Ausgabe 
20.7.1895
 
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gangenen Mahnungen, baldigst nach Sofia znrückzukehren, erscheinen gerechtfertigt. Mit Stambulow ist bekanntlich der entschiedenste Vertreter bulgarischer Selbständigkeit und der größte Gegner der Unterwürfigkeit unter Rußland dahin­gegangen. Es ist klar, daß die gegenwärtige politische Stimmung jetzt wieder die Oberhand erhält. Die Zett wird lehren, ob die Rechnung der bulgarischen Macht eine richtige gewesen ist. DieNat.-Ztg." schreibt: Stambulows Mördern dürfte der Todte noch furchtbarer werden, als ihnen der Lebendige war. Der bulgarische Name wird fortan nur noch als eine Bezeichnung der schnödesten Undankbarkeit fortleben. Bulgarien wird wohl seinem Schicksal überlassen bleiben und der Fürst wird den Rest seiner Tage wahrscheinlich demnächstunbekannt wo" verbringen. Im Interesse der öffentlichen Moral ist eine andere Entwickelung kaum denkbar. DieVoss. Ztg." schreibt: Stambulow endete wie alle großen Befreier auf dem Balkan. Für Bulgarien ist er unersetzlich und erst sein Tod wird dem Lande zum Bewußtsein bringen, was es an ihm besessen hat. DasTageblatt" sieht für Europa die Nothwendigkeit anwachsen, mit doppelter Wachsam­keit die Vorgänge in Bulgarien zu beobachten.

Frankfurt a. M., 18. Juli. DieFrkf. Ztg." meldet aus Budapest: DerB. Hirlap" veröffentlicht das Facsi- mile eines aus allerjüngfter Zeit stammenden Briefes Stambulows an einen hiesigen Freund, den Professor an der orientalischen Academie, Adolf Strauß. Stambulow schreibt:Ich würde Ihnen sehr dankbar sein, wenn Sie bei Ihren Ministern und bei Philipp von Coburg Schritte unter­nehmen wollten, damit Fürst Ferdinand Ordre zur Einstel­lung der Jagd gegen uns ertheilt, durch welche unser Land zu Grunde gerichtet wird. Senden Sie Ihren Brief an Grekow." Der Brief Stambulows ist, wie das Blatt bemerkt, durch einen Boten nach Semlin gebracht und von dort durch die ungarische Post wetterbefördert worden, weil Stambulows Briefe stets confiScirt und geöffnet wurden.

Beutheu, 18. Juli. Der Raubmörder Sobczyk ver­weigert die Annahme jeder Nahrung. ES wird künstliche Ernährung vorgenommen.

Heidelberg, 18. Juli. Aus Anlaß des hier stattfindenden Journalisten- und Schriftstellertages ist die Stadt festlich geschmückt. Die aufgestellten Ehrenpforten tragen wesentlich zur Verschönerung der Schmückungen bei. Von auswärts haben sich 350 Teilnehmer angemeldet und ist hauptsächlich eine starke Betheiligung der Nachbarstädte zu erwarten.

Beru, 18. Juli. Der Bundesrath hat die Bundes­versammlung auf den 14. August einberufen, behufs Ratification des Handelsvertrags mit Frankreich.

orteS wesentlich benachtheiligt hat. Qualitativ ist vielleicht insofern ein Unterschied gegen früher zu verzeichnen, als die Kreise der hohen Diplomatie nicht mehr so zahlreich vertreten find. Dieser Umstand hat natürlich auch einen Rückschlag in den Preisen zur Folge gehabt. Ems ist in den letzten Jahren bedeutend billiger geworden, als in den Tagen, da es als Katserbad" eine außerordentlich vornehme Rolle spielte. Die Zahl der Gäste hält sich so ziemlich auf der gleichen Höhe. Auf 10,000 Kurgäste und etwa ebenso viel Paffanten läßt sich dieselbe in der Regel veranschlagen. An großen Titeln und hervorstechenden Persönlichkeiten fehlt es Ems eigentlich in keiner Saison. Die vornehmsten find augenblicklich der Prinz Georg von Preußen und der Prinz von Anhalt.

