Einzelbild herunterladen

Rr. 195

Der

Lietzener Attzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montag».

Die Gießener

A»«milie»Slätter werden dem Anzeiger wvchrntlich dreimal drigelegt.

Mittwoch den 21. August

Gießener Anzeig er

Kenerat-Ftnzeiger.

Vierteljähriger ASounemenlsprets r 2 Mark 20 Psg. mit vriugerlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg.

Redaktion, Lxpeditiotz und Druckerei:

SlSukstratze Ar.7. Fernsprecher 51.

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gieren.

| Gratisbeilage: Gießener Aamitienßlätter

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für den folgenden Lag erscheinenden Nummer bi» Norm. 10 Uhr.

Alle Annonccn-Bureaux de» In- und Auslandes nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Anrttichsr Theil.

Gießen, den 19. August 1895. Betr.: Die Bildung der Schöffen» und Schwurgerichte. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Grohh. Bürgermeistereien des Kreises.

Wir beauftragen Sie, mit der Aufstellung der Urlisten der zum Amte eines Schöffen oder Ge­schworenen bestellbaren Personen zu beginnen und diese Listen nach vorgängiger achttägiger Offenlegung sammt den etwa erhoben werdenden Reclamationen mit Begleit» bericht spätestens bis zum 15. Oetober l. I. an die zuständigen Amtsgerichte einzusenden.

Die Spruchliften der Geschworenen haben, wie bereits in unserem Ausschreiben vom 20. April 1885 (Anzeiger Nr. 92) bemerkt murd-, in mehrfachen Fällen die Namen von Personen enthalten, welche das 30. Lebensjahr noch nicht vollendet oder das 65. bereits überschritten hatten und sind hierdurch in den Schwurgerichtsfttzungen den Fortgang der Verhandlungen hemmende Weiterungen veranlaßt wor­den. Derartige Vorkommniffe können nur durch eine genaue Beobachtung der hinsichtlich der Aufstellung der Urlisten der Schöffen und Geschworenen bestehenden Bestimmungen ver­mieden werden. Wir machen Ihnen daher die sorgfältigste Beobachtung der Vorschriften in § 1 und 3 der Verordnung vom 14. Mai 1879 (Reg.-Bl. S. 213) zur Pflicht. Hier­nach sind die in den 32, 33 und 34 des Gerichtsver- faffungsgefetzes (f. Reichs-G.-Bl. von 1877, S. 47) bezeich­neten Personen nicht in bie Urlisten aufzunehmen, während bei den in § 35 daselbst Genannten der Grund, warum sie ablehnen können, in der SpalteBemerkungen" der Liste anzugeben ist. In allen Fällen, in welchen Zweifel darüber bestehen, ob eine in die Urliste aufzunehmende Person das 30. oder 65. Lebensjahr vollendet habe, wollen Sie sich durch eine Anfrage bei derselben, oder in sonst geeignet scheinender Weise genau über deren Alter vergewiffern. Sie dürfen aber auch nicht Personen, welche Sie für ungeeignet zum Amte eines Schöffen oder Geschworenen halten, bei denen aber die gesetzlichen Voraussetzungen vorliegen, aus der Liste weglaffen, z. B. weil sie arm oder zu alt sind. Sie wollen vielmehr diese Personen ebenfalls in die Liste auf­nehmen, Ihre Ansicht aber unterBemerkungen" oder im Begleitberichte angeben.

Das zur Aufstellung der Listen erforderliche Formular wird Ihnen k. H. zugesandt werden.

o. Gagern.

Bekanntmachung.

Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die nach § 6 des Reichsgesetzes vom 21. Juni 1887 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden ermittelten Durchschnittsmarktpreise, einschließlich eines Auf- schlags von Fünf vom Hundert pro Monat Juli 1895 für den Lieferungsverband Gießen pro 100 Kg betragen: Hafer Mk. 14,50, Heu Mk. 4,20, Stroh Mk. 4,10.

Gießen, den 19. August 1895.

