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Meßener Anzeiger
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Deutscher
40. Sitzung. Montag, den 18. Februar 1895.
Etat deS Retchsamts deS Innern. (Capitel Normal- Aichungs-Commtsston).
Eine Beschwerde des Abg. Heyl über verschiedene Auslegung der Aichvorschrtflen auf F aschen mit Patent - Verschluß beantwortet der StaatSsecreiär v. Bötticher dabin, daß der Gesetzentwurf über den unlauteren Wettbewerb eine Bestimmung dagegen enthält. Den Wunsch der Abgg. v. Leipziger (cons.) und Hammacher (ntl.) auf eine Besserstellung der technischen Htlssbeamten erklärt der Staatssecretär nach Möglichkeit berückfichttgen zu wollen.
Bet dem Capitel „Gesundheitsamt" theitt auf eine Anregung deS Abg. Lingens (Centr.) derDtrector des Gesundheitsamtes mit, "aß seit 1893 Versuche darüber angestellt werden, wie sich die Ansteckungsgefahr ansteckender Krankheiten gegenüber Verwesungs- processen verhält. Nach einer unwesentlichen Debatte wird das Capitel genehmigt.
ES folgt Capitel 13a (ReichsverficherungSamt). Hierzu liegen Anträge der Abgg. Hitze lCentr.), Auer (Soc.) und Dr. Kruse (ntl.) oor. ,
Abg. Hitze (Centr.) ersucht die Regierung, bald möglichst eine Novelle etndrtngen zu wollen, um die Haupiübelstände zu beseitigen.
Abg. Molkenbuhr (Soc.) führt aus, daß die Invalidenrente der Arbeiter nicht im Verhältniß zu den Beiträgen steht.
Abg. Dr. Kruse (ntl.) begründet seinen Antrag, indem er erklärt, die Regierung habe selbst schon früher die Unfallversicherung für die Hochseefischerei in Aussicht gestellt.
Abg. v. Sali sch (cons.) spricht sich für den Kruse'schen Antrag aus. In der in Aussicht gestellten Novelle wünscht Redner vor allem die Selbstversicherung erweitert sowie die Aufbringung der Mittel einfach und gerechter gestellt zu sehen.
Abg. Sietntnger (Centr.) will bei einer Reform die land- wtrthschastlichen Arbeiter so ausgeschteden wissen, daß sie dabet nicht zu kurz kommen. m
Abg. Brühne (Soc.) bezeichnet es als ein bedenkliches Beginnen, die wenigen R-chle, welche die Alters- und Jnoaltdtläls- veistcherung den Ai beilein gewährt, noch zu beschneiden.
Wetterberalhung: Moigen 1 Uhr. Außerdem: Wahlprüfungen.
Der P äsident thetlt mit, daß er die Tabaksteu.rvorlage am Donnerstag aus die Tagesordnung zu setzen beabsichtige.
Neueste Nachrichten.
Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.
Berit», 18. Februar. Der „Retchsanzeiger" meldet: Der Polizeipräsident macht unterm 16. d. Mts. bekannt, der Central-Viehhof ist für den Abtrieb von Schweinen gesperrt, nachdem nicht nur unter mehreren Beständen des Schlachthofes, sondern auch auf dem Viehhofe der Ausbruch von Klauenseuche festgesttllt worden ist.
Paris, 18. Februar. Die über den früheren deutschen Offizier vonSchönebeck wegen Spionage.verhängte Strafe von fünf Jahren Gefängniß wurde von der Berufungsinstanz auf vier Jahre ermäßigt. Die Geldstrafe von 5000 Frcs. wurde bestätigt.
London, 18. Februar. Die Leiche des bei dem Unter gange der „Elbe" umö Leben gekommenen Walter Schüll, für deren Auffindung eine Belohnung von 200 Psd. Sterl. ausgesetzt war, ist gestern bei Dungeneß von dem Schiffer William Tart aufgefunden worden. Bei der Leiche wurden fünf Einhundertmarkscheme, eine goldene Uhr, ein Ring mit der Inschrift „Emmy Schüller", sieben Gold- und Silbermünzen, sowie andere Gegenstände vorgefunden. Dle Leiche trug einen mit „Elbe" bezeichneten RettungSgürtel.
