1898
Donnerstag dm 21. November
Erstes Blatt
Nr. 274
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AitttS- unb Anzeigeblatt für den Kreis Gieren.
Hratisöeilage: Hießener Jamitienbtätter
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Lingen.
I wissen wir über den sittlichen und Lulturzuftand des Gießener | Studenten sehr wenig, eigentlich gar nichts. Acten über
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l Rubner,
«llr «nnoncm-Bureaux deS In« und Auslandes nehm« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Gießener , mit der bi <1640) toi nieder nai Uebe,
darunter.
Wenn auch die Universität Gießen damals den für jene Zeit wichtigen Vorzug confesfioneller Einheit hatte, sie war bekanntlich streng lutherisch, und dadurch eine nicht geringe Anzahl von Studenten, namentlich aus Norddeutschland nach Gießen gezogen wurde, so hatte sich doch durch die Der» armung und Verrohung nicht nur der breiten unteren Volksschichten, sondern auch der vorher Reichen und Vornehmen die Anzahl der Studenten im Lause der Kriegsjahre immer mehr vermindert, die Professoren bekamen bet dem allgemeinen Geldmangel jahrelang ihren geringen Gehalt vor- enthalten und nagten am Hungertuche, und um wenigstens einige Erleichterung in der Lebensführung zu haben, so suchten sie möglichst viele Studenten — natürlich gegen Bezahlung — au ihren Tisch zu ziehen. Diese Profefforentische erhielten sich bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts, wenn sich auch nicht mehr, wie früher, an die gemeinsame Mahlzeit Saufgelage anknüpften, die dann oft wilde Gaffeoscenen, Raufereien mit den Pedellen oder anderen Studenten, Häuser- stürmen und oft Mord und Todtschlag im Gefolge hatten.
Die jungen Männer, die die Hochschule bezogen, um zu studiren, waren oft noch sehr jung, nicht selten noch Knaben, meist aber für daS Studium höchst mangelhaft vorgebildet. Der Zustand der Gymnasien war jämmerlich, so
Gießen zurück.
diese Zeit und die wettere im 17. Jahrhundert
Disciplinaruntersuchungen find eingestampst worden und so das wichtigste Material zu einem culturgeschichtlichen Bilde vom Gießener Studeuteuthum des 17. Jahrhunderts verloren gegangen. Nicht unmöglich wäre, daß auch noch einige derselben gefunden würden, aber sie sind noch nicht wiedergefunden. Wir können aber mit Bestimmtheit annehmeu, daß der Gießener Student in Leben und Treiben nicht Haarbreit über dem Studenten einer anderen deutschen Hochschule, zum Beispiel der Leipziger, stand, eher eine Schattirung
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag« für de» (otgmben Tag erscheinenden Nummer bis vorm. 10 Uhr.
Neubau, te Slot! mit W ibehbr per Wort hr, S-midt. ;t 82 ein Lrgi? • alsbald zu oet> Hflent ftUtl unt
Heucfte Nachrichten.
WolffS telegraphisches Corresponden,-Bureau.
Berlin, 19. November. Die „Nordd. Allg. Ztg." hört: Heute ist die Zuckersteuervorlage als Präsidtalvorlage dem Bundesrathe eingereicht worden, nachdem die Erhebungen dazu im deutschen Reiche von der Reichsregierung zu Ende gesührt worden sind.
Schwerin, 19. November. Die Großherzogliche Regierung hat sür zehn Jahre den Zinsfuß der Canon-Capi- talien von 4 pCt. auf 3% pCc. herabgesetzt.
Wien, 19. November. Eine Meldung der „Pol. Corr, aus Constantinopel stellt den äußerst wohlthättgen Eindruck fest, den das bloße Bekanntwerden der zwischen den Mächten erzielten EinmÜthigkeit und die angeordnete Entsendung eines Geschwaders sowohl in den europäischen, als auch in den türkischen Kreisen Conftantinopels ge« macht habe, sowie die seither datirende Einführung von Repressivmaßregeln der Pforte in Asien und von Präventiv- Vorkehrungen tn Constantinopel. In diplomatischen Kreisen sei man fast ausnahmslos davon überzeugt, daß es der Pforte immer noch möglich fei, falls der gegenwärtig Herr- schende Geist anhält, normale Zustände herbeiführen. Die beabsichtigte Berufung deS „Sebeniko" als zweites Stations- schrff ist verschoben worden. Der „Sebemko" verbleibt in Smyrna zur VersÜgung der österreich-ungarischen Botschaft.
folgung der getroffenen Anordnung strengstens überwachen und jede Zuwiderhandlung alsbald zur Anzeige bringen.
v. Gagern.
vikrtelfährtger JWoeMtmteUytriat 2 Mark 20 Pfg. mit vringcrlohn.
Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg.
ftcbaction, ExpeditioT und Druckerei:
KchntstrafseAr.7.
Fernsprecher 51.
Bekanntmachung,
betreffend Ausbruch der Rothlausseuche.
Bet einem Schweine zu Effolderbach, Kreis Büdingen, die Rothlausseuche festgestellt worden.
Gießen, den 20. November 1895.
