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19.5.1895 Erstes Blatt
 
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Nr. 117 Erstes Blatt. Sonntag den 19. Mai

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(ofgenben Tag erscheinenben Nummer biS Dorm. 10 Uhr. | o rc

Umtlid?er Theil.

Gefunden: 1 Brille, 3 Handschuhe, 2 Brachen, 1 Scheere, 1 Ring, 1 Trinkbecher in Futteral, 1 Regen- schirm, 1 Schraubenschlüssel, 1 Mütze und 1 Stück Kette von einer Pferdetrense.

Gießen, den 18. Mai 1895.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen. I. V.: Wolff, Regierungs-Assessor.

Rathschläge bei der Hagel-Versicherung.

Jeder vorsichtige Landwirlh muß dafür sorgen, daß er noch vor Ablauf des MonatS Mai seine Feldfrüchte gegen Hagelschlag versichert, bezw. den Antrag auf Versicherung stellt, denn erfahrungsmäßig find schon von Mitte Mai ab schwere Hagelwetter zu befürchten. Der Antrag auf Hagel-Ver­sicherung muß sorgfältig gemacht werden. ES ist in dem­selben zunächst die Größe des zu versichernden Feldstückes anzugeben, wobei man, wenn die Größe nicht durch Ver- mefiungsregister feststeht, gut thut, lieber etwas weniger als mehr anzugeben, da die Versicherungs-Gesellschaft nicht mehr, als wirklich vorhanden ist, zu entschädigen braucht. Ferner sind die wahrscheinlichen Erträge der zu erwartenden Ernte anzugeben, und da hier die Gesellschaften ohne Ausnahme streng darauf halten, nicht mehr, als gewachsen wäre, zu vergüten, muß der Landwirth sich vor Ueberschätzung der Erträge hüten. Denn ist die Ernteschätzung viel zu hoch, dann geräth der Landwirth bei einer eintretenden Schaden- Regultrung in eine ganz unhaltbare Position, und kann nur Nachtheil davon haben. In dem Anträge auf Hagel-Ver. ficherung hat der Landwirth ferner anzugeben, welche Preise er für den Centner verloren gegangenes Getreide haben will und hier kann er die höchsten Tagespreise und selbst noch etwas mehr angeben, denn die Getreidepreise können ia steigen. Auch pflegen die Hagel-Gesellschaften an den einmal dem Versicherten gestatteten Getreidepreisen nicht zu rütteln. Versichert der Landwirth ein Feld mit 1000 Centner Weizen-Ertrag, so kann es wohl vorkommen, daß die Taxa- toren ihm erklären, eS würden dort nur 500 Centner ge­wachsen sein und er bekäme auch nur diese ersetzt,- der Preis wird dagegen nicht reducirt. Der Landwirth kann daher unbedenklich die höchsten Preise, welche seine Gesellschaft überhaupt gestattet, wählen. In der Frage der Hagel- Versicherung muß sich nun jeder Landwirth noch darüber entscheiden, bei welcher Gesellschaft er die Versicherung ab­schließen soll. Es ist nun durch nichts begründet, daß man irgend einer Gesellschaft einen großen Vorzug vor allen anderen einräumt, denn bei jeder Gesellschaft hängt doch nur alles von der Organisation und Leitung ab, und spielt die Frage, ob die Hagel Versicherungs-Gesellschaft ein Actien- Unternehmen ist oder auf Gegenseitigkeit beruht, durchaus nicht die Rolle, wie es in den Anpreisungen oder Angriffen der Jnteresienten scheint. Glücklicherweise gibt es auch eine ganze Anzahl solider Hagel-Versicherungs Gesellschaften, nach deren Geschäftspraxis und Leistungen, wenn man keine eigenen Erfahrungen hat, man sich bet befreundeten Landwirthen er­kundigen kann. Die Hauptsache bleibt bei der Hagel-Ver­sicherung der rechtzeitige Abschluß der Versicherung und die sorgfältige Art der dabei nöthigen Angaben. Manche Land- wirthe benutzen auch bei der Hagel-Versicherung die Praxis, nur besonders gefährdete Saatfelder zu versichern, eine Praxis, die man nickt billigen kann.___________________________

Deutscher Reichstag.

