Rr. 246
Der chietzener A«»eiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener
Damilien k kälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal brigelrgt.
Erstes Blatt.
Samstag den 19. October
1895
(<>icßcncr Anzeiger
Kenerat-Ztnzeiger.
vierteljähriger Avonne me«t»,ret» I 2 Mark 20 Psg. mit vringerlohn.
Durch die Post bezöge» 2 Mark 50 Psg.
Rebaction, Lxpcditio» und Druckerei: Kchulstrahe Ar.7.
Fernsprecher 51.
Amts- und rlnzeigeblatt für den Kreis Gieren.
Hratisöeikage: chießener Aamikienötätter
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für de« folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- Borm. 10 Uhr.
(Vogtland), Crimmitschau, Glauchau, Meerane (Sachsen), Plauen (Vogtland), Reichenbach (Vogtland), Werdau und Zwickau (Sachsen) eröffnet worden. Dte Gebühr für ein gewöhnliches Gespräch bis zur Dauer von 3 Minuten betragt
Alle Lnnoncen-Bureaux de- In« und Lu-lande» nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Amtlicher Theil.
Bekanntmachung,
betreffend den Schutz junger Obstbäume gegen Hasenfraß.
Wir machen die Landwirthe unseres Kreises darauf aufmerksam, ihre jungen Obstbäume in gehöriger Weise gegen Haseusraß zu schützen. Das Umwickeln der Bäume mit Stroh oder Ginstern, wie es vielfach üblich ist, ist nicht genügend, da der Hase diese beiden Schutzmittel leicht durchnagt- auch nisten sich im Stroh gern Obstbaumschädlinge ein. Einen wirklichen Schutz gewährt vielmehr nur ein dichtes Umbinden der Bäume mit Dornen. Bet der großen Bedeutung, welche der Obstbau zur Zeit hat, liegt es im dringenden Jntereffe der Landwirthe, ihren Bäumen diesen leicht und billig zu beschaffenden Schutz angedeihen zu laffen.
Besonder- bemerken wir hierzu noch, daß nach Art. 2 des Gesetzes vom 1. Juni 1895, den Ersatz des Wildschadens betreffend, Wildschaden nicht ersetzt wird, wenn derselbe sich ereignet an Obstbäumen, deren Eigentümer unterlaffen hat, dieselben mit den unter gewöhnlichen Umständen ausreichenden Schutzvorrichtungen zu versehen.
Gießen, den 16. October 1895.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Deutsches Reich.
Berlin, 17. October. In den Meldungen über die Vorbereitungen für den parlamentarischen Winterfeldzug liegt noch nichts wesentlich Neues vor, offenbar sind an maßgebender Stelle noch keine endgiltigen Entschließungen über die spectell dem Reichstage zu unterbreitenden gesetzgeberischen Aufgaben getroffen. Immerhin kann es bereits jetzt als gewiß gelten, daß dieser und jener Gesetzentwurf dem Reichsparlamente bestimmt zugehen wird, wie z. B. dte Vorlage über die Reform des Börsenwesens. Das preußische Staat-Ministerium hält fleißig Berathungen ab, auch am Mittwoch war es wieder zu einer Sitzung vereinigt. Noch immer wird in der TageSpreffe hie und da das Thema eines etwaigen erneuten gesetzgeberischen Vorgehens gegen die sozialdemokratischen Ausschreitungen erörtert. Besonders hat die Ermordung des Fabrikanten Schwartz in der elsässischen Fabrikstadt Mülhausen durch einen von ihm entlaßenen Arbeiter dazu beigetragen, diese Erörterungen in Fluß zu erhalten, dies um so mehr, als ja der Kaiser in seinem Beileidstelegramm an die Wittwe des Ermordeten die entsetzliche That als einen Ausfluß der sozialrevolutionären Propaganda ckaracterisirt har. Zunächst wird indeffen die eingeleitete Untersuchung zu zeigen haben, welchen Charakter dte Blutthat von Mülhausen eigentlich besitzt, dann erst dürften sich weitergehende Folgerungen an den Vorgang mit Recht anknüpfen laffen; inzwischen sind sechs Freunde deS Mörders Meyer unter dem Verdachte der Mitwiffenschaft an dem von ihm verübten Verbrechen verhaftet worden.