Grobherzogliches KreiSamt Gießen.
v. Gagern.
Gießen, 20. November 1895.
Betr.: Wie oben.
DaS Großherzogliche Kreisamt Gießen
die «rstzh. Bürgermeister riei, de» «reise».
Vorstehende Bekanntmachung wollen Sie sofort ortsüblich verkündigen lassen. Wir erwanen, daß Sie die Be-
Bekanntmachung,
betreffend die Maul- und Klauenseuche.
In Wetzlar, im Stalle des Händlers Kaufmann Seligmann, und in Wittelsberg, Kreis Marburg, im Stalle des G. Preiß, ist die Maul- und Klauenseuche fest' gestellt und Gehöftsperre angeordnet worden.
Gießen, 20. November 1895.
GroßherzogltcheS KreiSamt Gießen.
v. Gagern.
GP,
daß selbst im Hauptgegenstand des Unterrichts, im Lateinischen, nur sehr niedere Ziele erreicht wurden. SchuldiSciplin kannte man kaum dem Namen nach, und der Schüler suchte es in Trinken und Rausen dem Studenten zuvorzuthun. Auch Degen trugen diese Jungen. Den Schülerverbindungen, die noch jetzt der Schrecken der Schuldirectoreu und Lehrer find, begegnen wir schon im 17. Jahrhundert.
Wer die Schule durchlaufen hatte oder müde war, noch weiterhin die Bänke zu drücken, ging ab und wurde auf der Hochschule willkommen geheißen. Ein Nachweis von irgend welchen Vorkenntntssen war nicht nöthig. Wer einen genügenden Wechsel mit zur Hochschule brachte, der brachte auch einen Diener mit, sehr vornehme Studenten außerdem noch einen Hofmeister, ärmere nahmen fich einen noch ärmeren Studenten als Dteoer an, das waren die Studenten- jungen, die es oft noch viel schlimmer trieben, als ihre Herren. Das Wetzen, d. h. das Etnhauen mit der Degenklinge in daS Pflaster als Aufforderung zu Streit und Kampf, hat LaukHardt auch hundert Jahre später noch gekannt und geübt.
Doch war der Neuzugereiste nicht gleich Student. Er mußte ein Jahr lang als Pennal in schlechten Kleidern einhergehen. Kam er aber in guten Kleidern zur Hochschule, so klammerte fich sehr bald ein alter verlumpter Student an ihn, bot ihm seine Freundschaft au, die nicht abgelehut werden durfte, und als Zeichen derselben wurden dann die Kleider, die Börse, der Degen, kurz, alles getauscht, der alte stolzirte dann in den neuen Kleidern herum und der junge mußte fich mit den Lumpen begnüge«. Um den Verlust zu vermeiden, kamen daher im 17. Jahrhundert die jungen Studenten gleich tu schlechtester Kleidung zur Hochschule uud waren stolz darauf. Nicht selteu eutstandeu durch Verbote der lumpigen PeunalSkleider heftige Streitigkeiten.
(Schluß folgt.)
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Der tWntt »«jeifjet erscheint täglich, mit Ausnahme de« MontagS.
Die Gießener B««itte»vlLtter werden dem Anzeiger »Schmtlich dreimal beigelegt.
Feuilleton.
I. 8. Alhochs Comoedia vom Ztndeutenlkbeu.
Lon Dr. Otto Buchner.
Ueber das Gießener Studentenleben im vorigeo Jahrhundert habe ich in „Gießen vor huuöert Jahren" ein Bild zu geben versucht, was allerdings keine besonders glänzende Farben zeigt. In einer so langen Zeitperiode ändert sich die gesammte Volksanschauung, ändern fich die Sitten je nach den Umständen zum Besseren oder Schlimmeren. Zwischen dem jetzigen Studentenleben und dem vor hundert oder gar vor zweihundert Jahren ist ein Unterschied wie zwischen Tag und Nacht. Wie wird der Geschichtsschreiber den jetzigen Eulturzustand des Studenten nach weiteren hundert Jahren beurthetlen? Wer könnte das im Voraus sagen? Machen Künste uud W ssenschaften weiterhin Fortschritte, wie tn den letzten Jahrzehnten, verfeinern und veredeln sich die Ansprüche an das Leben weiterhin in dem Maße wie seither, so wird am Ende deS zwanzigsten Jahrhunderts unsere Hoch, schule, unsere Stadt, daS Land, das ganze große Vaterland ein Bild darbteten, von dem wir nicht im Stande sind, uns eben schon ein auch nur annähernd richtiges Bild zu ent
werfen.
Nicht unmöglich aber wäre auch, daß durch politische Umwälzungen, durch unglückliche Kriege, durch verheerende Seuchen ober andere trostlose Umstände der Zustand unseres Volkes zurückgeworfen würde in alte Barbarei, wie wir das ja durch den/30jährigen Krieg bewirkt sehen.
