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19/04/1895 Erstes Blatt
 
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1893

Freitag den 19. April

Erstes Blatt

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Amts- «nd Anzeigcl'lcrtt für bett Ureis (Siefjen.

(öratisbeikage: Gießener Kamikienökätter.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für den folgenden Tag erscheinenden Nummer biS Borm. 10 Uhr.

Vierteljähriger ASonnementsprettr

2 Mark 20 Psg. mit Bringerlohn.

Durch die Post oezog« 2 Mark 50 Pfg.

Nedaction, Expedition und Druckerei:

-chukstraheNr.7.

Fernsprecher 51.

Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehme, Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Aus den Verhandlungen der Ersten Kammer der hessischen Stände. | nn. Darmstadt, 16. April 1895.

Unter dem Vorsitz des 1. Präsidenten Graf Solms- Laubach trat heute Morgen um ^lO Uhr die erste Stände- kammer zu mehreren Sitzungen zusammen, um über die Ab­änderung der hessischen Steuergesetze zu be- r a t h e n. Zunächst erledigte das Haus einen Antrag des Fürsten Isenburg Birstein auf Verwendung der Überschüsse ! der Hauptftaatskasie pro 1895/97 im Betrage von Mk. 12000 . für die landwirthschaftltchen Provinztalvereine und einen i weiteren desselben Antragstellers auf Bewilligung von? Mk. 15 000, als Zuschuß für die in diesem Jahr zu Gießen stattfindende Landwirthschaftliche j Land es-Ausstellung. Beide Anträge werden einstimmig ; nach dem Bericht deS Ftnanz-AuSschusses angenommen. | Hierauf tritt daS HauS in die Berathung der Regierungs- Vorlage betr. den Gesetz-Entwurf, die Abänderung des Ein- ; kommensteuer-Gesetzes sowie des Antrags deS Abg. Möl- Unger: dieReform der directen Steuern betref- - send. Der Finanzausschuß der Ersten Kammer hat sich bezüglich mehrerer Hauptpunkte der Gesetzes-Vorlage in eine Mehrheit und Minderheit getheilt. Die Ausschußmehrheit , (Graf Solms-Saubach u. A.) will die Befreiung von der ' Einkommensteuer ausdehnen auf alle Einkommen bis zu , 900 Mk., während Regierung und Zweite Ständekammer die Grenze der Befreiung auf 500 Mk. festgesetzt haben. Ferner soll die I. Abteilung der Einkommensteuerpflichtigen nach der Ausschußmehrheit mit 3000 Mk. beginnen, während Regie­rung und Zweite Kammer 2600 Mk. bestimmt haben w'll. Bezüglich der Progresiion soll dieses nach der Ausschußmehr­heit bet 3000 Mk. beginnen und sich genau der preußischen Steuerscala anschließen, die bei 65000 Mk. den Satz von 4®/0 des steuerpflichtigen Capitals erreicht, und bet höheren Einkommen weiter steigt. Gegen die Declarationspflicht von 3000 Mk. an ist die Ausschußmehrheit nicht mehr. Die ' zweite Kammer und auch die Regierung wünscht eine andere , Scala und Beginn der Progression von 8500 Mk. an. Die Progressionssätze von 900-3000 Mk. sollen nach dem Mehrheitsantrag niedriger als in der Regierungsvorlage fest­gelegt werden. Die Ausschußminderheit stimmt mit der Regierungsvorlage fast in allen Punkten überein. Würde der Antrag der Ausschußmehrheit angenommen, so würden etwa % aller Steuerpflichtigen von der Zahlung jeder Ein­kommensteuer, und damit von der Zahlung jeder directen Steuer befreit sein. Es ergiebt dies einen Ausfall an

Drr chitßeuer Anzeiger /rschkint täglich, gitt Ausnahme bei Montags.

Die Gießener AnmikienStäller werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal deigrlegt.

Steuereinnahmen von 943 670 Mk., die dann von dem ver­bleibenden 1/3 der Steuerzahler zu decken wären. Nachdem die General-Debatte über den Gesetz-Entwurf eröffnet ist, begründet Frhr. von Hehl zu Herrnsheim in eingehender Weise die Gründe, welche die Ausschußmehrheit bei ihren Anträgen leitete; insbesondere Entlastung der Unbemittelten und schärfere Heranziehung deS GroßcapitalS sei das Grund­motiv der Reformvorschläge.

Finanzminister Weber erklärt, ohne Herbeiführung eines Deficits im Finanzhaushalt seien diese Reformen nicht durchführbar. Noch drei weitere Steuerklaffen von der Ein­kommensteuer zu befreien, halte er für eine verfehlte Loya- lität, denn wo Rechte seien, müßten auch Pflichten sein.

Graf Görz weift darauf hin, daß gerade in den unteren Klaffen der Wunsch nach einer Steuerbefreiung nicht vorliege. Vielen sei es sogar unangenehm, daß sie von Steuern frei seien. AuS moralischen Gründen werde er für die Regierungsvorlage stimmen.

Graf Jsenburg-Birstein, sowie Graf Solms- Laubach sprachen für den Mehrheitsantrag, Sommer- zienrath Michel für seinen Minderheitsantrag.

Wegen vorgerückter Stunde wird die Sitzung um i/32 Uhr geschloffen, um Morgen früh um 972 Uhr fort- gesetzt zu werden. _____

Meßmer Anzeiger

Keneral-Mnzeiger.

Deutsches Reich.