Depeschen des Bureau „Herold".
Berlin, 18. Februar. Die Ansprache, welche der Kaiser an die Abordnung deS Bundes der Landwtrthe hielt, har nach dem Reichsanzeiger folgenden Wortlaut: „Einern Beispiel der ostpreußischen Landwirthe, welche im Ociober v. I. zu mir kamen, folgend, sind auch Sie nun erschienen, um mir Ihre Wünsche vorzutrogen. Der Empfang ist Ihnen Beweis, wie ernst es mir um das Wohl und Wehe meiner Bauern zu thun und daß meine Thüre jedem Unterthan offen steht, ke ne leere Formel ist. In dem Eifer sich selbst zu helfen, den auf der Landwirtschaft lastenden Druck allen Kreisen des Volkes klar zu machen, haben sich Mitglieder Ihres Bundes in' dem verfloffenen Jahre zu einer Agitation in Wort und Schrfft verführen lasten, die über den Rahmen des Zulässigen htnausgeht, und mein lavdesväterliches Herz lief kränken mußte. An dem heutigen Tage jedoch haben Sie gleich wie meine Ostpreußen dieses Vergehen wiedergut- gemacht. Aus der bevorstehenden Berufung des Staatsrathes, dem alle einschlägigen Fragen zur Beralhung vorgelegt werden, mög-n Sie ersehen, daß versucht wird, wie ich hoffe unter Mitwirkung von Landwirthen aller Stände, Ersprießliches für die Hebung der Landwirthschaft zu erwirken. Mein landesväterlicher Rath geht deshalb dahin, daß die Herren jeder sensationellen Agitation sich enthalten und mit Vertrauen der Arbeit des Staatsrathes folgen mögen. Wir wollen Gott bitten, daß diese Bemühungen zum Heil der Landwirthschaft ausschlagen und daß Ihnen ein gutes Jahr beschteden sein möge." Sodann sprach der Kaiser mit mehreren Herren der Abordnung, ließ sich vortragen, welche Wünsche man hinsichtlich etwaiger gesetzlichen Maßregeln zur Beseitigung des Nothstandes der Landwirthschaft hege und wies darauf hin, daß zur Zeit ebenso wie bet uns auch in anderen Staaten die Lage der Landwirthschaft leider eine ungünstige sei. Der Kaiser sprach die Hoffnung aus, daß in dem demnächst zu berufenden Staatsrathe die Frage eingehend erörtert werden würde und verband damit den lebhaften Wunsch, daß sich die Lage der bedrückten Landwirthschaft baldigst ver-
bestetn möge. Bei der Audienz waren die Minister deS Innern und der Landwirthschaft zugegen.
Berlin, 18. Februar. Fürst BiSmarck hat sich bereit erklärt, die von den Innungen geplanten Ovationen entgegen zu nehmen, aber gebeten, den Tag hierfür erst später festsetzen zu dürfen. Die Ovation verspricht einen großartigen Umfang anzunehmen. Vertreter aller Innungen wollen sich mit ihren Fahnen und Bannern nach Friedrichs- 1 ruh begeben.