Während der Nachmittags-Concerte, die stets ein fein gewähltes und mit künstlerischer Verve ausgeführtes Pro­gramm bieten, entwickelt fich jenes Gesellschaftsbild, das typisch für alle größeren Badeorte ist: Die Vielgestaltigkeit der Toiletten/ das bunte Sprachengemisch, das harte Neben­einander von Leidenden und Gesunden. Solche Schwerkranken, deren Anblick Schmerz verursacht, fieht man übrigens in Ems weniger oft als in anderen Kurorten.

Jene auffallenden exotischen Erscheinungen, die sich noch immer Wiesbaden und Baden-Baden für ihre EroberungSzüge erkoren, find hier auch wett dünner gesäet.

Hat man für Ems nur einen Tag zur Verfügung, so ist daS Programm sehr schnell und übersichtlich entworfen. Man geht oder fährt auf den Malberg, der sich zu einem Luftkurort ersten Ranges entwickelt hat und auf seinem waldigen Plateau die ausgedehntesten Spaziergänge gestattet. Etwas tiefer unten liegt daS aumuthige Schweizerhaus, auch eine sehr gesuchte Pension. Die Zahnradbahn, die auf dir Spitze des Malberg führt, erleichtert den Verkehr un­gemein, zumal der Abonnementspreis 5 Mk. für den ganzen Monat beträgt. Vom Malbergthurme aus genießt man den herrlichsten Fernblick. Man sollte auch nicht versäumen und die Zeit reicht dazu vollauf daS Landschaftsbild

Paris, 18. Juli. Der Handelsminster wird dem nächst eine Reform der öffentlichen Submissions Bedingungen der Arbeiten für den Staat ausarbeiten. Alle Handelskammern werden aufgefordert, ihre Bemerkungen über die vorzunehmenden Aenderungen mitzutheilen, damit ein einheitliches Reglement für das ganze Land hergestellt werden kann.

Paris, 18. Juli. DieLibre Parole" warnt die fran­zösischen Capitalistcn davor, auf die chinesische Anleihe zu zeichnen.

Sofia, 18. Juli. Stambulow, der seit gestern Abend 10 Uhr bewußtlos war, ist heute früh 31/2 Uhr im Beisein seiner Familie und Freunde (wie bereits in voriger Nummer gemeldet. Red.) gestorben. Sein Zustand war seit gestern Nachmittag hoffnungslos. Elf Aerzte be­fanden sich gestern bei dem Kranken. Frau Stambulow ist in Folge der großen Aufregung sehr leidend. Die hiesige Presse äußert sich wenig. Das Regierungsblatt verurtheilt zwar das Verbrechen, behandelt es im Uebrigen aber wie einen Vorfall, der in einigen Wochen abgethan sein wird.

Sofia, 18. Juli. Nach den bisherigen Constatirungen der Staatsanwaltschaft folgten, nachdem Stambulow den Union-Club verlassen, dem Wagen Stambulows ein berittener und ein Fußgendarm. Plötzlich, als der Wagen angehalten wurde und Schüffe fielen, war der berittene Gendarm ver­schwunden. Als der Fußgendarm an die betreffende Stelle kam, war bereits alles vorüber. Der Wagen war im Galopp davongefahren, nachdem ein Angreifer denselben bestiegen hatte. Ein Attentäter wurde vom Diener Stambulows verwundet. Er wäre ergriffen worden, wenn die die Wohnung des Ministerpräsidenten überwachenden Gendarmen nicht den be­dauerlichen Fehler gemacht hätten, den Diener festzuhalten, wodurch die Flucht des Attentäters gelang. Don Seiten mehrer Augenzeugen wurde eine genaue Personalbeschreibung der Mörder gemacht. Trotzdem formten dieselben nicht er­mittelt werden. Man befürchtet, daß sie bereits ins Aus­land geflüchtet sind. Seitens des Untersuchungsrichters wird positiv geglaubt, daß der Hauptattentäter Halles sei.

