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Nr. 247 Drittes Blatt. Sonntag den 20. October
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1 Hratisöeikage: chießener Kamilienbkätter
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.
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Gießener Anzeiger
Kenerat-Wnzeiger.
21mtlid?er Thell.
Bekanntmachung, betreffend Gesuch deS Lederfabrikanten Wilh. Plank zu Gießen um Genehmigung .zur Errichtung zweier Gerbergruben.
Der Lederfabrikaut Wilh. Plank zu Gießen beabsichtigt auf dem Grundstück Flur I Nr. 83/84, Hofrairhe nebst Grabgarten, gelegen zu Gießen in der Mühlgaffe, zwei Gerber- grubeu zu errichten.
Pläne und Beschreibung hierüber liegen 14 Tage laug, vom Erscheinen diese- in der „Darmstädter Zeitung" an ge- rechnet, auf dem Bureau des Großh. Polizeiamts Gießen zur Einsicht der Jntereffenten offen.
Etwaige Einwendungen find binnen dieser Frist bei Meldung deS AusschluffeS bet Großh. Polizeiamt Gießen vorzubringen.
Gießen, den 16. October 1895.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. G a g ern.
Der Krieg von 1870,71,
seschlldert durch Ausschnitte auS ZeitungS-Nummern jener Zeit.
(Nachdruck verboten.)
20. Oktober.
Versailles, 19. October. Die 22. Division von der Armee des Kronprinzen hat gestern den etwa 4000 Mann starken Feind bei Chateaudun angegriffen, geschlagen und die verbarrikadirte Stadt erstürmt. Viele Gefangene gemacht. Diesseitiger Verlust gering. v. Blumenthal.
Nach den Erfahrungen bei Artenay und Orleans ist an eine wirkliche Widerstandsfähigkeit der noch vorhandenen französischen Streitkräfte nicht mehr zu denken. Bei Artenay und Orleans ergriffen 18000 Mann der ins Gefecht ge- führten Truppen, auch Linie, die Flucht und hatten eS so eilig mit dem Davonlaufen, daß das GefechtSfeld und die Rück- ?zugSltnie mit weggeworfenen Waffen förmlich übersät war. Die Generale beschuldigten angesichts eines solchen Verhaltens ihre Leute der Feigheit, die Leute wieder entschuldigten sich, sie hätten kein Vertrauen in ihren Führern. DaS Ganze bietet aber ein widerliches Schauspiel. Nordd. Allg. Ztg.
In Darmstadt helfen die Franzosen bet der Kartoffel- ernte, den Gartenarbeiten u'to. Viele find auch bei Handwerkern als Schneider, Schuster und Schreiner tbätig. Für fünf Arbeitsstunden wüffen sie Kost und 4 Sgr. erhalten und diesen Lohn an die Kasernenverwaltung für Kleidung rc. obgeben- was sie für längere Arbeit erhalten, bleibt ihnen.
Aus Rheims, wo die deutschen Soldaten den Champagnerfabrikanten beim Traubenlesen helfen, und au» Versailles schreiben französische Bürger nach England: „ES ist hart, die Tugenden der Feinde anerkennen zu müffen, aber jeder ehrliche Mitbürger wird« unterschreiben: Die Deutschen betragen sich zehnmal besser als unsere-eigenen Soldaten."
Unter dem Kopfkissen Napoleon» liegt eine Quittung der englischen Bank über 80 Millionen Francs und ein Der- zeichniß über Güter und Hauser im Betrage von 30 Millionen, woraus zu ersehen, daß der Kaiser zwar ein durchgebrannter, aber kein abgebrannter Mann ist. Noch bevor er Frau Eugente heirathete, fand er eine englische Freundin, Miß Howard, mit ö*/2 Millionen Francs ab. Diese war es gewesen, die sich seiner in England angenommen und ihm sogar die Kosten zum kaiserlichen Staatsstreiche vorgeschossen hatte. Auch dieses Capitel aus dem Geheimbuch haben die indiScreten Republikaner in Paris mit veröffentlicht.
Garibaldi hat den Oberbefehl in den Vogesen über- nommen und folgende Proclamation erlassen
Freiwillige FranctireurS! Ich komme, um den Oberbefehl über die für die nationale Vertheidigung gebildeten Corps zu übernehmen. Preußen weiß, daß es heute auch mit der bewaffneten Nation abrechnen muß. Ich richte keine langen Reden an Euch. Ich rechne auf Euch und Ihr könnt auf mich zählen. ES lebe die Republik! ...
ES geht dem guten alten Manne wie einem Comödianten, der sich nicht entschließen kann, von der Bühne abzutreten. Romane hat er schon geschrieben auS Langeweile, und was für Romane, bi» eS jetzt fein Unstern will, daß Frankreich zur Republik und ihm ein Tummelplatz geöffnet wird, den er mit feinen Herren Söhnen occuptren kann. Keine Gicht, kein Rheumatismus vermag ihn zurückzuhalten, sein Repu- blikaniSmuS ist allezeit größer gewesen als sein Verstand und der erstere läßt ihn vergessen, daß er mit denen anbtndet, welche seine Sieger bei Mentana besiegten, daß er es nicht mit Banden und undiSciPlinirten Truppen zu thun, sich vielmehr in eine Affaire gewagt hat, die ihm der Geschichte gegenüber auf seine alten Tage den HalS brechen wird.