Großherzogliches Kreisaml Gießen, v. Gagern.

Gießen, den 19. August 1895.

Betr.: Die Ergänzungswahl des Kreistages des KreffeS Gießen durch die 50 Höchstbesteuerten.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

au die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreifes.

Diejenigen von Ihnen, welche noch mit Erledigung unserer Verfügung vom 5. l. Mts. Anzeiger Nr. 183 im Rückstände sind, werden hieran mit Frist von 3 Tagen erinnert.

v. Gagern.

Netteste Nachrichten.

Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.

Berlt», 19. August. Auf sämmtlichen Bauplätzen der Berliner Gew erbeauSstellun g sind die Arbeiten in vollem Umfange wieder ausgenommen. Die geplante ArbettS- mederlegung der Zimmerleute ist durch rheilweise Lohn« erhöhung zunächst beigelegt. Ob die Arbeiten morgen wettergeführr werden, entscheidet eine Berathung der bethei- ligten Zimmerleute.

Pari«, 19. August. DerMatin" publicirt ein Inter- wird mit dem elsaß-lothringischen ReichSragS-Abgeordneten

Guerber und dem Mitgltede des Landesausschuffes Dr. Petri, welche beide erklärten, eine elsaß-lothringische Frage extsttre nicht. Guerber sagte, eS fet eine Utopie, zu glauben, daß Elsaß zu Frankreich zurückkommen könne. Deutsch find wir und deutsch bleiben wir." Petri betonte, Frankreich verkenne die wirkliche Lage Elsaß Lothringens. Man bilde sich dort ein, daß die Elsässer in Permanenz auf der Straßburger Kathedrale Wache halten und auSblicken, ob Frankreich käme, sie zu befreien.Das ist eine Legende, die im Jntereffe beider Länder zerstört werden sollte. Un­zweifelhaft hat die Stunde der Resignation geschlagen- wir wünschten zufolge unserer Sympathien für Frankreich, daß sie auch jenseits der Bogesen schlüge. Unsere Stadt gedeiht, ihre Industrie wird täglich reicher. In Straßburg gibt es nur einige wenige, welche um den Preis eines Krieges wieder Franzosen werden möchten. Die große Mehrheit will den Frieden und die Aufrechterhaltung des status quo. Unsere Ambition ist die Entente zwischen Deutschkand und Frank­reich. Wenn diese Entente sich realisirt, kann dies nur auf Grund des Frankfurter Vertrages geschehen. Alle andere Lösungen, wie ein PlebiScit, Neutralität oder Theilung find Hirngespinnste. Das ist die Wahrheit. Ich wünschte, Sie hätten den Muth, dies zu sagen und die öffentliche Meinung Frankreichs den Muth, dies zu begreifen."

Havre, 19 August. Präsident Faure hielt heute eine Flottenrevue ab. Er wurde lebhaft begrüßt.

Depeschen deS Bureau .Herold".

Berlin, 19. August. Der Kaiser ist heute Nachmittag 2 Uhr mittelst Sonderzuges zum Besuch der Kaiserin nach WilhelmShöhe abgeretft.

Berlt», 19. August. Wie dieNordd. Allg. Ztg." hört, hat Fürst Bismarck auf die Einladung zur Grundstein- legungSfeier, welche Fürst Hohenlohe im Allerhöchsten Auf­trage übersandte, letzteren gebeten, mit Rücksicht auf seinen Gesundheitszustand sein Nichterscheinen beim Kaiser zu ent­schuldigen.

Berlin, 19. August. DerReichsanzeiger" veröffentlicht die Verleihung des Kreuzes und Stern der Groß-Comthur zum Königlichen HauSorden von Hohenzollern mit Schwertern am Ringe an den General-Feldmarschall Grafen Blumenthal.

