m. 194 Erstes Blatt. Dienstag den 20. August
JL89Ä
Der
Oieteuer Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de- MontagS.
Die Gießener A«mttien Vläller werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigelegt.
Gießener Anzeig er
General-Anzeiger.
Vierteljähriger Adonncmeuts preis e 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg.
Redaction, Expedition und Druckerei:
Kchutüraß« 3tr.1e Fernsprecher 51.
Zlnits- unb Anzeigeblcrtt für den Atveis Gieren.
Gratisbeilage^Gießener Kamilienölätter.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de, folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Dorm. 10 Uhr.
Amtlicher Theil.
Gießen, den 19. August 1895.
Betr.: Die Ausführung des Gesetzes vom 22. Mai 1895 wegen Gewährung von Beihülfen an ehemalige KriegStheilnehmer.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grosth. Bürgermeistereien des Kreises.
Diejenigen von Ihnen, welche mit der Erledigung unserer Auflage vom 4. d. Mts. — Anzeiger Nr. 184 — noch im Rückstände sind, werden hieran mit Frist von drei Lagen erinnert.
I. Dr. Melior.
Deutscher Reich.
Berlin, 17. August. Der Kaiser ist heute früh 8 Uhr von seiner Reise nach England wieder in Potsdam eingetroffen.
Berlin, 17. August. Aus Cron berg wird die Nachricht, daß die Kaiserin Friedrich im October nach England zum Besuch der Königin Victoria reisen werde, dementirt und zugleich mitgetheilt, daß die Kaiserin am 18. October an der Einweihung des Kriegerdenkmals theilnehmen werbe.
Berlin, 17. August. Die „Berliner Korrespondenz" schreibt: Die der LebenSversicherungSgeseüschaft Mutual in New-Aork unter dem 16. November 1886 ertheilte Con- cesston zum Geschäftsbetrieb in den königlichen preußischen Staaten ist von dem Minister des Innern zurückgenommen und vom 1. September ds. Js. ab für erloschen erklärt worden.
Köln, 17. August. Heute Mittag hat im Muschelsaale des Rathhauses die Begrüßung der zum dritten internationalen Congreß zahlreich erschienenen Radfahrer durch den Bürgermeister ftattgefunden. Anwesend zum Congreß sind Vertreter Englands, Amerikas, Oesterreichs, Belgiens, Hollands, Dänemarks und Frankreichs. Die herzlichen Begrüßungsworte des Bürgermeisters fanden unter den Anwesenden ein lebhaftes Echo. Der Vorsitzende des deutschen Radfahrerbundes dankte für die Worte des Bürgermeisters, worauf Vertreter Englands, Hollands und Belgiens herzliche Begrüßungsworte an die Versammelten richteten. Hierauf wurde der Ehrentrunk der Stadt Köln entgegengenommen. In der Stadt herrscht reges Leben. Heute Nachmittag 3 Uhr beginnt daS WeltmetsterschaftSfahren.
Metz, 18. August. Die Ertnnerungsfeter an die Schlacht bei Gravelotte begann heute früh 7 Uhr mit einem auf dem Pionierübungsplatze vom evangelischen DivtsionSpsarrer Bußler abgehaltenen Feldgottesdienste unter Theilnahme Tausender von Veteranen und unter Mitwirkung des Metzer Gesangvereins. Nach der kirchlichen Feier erfolgte die Abfahrt nach Gravelotte, wo Nachmittags die Einweihung deS AussichtSthurmes stattfinden soll, während der commandtrende General des 16. Armeecorps General der Cavallerie Graf von Häseler in Flavigny die Weihe des dem Prinzen Friedrich Karl gewidmeten Denksteins vollziehen wird. Der Verein für Erhaltung und Schmückung der Kriegergräber ließ heute am Sarge Kaiser Wilhelms I. einen auf dem Schlachtfelde von Gravelotte gewundenen prächtigen Eichevkranz mit einer WldmungStnschrift niederlegen.
Neueste
Depeschen deS Bureau r$crolb*.