— Im Königreich S achsen haben am Donnerstag die ErneuerungSwahlen zur zweiten Kammer stattgefunden, ihre Ergebnisse dürften zur Stunde wohl vollständig bekannt geworden sein.
Norieste
WolffS telegraphisches Corrrspondenz-Bureau.
Berlin, 17. October. Die „Berl. Corresp." schreibt: Das Bestreben, namentlich auch den Handwerkern die preußische Centralgenossenschaftskasse nützlich zu machen, veranlaßte deren Präsidenten, eine Besprechung mit Vertretern deS Handwerkerstandes herbeizusühren. Die Vorbereitungen sind im Gange. Auch der Handelsminister hat bereitwillig seine Mitwirkung zugesagt. Der Geschäftsbetrieb der Kaffe ist schon lebhaft geworden. Eine Anzahl größerer und kleinerer Verbände hat sich bereit erklärt zu festen Abkommen, so daß ein Credit in laufender Rechnung eröffnet wird. Die Kaffe erklärt sich bereit, Darlehen auf Anweisung der Verbände an Einzelgenoffenschaften direct zu zahlen und Einlagen in laufender Rechnung deS Verbandes von Einzelgenoffenschaften direct anzunehmen. Auch der Giroverkehr ist eingesührt. In den an die Verbände mit- geteilten Geschäftsbedingungen sind auf laufende Rechnung für Darlehen vorläufig 3 pCt., für Einzahlungen 2!/2 pCt. zugesagr. Für den Depofitenverkehr find bereits erhebliche Engagements eingegangen.
Pofe«, 17. October. Auf dem Territorium des Rittergutes Leng wurde die Leiche eines vermutlich von
Schmugglern getvdteten russischen Grenzsoldaten aufgefunden.
München, 17. October. Die Kammer der Abge- ordneten erklärte nach langer geschäftlicher Debatte gegen die Stimmen der Socialdemokraten, Bauernbündler und Demokraten die Berathung des Antrages Grillenberger bezüglich Erthetlung eines Mißtrauensvotums an die Regierung hinsichtlich der Fuchsmühler Vorgänge für unzulässig.
Straßburg i. 8., 17. October. Prinz und Prinzessin Heinrich von Preußen mit Gefolge sind um 5 Uhr hier etngetroffen. Sie wurden am Bahnhofe von den Spitzen der Militär- und Civilbehörden empfangen. Sie begaben sich sodann in den Kaiserpalast, wo sie in dem Kron- prinzenzimmer Wohnung genommen haben. Die Stadt trägt reichlichen Flaggenschmuck. Die öffentlichen und Privatgebäude sind mit Kränzen, Guirlanden und Fahnen geziert. Der Fremdenzudrang ist groß. Eine festlich gestimmte Menschenmenge wogt in den Straßen der Stadt. DaS Wetter ist trübe und kalt.
Straßburg i. E., 17. October. Heute Abend findet beim Statthalter zu Ehren des Prinzen und der Prinzessin Heinrich von Preußen ein Diner statt.
Straßburg t. 6., 17. October. An der Feier der Enthüllung de» Kaiser-Friedrich-Denkmals auf dem Schlachtfelde von Wörth werden außer dem Kaiserpaare nachfolgende Fürstlichkeiten theilnehmen- sie werden auch Straßburg besuchen: Kaiserin Friedrich, der König von Württemberg, das Großherzogspaar von Baden, Prinz und Prinzessin Heinrich von Preußen, der Fürst von Hohenzollern, der Erbprinz und die Erbprinzessin von Sachsen Meiningen, Prinz Friedrich Carl von Heffeu mit Gemahlin, Prinz Adolf zu Schaumburg-Lippe und Gemahlin und der Fürst Wied.
