Ur. 298
Der
erscheint täglich, »it LuLvahmk de- Moutag«.
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Erstes Blatt. Donnerstag den 19, December
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verrtscher Neichstag.
10. Sitzung. Dienstag, den 17. Decewber 1896.
Auf der Tagesordnung steht zunächst die Berathung der Denkschrift über bk Ausführung der seit 1876 erlassenen Anleihegeietze
Hbg. Graf Kanitz (cons.) constatirt auS der Denkschrift die ungünstige Veränderung der Finanzlage des Reichs und verwahrt sich gegen die vom Abg. Barth tnstnutrte Aeußerung, daß sich sämmtltche HandelSkammerberichte ur günstig über die Wirkung der Handelsverträge ausgesprochen hätten. Er habe nur gesagt, daß fast sämmtltche Handelskammern die Erwerbsoerhättnisse als ungünstig schütz rn, und aus dieser Thatsache selbst den Schluß gezogm, daß die HandelsoertragSpolittk ungünstig für uns wirke.
Die Denkschltft wird durch Kenntntßnahme erledigt und sodann die Berathung der Vorlage über Errichtung von Handwerks« kammero fortges tzt
Abg. Pachnicke (frs. Vg.): Gestern wurde von einer Seite gesagt, die Regierung sei ^manchesterlichs liberal, und ein Redner meinte sogar, daß eine Mintfterherrltchkett in dem Sarg dieses Gesetze, begraben werden könne. Das hat nun die Regierung von ihrer langjährigen Socialpottlik! Meine Freunde find dieser Vorlage nicht abgeneigt und könnten ihr, falls noch einige Verbesserungen daran vorgenommen werden, so namentlich hinsichtlich des Wahlrechts, zustimmen. Merkwürdig ist das Verhalten der Rationalltberalen; fie wollen die Vorlage ablchnen, obwohl sie wissen, daß diese Ablehnung den Weg ebnet für die Zwangs - Innungen, die sie doch auch nicht wollen. Heber die Ermittelungen, welche unsere Eommtfiarten über den Befähigungsnachweis in Oesterreich angestellt habe», haben wir leider authentisch nichts erfahren, aber was ermittelt worden ist, daS wird sicher eine Verurtheilung des Besähtgungs- »achwetse« sein. ES ist überhaupt nicht wahr, daß die Roth deS Handwerks eine allgemeine ist. Und eS ist zweitens nicht wahr, daß das Handwerk früher ganz ohne Roth war. Zu helfen ist dem Handwerk durch bessere Ausbildung der kaufmännischen Geschicklichkeit, und zweitens durch Pflege deS Genossenschaftswesens. Durch Ihre Propaganda lenken Sie leider daS Handwerk von diesen seinen Hauptaufgaben ab! Sie möchten bloß, daß dort (auf den Bundes- rathSttsch zeigend) Herr v. Berlepsch sitze (Ruf: da fitzt er ja! (Heiterkeit.)
Abg. Bock-Gotha (Soc.): Die Conservativen und daS Centrum möge» eS ja ehrlich meinen mit dem Handwerk. Den National- liberalen dagegen bat offenbar nur der Zwtebelsast deS allgemeinen Wahlrechts diese Thränen adgepreßt. (Hrtterkett). Der Handwerker kann fich gegen die Großindustrie nicht halten, er wird durch die Maschinen proletartstrt Die Innungen, von denen Sie so viel hoffen, find die größten Feinde der Selbstständigkeit deS Handwerks. Am allerw ntgsten ist dem Handwerk zu helfen, wenn S>e auf dem Wege der Liebesgaben und der Steigerung der Mtlttä> lasten forlfahrm. Wir werden im Urbrigen für die Handwer erkammern stimmen, baut rote wir selbst Arbeiterkammern fordern, so gönnen wir auch bat Handwerkern eine geordnete Vertretung.
Abg. v. Stumm stimmt einer commtffarischen Beralhung der Vorlage zu. Was die Mehrheit dieses HauseS wünsche, besonders daS Pentium, nämlich den Befähigungsnachweis, brächten die Ber- lepsch'sben Vorschläge auch nicht. Die Regierung sei nicht verpflichtet, einem Votum des Reichstages Folge zu geben, wenn sie es »ach ihrer gewtffenhaften Ucberzeugung nicht für heilsam halte. Gerade d.Shab mache er aber der Regierung einen Vorwurf daraus, daß sie seiner Zeit, 1869, den zu wett und über ihre eigenen Vorschläge htnausgehenden Abschlüssen deS Reichstages gefolgt fti.
