Mr. 44 Donnerstag den 21. Februar
1S95
Der
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Gießener Anzeiger
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Amtlichem Theil.
Bekanntmachung,
betreffend die Maul- und Klauenseuche.
Wir bringen hiermit zur öffentlichen Kenntniß, daß zu Wenings, Kreis Büdingen, die Maul- und Klauenseuche festgestellt und Orts- und Gemarkungs-Sperre angeordnet worden ist.
Gießen, den 19. Februar 1895.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Deutscher Reichstag.
41. Sitzung. Montag, den 19. Februar 1895.
Beralhung des Etats deö Retchsamts des Jauern.
Abg. Ennec cerus (ntl.) befürwortet die Anträge Kruse und H tze, bält den Auer'jchcn Antrag für berechtigt, jedoch die Zeit zur Durchführung desselben für noch nicht geeignet. Redner tritt sodann den Angriffen aus die Jnoaltdttätsveisichelung entgegen.
Staatssecretär v. Bötticher bofft, daß die ungerechtfertigten Angriffe aus die JnvaltdliLiSoerficherung mit der Zelt aufhöicn werden, giebt das Vorhandensein von Mängeln in der Gesetzgebung »u und stellt Abhülse in Aufsicht. Weiler erklärt sich der Staatssecretär gegen den Antrag Auer, acceptirt den Antrag Hitze betr. Beschleunigung der Reso men der b.stehenden Versicherungsgesetze, dagegen hegt er gegenüber dem zweiten Anträge von H'tze, vermehrte Verwendung der Mittel der Versicherungsanstalten für ländwtrth- schastltche Creditzwecke, Bedenken. Betreffs des Antrages Kruse fänden bereit« Erwägungen statt. u .
Abg. Grtllenberger (Soc.) führt aus, daß die bisherigen Versicherungsgesetze noch lange nicht weit genug gehen, um die tief greifenden Schäden der heutigen Gesellschaftsordnung abzust.llen und die Lebenshaltung der Arbeiter in der wünschenswerthen Weise zu btff<rnäb0. Röstcke (sraciionsloö) hält die Zett für so wichtige Abänderungen, wie sie der Auer'sche Antrag wünsche, für noch nicht gekommcn. Die Klagen der Socialdemokraten über Mängel und Handhabung drr foctaipolitischen Gesetze bezeichnet Redner als über- ^^Abg. Hilpert (bayer. Bauernb.) tritt für den Antrag Hitze betr. die landwirthschaftliche Credttsorderung ein.
Abg. Meyer (Rp) bedauert, daß die von dem Jnvaliditäts- I gesetzt erhofften Wirkungen ausgeblteben feien.
Abg. Kühn (>voc.) wendet sich hauptsächlich gegen die Ausführungen RösickeS.
Abg. Hofmann (Soc.) rügt das häufige Vorkommen von Unregelmäßigkeiten bei dem JnvalidttälSges.tz.
Der Antrag Kruse, sowie der Antrag Hitze (Beschleunigung der Revision des Jnvalrditätsgesetzes) werden angenommen, abgelehnt dagegen der Antrag Auer, lowie der zweite Antrag H tze.
Bei dem Capitel physikalisch-technische ReichSanstalt bemerkt der Staatssecretär, daß an Stelle des verstorbenen Helmholtz eine um 4000 Maik billigere erste Kraft gewonnen werden wird.
Das Extra - Ordinarium, ebenso die Einnahmen werden genehmigt.
Nächste Sitzung morgen 1 Uhr. Jesuitenantrag. Dritte Lesung des mecklenburgischen Verfassungsantrages, zweite Lesung dcS Juden-EinwanderungSantrages, Antrag betr. Kündigung des argentinischen Handelsvertrages.
Ausland.
toten, 19. Februar. Kaiser Wilhelm beauftragte telegraphisch die deutsche Botschaft, ihm Tag und Stunde der Beisetzung deS Erzherzogs Albrecht bekannt zu geben, sobald sie festgesetzt sind. Der Kaiser will der Leichenfeier bet- > wohnen. Frkf. Ztg.
Neueste Nachrlchteiu
Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.