95. Sitzung. Freitag, den 17. Mai 1895.

Der Präsident theilt mit, daß et wegen der wiederholt vorae- kommenen Veschlußunsähigkett des Hauses nur in dringenden Fällen Urlaub ertheilen werde.

Auckerüeuer-Nothgesetz. t

Schatzsecretär Posadowsky begründet das Gesetz und führt aus, daß eS sich hier in erster Linie um das Jn'ereffe der Rüben- vauer handle. Der vorliegende Gesetzentwurf, sowie daö Branntwein­steuer-Gesetz sollen vornehmlich den kleinen Landwirthen dienen. Ein Nothgesetz sei nur vorgelegt worden, well man über die Form die Contingenttrung noch nicht schlüssig werden konnte Ein definitives Gesetz werde folgen. Der Schwerpunkt liege in der neu­lichen Erklärung deS österreichischen Finanzministers, nach welcher eine internationale Abschaffung der Ausfuhrprämie in Aussicht ge­nommen sei ,

Abg. Meyer-Halle (frs. Bg.) führt aus, daß ein größerer Theil der Zuckerfabrikanten von den Ausfuhrprämien nichts wissen »olle. Seine Partei stehe der Zuckertndustrte nicht gleichgültig gegenüber, er, Redner, am wmigsten als Vertreter eines Wahlkreises mit umfangreicher Zuckerindustrie. Der Zuckertndustrie ko.ine nur die Erhöhung deS Eonfums wirksam helfen. Nehme man das vor­liegende Gesetz an, so werde ein weiteres, welches den Krebsgang fördert, folgen.

Landw. - Minister v. Hammer st ein bespricht die schwebenden ( internationalen Verhandlungen behufS Abschaffung der Zuckerausfuhr­prämie und befürchtet, daß die einseitige Herabsetzung der Prämien weite landwirthschastliche Kreise ruiniren würde. Einstweilen müsse man streben, mit dem Auslande concurrenzsähig zu bleiben; deshalb fette ja auch die Vorlage nur biS Juni 1897 gelten.

Abg. Spahn (Etr.) erklärt, seine Freunde seien mit einer kleinen Einschränkung für die Vorlage.

Abg Paasche (ntl.) accepttrt dieses Nothgeseh, von dem er allerdings viel Hülfe nicht erwarte. Für die zweite Lesung stellt Redner eine Resolution auf Erhöhung der Ausfuhrprämien in Aus­sicht, falls nicht vorher durch internationale Vereinbarung die gänz­liche Abschaffung gelänge.

Abg. Schippel (Soc) steht auf dem Standpunkte grundsätz­licher Abschaffung der Ausfuhr-Prämien m ,

Abg. Staudy (cons.) erklärt das Einverständniß seiner Partei zu der Vorlage und dankt Namens derselben den beiden Ministern für ihr Interesse, welches sie der Landwirthschaft zugewendet haben.

Abg. Rösicke (fractionSloS) will für die Vorlage stimmen, hält jedoch für die Zukunft die gänzliche Abschaffung der Ausfuhr­prämien für unbedingt nothwendig.

Schatzsecretär Posadowsky widerspricht einem ihm gewachten Vorwurf, wonach seine Ausführungen fich nicht mit der Ansicht der Regierung von 18 0/91 deckten. .

Die Abgg. Leuschner (Rp) und Szmula (Etr.) sprechen fich für die Vorlage aus. ,

Abg. Lotze (Amis) spricht sich für die Vorlage aus.

Bet der sofort beginnenden zweiten Lesung beantragt- Abg. Spahn (Etr.), der Vorlage den Zusatz zuzufügen, wonach der Bundes­rath ermächtigt werden soll, Ausfuhrprämien herabzusetzen oder ganz außer Kraft zu fetzen, wenn die Auslandstaaten infolge einer inter­nationalen Vereinbarung dasselbe thun.

Abg. Richter (frs. Vp.) plaidirt für die Belastung der be- | stehenden Gesetzesbestimmungen

Inzwischen ist die angekündigte Resolution P a a sch e eingegangen.

Posadowsky erklärt, die verbündetenRegierungen accepttrten die Resolution

Sodann wird der Antrag Spahn angenommen.

Es folgt auf Antrag Singer namentliche Abstimmung über die jetzt erweiterte Vorlage. Die Abstimmung ergiebt 140 für, 46 Stimmen gegen die Vorlage. Das Haus ist also beschlußunfähig.

