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20.12.1895 Erstes Blatt
 
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-k. 299 Erstes Blatt. Fretta, de» 2V. Decembtt

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Gießener Anzeiger

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Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gieren.

Uuaahme eoe Anzeigen zu der Nachmittag» für de, folgenden Lag erscheinmdm Nummer bi» Bonn. 10 Uhr.

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chratisöeikage: Gießener Aamilienökätter.

Alle Annoncen-Bureaux des In- und Auslandes nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger- entgegen.

Aimtticher Theil.

Gießen, den 30. November 1895.

Betr.: DaS Ersatzgeschäft pro 1896; hier: Aufstellung der Stammrollen.

Der Civilvorfitzende der Grotzh. Ersatz-Commisfion Gießen

a« die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises.

Nach dem Gesetz vom 3. November 1875 (Reg.-Blatt Nr. 52 von 1875) über die Beurkundung des Personenstandes, welches am 1. Januar 1876 in Kraft getreten ist, sind die Stammrollen künftig und zum ersten Mal im Jahre 1896 auf Grund der Auszüge aus den Geburtsregistern, welches Sie in Ihrer Eigenschaft als Standesbeamte zu führen haben, aufzustelleu.

Sie wollen daher mit Aufstellung dieser Auszüge, wozu Formular Ihnen k. H. zugehen wird, sofort beginnen und auf Grund derselben die nöthigen Ermittelungen nach den Militärpflichtigen, soweit dies nöthtg ist, eintreten lassen, damit die Stammrollen so vollständig wie möglich demnächst vorgelegt werden können.

Bei Anfertigung der GeburtSauSzüge wollen Sie mit größter Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit verfahren, damit Militärpflichtige nicht übersehen werden. Verstorbene, deren Ableben zweifellos festfteht, sind nicht aufzunehmen.

Dr. Melior.

Bekanntmachung,

betreffend: Sonntagsruhe im Handelsgewerbe.

Für Sonntag den 22. December d. I. werden in der Stadt Gießen für das Handelsgewerbe, außer den bereits ftüher für die drei Sonntage vor Weihnachten freigegebenen Stunden bis 7 Uhr Abends, auch noch die weiteren Stunden von 79 Uhr als Beschäftigung-- und Verkaufszeit frei- gegeben.

Gießen, den 19. December 1895.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

I. E.

v. Bechtold, Regierungs Assessor.

Parlamentarische Waffenruhe.

Der Reichstag und auch die Parlamente der deutschen tzinzelstoaten, soweit sie eben zur tfcit tagen, find in die WeihnachtSferien gegangen, es herrscht somit auf parlamen­tarischem Gebiete bis auf Weiteres allgemeine Waffenruhe. Wirft man auf die Verhandlungen deS Reichstages, die be­

greiflicher Weise am meisten interessiren, in dem soeben be­endigten ersten kurzen Abschnitte seiner neuen Sesfion noch­mals einen Blick zurück, so muß man sagen, daß sie im Allgemeinen einen ruhigeren Verlauf genommen haben, als angefichtS der vielen sich im Reichsparlamente kreuzenden Gegensätze zu erwarten stand. Allerdings nahm die vier­tägige Generaldebatte über den Etat hin und wieder einen leidenschaftlichen Anlauf, aber das waren doch nur vorüber­gehende Momente. Im Großen und Ganzen bewegten sich diese Verhandlungen ebenso in ruhigen und sachlichen Grenzen, wie dies von den stattgefundenen ersten Lesungen der Vor« lagen, betr. die Bekämpfung deS unlauteren Wettbewerbes und betr. die Errichtung von Handwerkerkammern, sowie der Novelle zum WirthschaftSgenossenschaftsgesetz gelten kann.