Köln. Ztg.
Garibaldis Bestallung zum Obercommandanten der „FranctireurS deS VogeS" ist mit der Flucht der französischen Truppen aus dem Gebirge nach Belfort ein leerer Titel geworden. Werder treibt sie mit seinen Badenern vor sich her.
21. Oktober.
Unter der Erde vertragen fich die Deutschen und Franzosen ' besser als überirdisch. Eine deutsche Patrouille vor Paris
entdeckte einen Weinkeller und prüfte eben die Sorten, als auch eine französische Patrouille hereingeschlichen kam. Große Ueberraschung beiderseits. Comment? suspendu! rief ein FranzoS. Setzen wir die Keilerei aus! antwortete ein Deutscher. Gesagt, gethan, sie lagerten sich, stachen ein Faß nach dem andern an und trennten sich als gute Freunde. In den Rapport kam aber nichts von dieser verbotenen Kneiperei.
ES bedarf einer eisernen Hand, um in die französische Linie wieder DiScipltn zu bringen. Man hört die Soldaten alle nur erdenklichen Schimpfreden auf ihre Chefs auSstoßen und sie der Unfähigkeit und des VerrathS anklagen,- daS muß anders werden und eS ist die Rede davon, daß zwei Soldaten auf dem MarSfelde erschossen werden sollen. Man verspricht fich viel von einem Erlaß GambettaS, wodurch die militärische Stufenleiter zerbrochen und jeder Offizier, der sich au»» zeichnet, ohne die Zwischenstufen durchmachen zu müssen, sofort vom Sousleutnant zum General und Oberbefehlshaber ausrücken kann. Besonders lobend hebt er hervor, daß Gambetta selbst sogar jeden Ingenieur, der Talent zeigen werde, zum Befehlshaber zu machen entschlossen sei, denn ein Ingenieur werde fich wenig um militärische Routine kümmern und sei am geeignetsten, die Heerestheile zum Zusammenarbeiten zu bringen.__________________ Jndep. belg.
CocaU# rrrid provinzieller.
n. Nieder Florstadt, 18. October. Gestern Abend um neun Uhr brach hier abermals Großfeuer au», sodaß die Nachbarwehren abermals alarmtrt werden mußten. Dem Feuer fiel eine Scheuer zum Opfer, welche bet den beiden großen Bränden in voriger Woche verschont blieb, obgleich sie unmittelbar neben einer damals gänzlich eingeäscherten Scheuer stand. Die nach den vorigen Bränden sofort ein» geleitete gerichtliche Untersuchung hat bis jetzt noch kein greifbares Resultat erzielt.
E. Vilbel, 18. Octobcr. Wir meldeten jüngst den versuchten Raubmordanfall gegen den Rentner Pfeiffer von Petterweil. Der Thar dringend verdächtig sind der Schweizer Joseph Renz aus der Gegend von Con- stanz, welcher in Kloppenheim bei Friedberg bedienstet ist, ferner die Dtenstmagd Lisette Röhmig von Ober-RoSbach, zuletzt in Petterweil. Beide Verdächtige sind vom Amtsgericht Vilbel in Haft genommen und sollen demnächst dem Landgericht Gießen zugesührt werden.
W. Hochelheim, 17. October. Bezüglich des hier vorgekommenen, aus LanggönS gemeldeten Diebstahls sei hier berichtigend mirzutheilen, daß der Thäter nicht von hier, sondern von LanggönS ist.
Feuilleton.
Aus alter Zeit.
(4. Fortsetzung.)
Halb träumend bin ich also drunten durch daS Ortlein getaumelt, so Marpurg gegenüber gelegen. Erst auf der Drücken haben die kalten Winde, so über daS Wasser ge- firichen, den Träumer gewecket. Hab mich denn nach der Herberg befraget, allwo zu Nacht ich möcht verbleiben, und bin auch nach mancher Frag in den engen Gaffen der Stadt endlich recht müd in dem WirthShaus angelanget. Dort in der geräumigen Trinkstuben haben einige Studenten ihr laut Wesen trieben, deß mich uit verlanget. So hab mich denn en ein Tischlein nächst dem Herde gesetzet und itzo erst mein Bespermahl verzehret, so ich von Homberg hergetragen, dazu aber ein Krüglein Bier bringen lassen, waS mir auf meine weite Wanderung gar gemundet.