Berlin, 19. August. Der Kaiser hat am gestrigen Tage eine größere Anzahl von Beförderungen unter Armeebefehl, an verschiedene Offiziere Decorationen ver­liehen. Von letzteren ist zu erwähnen die Verleihung deS Rothen Adlerordens 3. Klaffe mir Schleife und Schwertern an den dienstthuenden Kriegsadjutanten Oberst von Scholl. Ferner wurden Flügeladjutant Oberftlieutenant von Molrke, Freiherr von Seckendorff, Militär-Attache in Bern und Graf von Hülsen, Militär-Attache in Wien, zu Obersten befördert.

Berlin, 19. August. Aus Crossen a. d. Oder wird einigen Blättern berichtet: Graf Caprivi erhielt am letzten Freitag vom Kaiser sowohl wie vom Großherzog von Olden­burg anläßlich des Gedenktages der Schlacht von Marslatour, an der er im Generalstabe deS 10. Armeecorps theilgenommen, sehr huldvolle Telegramme. In vergangener Woche empfing Graf Caprtvt den Besuch deS StaatSsecretärS von Bötticher und des Marinechefs von Hollmann, die im Namen sämmt- licher Chefs der Reichsverwaltung in den verschiedenen Ab- theilungen ein kostbares Album mit den Photographien der' letzteren überreichten.

Berlin, 19. August. Heute Vormittag hat auf dem Tempelhofer Felde die Besichtigung der Krieger­vereine durch den Kaiser stattgefunden. Es betheiligten fich daran 13 748 Mann. Der Kaiser hielt eine Ansprache an die Versammelten, in welcher er zunächst seines Groß­vaters und der Sch'achten vor 25 Jahren gedachte und sodann den Wunsch aussprach, daß der heutige Tag sür die ver­sammelten Kameraden ein neuer Ausgangspunkt sein möge zum Respect vor dem Gesetz, zur Pflege von Religion und Königstreue. Die Kameraden sollten treu zum Throne halten und allen Umsturzbestrebungen entgegentreten. In Anerkennung der Verdienste habe der Kaiser durch CabinetSordre vom gestrigen Tage befohlen, daß die eisernen Kreuze eine Eichen­laub-Verzierung in Silber mit der eingravtrten Zahl 25 und die Kriegsdenkmünzen einen Silber-Riegel erhalten sollen, auf welchem die Schlachten und Gefechte etngravirt werden, welche der Inhaber mitgemacht hat. Hierauf brachten die Versammelten ein dreifaches Hurrah auf den Kaiser aus und Kamerad Wolkewitz dankte dem Kaiser dafür, daß er den Kriegern Gelegenheit gegeben habe, sich dem obersten Kriegs­herrn vorzustellen.

Berlin, 19. August. Die Denkmäler für die Ge­fallenen auS den Kriegen 1864, 1866 und 1870/71

wurden heute von zahlreichen Veteranen besucht und kostbare Kränze an den Denkmälern niedergelegt.

Berliu, 19. August. In einer gestern stattgehab'ten Anarchistenversammlung kam es zu heftigen Auftritten zwischen Anarchisten und Socialdemokraten. Als einer der Redner die Worte gebrauchte:Wer weiß, ob Marx und Engels nach fünfzig Jahren nicht als Verbrecher an der Menschheit hingeftellt werden?" entstand ein furchtbarer Tumult. Die Versammlung ging schließlich ruhig aus­einander.

Köln, 19. August. Die Unruhen in Mülheim dauern fort. Höheren Orts wurde Bericht eingefordert, ob eine Militärabtheilung in den nächsten Tagen den Sicherheits­dienst verrichten solle. Gestern Abend räumte die durch Kölner Gendarmerie verstärkte Polizei die Werft und vertrieb die tausendköpfige Menge in die Seitenstraßen. Aus den Fenstern der Nachbarhäuser wurden Schüffe abgefeuert und mit Eisentöpfen, Gläsern und Steinen nach den Schutzleuten geworfen. Die Gendarmerie erwiderte die Schüsse. Eine Anzahl Personen wurden durch Schüffe und Säbelhiebe verletzt, ein 15jähriger Knabe liegt im Sterben. Eine große Anzahl Ruhestörer wurde« vergastet.