Berlin, 18. August. Die Feier zur Grundstein- legung deS National-DenkmalS für Kaiser Wilhelm I. Heute Vormittag 9 Uhr hat an der Schloß- freiheit, welche prächtig dccorirt wär, die feierliche Grundsteinlegung zum National-Denkmal für Kaiser Wilhelm I. stattgefunden. Eine überaus zahlreiche Menschenmenge wogte schon in früher Stunde durch die Straßen und Plätze, in welchen die Auffahrt der Allerhöchsten Herrschaften erfolgte. Die Häuser der Hauptstraßen hatten Flaggenschmuck angelegt und überall wurden Erinnerungszeichen an die Festlichkeiten und die Scblacht bei Gravelotte von Händlern feilgeboten. Ganz besonders prächtig war der Festplatz geschmückt mit Lorbeerkränzen, Flaggen und Blumen; ferner in den Wappen der verbündeten Staaten, Bayern, Sachsen und Württemberg. Bon 8 Uhr an begann sich Festplatz und Tribüne zu füllen. Im Kaiserpavillon versammelten sich die Fürstlichkeiten mit ihrem Gefolge: der Kronprinz, der Großherzog und Erb- großherzog von Baden, Prinz Albrecht von Preußen, Prinz Friedrich Leopold, der Fürst von Hohenzollern, der Erbprinz
von Sachsen Meiningen, Herzog Ernst Günther von Schleswig Holstein, Prinz Friedrich Carl von Hkffen, Prinz Aribert von Anhalt und andere Mitglieder deutscher Fürstenbäuser. Um 9 Uhr betrat der Kaiser in Uniform des 1. Garde- Regiments z. F. den Festplatz. Die Truppen präsentirten, die Fahnen salutirien. Nachdem der Kaiser die versammelten Fürstlichkeiten begrüßt hatte, übergab der Reichskanzler demselben die in den Grundstein zu legende Urkunde, welche der Kaiser wie folgt verlas: „Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser und König von Preußen rc., thun kund und zu wissen, daß Wir beschlossen haben, im Namen der Fürsten und freien Städte des Reiches den Grundstein zu einem Denkmal zu legen, welches nach einmütiger Willenskundgebung der gesetzgebenden Körperschaften dem Andenken Unseres in Gott ruhenden Herrn Großvaters, Kaiser Wilhelm I. großer Majestät geweiht werden soll. Wir vollziehen diesen feierlichen Act au dem Tage, an welchem vor fünfundzwanzig Jahren der unvergeßliche Kaiser Deutschland im Kampfe um des Vaterlandes Ehre und Freiheit zu einem entscheidenden Siege geführt hat. Kaiser Wilhelms Jugend reicht zurück in die Zeit schwerer Heimsuchung, aber wenn es dem Jüngling nicht vergönnt war, an die begeisterte Erhebung des Volkes zu denken und selbst mitzukämpfen für die Befreiung von fremden Joche, so hat er, auf den ruhmreichen Thron seiner Väter berufen, den deutschen Stämmen die heißersehnte Einheit wiedergeben und dem neu erstandenen Reiche die führende Machtstellung in der Staatenwelt sichern dürfen. Nicht ohne hartes Ringen, nicht ohne blutige Kämpfe ist dieses Ziel erreicht worden. Im unerschütterlichen Vertrauen auf Gott, in fester Zuversicht auf die sittliche Kraft der Nation, hat Kaiser Wilhelm I. die Bahn zur Sicherung dieser Unabhängigkeit beschritten. Die opferbereite Ein- müthigkeit der deutschen Fürsten, der weise Rath und die thatkräftige Unterstützung seines Kanzlers, des Fürsten Bismarck, die vollendete Kriegskunst seines General Feldmarschalls Grafen Moltke, das unvergleichliche Geschick der vielen zur Führung der Heere, zur Führung der Soldaten berufenen Helden, voran deS Kronprinzen Friedrich Wilhelm, und die todes- muthige Treue des von dem Feldmarschall Grafen Roon in den Waffen geschulten Volkes sicherten den Erfolg. Aus der blutigen Saat ging die von Gott gesegnete Ernte deutscher Einigkeit