Hab anerst zu Nacht in hochgethücmten Bette nit ein- schlafen können und da ich endlich etngeschlummert, hat mich ein Traumbild genarret, daß ich wider erwachet. Wol bin tch müd gewest und der Ruhe gar bedürftig, doch ist mein Blut also durch den Traum in Wallung gerathen, daß ich «it mehr schlafen gekönnt. So bin ich denn mit Tages- »rauen aus dem Bette gestiegen und hab mich ans Fensterlein gesetzet und die Zeit herbeigesehnet, wenn tch möcht -Leben hören im Hause, damit ich drunten am Hofbrunnen möcht die brennenden Augen und die pochend Schläfen ist mein Traum mir widerum klar vor die Seele rr-ten Bin mit der holden Jungfrau droben am Brunnen seffen 'am Waldesrand, und die Vöglein haben Über uns in dem Gezweig gezwitschert, und heller Sonnenschein hat lagen Inf dem weiten Land, doch ist ein ander Gegend gewest. Mr aber haben Hand in Hand seffen und gar liebliche Red
gesühret. Auch hat die Maid ihr Köpflein gegen meine Schulter gelehnet und mich angeschauet mit ihren großen traurigen Augen also flehentlich, daß ich mich könnt nimmer enthalten. Hab sie an mein Herz wollen drücken, doch da ich sie umfangen, hab ich ins Leere griffen, die Jungfrau aber war entschwunden. Deß bin gar betrübet worden und hab zu vielen Malen ihren Namen rufen. Da hat fie plötz- ltch hinter mir standen und mit eiskalter Hand die Stirn mir berühret, daß es mich durchschauert, also bin ich erwachet.
Und itzo wachend habe weiter geträumet. Doch je heller der Tag geworden, desto klarer und kühler hab die Sache überdenken mögen. Wie durst ich mein Herz beschweren und die Sinnen mir lassen in Banden legen, so ich mit ganzem Herzen und allem Verstände allhie sollt einsammeln und studiren, ob tch möcht dereinst ein Pfarramt Überkommen? Wer mocht auch können sagen, welch.Unrecht der Jungfrauen auf dem Gewissen gelegen? Darum hinweg mit allen trüg- lichen Bildern eines Glückes, dessen ich anitzo je doch nit mocht theilhaft werden. Also überredete mich der Verstand und also bin ich überzeuget gewest, mein kleine Aventüre habe kein Folg, denn daß ich mein Versprechen zu lösen in sieben Tagen droben beim Quell sein werde. Wollt die Jungfrau mir alsdann ihr Leid klagen, so würde tch ihr Trost zusprechen nach Wissen und Gewissen, beharret sie aber in schmerzvollem Schweigen, so könnt ich ihr nit helfen, Gotte mußt ich sie denn überlassen, der von mir hinfüro anderes verlanget, als der Tröster holder Mägdlein zu sein. Hab geglaubt, also sei cs recht gedacht und so ich danach handle, wohlgethan.
Gewaltsam hab in den folgenden Tagen mein Sinnen immer wieder zurückziehen müssen, so es im Walde droben bet Rothraut gewest.
Hab auch ein gar freundlich Stübletn fuaden tm Hause einer ehrsamen Wittib, und warS Kämmerlein auch klein
und mußt ich allzeit mehrere Stiegen hinauf, hab droben gewöhnet so hoch und frei, tote der Thürmer. Tief unten ist die Lahn flössen durch Wiesen und Gärten, und drüben der Wald auf der Bergesschroffe- das war ihr Wald- — weg mit den Gedanken. Viel lieber will ich schauen an den Häusern entlang, die gleich diesem also hoch gelegen, über die Dächer hinweg hinunter zum herrlichen Dome zu St. Elisabeth, dessen Thürme au» dem tiefen Thale hinauf- ragen gen Himmel. Drs gläubige Gebet des starken Christen zu Gott aus dem Tyale der tiefen Noth und dennoch unentwegt. Dieser Blick sollt mir allzeit ein Mahnung sein und ein Trost. Fest soll werden das Herze gleich den mächtigen Quadern, auf denen die Thürme ruhen, und obgleich auf Erd in Noch und Elend gebettet, dennoch soll fefn Verlangen, den Thürmen gleich, zum Himmel streben. Dann aber kams mir widerum, zween Thütme find eS dicht neben» einander, zwo Herzen sind es- und tief aufseufzend flüsterten die Lippen: „Rothraut."
Je mehr ich mich gezwungen, der Maid zu vergessen, je mehr ich ihrer gedachte, und ists gewest selbigmal schon, wie wenn ich fie gar lange Zeit gekennet.
Die Vorlesungen hatten begonnen und ich hab emsig nachgeschrieben, waS vom Katheder herab geredet ward. Aber es ist der Sonntag kommen, und so ich doch über zween Tagen droben sein wollte am Borne, so mußte ich vorerst des Weges sicher sein, damit nit gar Justus Daniel die Zeit versäume, die er versprochen. So bin ich gleich nach der Mahlzeit über die Brücken schritten durch» Ortlein jenseits, den Hohlweg hinan gar dicht unterm Galgenberg durch zum Wald. Es war widerum recht warm und der Sonne» Strahlen brannten mir auf mein Barettlein, daß ich froh gewesen, wenigstens etzlichen Scharten zn finden unter den knospenden Waldbäumen.
(Fortsetzung folgt).