Sofia, 18. Juli. Stambulows Tod hat in der Stadt große Erregung hervorgerufen. Diese Erregung wendet sich nicht so sehr gegen die Regierung als gegen den Fürsten Ferdinand. Stambulows Freunde beschuldigen den Fürsten direct, daß er allein Jntereffe am Tode Stambulows gehabt. Die Ueberzeugung, daß Fürst Ferdinand nicht mehr nach Bulgarien zurückkehren werde, tritt sich immer mehr Bahn. Die russophile Partei erörtert ernstlich die Idee, den Fürsten Ferdinand zu entthronen und seinen Sohn unter einer von Rußland zu bestimmenden Regentschaft als Fürsten zu

von der entgegengesetzten Seite, vom anderen Lahnufer aus, vom Concordienthurme, zu betrachten.

Ein Bummel durch die Promenaden, wo sich in den Frühstunden die Kurgäste plaudernd und lachend einfinden Bücher- und Zeitungsverkäufer scheinen mir hier gute Geschäfte zu machen ein Blick in die Verkaufsläden unter den Arkaden, ein Gang durch die luxuriös und gediegen aus- gestatteten Kurhaussäle und vor Allem die Besichtigung der verschiedenen Quellen, unter welchen der Kesselbrunnen als der stärkste gilt, werden den Tag genügend ausfüllen.

Die Aerzte haben jetzt noch eine dritte Brunnenstunde, die um 11 Uhr Vormittags, eingesührt. Einem Industrie­zweige kommt diese vor Allem zu Statten: dem Glas- waarenverkauf. Von dem einfachsten bis zu dem ele­gantesten, feinst geschliffenen Exemplar trifft man hier alle Sorten von Gläsern. Dazwischen auch Vasen, bauchige Krüge, die nach ausgegrabenen römischen Modellen geformt sind rc. 2c. kurz, es wird Einem sehr schwer, sich nicht sofort mit einem Andenken zu belasten.

Noch schwerer kommt es uns aber an, gleichzeitig au den lockenden Obftbuden vorüberzugehen, wo in der appettt- lichsten Auslage Kirschen, Erdbeeren, Pfirsiche, Trauben, meist als Rtesenexemplare, prangen. Ein Stillleben möchte man fich sofort daraus arrangiren! Für den Anblick bezahlt man wohl auch mit, denn für ein Pfund Annanas-Erdbeeren verlangte die irdische Stellvertreterin der himmlischen Pomona mit liebenswürdigstem Lächeln zwei Mark!

Was thut man in Ems an einem Regenabend? Auch dafür ist gesorgt. In dem Fest- und Concertsaale deS Kur­hauses hat auf niedlicher Miniaturbühne ein (Sommer- th eater seine Scene aufgeschlagen und regalirt das Publi­kum mit den bekannten und überall zugkräftigen Repertoire­stücken. Außerdem befindet sich gegenwärtig auch noch ein Parodietheater in Ems, daS seiner Bestimmung gemäß von den Brosamen lebt, die von der Großen Tische fallen.

Samstag den 20 Juli

Nr. 168

189#

Gießener Anzeiger

6118

Kenerat-Mnzeiger

Aintr- unfr Anzeigeblatt für den "Kreis Gieren.

chratisöeitage: Gießener Aamitienötätter

Äehlar.

Vorstand.

SSM,

Feuilleton

Tod Kaiser Wilhelms I., nie vergessen wird und kleine Zeichen rührender, die Frequenz des Bade-

All- Annoncen-Burcaux deS In- und Auslände- nehme» Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.

Wigen Quellen zu versammeln.

Es ist nicht wahr, daß der )en das dankbare Ems natürlich Itffen Andenken durch große und inniger Pietät festgehalten wird,

Die Gießener

Aamtkienvkätler werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Der chlehener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags.

laimtqutHui: 6totf r-vvrkltu.tztltM J find feit lanje durch unübertroffffli lagern und tflenv rmatb, «ttei-stch Dutflm wirbln Saly t Sah ist ein lünfy -chttsten

»nmhWn tz,

Em« in der Hochsaison.

Retsebrtefe für denGießener Anzeiger".

(Nachdruck verboten.)

Dr. M. Für Ems sind jetzt die besten Tage. Das Aadeleben steht in vollster Blüthe und fast mit jedem Zuge Neffen neue Kurgäste und Paffanten ein.

