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21/04/1895 Drittes Blatt
 
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Nr. 93 Drittes Blatt. Sonntag den 21. April 189S

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Deutsches Reich.

Berlin. 19. April. Der preußische Land wirth- jchaftsMinister hat neuerdings die Verwaltungsbehörden zu Gutachten über die Wirkungen der Aufhebung des Identitätsnachweises aufgefordert.

Die Absendung zweier weiteren deutschen Kriegsschiffe nach Ost asten ist beschloffene Sache. Das eine dieser Schiffe wird der PanzerKaiser" sein, bezüglich des anderen schwankt die Entscheidung noch zwischen dem Kreuzer zweiter KlaffePrinzeß Wilhelm" und dem Kreuzer dritter KlasseGefion". Durch die Entsendung der genannten Schiffe erfährt das in den ostastatischen Gewäffern zusammen­gezogene deutsche Geschwader allerdings keine Vermehrung, da die dem Geschwader angehörenden KanonenbooteWolf" undIltis" Ordre zur Heimkehr erhalten haben. Dagegen wird die deutsche Flottenmacht in Ostasien durch den Hinzu­tritt desKaiser" und derPrinzeß Wilhelm", resp. der Gefion" eine beträchtliche Verstärkung in qualitativer Be­ziehung erfahren, da diese Schiffe denWolf" und den Iltis" in jeder Hinsicht weit Übertreffen.

Remscheid, 19. April. Bei der heutigen Reichstags- Ersatzwahl war die Betheiligung schwach. Es erhielten Fischbeck (freisinnige Volkspartei) 5000, Kemmann Bund der Landwirthe) 2100, M ei st (Socialdem.) 12,500, Stötzel (Centr.) 3360, Wendlandt (Antisemit) 800 und Wülfing (freicons.) 3800 Stimmen. Es ist somit eine Stichwahl zwischen Fischbeck und Meist erforderlich. Fr. Ztg.

£o<xUs unb ^provinzielles.

Arnsburg, 17. April. Unser so schön von Wald um­schlossenes ehemaliges Kloster, das sich als Ausflugsort immer größerer Beliebtheit erfreut, war gestern von vielen Hunderten Menschen besucht. Im Wald hielt der ober­hessische MtssionSverein sein jährliches Missionsfest ab, aus welchem Herr Pfarrer Walz von Lang-Göns die Festpredigt hielt'und Herr Missionar Schütz, der demnächst wieder den Ort seiner Thäligkeit, Sumatra, auffuchen wird, seffelnde Bilder aus dieser seiner Berufsthätigkeit vorführte. Unter Hinweis auf die Alterthümer des Klosters Arnsburg können wir mittheilen, daß denselben kürzlich ein werthvoller Fund eingereiht wurde, nämlich ein Grabstein des Grafen Cuno von Bellersheim. Der Stein wurde auf dem Friedhöfe zu Dorf-Gill entdeckt, ist von stattlicher Größe, gut erhalten und zeigt wundervolle Steinhauerarbeit und Inschriften.

Fe«illeton.

Ein brsvrr Hochstspter

Humoreske von Robert Frohn.

(Fortsetzung.)

Im Innern empört über diese schroffe Abweisung, suchte der junge Doctor sich doch aus Liebe zu Gertrud zu be­herrschen und erwiderte äußerlich ruhig:

Wenn ich Sie durch jenes Wort gekränkt habe, so bitte ich um Verzeihung- doch scheint es mir, daß mein Ausspruch Ihnen nicht daS Recht gibt, meiner Werbung gewinnsüchtige Zwecke betzumeffen. Zu der Beurtheilung meiner Fähigkeit, einst etwas zu sein und somit auch wohl etwas zu haben, halte ich Sie nicht competent. Wer kann überhaupt voraussagen, zu welcher Stellung eS Jemand später bringen wird? Selbst Fürst Bismarck hat in jungen Jahren wohl kaum geahnt, daß er einst den ersten Rang unter den Diplomaten einnehmen würde!"