Köln. 19. August. Nach der gestrigen osficiellen Er­öffnung fand heute Vormittag der Delegirtentag der deutschen Schuhmacherinnungen statt. Es wurde beschloffen, die StaotSregierung zu veranlaffen, die Errichtung der Filialen zu beschränken, bei der Anmeldung einer solchen den DurchschnittSsatz von 16 Mark zu veranlagen, wenn auch ein Einkommen von 1500 Mark nicht nachgewiesen ist, ferner mit allen Kräften darauf zu dringen, daß bei dem Entwurf gegen den unlauteren Wettbewerb den Innungen und Corpo- rationen das Recht zur Erhebung der Civilklage beigelegt wird.

Köln, 19. August. Die gestrige Weltmeisterschaft für Touren-Fahrer über eine englische Meile erwarb Eden auS Arnheim in Holland. In dem Weltmeifterschafts- fahren über 100 Kilometer für Berufsfahrer war Michael (England) Erster, Luyton (Holland) Zweiter und Hoffmann- München Dritter.

Glatz, 19. August. Heute Vormittag ist Hierselbst die Kaiserliche CabinetSordre eingetroffen, durch welche der Cere- monienmeifter von Kotze, der bekanntlich seit sechs Wochen wegen des Duells mit Herrn von Reischach hier die über ihn verhängte Festungshaft verbüßt, begnadigt wird.

Brussel, 19. August. Hiesige Blätter melden unter Reserve aus Petersburg, daß dort eine Kaserne in die Luft gesprengt worden sei. 300 Soldaten und mehrere Offiziere sollen tobt sein. Es ist die Ansicht vor­herrschend, daß eS fich um eiu nihilistisches Attentat handelt. Eine Bestätigung der Nachricht liegt jedoch noch nicht vor.

Paris, 19. August. General Saussier hat von dem russischen Admiral Avelane eine» prachtvollen Pokal erhalten mit der Aufschrift: Andenken der russischen Marine­soldaten an ihre franzöfischen Kameraden.

Der Krieg von 1870J71,

geschildert durch Ausschnitte aus Zeitung«-Nummern jener Zeit.

(Nachdruck verboten.)

21. August.

E n in Frankfurt verwundet liegender preußischer Offizier erzählt Folgendes: Bei dem Sturme auf die Höben bet Wörth durch einen Schuß ins Fußgelenk kampfunfähig gemacht, wird er von einigen Soldaten seitwärts in eine Vertiefung gelegt und dann verlaffen. Das Treffen zieht weiter. Plötzlich richtet fich ein Turko, welcher mit Blut bedeckt regungslos und daher von Niemanden beachtet da­gelegen hatte, in einer Entfernung von etwa 20 Schritten auf, ladet sein Chassepot und legt auf den Offizier an. Ab- wehr war für den Offizier nicht möglich- deffen Drohworte werden vom Turko mit Grinsen beantwortet und der Offi­zier hält fich verloren. Da pfeift eine Kugel und der Turko bricht mit zerfchoffenem Kopfe zusammen- eiu Füsilier des 95. Regiment-, welcher die Gefahr gesehen, hatte mit wohl- gezieltem Schüsse ihn niedergeftreckt und stürzte nun tu Wuth herbei, um noch mit dem Bajonett dem bestialischen Kabylen vollends den Garaus zu machen. Nach der Schlacht wird der Offizier mit anderen Verwundeten nach Gunstett ge­bracht- die Einwohner bieten den Lechzenden Milch an, der fie begleitende Arzt verbietet aber, diese zu nehmen, bevor er fie untersucht habe, und findet bet der Untersuchung überall Gift (Phosphor) vor. Achtzehn Bauern wurden darauf standrechtlich erschossen. Als der Offizier in sein Quartier bet dem OrtSgeiftltchen gettagen wird, begegnet ihm dieser unter milttärifcher EScorte- es war festgestellt worden, daß