Berlin, 18. Februar. Im Feenpalast traten heute Nachmittag 2 Uhr die Mitglieder des Bundes der Landwirthe zur General'Versammlung zusammen. Der Saal war mit seinen Gallerten bereits eine Stunde vor Beginn der Verhandlungen mir etwa 5000 Personen gefüllt- etwa 50 Parlamentsmitglieder waren anwesend. Um 2 Uhr eröffnete der Vorsitzende des Bundes, Herr von Plötz, die Ver- . sammlung und führte etwa Folgendes aus: Die Situation sei vollständig verändert. Noch vor einem Jahre habe ein hoher Staatsbeamter die Bestrebungen des Bundes bedauerlich genannt.. Heute sei dies anders, trotzdem der Bund der- selbe geblieben sei. Heute habe man dte freudige Genug- thuung, daß an allerhöchster Stelle die Ueberzeugung obwalte, daß dem Nothstande Einhalt g-than werden müste, wenn daS Vaterland nicht nach außen und innen wehrlos gemacht werden solle Aus dem Geschäftsbericht ergiebt sich, daß der Bund jetzt 10000 Mitglieder mehr zählt, als im Vorjahre. Die Einnahmen beliefen sich auf 453000 Mk., die Ausgaben auf 493 000 Mk. Redner gedachte und auch säst alle späteren Redner in anerkennenden Worten der Verdienste des Fürsten Bismarck um dte Landwirthschaft. Gras Mirbach betonte dte Nothwendigkett, auch die Währungsfrage in die Agitation einzuzlehen. Nachdem der Doistand unter großem Jubel mitgetheilt, daß auch er darum nachgesucht habe, am 1. April in Friedrtchsruh empfangen zu werden, und dieses Gesuch genehmigt worden sei und daß der Vorstand ferner beabsichtige, dem Fürsten Bismarck ein Geschenk darzubringen, begründete Graf Kanitz unter großem Jubel seinen bekannten Antrag, zu deffen Gunsten später einstimmig eine Resolution angenommen wurde. — Abg. Hadn machte die Mittheilung von feinem gestrigen Besuch m Friedrichsruh, bei dem er den Fürsten in voller geistiger und körperlicher Frische vorgefunden habe. Der Fürst habe ihm zum Schloß Grüße an die Versammlung aufgetragen. Es gelangten noch zahlreiche Vertreter der Landwirthschaft zum Wort, sodaß die Versammlung erst in später Abendstunde geschloffen werden konnte.
Berlin, 18. Februar. Nach einer parlamentarischen Correspondenz ist man, wie in parlamentarischen Kreisen verlautet, hier an leitender Stelle über den Ausgang der
Feuilleton.
Der Frost als Zauderer.
Von Dr. Hans Froehlich.
(Schluß.)
Besonders an Fenstern, die nach Ost oder Südost gelegen find, kann man an Hellen Wintertagen die Entwickelung der Eisblumen bequem studiren. Da sieht man zunächst strahlige, garbenähnliche Büschel entstehen, mit blattarttg geordnetem Haufenwerk vermischt. Sie tauchen am Rande in Gestalt einer lanzettförmtgen Spitze auf, welche sich gegen die Mitte vorschiebt und dabei breitere und feinere Streifen annimmt. Die Verlängerung geht Anfangs ziemlich fchnell vor sich, sie beträgt zuerst 5 bis 6 Zentimeter in einer Minute. Nach etwa drei Minuten hat das Ganze Aehnlichkeit mit einer schmalen Feder, die Längsstreifung wird immer stärker, es bilden sich querlaufende Streisenshfteme, zugleich verläßt das Wachsthum der Spitze die bisherige Richtung, sie neigt sich ein wenig seitwärts und die Streifen fangen an, auseinander- zuweichen. Die Krümmung nimmt nun sehr schnell zu, jede Feder verwandelt sich in ein ganzes Büschel schmälerer Federn, bereu Zahl sich fortwährend vermehrt. Diese merkwürdige Abzweigung von einem festen Stamme in immer feinere Aestchen und immer größere Bogen, welche eben dem Ganzen bas Ansehen von Bäumchen und Blumen geben und unfern bewundernden Blick fesseln, hat folgenden Grund: Zuerst war cm unteren Rande des Fensters genügend Wasser vorhanden, «s bildete sich daher eine dicke, feste Eisschicht- diese zog auch fcie näheren, geringeren Waffermengen von oben und von den Seiten an sich, welche aber auf ihrem Wege erstarrten und dünnere Ranken bildeten. Zwischen ihnen war jedock bald ■ alles Wasser verbraucht, sie konnten also nach innen nicht ? mehr wachsen, wohl aber nach außen, und es setzten sich daher
im Bogen von außen her fühlerartig neue Eisgarben an. Dies ging immer weiter, sodaß eine Menge gekrümmter Farrnkraurwedel entstanden, nur bisweilen unterbrochen von dickeren, tannenartigen Gebilden, wenn in einer Unebenheit des Glases sich etwas mehr Wasser angesammelt hatte.
