltditätS- und Altersversicherung dem 4. Ausschuffe überwiesen.
Berlin, 19. December. Auf eine Eingabe deS deutschen LandwirthschaftSrathes an den Reichskanzler erwiderte der Staatssecretär deS Reichsjustizamtes, es bleibe Vorbehalten, anschließend an die commiffarischen Beratungen über die Revision deS Handelsgesetzbuches auch die bezüglichen Bedürfnisse der Laudwirthschaft unter Vernehmung sachkundiger Vertreter besonders zu prüfen.
München, 19. December. Den Abendblättern zufolge wird Kaiser Franz Joseph von Oesterreich die Weihnachtsfeiertage in München bet Prinz und Prinzessin Leopold zubringen.
Rom, 19. December. Die Leiche deS Kardinals Melcherwürbe heute nach dem Bahnhof überführt, von wo fie morgen nach Köln überführt wird. Der Secretär deS verstorbenen Kardinals wird den Sarg nach Köln begleiten.
Rom, 19. December. Die „Italia Militare" berichtet, daß den neun nach Afrika abgegangenen Bataillonen im Laufe des MonatS noch fünf Bataillone und zwei GebirgS- butterten folgen werden.
Petersburg. 19. December. Der Grobherzog von Hessen wohnte gestern mit dem Kaiser der Ktrchenparade mehrerer Truppentheile bei, die ihr Patronatsfest begingen. Auch die Abordnung deS Kaiser Alexander GrenadierregimentS Nr. 1 war zugegen. Nach der Parade fand im Winterpalai- Frühstückstafel statt, zu der auch die directen Vorgesetzten und Offiziere der an der Parade beteiligten Truppentheile befohlen waren. Nach der Parade wurden dem Großherzog auf seinen besonderen Wunsch sämmtliche Mitglieder der deutschen Botschaft vorgestellt.
Coustautiuopel, 19. December. Der General-Gouverneur vonKreta, Karatheodory Pascha, hat, um ein etwaiges Fortschreiten der Bewegung auf der Insel zu verhindern, eine Vermehrung der gegenwärtig aus 15 Bataillonen bestehenden Garnison um 15 Bataillone verlangt. Vorläufig find dem General Gouverneur 4 Bataillone bewilligt worden. Für die Meldung von einer angeblichen Bewegung in Albanien liegt keine Bestätigung vor.
Depesche« bei Bure« »Herold*.
Berlin, 19. December. Das Staatsministerium trat heute Nachmittag 2 Uhr in seinem Dienstgebäude unter dem Vorfitze deS Reichskanzler- Fürsten Hohenlohe zu einer Sitzung zusammen.
Berlin, 19. December. Reichskanzler Fürst Hohenlohe wurde heute Vormittag vom Kaiser in längerer Audienz empfangen.
Berlin, 19. December. Der Kaiser hat ein Exemplar der von ihm entworfenen Allegorie: „Völker Europas, wahret Eure heiligsten Güter" dem Reichskanzler Fürsten Hohenlohe, in einem kostbaren Rahmen gefaßt und mit eigenhändiger Unterschrift versehen, zum Geschenk gemacht.
Berlin, 19. December. Die „Nordd. Allgem. Ztg." schreibt: DaS „Berl. Tagebl." bringt eine Hamburger Corre- spondenz, deren Versaffer er besonders gute Verbindungen nachrühmt. Darin werden an den Besuch deS Kaiser- beim Fürsten BiSmarck allerlei Conjuncturen geknüpft, welche das genannte Blatt unter daS Rubrum: „Ist ein neuer CurS in Sicht?" bringt und, wie Üblich, allerlei Personaloeränderungen prognosticirt. Wir können verfichern, daß die von dem Hamburger Mitarbeiter deS Tageblattes berichteten und angebeuteten Dinge sämmtlich auf freier Erfindung beruhen, möchten ober bei dieser Gelegenheit die ernsthafte Preffe bitten, etwas weniger nervös zu fein und nicht immer die einfachsten TageSereigniffe zu schwerwiegenden politischen Ereigniffen zu stempeln.
Berlin, 19. December. Die Berliner Universität ernannte b?n Kriegsminister Br ousart von Sckellendorf zum Doctor Juris. Die juristische Facultät der Universität Greifswald ernannte denselben zum Ehrendoctor.
Berlin, 19. December. Die endgültige Beisetzung der Leiche des Cardinals Melchers erfolgt in der Gruft in der Mitte deS Chores deS Kölner Domes, neben der Gruft des Cardinals Geißel, deS Vorgänger- Melcher-. Die kirchliche, feierliche Beisetzung dürfte SamStag ober Sonntag stattfinden.