Kürzel, 17. October. Bet der Einweihung der Kirche hatte sich eine ungeheure Menschenmenge angesammelt. Die Schüler des Metzer Lyceums, Kriegervereine qu» Kürzel, Metz und der Umgegend, die Feuerwehren, die Radfahrervereine aus Metz und andere Corporationen bildeten Spalter die Dorfstraße entlang und begrüßten mit lautem Jubel das Kaiserpaar auf der Hin- und Rückfahrt. ES eß* cortirte den Katserwagen eine EScadron deS 9. Dragoner- Regiments. DaS Wetter war von früh ab herrlich. Der Festpredigt lag als Textwort Psalm 21, VerS 24 zu Grunde, der französischen Festpredigt Psalm 85, VerS 11. Auf der Rückfahrt von der Kirche wurde abermals Spalier gebildet. Tausendstimmige HochS erschallten.
Paris, 17. October. Wie der Correspondent deS „Figaro" in Carmanx seinem Blatte versichert, wurde bei einer gestern an dem Sitze deS StrikecomitvS vorgenommenen Haussuchung eine Quittung über einen auS Deutschland an daS Comitv gesandten Geldbeitrag beschlagnahmt.
Koufiautioopel, 17. October. Dte Botschafter beschlossen, den armenischen Patriarchen gemeinsam aufzufordern, in eindringlicher Weise für die Beschwichtigung der Aufregung zu wirken, dte durch das aufrührerische Comit« genährt wird und in der Bevölkerung Widerhall findet. Die Dragomane der österreichisch-ungarischen, russischen und englischen Botschaft werden heute dem Patriarchen eine dahin gehende Mittheilung machen. Gleichzeitig werden der italienische, deutsche und französische Dragoman die in den armenischen Kirchen gefundenen Waffen dem SeraSkierar zuftellen.
Depeschen deS Bure»« »Herold".
Berlin, 17. October. Der „ReichSanzetger" veröffentlicht mehrere Ordensverleihungen an russische und österreichische Offiziere.
Berlin, 17. October. Der Polizeirath v. Mauderode, der langjährige Chef der hiesigen politischen Polizei, ist nach langer Krankheit heute früh in seiner hiesigen Wohnung g e st o r b e n.
Berlin, 17. October. Dte gestrige Sitzung des StaatSminifteriums dauerte fünf Stunden. Es dürften ReichSverhältniffe zur Berathung gestanden haben, da an der Sitzung außer sämmtlichen Ministern auch die Staatssecretäre des Reichsschatzamtes und der Justiz, Graf Posadowßky und Nieberding theilnahmen.
Berlin, 17. October. Gegen den ReichStagsabgeordneten Dr. Böckel ist jetzt durch Beschluß des ObcrlandgerichtS Naumburg die Anklage wegen Beleidigung des Offizierstandes erhoben worden.
Berlin, 17. October. Wie der „Reichsanzeiger" bekannt macht, ist der Fernsprechverkehr mit Erfurt, Gotha, Friedrichroda, Eisenach, Arnstadt, Weimar und Jena, sowie mit Altenburg (Sachsen-Altenburg), Aue (Erzgebirge), Auerbach
eine Mark.
Berlin, 17. October. Wie verlautet,wird der Reichstag zwischen dem 20. und 26. November zusammenberufen werden.
Berlin, 17. October. Dte „Nordd. Allgem. Ztg." bemerkt tn einem Leitartikel gegenüber einigen Blättern, die, anknüpfend an dte kaiserlichen Worte: „Wenn unser Volk sich doch ermannen würde", zuerst eine Erwarmung der Regierung forderten im Kampfe gegen die Umsturzbestrebungen, daß dte Einbringung der Umsturzvorlage vor fünf Monaten bewiesen habe, daß eS keineswegs an der Initiative der StaatSregierung fehlt, sondern an einer Volksvertretung, die dieser Initiative folgt. Die Regierung habe damals mit ihren Erklärungen der Vorlage dte Wege practisch gezeigt, auf denen dem kaiserlichen Aufruf entsprochen werden könne. Die Behauptungen, daß eß nut eineß Voranschreitens der StaatSregierung bedürfe, um einen Erfolg zu erzielen, haben sich als irrthümliche erwiesen. Man werde also nicht in Abrede stellen können, daß eS nun erst Sache deS Volkes fei, sich zu ermannen und Sache der Blätter, nach ihrem besten Vermögen auf eine Beseitigung der Hemmungen und Frictionen bedacht zu sein und auf diesem, wie auf allen Gebieten Gleichgewichte an die Actionen der Regierung hängen. Eine neue Initiative sollte man von der Regierung erst In dem Augenblicke fordern, wo man eine einigermaßen verläßliche Bürgschaft dafür übernehmtn könne, daß sie, voran- schreitend, nicht abermals von der Volksvertretung im Stich gelassen wird.