Berlin, 19. Februar. Die Reichstags Commission zur : Vorberathung des Gesetzentwurfs über die Gewerbe- und Berufszählung nahm die Vorlage in zweiter Lesung an und faßte eine Resolution dahingebend, der Bundesrath solle eS den Landesregierungen überlassen, gewisse Zusatzfragen über die Verhältnisse der Arbeitgeber zu stellen.
Berlin, 19. Februar. Wie die Morgenblätter melden, geht heute zur Verstärkung der Schutztruppe in Deutsch-Ostafrika ein Commando unter Führung des Lieutenants Coltitz vom Dragoner-Regiment Nr. 11 über Triest ab, wo dasselbe den Dampfer besteigt.
Köln, 19. Februar. Der M ittelrhein ist bis Düffeldorf fast eisfrei, unterhalb Wesel hat sich an verschiedenen Orten das Eis in Bewegung gesetzt. An der Mündung des Stromes find Sprengungen des EiseS angeordnet, damit bet dem zu erwartenden Eisgänge keine Stauungen eintreten.
Halle, 19. Februar. Im hiesigen Bahnhof fuhr heute Nachmittag der von Sorau-Guben kommende Schnellzug in den fertig rangirten, aber noch unbesetzten Kasseler Zug. Nur ein Fahrgast ist leicht verletzt, der Materialschaden ist ziemlich bedeutend.
Eisenach, 19. Februar. Das (Sonnte für das Richard Wagner-Museum, für das in Eisenach 50000 Mark gezeichnet wurden, beschloß die Domiciltrung deS MuscumS in Eisenach.
toten, 19. Februar. Bei dem am 21. d. M. zusammentretenden Städte tage wird, wie verlautet, Bürgermeister Grübel alle Landeshauptstädte einladen, sich anläßlich deS RegierungsjubiläumS des Kaisers der Stadt Wien zum Zwecke einer glänzenden Kundgebung aller Landeshauptstädte anzu> schließen.
Rom, 19. Februar. Der Gemeinderath genehmigte gestern den zwischen dem Shndaco und dem deutschen Botschafter am Samstag vereinbarten und unterzeichneten Vertrag, wonach die Gemeinde Rom auf alle auf Grund ihres Vorkaufsrechtes seit 40 Jahren aufrecht erhaltenen Ansprüche auf den Besitz der Botschaft verzichtet und em Stück des hinter dem Palazzo Caffarelli gelegenen Gartens Mondanari gegen den im Besitz der Botschaft befindlichen Palazzctto Clementino abtritt.
Paris, 19. Februar. Dem „Gaulois" zufolge würden die großen Herbstmanöver dieses Jahres bet dem 6., 7. und 8. Armeecorps ftattfiuden. General Sausfier würde den Oberbefehl bet Schluß der Operationen führen.
Arco, 19. Februar. Unter den hier eingegangenen Beileids-Kundgebungen befinden sich in herzlichste« Tone gehaltene Telegramme des deutschen und russischen
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Feuilleton.
Eine Fahrt aus drr „Elbe".
Dem Tagcbuche eines Gießeners, der im Sommer 1893 die Weltausstellung in Chicago besuchte und bei dieser Gelegenheit die Ueberfahrt von Bremerhafen nach Newyork auf dem Lloyddampfer „Elbe" gemacht hat, entnehmen wir folgende Schilderung oieser Seefahrt. Dieselbe dürste nach dem gräßlichen Unglück, von welchem doS Schiff betroffen wurde, von allgemeinem Jnterrffe sein.
Samstag den 22. Juli.