Zur Beurtheilung deS ferneren Verlaufes der Sesfion und dann weiter der Entwickelung des VerhältniffeS deS Reichstages zur Regierung wie auch desjenigen der ReichS- tagsparteieu unter fich, hat indeffen dieser erste SessionS« abschnitt noch lange nicht genügend Anhaltspunkte ergeben. Man lieferte fich gegenseitig nur leichte Vorpostengeplänkel, die jedoch noch nicht im Mindesten einen Schluß auf den endgiltigen Ausfall der bevorstehenden mancherlei wichtigen parlamentarischen Entscheidungen gestatten. Die gesetzgebe- rischen Fragen, welche den Reichstag diesmal beschäftigen werden, konnten freilich in den acht Arbeitssitzungen, die bis­lang abgehalten worden find, meist nur zur ganz flüchtigen Erörterung gelangen, und besonders über das Schicksal deS gewaltigen Hauptstückes der gesammlen gegenwärtigen Tagung, des Entwurfes des bürgerlichen Gesetzbuches, läßt fich durch­aus noch nichts Bestimmtes sagen. Nur nach zwei Rich­tungen hin haben die bisherigen Reichstagsverhandlungen bereits eine genügende Klärung gezeitigt, das Zustande­kommen deS Gesetzentwurfes gegen den unlauteren Wett­bewerb kann man als gesichert betrachten; andererseits aber muß die Vorlage über die Errichtung von Handwerker« kammern als gescheitert gelten, die am Dienstag, der letzten Sitzung deS Reichstages vor Weihnachten, erfolgte Ver­weisung deS genannten Entwurfes an eine besondere Com­mission wird ihn nicht mehr retten.

Im Uebrigen haben sich die einzelnen Parteien in dem zurückgelegren Sessionsabschnitte mit auffallender Vorsicht behandelt, obwohl es ja nicht an gegenseitigen gereizten Auseinandersetzungen fehlte, aber die bildeten nur die Aus­nahme von der Regel. Im Speciellen erscheint eS bemerkens« werth, daß die Hammerstein-Affaire nur ganz obenhin be­rührt worden ist, die doch vor dem Zusammentritte deS Reichstages die öffentliche Meinung so lange und so lebhaft bewegte, andere vielbeachtete Vorgänge der letzten Zeit, wie z B. der mit Hilfe deS Centrums erfochtene Sieg deS Socialdemokraten Lüttgenau in der Dortmunder Stichwahl,

sind überhaupt nicht zur Sprache gekommen. ES scheint eben, als ob die einzelnen Parteien ihr Pulver für die ficher- lich noch bevorstehenden rednerischen Kämpfe im Reichstage so lange wie möglich trocken hatten wollen, welche Taktik auch ganz erklärlich ist. Aber einmal werden sie zu den verschiedenen schwebenden Fragen der Seffion doch bestimmt Stellung nehmen wüffen, was in der Regel bei den Special- berathungen der betreffenden Vorlagen zu geschehen pflegt und dann wird sich auch das geistige Ringen im Reichstage zu feiner vollen Höbe entwickeln.

Nerrefte na^rk^ot»

Wolffs telegraphische« Correfpondenz-Bureau.

Berlin, 18. December. Beim Reichskanzler fand gestern Abend ein Diner statt, welchem die Botschafter und Gesandten der beim Berliner Hofe accreditirten Mächte, die Minister v. Bötticher, Bronsart v. Schellendorff, v. Marfchall u. A. beiwohnten.

