Bei Karl Hansen
dem Meister des HhpuotismuS.
Ein Jnterwiew.
„Profeffor Kari Hansen auS Kopenhagen schon einge- troffen?* fragte ich am Freitag Abend im Bureau des EentraihotelS.
Mau wies mich nach Nummer 175.
Das Zimmer im zweiten Stock war leer, aber Gepäck« uod Kleidungsstücke deuteten an, daß der Fremde schon ein« getroffen war.
Der Garton führte mich nach dem Spetsesaal, und bald saß ich neben dem Gesuchten.
Hansen machte den Eindruck eines Fünfzigers, obgleich er, wie er mir im Lauf der Unterhaltung mittheilte, bereit- im 62. Lebensjahr steht. Er plauderte mit weltmännischer Erfahrung und verstand eS, seine Mittheilungen durch einge- gestreute launige Einfälle intereffant zu machen. Seine Augen haben vom ersten Moment an etwas Bezwingendes. Sie treten hinter den ungemein starken und vergrößernden Brillengläsern mit einem leuchtenden Glanz hervor, dem eine magnetische Kraft innezuwohnen scheint. Wer lange in diese Augen schaut, fühlt sich fast geblendet und gefeffelt. Nach einigen persönlichen Bemerkungen, die unserem früheren Bekanntwerden galten, führte ich die Unterhaltung auf das von mir bezweckte Gebiet.
„Wie lange befaffen Sie sich mit Hypnotismus, Herr Profeffor?"
„Seit meiner Kindheit," antwortete der Gefragte, der die deutsche Sprache ganz geläufig, nur mit dem Accent des Ausländers spricht. Und nun gab Hansen eine eingehende Schilderung seiner ersten hypnotischen Versuche:
„3m Hause meines Onkels, eines alten Justizrathes, in meiner Vaterstadt Odensee auf Fünen, wurde ich zuerst in die Geheimnisse des HypnottSmuS eingeweiht. Mein Onkel stand noch im Banne des MeSmerismuS, nach deffen Gesetzen und Anschauungen er zu hypnotifiren verstand. Ich sah ihm einige Kunststücke ab und machte schon als zehnjähriger Knabe die ersten hypnotischen Experimente an einer kleinen Spielgefährtin, worüber mein Vater sehr aufgebracht war. Ich wurde zum Kaufmann bestimmt, entsagte jedoch sehr bald diesem Beruf und wandte mich nach Kopenhagen, wo ich einige Semester Medicin studirte. In meiner Lhätigkeit als practischer Arzt vervollständigte ich meine hypnotischen Erfahrungen und faßte schon frühzeitig den Entschluß, in der Erforschung und Bethätigung des HypnottSmuS meine Lebensaufgabe zu suchen. Aber zunächst trieb mich ein unwiderstehlicher Drang in die Welte."
Ich trat eine kleine Weltreise nach Australien an und blieb über acht Jahre auf dem fernen Jnselreiche, zuerst als Arzt, dann als Ingenieur und schließlich als Magnetiseur
thätig. In Bathurst, der industriereichen Stadt in Neu« I Süd-Wale-, wurde ich Borfitzeuder eines Kunst und In- dustriegewerbe-Dereius, welcher sür leine Mitglieder wissen schaftliche Vorträge veranstaltete. Eines Abends sollte ein europäischer Gelehrter von Ruf einen Vortrag über Chemie halten, aber eine Ueberschwemmung der Flüffe hatte die rechtzeitige Ankunft deS Gelehrten verhindert. Um Ersatz zu schaffen, fand ich mich bereit, über HypnottSmuS zu sprechen und einige Experimente vorzuuehmen. ES gelang vorzüglich — mein erstes öffentliches Auftreten als Hypnotiseur hatte stattgefunden. DaS war im Jahre 18&7. Meiner ärztlichen und technischen Thätigkeit ent'agte ich ganz und lebte fortan nur als Hypnotiseur, d. h. immer nur in lehrender Stellung. Ich bereiste alle Länder Europas, vom nörd- lichsten Rußland bis zum südlichsten Spanien und Griechen- land. Im Jahre 1878 trat ich zum ersten Mal öffentlich in Berlin auf und erzielte mit meinen 41 Vorstellungen die größten Erfolge.
