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21.7.1895 Zweites Blatt
 
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Nr. 169

Der chietzener Anzeige erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Die Gießener A«mttte«vtät1er werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Zweites Blatt. Sonntag den 21. Juli

189*

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Die Krifis in Bulgarien.

Durch zwei durchaus verschiedene, aber ohne Zweifel in geistigem Zusammenhänge stehende Ereignisse ist daS Fürsten­tum Bulgarien in eine ganz unberechenbare Krifis gestürzt worden. Bulgarien hat in diesen Tagen seine ganze rühm« volle Vergangenheit, welche auf die Erlangung der Selbst- ftändigkeit und Freiheit des bulgarischen Volkes gerichtet war, verleugnet, denn während eine bulgarische Deputation unter Führung des Metropoliten Clement und deS Kammer­präsidenten Theodoroff in Petersburg mit Erfolg um Ruß­lands Gunst wirbt, haben die Helfershelfer der Ruffenfreuude und Panslavisten den früheren bulgarischen Mtnisterpräfi- denten Stambulow, der seiner Zeit mit so großem Erfolge Bulgariens Selbstständigkeit gegen Rußland vertheidigte, «euchelmörderisch überfallen und mit Dolchstößen derartig zugerichtet, daß er am folgenden Tage gestorben ist. Er­bärmlich, heuchlerisch und im hohen Grade ekelhaft ist es, wenn die jetzige bulgarische Regierung und die jetzt herrschende russische Partei ihre Hände in Unschuld wäscht und das Ge­rücht verbreiten läßt, als sei Stambulow daS Opfer einer Privatrache geworden. Auch der Umstand, daß die bul­garische Regierung einen Preis auf die Mörder StambulowS gesetzt hat, darf Niemanden irre führen, denn die orientalische Verschlagenheit spottet in Bezug auf politischen Meuchelmord jeder Beschreibung. Es ist auch klar, daß Stambulow den jetzigen Machthabern in Bulgarien jedenfalls im gegenwärtigen Augenblick ganz besonders gelegen stirbt. Sie haben eine Untersuchung gegen ihn einleiten lassen, welche von Anfang an in ihrer ganzenjEinleitung und Durchführung verfassungs­widrig war, und bet welcher es sich von vornherein nicht um Gerechtigkeit, sondern um die moralische und womöglich auch physische Vernichtung Stambulows unter Zuhilfenahme einer kläglichen Parlamentarischen und gerichtlichen Farce handelte. Ohne Zweifel hat die Untersuchung aber auch unter diesen Umständen keine Erfolg verheißenden Ergebnisse geliefert. Der Lebendige konnte sich nicht vertheidigen, über den Tadteu kann man zusammenlügen, was man für zweckdienlich erachtet.

Der 15. Juli wird daher ein schwarzer Tag in der Geschichte Bulgariens bleiben; nicht bloß Stambulow, son- dern höchst wahrscheinlich das selbstständige Bulgarien in eigener Person ist an dem Tage zu Tode getroffen worden.

Schon lange war Stambulows Haupt für den Meuchelmord gezeichnet. Seit seinem Sturze fühlte er sich keinen Tag seines Lebens sicher, und höchst schwächlich war der Schutz, den ihm die öffentliche Gewalt nicht nur gegen Beleidigungen aller Art, sondern auch gegen thätliche Bedrohungen ge­währte- er mußte fich selbst mit Beschützern umgeben, sich in seinem Hause sozusagen verschanzt halten. Nun hat man ja den einstigen berühmten Träger der bulgarischen Selbst­ständigkeit aus andere schändliche Weise unschädlich gemacht, aber in Einem haben sich die Thäter und die Mitschuldigen verrechnet. Die Theilnahme und die Werthschätzung Europas, welche früher den Bulgaren so eifrig zugewandt wurde und ihnen eine so große moralische Stütze war, ist ihnen unreif bar verloren gegangen, denn wer mag noch Sympathien für ein Volk haben, welches so außerordentlich wankelmüthig und erbärmlich in seiner politischen Gesinnung ist, welches heute das verbrennt, was es gestern noch angebetet hat! Und ob die Bulgaren nun bet den Ruffen daS ihnen angeblich fehlende Glück finden werden, dürfte doch noch sehr zweifelhaft sein. Auch werden England, Deutschland, Oesterreich, Italien, die Türkei und Rumänien schwerlich gestatten, daß Bulgarien ein Tummelplatz für russische EroberungSpläne im Orient werden wird.