hervor und unter dem Schutze des mit den höchsten Opfern erkämpften Friedens hat Deutschland sich unbesorgt der Pflege seiner idealen Güter und seiner wirthschastlichen Jntereffen hingegeben. In dieser Pflege ging Kaiser Wilhelm bahnbrechend voran, Kunst und Wiffenschaft, Ackerbau und Gewerbe, Handel und Schifffahrt erfreuten sich gleichmäßig seiner Fürsorge. Mit dem inneren Ausbau des Reiches hielt gleichen Schritt das auf die Heilung der gesellschaftlichen Schäden gerichtete Bestreben des Kaisers. Seiner erlauchten Anregung ist eö zu danken, daß Deutschland zuerst den Weg werkthätiger Förderung des Wohles der arbeitenden Klaffen betreten hat. Rastlos bis zum letzten Athemzuge auf des Reiches Wohl bedacht, geliebt und geehrt von seinen Verbündeten und dem dankbaren Volke, das seiner Führung vorbehaltlos vertraute, beschloß der große Kaiser sein Leben, sichtbar gesegnet in seinem selbstlosen Willen und Vollbringen. In der Erinnerung der Zeitgeschichte wird er, deß find wir gewiß, als das leuchtende Bild eines VaterS des Vaterlandes im Gedächtniß der kommenden Geschlechter fortleben und Zeugniß ablegen von der unerlöschlichen Dankbarkeit, welche Deutschlands Fürsten und Völker ihm zollen. So soll sich sein Standbild in Stein und Erz hier erheben als ein Wahrzeichen der Liebe zum Baterlande, als Wahrzeichen der Treue. Möge das Denkmal stets auf ein glückliches und zufriedenes Volk herniederschauen. DaS walte Gott!" Diese Urkunde wurde in eine metallene Kapsel gelegt und derselben eine Anzahl Actenstücke, Münzen und Ehrenzeichen beigefügt. Nachdem die Kapsel verschlossen und in die Höhlung deS Grundsteine« versenkt worden war, überreichte der bayerische Gesandte Graf Lerchenfeld Kelle und Mörtel unter einer Ansprache. Der Kaiser warf hierauf den Mörtel in die Vertiefung für den Grundstein und Meister des Maurer- und Steinmetzgewerbes setzten das Schlußstück ein. Sodann überreichte der Präsident deS Reichstages, Freiherr v. Buol, dem Kaiser mit einer kurzen Ansprache den Hammer. Nunmehr vollzog der Kaiser die drei Hammerschläge unter folgendem Spruch: „Den Gefallenen zum Gedächtniß, den Lebenden zur Erinnerung, den kommenden Geschlechtern zur Nacheiferung !" Gleichzeitig erdröhnten vom Lustgarten her die 101 Salutschüsse. Die Truppen präsentirten, die Fahnen und Standarten wurden gesenkt und ein Choral wurde geblasen. Nach dem Kaiser vollzogen der Kronprinz, Prinz Eitel Friedrich, Prinz Adalbert, der Großherzog von Baden, sämmtliche anwesende Fürsten und Prinzen je
drei Hav'.merschläge, desgleichen der Reichskanzler, der BundeS- raihsbevollmächtigte, Vertreter der Armee und Marine, active und tnactine Staatsminister, unter letzteren auch Gras Herbert Bismarck, und zahlreiche andere hohe Persönlichkeiten. Hierauf hielt der General-Superintendent von Berlin, Hofprediger Faber, die Weiherede, welche mit den Worten schloß: „DaS Herz für Kaiser und Reich! Gott unsere Hilfe! Da» heilige Buch unser Kleinod!" Nach dem Segensipruch in- tonirte die Musik den Choral „Nun danket alle Gott". Alsdann brachte der Reichskanzler ein Hoch auf den Kaiser aus, in welches die Anwesenden dreimal einstimmten. Nach Beendigung der Feier fand vor dem Kaiser an der Schloßfreiheit Vorbeimarsch der Truppen statt. Sodann erfolgte die Rückfahrt der Festtheilnehmer. Dem glänzenden Schauspiel wohnte wiederum eine tausendköpfige Menge bei, welche den Kaiser mit Hochrufen begrüßte. Die Feier war vom prächtigsten Wetter begleitet.