„Wo haben Sie die sür Ihre hypnotischen Experimente am besten geeigneten Personen gefunden?" warf ich ein, und Hansen entgegnete: „Ich habe in allen Kreisen, von den höchsten bis zu den einfachsten, und bei allen Nationen hypnotifirt und überall die gleiche Erfahrung gemacht. Gebildete, d. h. nach gewöhnlichen Begriffen intelligente Bauern habe ich als besonders brauchbar sür die Zwecke des Hypnotismus gefunden. Auch zwischen der Brauchbarkeit der Frauen und der Männer besteht ein kleiner Unterschied, indem unter den Damen drei bis vier Procent mehr hypno- tisirungSfähige Personen fi j) befinden, als unter den Männern."
„Haben Sie auf Ihren Reisen viele Concurrenten gefunden und glauben Sie, daß noch andere Hypnositeure denselben Ruf genießen wie Sie?" fragte ich weiter.
Hansen lächelte, zuckte die Achseln und meinte: „Nachahmer habe ich viele gefunden, aber die meisten Hypnotiseure, welche öffentlich auftreten, unterscheiden sich von mir in einem ganz wesentlichen Punkte, sie bringen immer, wo sie auch auftreten, eine Anzahl als brauchbar erwiesene Medien mit; ich war der Erste, der seine Medien ausschließlich aus der Mitte des zuhörenden Publikums entnimmt. Daß trotzdem immer noch in gewissen Kreisen Zweifel an der Natürlichkeit meiner Experimente entstehen können, ist etwas, was ich nicht begreife, wenn diese Zweifel von gelehrten Männern auSgehen. Ich habe im Anfang meiner Reisen durch Deutschland absichtlich und mit Vorliebe die deutschen UniversitätS- städte aufgesucht, und habe erfahren, daß ich gerade bei den Profefforen und Studenten Anklang fand."
„Sie haben gewiß eine große Zahl von Experimenten auf Ihrem Repertoire?"
„Zahllose, insofern, als täglich neue Ideen hinzukommen. Sehen Sie, da fällt mir eben wieder eine neue ein. Ich würde Sie jetzt hypnottsir.en, wenn ich etwas mehr Zett hätte, ich würde Sie einen Augenblick mit Blindheit schlagen,
und Sie sollten den Herrn, der dort am letzten Tisch soupir^, I nicht sehen. Wenn der Herr dann einen Hut aufsetzt, würden Die den Hut in der Lust berumschweben sehen, den Träger deS Hutes aber nicht. Leider aber geht es jetzt nicht, viel« leicht machen wirs am nächsten Montag in Zehlendorf" — fügte er mit Rücksicht auf einen dem dortigen MontagSverem zugesagt-n Vortrag hinzu.
Auf meine Frage, wieviel Personen Hansen schon hypno- tifirt habe, antwortete er mit seinem verbindlichen Lächeln:
„Gezählt habe ich sie nicht, aber hunderttausend dürften wohl zusammenkommen. Acht Monate bin ich jährlich auf Reisen, fast täglich halte ich einen Vortrag und arbeite mit 12 bis 20 Medien. Seit 1857 geht die Geschichte — nun rechnen sie fichS auS, ob nicht die genannte Zahl ungefähr herauSkommt."
„Werden Sie noch lange das unstäte Wanderleben fort« setzen?" fragte ich zum Schluß, „und wie gefällt daS Ihrer Familie?"
„Meiner Familie biete ich für mein winterliche- Freisein Ersatz im Sommer, wo ich vier Monate mit derselben im Seebade zusammen bin. Im Uebrigen aber werde ich das Wanderleben nicht lange mehr fortsetzen, denn eS ist anstrengend, und — man ist kein Jüngling mehr."
Der Profeffor sah nach der Uhr.
„ES ist zeit zum Aufbruch, S e begleiten mich doch in die heutige Sitzung deS Verein- Sphinx, wo ich seit 1887 wieder den ersten Vortrag in Berlin zu halten gedenke."
Ich nickte zust mmend, wir schlürften unseren Mokka au- und suhren in Begleitung dr- inzwischen erschienenen Ge- schästssührerS deS Profeffor Hansen nach dem Handwerkervereinshause in der Sophienstraße, wo eine Kopf an Kopf gedrängte Menge von Damen und Herren bereits der Ankunft deS ProfefforS harrte.