Cocates und Lrovlirzielles,

Stammheim, 15. Juli. Gestern geleiteten wir den ältesten Einwohner unseres Ortes zur letzten Ruhe: Herrn Konrad Becht, der durch zwei Amtsperioden als Bürgermeister und Ortsgerichtsvorsteher fungiert hat und nunmehr im 88. Lebensjahre verstorben ist. Vor 12 Jahren lehnte er in Rücksicht auf sein Alter eine Wiederwahl ab.

n. Von der Ridda, 17. Juli. Der Preis für die Früh­kartoffeln beträgt eben 6 Mk. für den Kilocentner. Ein allgemeines Urtheil über den Ertrag ist dieses Jahr seh* schwer abzugeben, da infolge verschiedener zusammenwirkender, schon oft erwähnter Umstände, derselbe Heuer viel mehr als sonst von dem Zustand, in dem sich der Ackerboden beim An­pflanzen befand, abhängig ist. Auch von der Zeit der An­pflanzung ist die Ernte sehr abhängig. Auf manchen Aeckern ist die Ausbeute eine sehr gute, auf andern, mit gleichen Bodenverhältnissen und gleichen Sorten besteckt, dagegen nur

eine geringe.Eine gute Mittelernte" wird darum die richtige Bezeichnung für die diesjährige Früh-Kartoffel« ernte sein.

0. Aus Oberhessen, 18. Juli. Da, wo starke Mai» käferflüge stattfanden, wurden die Bäume, besonders Eichen, Roßkastanien u. a. von der Spitze abwärts zum Theile ganz, thetls auch in geringerem Maße ihres Laubes beraubt. Zur jetzigen Zett, nach Eintritt des zweiten oder sogenannten Johannistriebes bildet sich daS abgefreffene Laub wieder und kommt in zarter, hellgrüner Farbe zum Vorschein, wie im Wonnemonat Mai. Dieses hellgrüne Laub unter dem durch die Sommersonnenstrahlen viel dunkler ge­wordenen nimmt sich allerliebst aus, weßhalb wir die Touristen auf dieses Farbensptel und dessen Ursache hiermit aufmerksam machen.

Dermifdpto»

* Ems, 15. Juli. Vor fünfundzwanzig Jahren. So lange Bad Ems besucht wird, gab es wohl daselbst unter den Badegästen keine größere Aufregung, als am 15. und 16. Juli 1870. Schon am Vormittage des 16. begann die Abreise, oder richtiger gesagt, die Flucht der Badegäste in die Heimath. Die Eisenbahnzüge waren bis auf den letzten Platz gefüllt, doch gab es auch sehr viele, die mit Fuhr» werken (Droschken, Leiterwagen), ja sogar auf Eseln die Flucht nach Coblenz bewerkstelligten. Am Nachmittage des 16. (Samstag) war die Straße Ems-Niederlahnstein dicht mit Fuhrwerken rc. besetzt, Wagen an Wagen, Esel an Esel, alles zog nach Coblenz, um von da ab, per Schiff oder per Bahn der Heimath zuzueilen. Vielfach kam es vor, daß Kurgäste Wäsche hinauSgegeben hatten. Diese wurde, naß oder trocken, wie sie eben war, zurückbeordert und eingepackt. In Coblenz selbst befand sich am 16. Nachmittags schon alles in größter Erregung, da den Bewohnern aufgegeben war, sich auf eine entsprechende Zeit zu verproviantiren. Gegen 3 Uhr Nachmittags traf von Saarbrücken her ein Zug von etwa 30 bis 36 Lokomotiven, alle geheizt, am Rhetnbahnhofe in Coblenz ein, so daß man eS daselbst vor lauter Rauch und Qualm kaum aushalten konnte. In der folgenden Nacht wurden den Reservemannschaften dieEin- berufungsordres auf den 20. Juli Vormittags überbracht. Am Bahnhofe zu Oberlahnstein irafen am Nachmittage deS 16.