Sie haben sich wenigstens hohe Ziele gesteckt- doch jeder Fähnrich träumt von dem Marschallsstab und jeder neugebackene Referendar will ein Bismarck werden," sagte Herr Krüger mit breitem Lachen.Da Sie mich nicht für einen competenten Beurtheiler Ihrer angeblichen Fähigkeiten halten," fuhr er dann spöttisch fort,so will ich Ihnen einen Vorschlag machen: bringen Sie mir Bismarck als Bürgen, daß Sie eS noch zu etwas bringen, dann sollen (sie mir als Schwiegersohn willkommen sein, wenn Trudchen Sie haben will. Mein Wort darauf! Bismarck halten Sie doch wohl für einen competenten Beurtheiler Ihrer Fähigkeit?" schloß er ironisch.

Darauf erhob sich daS gewichtige Ehepaar zum Zeichen, baß der arme Referendar verabschiedet sei.

In Heller Verzweiflung stürzte we,n Freund in meine Junggesellenwohnung, warf sich erschöpft auf einen Stuhl

§ Grebenhain, 17. April. Die erste diesjährige Holz- Versteigerung in hiesiger Oberförsterei wurde heute zu Ilbeshausen abgehalten. Die Preise waren gegen früher ziemlich hoch. Fichten - Stammholz kostete pro Festmeter 1012 Mk., Ahorn-Stämme 1520 Mark pro Festmeter, Buchen-Scheitholz pro Raummeter 1. Klaffe 4 Mark bis 5 Mk. 50 Pfg., 2. Klaffe 3 Mk. bis 3 Mk. 50 Pfg. Buchen-Knüppel wurden versteigert pro Raummeter 1. Klaffe zu 4 Mk. 50 Pfg. bis 5 Mk. (sehr theuer!), 2. Klaffe mit 3 Mk. bis 3 Mk. 50 Pfg-, Buchen-Reisig zu 1 Mk. bis 1 Mk. 50 Pfg. Demnächst folgen noch weitere Versteige­rungen und wird eS sich ergeben, ob die Preise für Brenn­holz in diesem Jahre überhaupt im Vergleiche zum Vorjahre theurer zu stehen kommen.

)( Düdelsheim, 17. April. Der hiesige Landwirth F. Hübner hat durch Erhängen seinem Leben eiu Ende gemacht. Der Verlebte war stark dem Trünke ergeben und glaubt man, daß er in einem Anfalle von Geistesstörung die Thai begangen hat.

§ Hungen, 18. April. Am zweiten Osterseiertage fand imSolmser Hof" dahier eine von hiesigen, wie auch aus­wärtigen Landwirthen besuchte Versammlung statt, in welcher die Errichtung einer Dampf-Molkerei endgiltig beschloffen wurde. Die Molkerei wird im Laufe dieses Sommers dahier erbaut werden und soll der Betrieb, wenn irgend möglich, bis Herbst l. I. eröffnet werden. Das Unternehmen ist gesichert, da außer zahlreichen Landwirthen und Pächtern auch der Besitzer einer Privat-Dampsmolkerei mit Kundschaft dem neuen Unternehmen beitreten wird. Das Unternehmen führt die BezeichnungDampf-Molkerei Hungen, Oberhessen, Eingetragene Genoffenschaft mit unbeschränkter Haftpflicht". Zum Director der neuen Genossenschaft wurde einstimmig Herr v. Oven dahier erwählt.

§ Hartmauushaiu (Kreis Schotten), 19. April. Der hiesige Rechenmacher Heinrich Adolph VII. fand heute in dem an der Straße zwischen hier und Grebenhain be­findlichen Weidheckenteich den Leichnam des Landwirths und Chausseearbeiters Heinrich Luft von Grebenhain. Der­selbe war ein sehr tüchtiger, fleißiger und braver Mann. Was den Unglücklichen zum Selbstmord getrieben haben mag, (man vermuthet Selbstmord) ist noch unbekannt. Eigen- thümlich ist es, daß an genannter, etwa 1 Kilometer langer Strecke schon 6 Selbstmorde vorgekommen sind. Luft stand im Alter von 73 Jahren.