Abg. Metzner (Ctr.): Ich habe früher nicht zu den Pessimisten gehört, aber jetzt gebe auch ich das Handwerk verloren, nachdem auch die Regierung eS verloren giebt. Man sagt uns, es wären nur wenige Handwerker in den Innungen vertreten. Ich dagegen meine, die Zahl der Jnnungsmitglieder ist eine oerhältnißmäßig sehr große, wenn man bedenkt, welche Selbstverleugnung nachgerade dazu gehört, unter solchen Verhältnissen sich noch an den Arbeiten b:t Innung zu betherligen. So lange man sich nicht mit Liebe für ben Mittelstand inter sfirt, kann man auch kaum an den Ernst des Kampfes gegen die Soctaldernokratte glauben. Tausende und Abertausende werbe» erst b-nrr wieder von der Socialbemokratie übfallen, wenn eine ge-egelte Organisation deS Hanbwerks stattgesunben hat
StaatSfecretär v. Bötticher: Es ist unS voller Ernst mit der Organisation deS HanbwerkS. Die jetzige Vorlage hat lebiglich ben Zweck bte Absicht, bas definitive Organffattonswerk zu fördern, einmal in der Richtung der Vorbereitung und sodann in der Richtung der Ausführung. Der Herr Vorredner muß doch auch selber roiffen, wie wenig einig sich die Handwerker selber in Bcurtheilung der Modalitäten der Organisation find. Ob die Vorschläge, welche Herr v. Berlepsch seiner Zett dem BundeSrathe mach n wird, von diesem werde» angenommen werden, we,ß ich nicht. Der Vorredner giebt daS Hanbwerk verloren. Da will es benn eine Ironie deS Schicksals, bas mir gerade heute eine Zuschrift deS Jnnnngsausschuffes in Stralsund zugeoangen ist, welche mir in den schmeichelhaftesten Worten für bte Voilage dankt. (Heiterkeit.) Also von einem Grabe aller Hoffnungen brauchen Sie doch wohl nicht zu sprechen. Es ist gefiei n auch gesagt worden, die Vorlage möge ein Grab für eine Ministerherrlichk.it werden. Daraus erwidere ich: ein StaatSsecretär fällt über eine solche Vorlage nicht, da eS eine Vorlage der verbündete» Regierungen ist. ES müßte also schon ein Massengrab werden, wenn auS Anlaß dieses Gesetzes eine Verurtheilung zum Grabe erfolgen sollte (Heiterkeit.)
Abg Dr Förster (Ref.-P): In der Vorlage wird nur ein Oberbau geschoff n, der aber ohne Unterbau nicht «xistiren kann.
Abg. Liebermann v. Sonnenburg (bisch, soc.) weist An- ßriffe der Soctaldemokiaten gegen Gesinnungsgenoffen zurück. Er hoffe auch von den Socialdemokraten noch, daß fie sich mit ben an» deren Pan eien auf nationalem Boben jufammenfinben werben, ausgenommen btej-ntgen, die mit ben Kennzeichen der Inter nationalttät geboren find. (Heiterkeit.)
Abg. JacobSkötter (cons.): Ich stelle allerdings das kirch- Uche Interesse über daS gewerbliche; auch der Handwerker weiß, daß an Gottes Segen Altes gelegen ist. Wir Haden in Erfurt sehr gute Fortbildungsschulen ohne SonntagSunterrtch".
Die Vorlage geht an eine 21er Lommiffion.
Nächste Sitzung: Donnerstag, den 9. Januar, 1 Uhr. Börfen- Gesetz.
Mit dem Wunsche vergnügter Feiertage, eine» fröhlichen Neujahrs und eines gefunden WredersehenS zu weiterer Arbeit schließt der Präsident die Sitzung.
Ueuefte Nachrtchterr.
Wolffs telegraphisches Eorrespondenz-Bureau.
Berlin, 17. December. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht in der Strafsache wider Auer und Genossen eine Bekanntmachung deS Oberstaatsanwalts beim Berliner Landgericht, wonach die Straskammer am 11. December beschlossen hat, daß die vom Polizeipräsidium am 29. November verfügte Schließung der socialdemokiatischen Vereine dis zum Erkenntniß in ber Hauptsache fortbauern soll.