Feuilleton.

Wochenbriese ans der.Residenz.

(Originalbertcht desGießener Anzeigers").

Z. Darmstadt, 18. Juli.

ktadtifche Angelegenheiten. Erster Verbandslag der deutschen Technischen Hochschulen.

Jetzt, wo die Politik im Innern unseres Vaterlandes lcht, wo die Beamten und Schulen die HundStagsferien genießen, sollte mau annehmen, daß auch die städtischen An­gelegenheiten nicht mehr als gewöhnlich erörtert würden. Indessen eS scheint, daß gerade die Ferien Zeit und Muße ftr um so eifrigere Beschäftigung mit kommunalen Dingen geschaffen haben. Wenigstens hat der Haus- und Grund- sesitzer-VereinMathildenhöhviertel", der erste der Vereine, die gegründet wurden, um die Jntereffen einzelner Ltadttheile besonders zu vertreten mittlerweile sind noch mehrere andere gefolgt in der vergangenen Woche zwei Versammlungen einberufen, die beide äußerst zahlreich nicht aux aus den besonders tnteressirten Bezirken, sondern auch -iiS allen übrigen Stadtvierteln besucht waren.

Die Aufmerksamkeit weiterer Kreise dürften die Dar- tezungen deS Vorsitzenden in der ersten Sitzung verdienen. M ihnen ist daS erste Hauptziel des Vereins, die Schaffung <mer elektrischen Stadtbahn, noch immer nicht erreicht. Wer weiß, welche Entfernungen der Darmstädter Bürger, td der bekannten ausgedehnten Anlage der Stadt, zu durch- »effen hat, um in baß Centrum zum Markte, oder nach den Aichnhöfen rc. zu gelangen, der wird Ihre freundliche Musen- fiabt an der Lahn schon manchmal um ihre Omnibusverbindung tm Stillen beneidet haben. Wir Darmstädter aber haben gar nichts als die Droschken und die find bekanntermaßen nicht für alle Sterbliche erfunden; unsere sogenannte Dampf» firaßenbahn macht ja ihrem Namen alle Ehre, sie sorgt für dm nöthigen Dampf und Spectakcl in den Straßen, Werth für den Verkehr in der Stadt hat sie absolut nicht, im Grgentheil, sie ist ihm ein nicht geringes Hinderniß, ihre vkdeutung liegt in der Verbindung der benachbarten Orte

mit der Restdenz. ES ist ein bleibendes und nicht zu unter­schätzendes Verdienst befiMathilbenhöhvereinS", bas Interesse an einer praktischen unb billigeren Verbinbung ber einzelnen Stabtlheile untereinander neu geweckt und durch rührige Agitation wach gehalten zu haben. Die Zahl der Gegner des von jenem Vereine ins Auge gefaßte» Projektes ist seit der Zeit seines Bestehens erheblich geringer geworden, immer weitere Kreise beschäftigen fich mit der Angelegenheit, ein Plan ist ausgearbeitet und öffentlich diScutirt worden und die Presse hat fich der Sache in dankenswerthester Weise an­genommen. Nur unsere Stadtväter wollen noch nicht so recht daran, es scheint, daß sie noch nicht wagen, den Bahnbau für eigene, d. i. der Stadt Rechnung zu übernehmen. Nun hat eine Gesellschaft, die der Stadt die nöthige Garantie und eventuell Antheil am Gewinn angeboten, um die Concession nachgesucht. Hoffentlich wird die Stadtverwaltung dann mit diesem Consorrium einen günstigen Vertrag ähnlich dem der Stadt Bochum abschlteßen und diese brennende Frage damit erledigen.