Man kann sich denken, daß durch solche größere und kleinere Schrammen und Höcker auf der Fensterscheibe die Ansammlung des Waffers eine gar verschiedenartige wird und daher auch eine große Variation in her Bildung der Krystalle eintreten muß! In dieser Weise entstehen jene sogenannten Eisblumen, welche sich dendritenartig über unsere Fensterscheiben verzweigen.
Eine merkwürdige Eigenschaft deS Eises draußen auf Flüssen und Seen besteht darin, daß sich nur sehr wenige fremde Substanzen in ihm finden, weil das Waffer beim Gefrieren das Bestreben hat, Staub, Farbtheilchen usw. aus- zuscheiden. Daher gibt es fast ganz klares Eis auf schmutzigen Pfützen, farblose Eiski ystalle in einer Tintenflafche, und Süß- waffereis an den gefrorenen Ufern des Meeres. Sogar die Lustbläschen, welche stets in beträchtlicher Menge im gewöhnlichen Waffer enthalten sind, — was man besonders an den Wänden einer längere Zeit gefüllt stehenden Waffeiflasche sieht, — werden beim Gefrieren zum Theil herqusgetrieben, zum Theil aber auch bet dieser ihrer Flucht vorn erstarrenden Eise gefangen gehalten. Dadurch entstehen dann weißliche Schichten und Streifen, welche, von der Sonne beschienen, im schönsten Farbenspiel glitzern.
Sind nun die festen Eisrnaffen auch aus Krystallen zusammengesetzt oder bilden sie, wie es doch scheint, eine compacte, structurlose, glasartige Substanz?
Um dies genau zu erforschen, nehmen wir am besten einen Sonnenstrahl zu Hilfe. Läßt man nämlich diesen durch ein Siück Eis hindurchscheinen, so verflüssigt er alsbald einige Stellen und es zeigen sich nun bei der Betrachtung mit der Lupe wirklich auch hier überall unzählige, fternföimig ver
zweigte Krystallfiguren. In der Richtung, in welcher die Krystalle entstanden, schmelzen sie auch wieder auseinander, Prisma sondert sich von Prisma und viele Spaltungslinien entstehen im Verlaufe der Luftbläschen. Jeden Augenblick verändert sich das Bild. Schillernd und fchimmernd treten immer deutlicher die Spuren der lösenden Sonnenstrahlen hervor. Bunte Bänderchen und Röhrchen fließen und fliegen zusammen, denn jedes Krystallprisma wird von seinem Nachbar getrennt durch eine äußerst zarte und feine Wafferspalte. So vollzieht sich vor unfern staunenden Blicken ein herrliches Wunder der Natur, deffen Eindruck noch großartiger wird, wenn wir unser Auge durch eine Lupe verstärken. Wie überall, rufen auch hier die wärmenden Sonnenstrahlen Leben hervor. Die in den starren Krystallen zur Ruhe gebannten Eismoleküle erwachen aus dem Schlafe, dehnen unö strecken sich und springen und tanzen gar lustig in flüssigen Schwingungen. Zart wie Spinnenfäden blitzen hier und da zwischen den Krystallmaffen glänzende Wafferröhrchen auf, dte von der Oberfläche des Eises in feinen Linien sich bis in die äußerste Tiefe hindurchweben. Nichts Regelloses zeigt sich dabei, sondern in gleichmäßiger Anordnung, wie in einem künstlichen Gewebe, lagert sich Faden an Faden.
Ein noch besonders schönes Bild aber kann man sich dadurch verschaffen, daß man auf das Eisstück eine farbige Flüssigkeit, z. B. rothe Tinte, gießt. Dann flieht diese auch in die von der Sonne eingegrabenen Canälchen, vertheilt sich alsbald in dem ganzen, viel verschlungenen und verzweigten Netzwerk und zaubert einen wunderbar bunt schillernden und schimmernden K-ystallzierrath hervor, der in seiner Feinheit und Pracht schier unvergleichlich dasteht auf dem ganzen Gebiete der Kunst und Natur!