Der Weg, den man von Gießen auS mit der Bahn bis 8mS zurückzulegen hat, ist besonders lohnend und gleicht mit 3rinen Gebirgs- und Burgcouliffen, die fich in beständig Wechselnden Bildern vor den entzückten Augen aufbauen, einer fimmungSvollen Ouvertüre zu einem, reizenden Festspiel, das lon der Natur erdacht und von der Kunst in der mannig- faltigften Weise ausgenützt worden ist.

Die Lahn hat bei Weitem nicht die Menge sanges- Imdtger und poefiefreudiger Verherrlicher gefunden, wie der Nbeinftrom, und doch, wenn man ihren Lauf von Gießen bis Klblenz verfolgt, möchte man fich versucht fühlen, zu glauben, 113 hier an ihren Ufern ein ebenso starker Sagenhort auf- gespeichert liegt, der eben nur deS geschickten Finders harre. 8a(b rechts, bald links taucht eine stattliche Burg, eine ^stilvolle Kirche, ein interessanter Ruinenreft auf. Das Auge M fich in steter Wachsamkeit erhalten, wenn es nichts ver« litten will. Die zwei Stunden Bahnfahrt werden unS auf diese Weise sehr kurz. Eben hat unsere Blicke noch das liebliche Nassau beschäftigt, und da find wir auch schon in btm gepriesenen Ems, daS seinen Weltruf in jeder Weise rechtfertigt und keiner lärmvollen Reclame bedarf, um Ger- inanen, Romanen und Slaven alljährlich an seinen wunder-

m Betten, übernähme

4233

Depeschen des BureauHerold".

Berlin, 18. Juli. Nach den bisherigen Bestimmungen wird der Kaiser von seiner Nordlandsfahrt am 28. d. M. wieder in Kiel eintreffen, dort zunächst an Bord seiner DachtHohenzollern" einen kurzen Aufenthalt nehmen, und sodann am 2. August von Kiel aus durch den Kaiser-Wil­helm Canal die Reise nach England antreten. In England gedenkt der Kaiser bis zum 16. August zu bleiben, und über Wilhelmshaven die Reise nach Berlin zu machen.

Berlin, 18. Juli. Der bekannte Reichstagsabgeordnete Haas erklärte nach einer Meldung desBerliner Tage­blattes" aus Straßburg in einer vertraulichen Besprechung mit den andern lothringischen Abgeordneten, daß er sein NeichStagsmandat niederlegen und in einigen Wochen nach Nancy überfiedelu werde.

Berlin, 18. Juli. Nach einem an der hiesigen Börse verbreiteten, auS Wien stammenden Gerücht soll Fürst Ferdinand von Bulgarien abgedankt haben.

Berlin, 18. Juli. Der nächstjährige deutsche Journa­listen- und Schriftsteller tag soll hier abgehalten werden.

Berlin, 18. Juli. Gegen den Rechtsanwalt Fritz Friedmann ist, wie die Abendblätter melden, eine Unter­suchung wegen Bestechung eines Criminalbeamten eingeleitet worden.

Berlin, 18. Juli. Anläßlich deS heute früh erfolgten Ablebens Stambulows bringen die Abendblätter längere Artikel, in welchen die Umstände seines Todes und die Consequenzen, welche derselbe für Bulgarien nach sich ziehen dürfte, besprochen werden. DieKreuzzeitung" schreibt: Der erste Act des Trauerspiels ist hiermit zu Ende. Die weitere Entwickelung wird aber für Bulgarien, wenn nicht gar für die ganze Balkan-Halbinsel und darüber hinaus von bemerkenSwerthen Folgen begleitet sein. Die an den Prinzen Ferdinand nach Karlsbad von verschiedenen Seiten' er-

sicht

anerkannt vorzüg.

,uliua Janz.

WolffS telegraphisches Correspondenz-Bureau.

Karlsbad, 18. Juli. Fürst Ferdinand von Bul­garien übersandte auf die Nachricht von dem Ableben Stambulows der Wittwe desselben ein Beileidstelegramm.

Sofia, 18. Juli. Das Begräbniß Stambulows findet Samstag Nachmittag 2 Uhr statt. Die Meldung, daß einige Vertreter auswärtiger Mächte bei dem Tode Stam­bulows zugegen gewesen seien, bestätigt sich nicht- dieselben waren theils vor, theils nach dem Ableben Stambulows in besten Wohnung.

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