Weiterhin dürfte die Mittheilung des Vorsitzenden mit Freuden zu begrüßen sein, daß Eingaben der hiesigen Bezirks- Vereine berathen und abgesandt worden seien und zwar 1) an die Stadtverordneten um Einschränkung des jetzigen Weich­bildes der Stadt, damit dies nicht ins Unendliche ausgedehnt werde und die Gemeindesteuer eine mäßige bleibe, und 2) an daS Reichspostamt um Errichtung je eines weiteren Neben­postamtes tm Soderviertel und am früheren Jägerthore.

Ganz in der Stille hat sich am vergangenen SamStag in unseren Mauern ein Ereigniß vollzogen, das danach an- gethan ist, große Hoffnungen für die Zukunft unserer deutschen technischen Hochschüler zu erwecken. Es waren nämlich ohne irgend welchen äußeren studentischen Prunk die Vertreter der Studentenausschüsse von den Technischen Hochschulen aus Aachen, Berlin-Charlotten­burg, Braunschweig, Darmstadt, Hannover, Karlsruhe, München und Stuttgart zur Berathung gemeinsamer Jntereffen zusammengetreten. Nur Dresden fehlte Mangels eines Ausschusses an dortiger Hochschule. DaS Resultat der zweitägigen Verhandlungen war die Gründung eines sämmtltche deutschen Technischen Hochschulen

. umfassenden Verbandes. Der Zweck dieses Verbandes soll darin liegen, danach zu streben, daß die Anerkennung der technischen Staatsexamina in allen deutschen Staaten zur Thatsache und daß die Aufnahmebedingungen an allen Tech­nischen Hochschulen die gleichen werden. Gerade über den letzteren Punkt habe ich Ihren freundlichen Lesern vor einiger Zett schon einmal berichtet und gezeigt, welch eigenthümltche Gährung besonders in hiesigen studentischen Kreisen wegen des Besuches der Hochschule durch Ausländer herrscht. Der neugegründete Verband erstrebt außerdem eine Gleich­berechtigung mit den Universitäts-Studenten, wie solche gelegentlich der Bismarckfeierlichkeiten bereits in die Wege geleitet wurde.

Am Samstag Abend fand dann im großen Saale des städtischen Saalbaues zu Ehren der auswärtigen Delegirten ein glänzender FestcommerS statt. In dem weiten, prachtvoll becorirten Saale hatten bie verschiebenen Corpo- rationen Platz genommen barunter zum ersten Male bie früherschwarze Verbinbung Chattia" in voller Couleur, roth-weiß'blau mit ziegelrothen Mützen währenb bie Gallerten von einem reizenben Darnenflor überfüllt waren. AlS Festgäste erschienen bie Professoren ber hiesigen Anstalt in außerorbentlich großer Anzahl mit bem beseitigen Rector Dr. Lepsins an der Spitze. Unter ben vielen Reben, bie gehalten würben, interesfirte besonders bie beS Rectors. Er wünschte Namens bes Professorencollegiums bem neugegrünbeten Verbanbe kräftiges Wachsen, Blühen unb Gebeihen unb tnS- besonbere ben Beratungen besten Erfolg. Auch ben Pro­fessoren sei daS Berathen strenge Pflicht, benn noch seien unsere Technischen Hochschulen jung unb beShalb besonders entwicklungsfähig. Sie folgten ben Fortschritten ber Technik mit Thatkraft unb blickten trotz ihrer Jugend schon auf die schönsten Erfolge zurück. Redner verweist bann auf beu enormen Antheil, den die deutschen Technischen Hochschulen an der Fertigstellung deS Nord-Ostsee-Canals hätten und mahnt die Studenten, festzuhalten in der seitherigen Einigkeit, zu der er sie im Namen deS Professorencollegiums beglück­wünschte. Sein dreifaches, jubelnd aufgenommenes Hoch galt den deutschen Technischen Hochschulen.