Montag 1 Uhr: Vorlagen, betr. Sclavenraub, Sclavenhandel, Schutztruppe in Kamerun, Abstimmung Über Zuckersteuer-Nothgesetz, Margarineantrag__

Ausland.

Die seit Wochen andauernde österreichtfch-uugarische Crifis hat nun zum Rücktritte des gemeinsamen Mini­sters der auswärtigen Angelegenheiten Grafen Kalnoky geführt. Noch unmittelbar vor Bekanntwerden der amtlichen Nachricht von der Genehmigung des erneut eingereichten Ent- laffungsgesucheS Kalnokys durch den Kaiser hatten osfictöse Wiener Meldungen versichert, es sei in gut unterrichteten Kreisen nichts von einer Annahme des Kalnoky'schen Demis­sionsgesuches bekannt, es scheint also die kaiserliche Ent­scheidung in der Angelegenheit überraschend schnell erfolgt zu sein. Mit der Entlassung des Grafen Kalnoky gewährt Kaiser Franz Josef den Ungarn eine weitgehende Genug­tuung in dem ganzen durch den Nuntius Agliardi entstan­denen Coflict, so daß es jetzt gar nicht mehr daraus an­kommt, ob nun auch Monsignore Agliardi noch geht, oder aber aus seinem Wiener Posten verbleibt. Bedauerlich bleibt indeffen der Rücktritt Kalnokys vom Standpunkte der all- gemeinen Politik aus, denn in den langen Jahren, in denen Gras Kalnoky als Nachfolger des BaronS Haymerle die aus- wärrigeu Angelegenheiten der habsburgischen Doppelmonarchie geleitet hat, find seine Bemühungen stetig und erfolgreich auf die Erhaltung des europäischen Friedens gerichtet ge­wesen. Selbstverständlich kam hierbei der Kalnoky'schen Politik das enge Bündniß Oesterreich-Ungarns zuerst mit Deutschland und dann auch mit Italien sehr wesentlich zu Hilfe. Kalnoky war im Reiche deS Doppelaares der vor- nehmste und berufenste Träger dieses BündnißgedankenS, aber mehr wie einmal mußte er seinen ganzen Einfluß daran setzen, den geheimen, jedoch mächtigen Machenschaften, welche am Wiener Hofe auf die Losreißung Oesterreich-Ungarns von der Allianz mit den beiden anderen Mächten hinarbeiteten, Halt zu gebieten. Daß dies Graf Kalnoky, unterstützt von dem Vertrauen seines Souverains, durchschlagend gelungen ist, dies kann ihm wahrlich nicht hoch genug angerechnet werden, und desto lebhafter wird man darum in den Cabi- netten von Berlin und Rom den Abgang eines so einsichts­vollen und im Dienste der Friedensidee stehenden Staats­mannes von der politischen Bühne bedauern. Sehr rasch ist inzwischen die Wiederbesetzung des Ministeriums der aus­wärtigen Angelegenheiten Oesterreich Ungarns erfolgt, Graf Goluchowski, der frühere Gesandte Oesterreich-Ungarns in Bukarest, ist der Nachfolger Kalnokys geworden. Der neue Leiter der auswärtigen Politik des KaiserftaateS steht im 46. Lebensjahre, von feiner politischen Thätigkeit ist biS jetzt in wetteren Kreisen noch «nichts Sonderliches bekannt geworden. Da er aber von Kalnoky selber dem Kaiser zu seinem Nachfolger vorgeschlagen worden war, so muß man

annehmen, daß die Persönlichkeit deS neuen Ministers die nöthigen Bürgschaften zur unveränderten Fortsetzung der Kalnokyschen Politik gewährt. Bon einem Rücktritte deS ungarischen CabinetS kann angesichts deS Abganges Kalnokys wohl schwerlich noch die Rede sein. UebrigenS ist daS in der Spezialberathung seitens deS ungarischen Oberhauses eigentlich schon gescheiterte Gesetz über die Reception der Juden in dritter Lesung doch noch durchgegangen, es wurde am Donnerstag durch die zu seinen Gunsten abgegebene auS- schlaggebende Stimme deS Präsidenten angenommen.

Neueste Nachrichten.

WolffS telegraphisches Correspondm,-Bureau.