Berlin, 17. December. Gegenüber der gestern in der „Nordd. Allg. Zig." veröffentlichten Erklärung von 53 orbent» lichen Professoren der Berliner Universität in Sachen der DiSciplinargewalt Über die Universitätslehrer veröffentlicht Profeffor HinschiuS in ben Abendblättern ein Schreiben, worin er erklärt, daß er bereits am 15. August den Auftrag erhielt, sowohl den geltenden Rechtszustand betreffend die DiSciplinarbefugniffe über die Pcivatdocenten darzulegen, als auch Vorschläge zur Aenderung des schon damals als nicht haltbar erkannten Zustandes zu machen und daß er nach Erledigung des ersten ThetleS deS Auftrages gegenwärtig mit der Ausarbeitung des Entwurfes einer zweckentsprechenden Neuregelung befaßt sei.
Berlin, 17. December. Der „ReichSanzeiger" veröffentlicht eine Sammelforschung deS kaiserlichen GesundheitS amte- während des zweiten Vierteljahres 1895, betreffend die Beobachtung mit dem Diphtherie-Heilserum in verschiedenen Krankenanstalten Deutschlands. DaS Ergebntß sowohl hinsichtlich der Erfolge wie der Unschädlichkert deS Heilserums ist derart günstig, daß eine wettere Anwendung deS Mittels empfohlen wird. Gin sicheres Unheil über den wirklichen Nutzen der Serumbehandlung ist allerdings erst nach der Zusammenstellung des Materials von mindestens einem Jahre erzielbar.
Kol», 17. December. Wie die „Köln. VolkSztg." wiffeu will, hätte Se. Majestät der Kaiser soeben auf telegraphischem Wege die Beisetzung der Leiche deS Cardinals Paulus Melchers im Kölner Dom genehmigt.
Bern, 17. December. DaS Kapuziuerkloster Sarnen ist SamStag Nacht abgebra nnt- auch die Klosterkirche ist ausgebrannt. Viel in dem Kloster und in der Kirche befindliches Inventar wurde gerettet. Die Entstehung deS Brandes ist wahrscheinlich auf einen schadhaften Kamin zmück- zusühren. Der entstandene Schaden wird auf 150000FrcS. geschätzt- derselbe ist zum größten Theil durch Versicherung gedeckt.
Fiume, 17. December. Unter den Trümmern deS am 13. dS. eingestürzten HauseS wurden noch zwei Leichen hervorgezogen.
Rom, 17. December. Die feierliche Beisetzung des Cardinals Melchers fand heute in der Kirche San Bernardo a Terme statt. Derselben wohnten 13 Carbi- näle, zahlreiche Prälaten, der preußische Gesandte am Baticau, v. Bülow, der Großmeister deS Malteser-OrdenS, die Notabeln der deutschen und der österreichisch ungarischen Colonte und die Schüler deS deutschen Collegiums beu Erzbischof Neckerer celebrtrte die Todtenmeffe. Cardinal Bianchi ertheilte die letzte Consolatioo.
Rom, 17. December. Kammer. Der Antrag CrispiS, 20 Millionen für Afrika zu bewilligen, wurde an die Budget-Commission verwiesen, die heute Abend über denselben beräth. In der Forderung von 20 Millionen ist eine halbe Million für die Entsendung von Kriegsschiffen nach dem Rothe» Meere einbegriffen. Wie verlautet, wird die Budget-Commtsfion morgen in der Kammer über den verlangten Credtt Bericht erstatten.
Parts, 17. December. Der bekannte Kehlkopfarzt Dr. Fanvel ist im Alter von 65 Jahren gestorben.
Petersburg, 17. December. Der Großherzog von Hessen empfing heute Nachmittag in ZarSkoje Sselo den deutschen Botschafter in Privataudienz.
Depesche» de» Bureau »Herold*.
Berlin, 17. December. AuS FriedrichSruh wird gemeldet, daß der Besuch deS Kaisers beim Fürsten Bismarck sehr Überrascht gekommen sei. Die Instructionen an die BetriebSämter in Altona und FriedrichSruh waren streng geheim gehalten. Der Umgebung fiel allgemein die besondere Herzlichkeit deS Kaisers bet der Begrüßung deS
Fürsten auf. Lange hielt der Altreichskanzler die Hand des Kaisers umschlungen. Der Kaiser überreichte dem Fürsten ein prachtvolles Bouquet von der Kaiserin. Der Kaiser überbrachte dem Fürsten ein prachtvolles Marine-Album.