Um 7 Uhr 50 Minuten Morgens ging der dem Lloyd gehörende, aus lauter prächtigen Salonwagen amerikanischer Art bestehende Extrazug von Bremen nach Bremerhafen ab. Nach kurzem Aufenthalt daselbst in der Lloydhalle wurden wir mit dem Dampfer „Willkommen" hinaus zur „Elbe" befördert, die der Fluthverhältniffe, wegen weit draußen im Weserstrom lag. Die Schiffscapelle, aus den Stewards der zweiten Cajüte bestehend, begrüßte uns mit munteren Weisen, als wir an Bord stieaen - auch waren der Copitän Herr v. Gössel mit seinen Osfizieren, alle in voller Gala, zur Begrüßung erschienen. Sehr intereffant für uns war daS Einladen von Gepäck, Post 2C. rc. Von einem kleinen Schlepper wurde das Schiff, das mit der Spitze nach Bremerhafen zu vor Anker gelegen hatte, gedreht und genau um 1/21 Uhr dampfte dasselbe auf See hinaus. Die „Elbe", der wir jetzt auf 10 Tage anvertraut sind, ist der älteste Schnelldampfer des Norddeutschen Lloyd/ im Jahre 1881 in Dienst gestellt, hat derselbe schon mehr wie hundertmal den Ocean gekreuzt. Der Dampfer hält^4510 Reg.-TonS, die Maschine hat 5600 Pserdekräste und seine Schnelligkeit ist 16 Seemeilen (1 Meile — 1852 Meter) per Stunde. DaS Schiff ist, wenn auch nicht mit so übertriebenem Luxus wie die neueren Schnelldampfer, doch sehr schön und bequem eingerichtet. Der große Speisesalon ist prachtvoll, ebenso zwei Rauchcabinen. Der Damensalon, ganz in mattblau gehalten, ist ein wahres Schmuckkästchen. Nachdem wir zuerst Unsere (Sabine ausgesucht und unS in derselben etwas häuslich eingerichtet hatten, gingen wir gleich wieder auf das schöne Promenadedeck hinauf. Unser Schiff hatte unterdessen daS Land schon weit hinter sich zurückgelafsen,- links tauchten von ferne die Nordseeinseln Wongercog, Spikeroog, Langeoog und später Norderney auf. Den Llohddampfer „Bismarck", der, nach Brasilien bestimmt, an uns vorbeifuhr, als wir noch vor Anker lagen, batten wir bald überholt und mit „Hurrah" ging es an ihm vorüber. Nun ertönte in halb
stündiger Pause zweimal ein Trompetensignal, das Zeichen, daß der Lunch servtrt sei. Hunger hatte sich bereits ein- gkstellt und so begab sich denn alles in den Salon hinunter zur reichb ' tzten Tafel. Hier bot sich zum erstenmale Gelegenheit, dte Mitpassagiere zu mustern,- eine internationale, zusammengewürfelte Gesellschaft. In unserer ersten Cajüte befinden sich alle möglichen Vö.ker und Stände vertreten, die in ihrem Thun und Treiben zu beobachten, allein schon Unterhaltung bietet. Wir haben auch eine ganze Reisegesellschaft für Chicago, fast lauter Böhmen, an fflorb; die meisten davon fahren zweite CojÜte, was uns gerade nicht unangenehm ist. Wir lernten einen Ingenieur nebst Gattin und einen jungen Fabrikanten aus Prag näher kennen, sowie einige Deutschamerikaner/ auch sei Fräulein v. Gössel erwähnt. ein schönes, liebenswürdiges Mädchen von etwa 17 Jahren, welches seinen Vater auf dieser Fahrt begleitet. Der Lunch war außerordentlich reichlich und alles vorzüglich zubereitet, wenn auch für meinen Geschmack etwas stark gewürzt. Ich lasse das Menu folgen: Fleischbrühe oder Griessuppe, Ka'bsragout, Rumpsteak mit Petersilienkartoffeln, dann nach Wahl Havirnelcotclettes, gebratene Hühner oder kalten Ausschnitt. Den ganzen Nachmittag brachten wir auf Deck zu. Die See war bewegt, die Luft hell und klar, kurz, eine herrliche Fahrt/ von Seekrankheit noch keine Spur. Wir triumphirten schon, allein es sollte anders kommen. Auf der Höhe der Insel Borkum wurde der Nordweft, gegen den wir fuhren, stärker und unser Schiff, auf dem man bis dahin eine Bewegung kaum gemerkt hatte, fing ganz schön zu tanzen an. Sturzseen ergossen sich über das Vorderdeck, den Aufenthaltsort der Zwischendeckspassagiere, die sich so viel wie möglich schützend in allen Winkern und Ecken herum- drückten. Nach und nach wurden viele, besonders Damen, seekrank und Abends beim Diner waren unsere Reihen schon stark gelichtet. Wir hielten uns wacker und brachten den Abend bei Hellem Mondschein auf Deck zu. Um 1 P/g Uhr zu Bett. Ich hatte daS obere, mein Bruder daS untere (Herr H eine (Sabine für sich). ES muß hübsch auSgesehen haben, als ich, einem Laubfrosch gleich, auf schmaler Leiter in meinen Wigwam stieg. Anfangs ließ mich das seitliche Schwanken, sowie das Ungewohnte der Situation nicht einschlafen, schließlich aber ging eS doch.