Berlin, 17. Mai. Der Vorstand deS Reichstags hat beschloffen, von Personen, die nicht durch Mitglieder deS Reichstages geführt werden, ein Eintrittsgeld für die Besichtigung des Gebäudes zu erheben. Die bis­herige Praxis der Führung durch Hausinspectoren hat ein Trinkgeldersystem herbeigeführt, das einzelne Unterbeamte hoch dotirt im Verhältniß zu anderen Beamten. ES wurde im Vorstand vergeblich auf die Unzuträglichkeiten hingewtesen, die die Einführung zweier Categorien von Besuchern mit sich führt, zudem andererseits die Annahme von Trinkgeldern einfach verboten werden kann. Die Restauration deS Reichs­tags ist wiederholt besucht worden von Personen, die fich auf den Tribünen oder in den Wandelhallen aufhielten zu großer Belästigung der Abgeordneten, die ihre Plätze besetzt und die Bedienung in Anspruch genommen sahen. Fernerhin soll der Eintritt in die Restauration nur gestattet werden in Begleitung von Abgeordneten.

Berlin, 17. Mai. In der am 16. d. M. unter Porsitz des Vicepräsidenten des StaatsmiuisteriumS Dr. von Boetticher abgehaltenen Plenarsitzung des BundesratheS wurde der Entwurf des Gesetzes zur Bekämpfung des un­lauteren Wettbewerbes, sowie die vom Reichstage abgeän­derten Gesetzentwürfe über die privattechtlichen Verhältnisse der Binnenschifffahrt und Flößerei nebst den zu dem Gesetz- Entwurf für die Binnenschifffahrt vom Reichstage gefaßten Resolutionen den zuständigen Ausschüssen überwiesen. Der Vorlage über die steuerliche Behandlung der Abraumsalze wurde die Zustimmung ertheilt. DeS wetteren wurde be- schlossen, der Resolution deS Reichstages betr. die Erhöhung dec Gehaltsstusen sür die durch Einsührung deS DienstalterS- stufensystems in ihren GehaltSverhältnissen geschädigten Klaffen der ReichSpost- und Telegraphenbeamten, sowie betr. die Forderung einer Pauschalsumme durch Nachtragsetat zur Ge­währung von Zulagen an die durch das Bestehen der Dienst­alterszulagen besonders geschädigten Beamten keine Folge zu geben. Außerdem wurde über verschiedene vom Reichs­tage zu den Petitionen gefaßte Resolutionen, sowie über eine Anzahl von Eingaben Beschluß gefaßt.

Köln, 17. Mai. Aus der Eifel und dem Hoch­wald hier eingelaufene Privatnachrichten melden Schnee­fall während der verfloffeneu Nacht. In einzelnen höher gelegenen Stellen der Eifel herrscht empfindliche Kälte.

Wien, 17. Mai. Seit gestern Abend ist hier heftiger Regen und rapides Sinken der Temperatur ein- getreten. Die Berge um Wien find beschneit. AuS den Alpenländern und Mähren werden größere Schneefälle ge- meldet. Im Süden herrscht eine heftige Bora.

Petersburg, 17. Mai. DerHandels- und Industrie- Zeitung" zufolge faßte die bei dem Handelsdepartement zu­sammengetretene Conferenz zur Entwickelung des Exportes von Producten der Viehzucht eine Resolution, wonach für nothwendig erachtet wird, behufs Organisation des regel­rechten Exportes eine besondere Transportgesellschaft zu gründen, welche von der Regierung materiell unterstützt werden soll.

Belgrad, 17. Mai. Wie aus guter Quelle verlautet, hat König Alexander gegenüber dem Präsidenten des fortschrittlichen DeputirtenclubS geäußert, er habe niemals an eine Auflösung der jetzigen Skupschtina gedacht- die­selbe werde ihr Mandat bis zum letzten Augenblick behalten.

Tientsin, 17. Mai. Die chinesischen Truppen in Shanhaikwan sind im offenen Aufruhr- die Stadt wurde geplündert, die Einwohner flohen.

Algier, 17. Mai. Der Herzog von Hamilton, Peer von Schottland, ist heute Vormittag hier gestorben.

Depeschen deS Bureau .Herold-.

Berlin, 17. Mai. Im Herrenhause wurde heute das Gerichtskostengesetz nach dem Beschluß deS Abgeordneten- ' Hauses angenommen, desgleichen die Notariatsgebühren Orb-