Köln, 18. August. In Mülheim am Rhein herrscht in der letzten Woche große Erregung gegen die Köln Mülheimer Dampfschifffahrts-Gesellschaft, welche, um die Concurrenz-Ge- sellschast zu vernichten, den Fahrpreis von 20 auf 15 Pfennige herabgesetzt hatte. Gestern Abend versuchte eine große Menschenmenge das Landen der Schiffe der alten Gesellschaft zu verhindern. Dabei kam es zu einem Krawall, worauf die Menge zu Tausenden anwuchs und den ganzen Werftplatz und die angrenzenden Straßen besetzt hielt. Als die Polizei von der blanken Waffe Gebrauch machte, wurde zur Hilfeleistung Gendarmerie requirirt, welche blinde Schüsse abgab. Die höchst erregte Menge eröffnete ein Steinbombardement und demolirte sämmtliche Laternen, ein Wetterbäuschen, sowie ein Uhren Postament. Zahlreiche Fensterscheiben in den umliegenden Häusern wurden eingeworfen. 22 Schutzleute wurden durch Steinwürfe verletzt, darunter auch ein Commissar. Dieselben wurden theilweise ins Spital gebracht. Unter der Menge wurden zahlreiche Personen durch Säbelhiebe von Polizisten verwundet, eine Anzahl Personen verhaftet. Der Landrath hat telegraphisch für heute Abend militärische Hilfe erbeten. In der Stadt herrscht große Aufregung.
Paris, 18. August. Zehn Sonderzüge haben gestern ungefähr 15,000 kranke Pilger nach Lourdes gebracht.
Paris, 18. August. Der „Figaro" bespricht heute ausführlich die deutschen JubiläumSfeierlichkeiten von 1870 an der französischen Grenze und sagt, die Deutschen gingen bei den Feierlichkeiten zu geräuschvoll vor. Im Anschluß hieran bringt das Blatt einen Auszug einer im Jahre 1871 in Bordeaux erschienenen Broschüre, welche betitelt ist: Gesammelte Schriftstücke über die Erpressungen, Diebstähle, Verheerungen und Grausamkeiten der deutschen Armee in Frankreich während des Krieges von 1870/71.
Sofia, 18. August. Das Palais des Fürsten Ferdinand wird feit einigen Tagen scharf bewacht, weil derselbe eine Anzahl Drohbriefe erhalten hat.
Belgrad, 18. August. Vor seiner Abreise nach Biarritz sprach sich König Alexander dem Vertreter einer großen Macht gegenüber dahin aus, daß in Bulgarien ernste Ereignisse wohl kaum zu befürchten seien. Seiner Reise ins Ausland stehe daher nichts im Wege. Dieselbe habe keinerlei politischen Zweck.
WB. Hamburg, 19. August. Die von Schulau zurückkehrende Motorbarkasse „Alexander Beckmann", mit 25 Personen besetzt, gerieth an den Radkasten des Stader Dampfers „Concordia" und wurde in die Tiefe gedrückt. ^Personen sind ertrunken, darunter 8 der Familie Laski.
teceik* »n» prwtmitB«».
Gießen, den 19. August 1895.
• * Von bet Universität. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht, den außerordent- lichen Professor Dr. Otto Wiener zu Aachen zum ordentlichen Professor in der philosohischen Facultät der LandeS- Univerfität und zum Director des phyfikalischen Instituts, mit Wirkung vom 1. October d. I. an, zu ernennen und in der gedachten Eigenschaft zu berufen.
* * Empfang. Seine Königliche Hoheit der Großherzog empfingen am 17. August u. A. den Professor Dr. Kretschmar aus Gießen.
* • Erlaß Sr. Kövigl. Hoheit des Großherzogs an die hessischen Krieger. Der Großherzog richtete an den LanbeS- Berband der hessischen Kriegervereine einen Erlaß, in welchem er den zur Erinnerungsfeier versammelten Kriegervereinen als Protector seinen Gruß entbietet: „Mögen die Krieger, deren ältere Mitglieder unter Führung meines verstorbenen