Hansen hatte Glück an diesem Abend. Die Experimente, welche er seinem Vortrage über daS Wesen deS HypnottSmuS folgen ließ, verliefen durchweg glatt. Den kleinen Hypnoti- sirungS - Scherzen, wie daS vollständige GefühlloSmachea deS Mediums selbst gegen gewaltsames Kitzeln der Nase u. s. w., folgten jene überraschenden Borsüyrungen, bet denen der Zuschauer immer sich fragt, ob benn möglich sei, daß Jemand ganz und gar daS machtlose Werkzeug eines fremden W'llenS werden könne. ES wird einem jungen Manne gesagt „Ihr Rock hat Feuer gefangen," und daS Medium handelt genau so wie Jemand, dem dieses Mißgeschick widerfahren. Einer Dame wird befohlen, die „Engel im Himmel" fingen zu hören — sofort nehmen ihre Mienen den Zug der Ber« zücklheit an.
Nachdem der lebhafte Beifall verrauscht war, verab- schiedete ich mich von Herrn Hansen mit verbindlichstem Danke für die angenehm verlebten Stunden und mit de» von ihm erwiderten Wunsche: „Auf Wiedersehen!"
Bekanntmachung.
Das vierte Ziel Gemeindesteuer 1895/96, sowie die bis jetzt fälligen Holz- und Heugrasgelder find bis Ende dieses Monats bei Meidung des Beitreibungsoerfahrens zur hiesigen Stadtkaffe zu bezahlen.
Zahltage: Dienstag, Donnerstag und Samstag.
Gießen, den 19. October 1895.
Der Stadtrechner:
8711______________________Doepfer.__________________________
Bekanntmachung.
In dem Genoffenschaftsregister des unterzeichneten Gerichts, Ord.- Nr. 33, Seite 104, „Landwirthschaftlicher Consum-Verein Steinbach, Eingetragene Genoffenschaft mit unbeschränkter Haftpflicht," wurde Folgendes eingetragen:
„Durch einstimmig gefaßten Beschluß der General-Versammlung vom 21. Juli 1895 wurde der Paragraph 36 des Status dahin abgeändert, daß die von der Genossenschaft ausgehenden öffentlichen Bekanntmachungen nicht mehr im „Reichsherold", sondern im „Gießener Anzeiger" zu veröffentlichen seien.
Gießen, den 27. September 1895.
Grobherzogliches Amtsgericht Gießen.
8710_________________Neuenhagen.____________________
Spar- und Leihkafie Gießen.
Ausschußsitzuug: Freitag den 25 l. M., Nachmittag! 3 Uhr im Sitzungszimmer der Stadtverordneten zu Gießen.
Gießen, am 15. October 1895.
Die Direction des Spar- und Leihkaffevereins.
8693 Grüneberg.
22. Wittel'rljeinisches Kreisturnfest.
Das vom Turnfest herrührende Holz soll
Dienstag, 22 ds. Mts., Nachmittags 2 Uhr
auf „Oswaldsgarten" öffentlich versteigert werden und zwar:
1) Nüststangen für Maurer,
2) Nüstholz für Weißbinder,
3) Pfosten und Leithölzer zu Einfriedigungen,
4) Pfähle, Pflöcke und Brennholz.
Gießen, den 17. Oct ober 1895.
Bau- und Ausschmückungs-Ausschuß zum 22. Mittelrhein. Kreis-Turnfest. 8692] I. A : Schmandt.
Günther & Noltemeyer, Zur Lust b. Hameln 'abrlk and Waarenver*andhaa».
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Bekanntmachung.
Georg Krieb und deffen Ehe srau, Katharine, geb. Römer, beide von Allertshausen, haben am 25. September 1895 Gütertrennung vereinbart.
Gießen, den 17. October 1895.
Grobherzogliches Amtsgericht. ________Breidenbach. 8712
Vergebung von Schlosserarvciten
Garieneinftikdigungen.
Für die Gartenanlagen vor den neuen Kliniken soll die Ausführung der nachstehend angeführten Einfriedigungen in einem oder drei Loosen öffentlich vergeben werden:
1) 1,40 m hohes Stabgitter, einschließlich der beiden Thore, 32,00 Ifdm.
2) 53 cm hohes Einfriedigungsgeländer aus Schmiedeisenrohr und Flacheisen, 155,00 m.
3) Drahtumspannung an 50 cm hohen Kreuzeisen, 100,00 m.
Die Vergebungsunterlagen können bis Donnerstag den 24. d. M., Nachmittags 3 Uhr, in unferem Amtslocal, Göthestraße 52, eingesehcn werden, zu welcher Zeit die Eröffnung der Angebote staltfindet.
Zuschlag den 28. October d. I.
Gießen, den 19. October 1895.
Großh. Baubehörde für die Universitäts-Neubauten, Gießen.
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