Barteuhetu, 17. October. Der Musiker Horn au» Schippenbeil wurde von der htefigen Strafkammer wegen Majestätsbeleidigung zu einem Jahre Gefängniß ver- urtheilt und sofort verhaftet.
Mannheim, 17. October. Der Bankdieb Mayer, welcher bei der deutschen Unionsbank 150000 Mark unterschlagen hat, ist heute Vormittag in I cerlakcn verhaftet worden. Bet demselben wurden drei Werthpapier-Packete vorgefunden.
Straßburg, 17. October. Durch Verfügung des kaiserlichen Statthalters vom heutigen Tage ist die in Offenburg erscheinende Zeitung „Volksfreund" für das elsaß lothringische Gebiet verboten worden. Wie die amtliche Straßburger Correspondenz meldet, ist dieses Verbot erfolgt, weil der „Volksfreund" bestimmte industrielle Fabrikanten verunglimpfte und verdächtigte und es sich heraußgestellt hat, daß der Arbeiter Meyer in Mülhausen, der Mörder deS Fabrikanten Schwartz, Leser beß „Volksfreund" war und den Entschluß zu seiner Mordthat zweifellos unter dem Einfluß dieser planmäßigen Hetze gegen die Fabrikbesitzer gefaßt hat. DaS amtliche Blatt schreibt dann weiter: Die Regierung, welcher der Schutz der persönlichen Sicherheit der Landesbewohner anvertraut ist, hat die Pflicht, mit allen ihr zur Verfügung stehenden Machtmitteln für diesen Schutz einzu- treten. Auß diesem Grunde sei daß oben erwähnte Verbot erfolgt.
Straßburg, 17 October. Anläßlich beß für morgen Nachmittag in Aussicht stehenben KaiferbesuchS ist bie Stadr und namentlich der Bahnhofsplatz festlich geschmückt. Von dem Central - Bahnhof biß zum Kaiser - Palast ist eine Via triumphalis errichtet. Der Fremden - Zudrang ist un geheuer. Man glaubt, daß morgen zu der Feier in Wörth mindestens 50 000 Personen reisen werden. Heute Nachmittag sind die ersten fürstlichen Persönlichkeiten angekommen. Kurz nach 5 Uhr kam Prinz Heinrich von Preußen mit Gemahlin an. Der Prinz trug Admirals > Uniform, die Prinzessin ein marineblaues Reisekleid. Das Prinzenpaar wurde auf der Fahrt nach dem Kaiserpalast, wo eß abstieg, von der Bevölkerung mit jubelnden Zurufen begrüßt. Zum Empfang am Bahnhofe batten sich außer der Generalität der Staatssecretär von Puttkamer, der Bürgermeister Back, der Präsident der Reichseisenbahnen, Geheimer Ober- Regierungsrath Mebes und andere höhere Beamte finge- funben, welche zum Empfang bet später eintreffenben hohen Herrschaften auf bem Bahnhofe verblieben. Um o1/^ Uhr kamen an: der Erbprinz von Sachsen-Weimar, Prinz Friebrich Karl, Prinz Adolf von Schaumburg-Lippe nebst Gemahlin, sowie ber Reichskanzler Fürst Hohenlohe mit seinem Sohne, Prinz Alexander unb Anbere. Der Reichskanzler würbe mit stürmischen Hochrufen begrüßt. Währenb bie übrigen Herrschaften bie Wagen bestiegen, begab sich ber Reichskanzler mit seinem Sohne zu Fuß nach bem nahe elegenen Hotel National, wo er Absteige-Quartier nahm. Eine