Karlsruhe, 18. December. Der Kaiser richtete nach derKarlSr. Ztg." an den Großherzog folgendes Hand- schreiben:Durchlauchtigster Fürst, freundlich geliebter Vetter, Bruder und Onkel. Es gereicht mir zur lebhaften Freude, Euer König!. Hoheit zu benachrichtigen, daß ich den General der Infanterie Prinz Wilhelm von Baden Großherzogl. Hoheit, Chef des 4. Badischen Infanterie Regiment-Prinz Wilhelm Nr. 112* und a la suite meines ersten Garde- Feld-Artillerie-RegimentS in dankbarer Erinnerung der verdienst­vollen Thättgkeit deffelben in dem Feldzuge von 1870/71, sowie an feine heute vor 25 Jahren in dem ruhmreichen Gefechte bei NuitS an der Sp tze der ersten Badischen In- fanterie-Brigade bewiesene Tapferkeit den Orden pour lemSrite verleihe und ihn gleichzeitig ä la suite deS 1. Bad. Greu.* Regiments Nr. 109, in dessen Mitte er schwer verwundet wurde, gestellt habe. In herzlicher Zuneigung und Freund­schaft verbleibe ich Euer König!. Hoheit freuudwllliger Vetter, Bruder und Neffe. Wilhelm. Neues Palais, 18. December.* Ferner erhielt der Großherzog heute folgendes Tele­gramm deS Kaisers:Ew. König!. Hoheit spreche ich heute an dem 25. Gedenkiage deS Gefechts von Nuits gern von Neuem aus, daß ich der tapferen Badischen Felddiviston, insonderheit meiner beiden Grenadier Regimenter, die dort unter schweren Opfern den Steg erkämpften, stets dankbar gedenke. Wilhelm I. R." Der Großherzog sandte an den Kaiser folgendes Antworttelegramm:Euer Kaiser!, und König!. Majestät sage ich wtctnen wärmsten Dank für die gnädige Theilnahme, die Alleihöchstderselbe dem ©rinne* rungStage des Gefechts von Nuits widmen. Die Regimenter, welche fich an diesem Tage ausgezeichnet haben, danken Euer Kaiser!. Majestät mit mir für die Anerkennung, der Aller*

Feuilleton.

Weihnachtsbilder.

Plaudereien für denGießener Anzeiger-.

(Nachdruck verboten.)

II.

Die Weihuachtsuberrafchuugeu.

Zu Weihnachten soll man nicht nur erfreut, man soll auch überrascht werden. In den Ueberraschungen steckt sozusagen die Hauptfreude. Aber eS ist etwas Eigenes um die Ueberraschung. Sie wird erwartet, fie wird vorbereitet, fie gelingt in so und so viel Fällen und in anderen mißglückt fie wiederum total. Leicht wtrd'S Einem damit noch in der Kinderwelt gemacht. Für die Kleinen ist das ganze Fest eine große Ueberraschung, der fie mit seeligem Herzklopfen und unbestimmten Ahnungen entgegengehen. Auch der Wunsch­zettel, den sie schreiben dürfen, zerstört die Ueberraschungen keineswegs, denn eS fragt sich doch noch immer sehr, ob nun Mama den großen Kochherd oder da- neue PuppenhauS aus- wählen wird, und diese Räthselfragen geben bis zum Bescheer- abend die schönsten Unterhaltungsstoffe. Aber auch die Er­wachsenen möchten an Weihnachten die Werktagswelt durch einen SonntagSgruß ausgehellr bekommen, wenigstens die meisten, denn eS giebr ja auch drollige Käuze, die fich die Ueberraschungen gerade so verbieten wie die Telegramme. Um Gotteswillen," pflegte ein alter Herr meiner Bekannt­schaft zu sagen,überrascht mich nur nicht! DaS kann ich nicht leiden, daS fällt mir auf die Nerven! Ich ziehe eine ruhige Gewißheit allem Unvorhergesehenen entschieden vor." Doch, wie gesagt, daS find Ausnahmen.

Weit begreiflicher erscheint der Stoßseufzer eines Andern : Worauf soll ich mich eigentlich freuen, ich weiß ja schon im

Voraus, waS man mir bescheeren wird. ES ist ja jedes Jahr daS Gleiche!" DaS sollte eS eben nicht sein! Bei dem Geschenk, das man empfängt, möchte man auch die liebe­volle Auswahl mitspüreu!