A Zeilbach (Kreis Alsfeld), 18. April. Der Selbst­

i und bedeckte sein Antlitz mit den Händen. Ich hatte Mühe, die erfolglose Werbung und die lächerliche Bedingung, unter welcher ihm die Erfüllung seines Wunsches in Aussicht ge­stellt war, aus ihm herauSzufragen. Nachdem ich dann durch weidlicheS Schimpfen auf daS philisterhafte, protzige Kleinbürgerthum des Städtchens meinem Herzen Luft ge­macht hatte, suchte ich den Freund nach Kräften zu trösten, er müsse doch über kurz oder lang eine einträgliche Stelle erhalten und dann würden die Alten schon ihre Gesinnung ändern - die Hauptsache sei ja, daß er wisse, sein Mädchen bleibe ihm in treuer Liebe zugethan.

ES gelang mir auch, ihn einigermaßen zu beruhigen- nur war er sehr betrübt darüber, daß Krügers wahrscheinlich Gertrud jetzt an der nahe bevorstehenden Vergnügungsreise des Clubs nicht würden theilnehmen laffen. Diese Be­fürchtung erwies sich indeß als unbegründet. Gertruds Eltern mochten wohl glauben, Albers würde nach der Ab­weisung, die er erfahren hatte, die Reise nicht mitmachen, denn als man sich im.Bahnhofe versammelte,-zeigte eS sich, daß die Familie Krüger vollzählig erschienen war.

Unser Ziel war Hamburg, von wo wir gemeinsame Aus­flüge an die Nordsee und nach der sonstigen schönen Umgegend zu unternehmen gedachten.

Schon für den zweiten Tag nach der Ankunft in Ham­burg wurde eine Tour nach dem Sachsenwalde beschloffen.

Mit der Bahn gelangten wir zu der Aumühle, einem von den Hamburgern gern besuchten Versammlungsorte mitten im Walde, kurz vor Friedrichsruh. Als wir uns am ge­meinsamen Frühstück erfrischt hatten, vereinigten sich die älteren Wellverbesierer zu einer Kegelpartie, während die Damen und die jüngeren Herren einen Spazierweg durch den Wald machten. Unterwegs kam man auf die Idee, die Wanderung bis nach Friedrichsruh fortzusetzen, wo wir hoffen konnten, den Fürsten BiSmarck zu sehen. Ich erbot mich, den zurückgebliebenen Herren von dieser Absicht Kunde zu bringen und sie zu ersuchen, mit dem nächsten Zuge gleichfalls nach Friedrichsruh zu kommen. w

mord eines hiesigen dreizehnjährigen Knaben erregt hier nicht geringes Aufsehen. Als gestern die Frau G. auS der Industrieschule, welche sie leitet, nach Hause kam, fand sie ihre Wohnung von innen zugeriegelt. Man öffnete die­selbe und ein entsetzlicher Anblick bot sich der Mutter dar: In der Mitte der Stube an einem Haken hängend sah sie ihr einziges Kind entseelt. Was den Buben, der übrigens nichts weniger als brav gewesen, dazu verleitet hat, die That auSzuführen, muß dahingestellt bleiben- vielleicht hat derselbe nach böser Bubenart daS Hängen bloS einmal probiren wollen.