Berlin, 17. December. lieber die nächstjährigen Kaiser- Manöver ist die „Post" in der Lage, folgende zuverlässige Mittheilungen zu machen: ES werden wiederum umfangreiche Hebungen stattfindeu, und zwar wird daS 12 gegen daS 5. und 6. ArmeecorpS manöveriren. Die Manöver dürsten aller Wahrscheinlichkeit nach in der Gegend zwischen Bautzen und Görlitz stattfinden.
Berlin, 17. December. Wie wir erfahren, ist Herr v. Köller am letzten Freitag vom Kaiser in längerer Abschieds-Audienz empfangen worden.
Berlin, 17. December. In maßgebenden politischen Kreisen wird angenommen, daß der Besuch deS Kaisers in FriedrichSruh nicht von politischer Bedeutung sei. Man glanbe vielmehr, daß der Kaiser dem Fürsten eine persönliche Huldigung und eine persönliche Einladung zum 18. Januar darbringen wollte. ES dürfte als sicher gelten, daß Hohenlohe um diesen Besuch gewußt und denselben gebilligt habe.
Köln, 17. December. Großes Aufsehen erregten bei ber heutigen Verhandlung im Brauweiler Prozeß die Aussagen der Frau Krahnen, welche mit einer vierzehntägigen Unterbrechung fünf Monate in dem Kachot zubringen mußte. Zehnmal wurde derselben der Maulkorb angelegt, so daß eine spätere Uebersührung in daS Lazareth nothwendig wurde. Die betreffende Person macht den Eindruck einer Geisteskranken und ist körperlich vollständig gebrochen.
München, 17. December. Die Abgeordnetenkammer hat heute den Antrag der Socialdemokraten auf Aushebung der Personen- und Frachtfreiheit deS königlichen HofeS mit großer Mehrheit abgelehnt.
Wien, 17. December. Die „Neue Freie Preffe" vertritt die Ansicht, baß ber Besuch beSDeutscheuKaiserS beim Fürsten Bismarck politische Bedeutung habe und baß eS fich bei ber Unterredung hauptsächlich um die Socialdemokraten und die orientalische Frage gehandelt habe.
Wiener Reustadt, 17. December. DaS Schwurgericht verurtheilte den Arbeiterführer Dr. Berftl wegen Aufreizung zu einem Monat Gefängntß.
Rom, 17. December. BtS zum 28. d. M. werden von Neapel nach Massa nah 12 Bataillone und 4 Batterien abgesandt werden.
Rv«, 17. December. In den Wandelgängen der Kammer ging gestern daS Gerücht, daß ein Gefecht zwischen einer italienischen Patrouille und den Schoanern stattgefunben habe und zwar südöstlich von Adtgrat. Man hegt ernste Befürchtungen für die Festung Makalle, wo 1600 Mann bedroht find, umzingelt zu werden.
Ro«, 17. December. In vatikanischen Kreisen werden die Vorgänge in Eritrea mit großem Interesse verfolgt. Der Papst läßt fich eingehend über Nachrichten aus Afrika unterrichten. Eine Anzahl Missionare, welche von Neapel abgehen sollten, haben Weisung erhalten, ihre Abreise aufzuschteben. Der Papst hat angeordnet, daß tue ganzen Lande für die bei Amba Alagt gefallenen Soldaten Seelenmessen gelesen werden. Mehrere Bischöfe werden au die Gläubigen ein Rundschreiben richten, worin die Niederlage vom religiösen Standpunkte aus besprochen wird.
Brüssel, 17. December. Gestern fand die erste Sitzung der neugewählten Gemeinderäthe der größeren Städte Belgiens statt. In den meisten Städten stifteten die Socialdemokraten Unruhe. In Antwerpen mußte sogar die Polizei einschreiten und die Manifestanten zerstreuen.
Madrid, 17. December. Der „Heraldo" meldet aus Havanna, daß die Insurgenten den Spaniern eine empfindliche Niederlage bereitet haben. Die Insurgenten sprengten in Flora, sowie ber Provinz MatanzaS je eine Eisenbahnbrücke, die Feuersbrünste in den Zuckerplantagen find sehr zahlreich. Bon der zerstörten Eisenbahnbrücke in Flora stürzte eine Locomotive in den Fluß. Fünf Beamte ertranken.
WB. Philadelphia, 18. December. DaS deutsche Schiff „Athena" mit einer Ladung Naphtha an Bord ist am Sonntag beim Cap May explodirt. vierzehn Mann der Besatzung, einschließlich deS CapitänS, find getödtet, zwei Steuerleute, vier Matrosen gerettet und an Bord deS englischen Dampfers „Tafua" hier angekommen.