Sehr bequem machen es sich ja die Leutchen, die zu ihren Freunden und Verwandten sagen:Ich weiß wirklich nicht, was ich euch schenken soll; ihr wißt am besten, waS ihr braucht und wünscht, deshalb gebe ich euch baar Geld und nun könnt ihr euch euer Geschenk nach Herzenslust selbst aussuchen!"

Allerdings sehr bequem, aber zugleich unsagbar nüchtern: Da ist an die Stelle deS Weihnachtsgeschenks die Ab­findung getreten, die nur den halben, unter Umständen gar keinen Werth besitzt. Denn waS man fich selbst, zum eigenen Gebrauch aussucht, das gewährt lange nicht das gleiche, frohe Behagen als wenn den nämlichen Gegenstand eine andere, liebe Hand darbietet!

Die Wechselbeziehungen, welche zwischen Geben und Nehmen in der Weihnachtszeit geschaffen werden, fie erhöhen die Zauber deS großen Liebesfestes! Welch zart­besaitetes GemÜth wird nicht eine stille und laute Freude bei dem Gedanken empfinden: jetzt darfst du Knecht Ruprecht spielen, jetzt kannst du auSgehen und dich in den Geschäften umthun nach den großen und kleinen Sachen, von welchen du im Voraus weißt, daß fie in die Augen deiner Lieben ein froheS Lächeln rufen werden!

Wie bitter empfindet es oft die Armuth, daß ihr die Mittel, Andere zu erfreuen, versagt find, und schier un­begreiflich will eS ihr erscheinen, wenn fie fieht, daß mit Glücksgütern reichlich auSgestattete Menschen fich oft selbst abfichtlich, sei'S ans Bequemlichkeit, sei'S aus Mangel an HerzenSwärme, um diesen Segen bringen!

In dem Verlangen nach einerWeihnachtSÜber­

raschung" mag ja etwas Kindisches stecken aber zu Weihnachten haben wir ja kein anderes Begehr, als auch einmal wieder frohe, glückselige Kinder sein zu dürfen!

Wie wohlthuend für den Geber ist eS, wenn beim Be­sichtigen der Geschenke an sein Ohr der Freudenruf dringt: Ach, daran habe ich ja gar nicht mehr gedacht! Das ist ja eine reizend sinnige Ueberraschung!"

Um eine solche zu bereiten, bedarf es freilich eines auf­merksamen, liebevollen Nachdenkens und SichhineinversetzenS in die LebenSgewohuheiteu und Liebhabereien deS Andern. Aber solch Nachdenken verursacht keinen Kopfschmerz, zieht die Stirne in keine grämlichen Falten, trägt vielmehr zur Erheiterung des GemüthS ganz entschieden bei.

Wer erst in der zwölften Stunde, wenn schon die Glocken daS Fest einläuten, voller Hast in irgend ein beliebiges Geschäft stürzt und den Zufall zum Herrn über seine Weih- nachtSemkäufe setzt, wird freilich manchen Mißgriff thun und manche unliebsame Enttäuschung erfahren.

Wir leben in der Zeit derFingerzeige" undRath­schlagbücher" über alle möglichen großen und kleinen Ange­legenheiten des Lebens. Nach welchen Gesichtspunkten man seine Frau zu wählen hat, ist von menschenbeglückende» Federn ebenso kl'pp und klar festgestellt worden, wie daS Benehmen beim Empfangen und Unterhalten seiner Gäste. Wir werden und also gar nicht wundern, wenn demnächst im strahlenden Gewände ein Büchelchen erscheint mit dem Titel:Wie kaufe ich meine Weihnachtsgeschenke?" (Vorläufig thront diese Frage erst an der Spitze von Inseraten!) Aber wird daS Unternehmen von Nutzen fein ? Wir glauben kaum: denn zum richtigen Weihnachtskauf bedarf eS zweier Dinge, die kein Recept,beschaffen kann: Tact, und die Fähig­keit, die Freude Anderer mitzugenießen!

(Fortsetzung folgt.)