Sonntag den 23. Juli.
Wir waren inzwischen mehr in den eigentlichen Canal gekommen. Ein prachtvoller, sonniger Morgen begrüßte uns an Deck und machte den Aufenthalt daselbst bei ruhiger See zum Genuß. DaS erste Frühstück fand um 8 Uhr SchiffS- zeit (jetzt beinahe eine Stunde später wie Unsere mittel
europäische) statt und war wieder sehr opulent. Ich entnahm der reichen Auswahl Kaffee mit Milch, friscye Biödchen (Morgens auf dem Schiff gebacken) und ein Beefsteak mit Ei. Nach dem Frühstück schrieben wir Briefe nach Hause und gaben sie auf dem Schiffspostamte ab; dieselben werden von Southampton zurückbesördert. Inzwischen waren wir der englischen Küste nahe gekommen und fuhren in geringer Entfernung an derselben entlang, eine äußerst interessante Fahrt auf der von Schiffen aller Art belebten See. Wir pasfirten Dover, Folkestone, HastingS, Brigton, Portsmouth und näherten uns gegen 5 Uhr Abends der Einfahrt nach Southampton, die sich zwischen der Insel Wight und dem Festland hineinzieht. Schade, daß unterdessen das helle Wetter in Nebel mit Regen sich verwandelt hatte, so daß wir von der schönen belebten Insel nicht viel sehen konnten. Um 6 Uhr waren wir vor Southampton/ im strömenden Regen legte ein kleiner Dampfer bei uns an und wechselte mit uns Poft und Passagiere. Nach einer halben Stunde dampften wir weiter. Um 71/« Uhr begegnete uns, von Newyork kommend, der Lloyddampser „Saale" und nach einer weiteren Viertelstunde bogen wir bei den „Needles", spitze, aus dem Meer aufragende Felsen, wieder in den Canal ein. Das Wetter war unterdessen eher noch schlechter geworden und der Ausenthalt an Deck gerade kein angenehmer. Trotzdem brachten wir den Abend oben zu und gingen erst um 11 Uhr zu Brtt.
Montag den 24. Juli.
Wir sind nicht früh aufgestanden, begaben uns aber möglichst rasch auf Deck hinauf, da wir uns inzwischen der Ausfahrt aus dem Canal genähert hatten und es nun bald galt, Abschied von Europa zu nehmen. Wir passirten Lizard Point, daS Vorgebirge an der Südwestküste Englands und nun zeigten längere und mächtigere Wellenzüge und die gleichmäßigere, wenn auch stärkere Schiffsbewegung an, daß wir in den atlantischen Ocean einfuhren. Bald tauchten die Scilly-Jnseln auf, an denen wir ziemlich nahe vorbeisuhren. Von dem Leuchtthurm aus, der auf der vorgerücktesten derselben als äußerster Posten steht, werden die paisirenden Schiffe telegraphisch gemeldet. Nun entschwand auch dieser unseren Blöcken und der Ocean nahm uns auf. So weit das Auge sah, nichts wie Himmel und Wasser, einförmig und doch wieder wie fesselnd in der steten Bewegung und der wechselnden Beleuchtung. Wer Sinn für die Schönheit und Großartigkeit der Natur hat, wird auch auf einer Oceanfahrt ähnlich wie im Gebirge bedeutende Eindrücke empfangen. Es war herrliches, sonniges Wetter und wir alle bei dem Morgens um 11 Uhr stattfindenden Promenade-