Wenigs Jahre vor dessen Beginn (1607) wurde die bchschule gegründet- während desselben war sie i Marburg vereinigt und kurz vor seinem Ende den beide wieder getrennt und kehrte die eine
Wien, 19. November. Gegenüber einer Meldung der „N. Fr. Pr." auS Rom, Rußland habe im letzten Augenblick erklärt, die Vorschläge Oesterreich-Ungarns bezüglich der Wirren in der Türkei nicht annehmen zu können, stellt daS „Fremdenblatt" fest, Rußland lege auf die Einmüthig- feit des Vorgehens aller Mächte großes Gewicht, habe grundsätzlich der Verdoppelung der Schiffe vor Constantinopel bet- gepflichtet und tatsächlich seinerseits die Entsendung eine» zweiten Kriegsschiffes eingeleitet. Rußland habe die Entsendung eine» Geschwaders der Großmächte, welche VorstchtS- maßregel sich in Constantinopel bereits in heilsamer Weise fühlbar mache, als durch die Umstände gerechtfertigt anerkannt, und befinde fich somit grundsätzlich in einer Linie mit den übrigen Mächten, ebenso wie eS im Prinzip mit denselben übereinstimme - denn kein Staat habe sich so dringend für die Beendigung der armenischen Wirren ausgesprochen, wie Rußland. In diesem Sinne habe das russische Cabinet den Vorschlägen der österreichisch-ungarischen Regie- rung in loyaler Weise zugestimmt.
Rom. 19. November. Cardinal Lucien Bonaparte ist heute Nachmittag insolge eines Schlaganfalles gestorben.
Madrid, 19. November. Der Marschall Martinez Cam poS bezeichnet die Gerüchte von Friedensverhandlungen auf Cuba categorisch als falsch. Der Marschall meldet viel- mehr weiter, daß er einen entscheidenden Schlag vorbereite.
Brighton, 19. November. Lord Salisbury hielt heute in einer Versammlung der Conservativen eine Rede. Er theilte mit, er habe ein Schreiben deö Sultan» empfangen bezüglich seiner Guildhallrede, worin er sein ge- ringeS Vertrauen ausgesprochen hatte, daß die zugesagten Resormen in der Türket durchgeführt würden. DaS Schreiben deS Sultans besagt, die Aeußerung habe den Sultan sehr ^schmerz:, da die Durchführung der Reformen bei ihm beschlossene Sache sei und er auch wünsche, dieselben baldmöglichst zur Ausführung zu bringen. „Ich habe meinem Minister," fährt das Schreiben fort, „dies bereits erklärt. Die einzige Veranlassung, daß Lord Salisbury in dieser Weise in meine guten Absichten Zweifel setzen konnte, müssen Jntriguen gewisser. Personen hier oder anderswo sein. E» müssen unwahre Behauptungen aufgestellt worden sein, um diese Meinung hervorzurufen. Ich wiederhole, ich werde die Reformen durchführen und selbst darüber wachen, daß jeder Artikel in Wirksamkeit gebracht wird. Das ist mein ernster Entschluß, hierfür verpfände ich mein Ehrenwort. Ich wünsche, daß Lord Salisbury hiervon Kenntniß nehme und bitte, daß er im Vertrauen auf diese Erklärungen eine andere Rede halte, entsprechend der freundlichen Gesinnungen, die er für mich und mein Land hegt. Dem Erfolge dieses Schreiben»
»ekanntmachuuL
betreffend Maßregeln zur Abwehr und Unterdrückung der Maul- und Klauenseuche.
Mit Rücksicht auf die vorhandene größere Seuchcngefahr hat das Großh. Ministerium des Innern und der Justiz angeordnet, daß Rindvieh, Schafe, Ziegen und Schweine, welche von außerhalb des Großhcrzogthums erngesuhrt werden, an demjenigen Orte des Kreises, an dem sie zuerst eingestellt werden, mindestens sieben Tage verbleiben müssen and denselben, außer wenn sie zum Zwecke sofortiger Schlachtung unmittelbar in ein öffentliches oder Pnvat- schlachthaus übergeführt werden, nur verlassen dürfen, wenn sie innerhalb jener sieben Tage nach dem Zeugnisse des Bürgermeisters oder eines Thierarztes keine scuchenverdächtige Erscheinungen gezeigt haben. Die gleiche Maßregel gilt für alles Klaucnvieh, welches aus den Kreisen Schotten, Alsfeld, Büdingen und Friedberg in den Kreis Gießen verbracht wird. ,
Gießen, den 20. November 1895.
Grobherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Gießener Anzeiger
Kenerat-Mzeiger.
«uni k.frtdl
Amtlicher Theil.
Gießen, 19. November 1895.
©etr.: Reichegesetz vom 13. Juni 1895: die Fürsorge für die Wittwen und Waisen der Personen deS SoldatenstandeS deS ReichSheereS und der Kaiserlichen Marine vom Feldwebel abwärts.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Großh. Bürgermeistereien des Kreises.
P ^Sofern in Folge unserer Bekanntmachung vom 20. September d. I. (Gießener Anzeiger Nr. 226) Anmeldungen auf Grund des rubr. Reichsgesetzes bei Ihnen erfolgt sein sollten, sehen wir deren Vorlage mit Ihren Berichten bis zu Ende dieses Monats spätestens entgegen.
v. Gagern.
Mn.