§ Aus dem Vogelsberg, 19. April. Die Ortsvorstände zu Grebenhain, Crainfeld und Bermuthshain sind in einer Eingabe an Gr. Ministerium dahin vorstellig geworden, daß ihre Gemeinden von der auf Antrag des Abg. Muth-Salz und Genossen beschloffenen Theilung deSAmtsgerichtS Herbstein nicht berührt werden möchten. Die betr. Ge­meinden erklären, daß sie nicht nur kein Interesse daran haben, einem zukünftigen Amtsgericht Nieder - Moos oder Freiensteinau zugetheilt zu werden, sondern fte gestatten sich vielmehr, hoher StaatSregierung die dringende Bitte zu unterbreiten, daß sie, falls in absehbarer Zeit die von der zweiten Kammer beschloffene Theilung der Gerichte in Aus­führung gebracht werden sollte, unter allen Umständen dem Amtsgericht Herbstein zugetheilt bleiben. Hierfür spreche der Umstand, daß die wichtigsten Jntereffen der ganzen Gegend nach Herbstein hinneigen. In Herbstein befinde sich die Sparkaffe- Lauterbach (der Sitz des Kreisamts) sei die nächst gelegene Stadt und Jeder, der in derselben etwas zu besorgen habe, müsse Herbstein berühren, und sei ihm so die Gelegenheit geboten, ohne besondere Gänge und ohne besonderen Zeitaufwand Geschäfte am Gericht erledigen zu können. Sollte jedoch eine Trennung oder vollständige Verlegung des seitherigen Amtsgericht Herbstein, das aller­dings am äußersten Ende des Gerichtssprengels liegt, inS Auge gefaßt werden, so dürfte nach Meinung der Gesuchsteller kein geeigneterer Sitz desselben vorhanden sein, als die Orte Grebenhain oder Crainfeld, da dieselben im Centrum des Gerichtssprengels liegen, und den jetzigen Klagen der Bewohner von Salz, Freiensteinau, Radmühl und Fleschen­bach wegen zu großer Entfernung vom Gerichtssitz jegliche Be­rechtigung entzogen werden würde, indem die Entfernung des am weitesten gelegenen der genannten Orte von hier nicht mehr als 12 Kilometer beträgt.

Darmstadt, 18. April. Aus Friedrichsruh wird demDarmst. Tgl. Anz." berichtet: Die Darmstädter

Als ich meine Botschaft ausgerichtet hatte, machte ich mich wieder auf den Weg und schritt rasch aus, um die Gesellschaft einzuholen - da begegnete ich an einem Waldpfade einem alten Onkel von mir, der sich nach einem vielbewegten Leben als SchiffScapitän in dieser Gegend zur Ruhe gesetzt hatte. Noch voller Lebensfreudigkeit und Rüstigkeit, nah« er an Allem regen Antheil, und wir waren bald in leb­haftem Gespräch, denn er hatte meinen Arm genommen, um mich eine Strecke zu begleiten. Bei einer Biegung des Weges sah ich auf einmal nicht weit vor unS meinen Freund AlberS mit Gertrud, die Gelegenheit gefunden haben mußten, sich von der übrigen Gesellschaft abzusondern.

Ich wollte sie in ihrem seltenen Alleinsein nicht störe« und schlug mit meinem Onkel einen Seitenpfad ein, indem ich ihn von meinem Freunde und der thörichten Bedingung, welche der geldstolze Schwiegervater ihm gestellt hatte, unterhielt.

Mein jovialer alter Onkel scherzte über meine Schilderung der Verhältnisse in unserem Städtchen und unserem Club und sagte lachend:

Wie schade, daß Fürst Bismarck heute gerade nicht hier ist, sonst hätten man ihn ja gleich um sein Urtheil über den jungen Mann bitten können- Deinen Lobeserhebungen nach wäre es ja wohl nicht allzu ungünstig ausgefallen."

Bald darauf trennten wir uns. Mein Onkel setzte seine Waldwanderung in anderer Richtung fort und ich eilte zu den Damen, um ihnen mitzutheilen, daß die Herren ihre Kegelparthie bald beendigt hätten und mit dem nächste« Zuge in Friedrichsruh eintreffen müßten.

Es dauerte auch nicht lange, da kamen sie, und in­zwischen hatten sich auch AlberS und Gertrude wieder ein­gefunden.

So waren nun alle Theiluehmer an der Tour wieder versammelt und wanderten in frohester Laune in dem herr­lichen Walde.

(Schluß folgt.)