Berlin, 17. April. Zu der unsicheren Lage, wie sich dieselbe infolge des fortwährend noch fraglichen Schick­sales derUmsturz-Vorlage" gestaltet hat, veröffentlicht die nssiciöseNordd. Allg. Ztg." einen bemerkenswerthen Artikel, überschrieben:Centrum und innere Lage." In demselben wird zugegeben, daß die verbündeten Regierungen allerdings lebhaftes Jntereffe an dem Zustandekommen der Novelle zum Retchsstrafgesetzbuche hegten, aber zugleich wird in dem Artikel betont, daß keinerlei Anzeichen vorlägen, welche den Schluß, die Regierung würde eventuell zur Ge­nehmigung sämmtlicher Beschlüffe der Umsturz-Commission bereit sein, rechtfertigen könnten. Weiter hebt der Artikel die scharfe Weiterbildung der entstandenen Situation durch die wachsende Gegnerschaft im liberalen Lager zu den Com- mfffionsbeschlüffen hervor und versichert schließlich, nicht gegenseitige Befehdung, sondern Einigung und friedliches Zusammengehen der betreffenden Parteien in der Frage der Umsturzgesetzgebung liege in den dringenden Wünschen der Regierung. Man hat es demnach in der erwähnten Kund­gebung des officiösen Blattes mit einem Appell an die sich

in der Frage derUmsturz-Vorlage" entgegenftehende« Parteien einander entgegenzukommen und gegenseitig nach­zugeben, zu thun, ob er Gehör finden wird, das erscheint freilich noch recht zweifelhaft. Immerhin gestatten diese Auslastungen derN. A. Z." vielleicht den Schluß, daß die Regierung die von der Reichstagscommission beschlossene« Verschärfungen derUmsturz-Vorlage" wohl doch nicht allenthalben gutheißen werde.

Die Affaire des Ceremonienmeifters von Kotze hat nach dem Duell desselben mit dem Hofmarschall von Reischach eine befriedigende Wendung genommen. Herr von Kotze soll sich mit dem Freiherrn von Reischach wie mit seinen hauptsächlichsten anderen persönlichen Gegner« aus der Berliner Hofgesellschaft ausgesöhnt haben. Die Heilung der Wunde, welche Herrn von Kotze in dem ge- nannten Duell zu Theil geworden ist, nimmt einen normale« Verlauf.

Hettefte Nachrichten.

WolffS telegraphisches Correspondenz-Bureau.

Berlin, 17. April. DieNordd. Allgem. Ztg." legt wiederholt dar, es könne nicht darauf gerechnet werden, daß die verbündeten Regierungen mit der Ausscheidung des Paragraphen 113 deS Strafgesetzbuchs, betreffend gewalt- famen oder tätlichen Widerstand gegen Beamte, aus der Reihe der Paragraphen, die Vergehen behandeln, deren Sut» pretsung oder Rechtfertigung künftig bestraft werden soll, sich einverstanden erklären. ES sei zu hoffen, daß das Centrum der Wiedereinstellung des Paragraphen 113 zustimme. Dir Einreihung von Paragraph 116 (Gotteslästerung) in Para­graph 111 a (Anpreisung und Rechtfertigung von Verbrechen) sei entbehrlich, da die Anpreisung ausnahmslos die Krtterie« der Gotteslästerung darbiete und daher unter Paragraph 166 fallen würde. ES wäre endlich wünschenöwerth, die von der Commission beschlossene Fassung des Paragraphen 166 falle« zu lassen; jedenfalls sei es ausgeschlossen, daß die Ausdehnung der neuen Strafbestimmungen auch auf die Beschimpfung religiöser Lehren aufrecht erhalten bleibt.

Berlin, 17. April. DerNational-Zeitung" zufolge wird sich heute im Auswärtigen Amte ein Somit« für den Bau der deutsch - ostafrikanischen Centralbah« constituiren. t r,

Berlin, 17. April. Der 24. Congreß der deutschen chirurgischen Gesellschaft ist heute im Langenbeckhause unter Vorsitz von Professor Gussenbauer Wien zusammen­getreten. Zum Dicepräsidenten wurde Professor Esmarch-

KeuMeton.

Willem de Hssn'sInkssöhne".

(Ortgtnalbericht desGießener Anzeiger".) (Nachdruck verboten.)

Darmstadt, 16. April.

In der Musikgeschichte unserer Residenz wird die Auf­führung der neuesten Oper des hiesigen Hofcapellmeisters Willem de HaanS:Die Jnkasöhne", die gestern Abend zum ersten Male stattfand, eine bemerkenswerthe Stelle einnehmen. Dichter und Componift, die sich in einer Person vereinigen, haben, wie wir hier gleich vorweg nehmen wollen, einen starken Erfolg errungen. Das sehr schöne und geschickt ausgebaute Libretto führt uns in das Reich der Sonne, das jetzige Peru, in jene sagenhafte Zeit vor der spanischen Eroberung, da noch die Inkas, die Sonnensöhne, das Märchenland beherrschten. Der Sage ihres Volkes nach entstammen die Inkas dem Geschlecht Manco Capacs, der als Kind der Sonne mit seiner Schwester-Gattin zur Erde entsendet worden, um den wilden Stämmen Ordnung und Gesittung zu bringen. Um aber ihre göttliche Abkunft rein zu erhalten, dürfen die Jnkasöhne nur Töchter des eigenen Geschlechts freien. Auf diesem Hintergrund baut sich die Handlung auf. Es ist eine Zeit gekommen, da das Herrscher­geschlecht nur aus dem alten Inka, seinen Zwillingssöhnen Ajatarko und HuaSkar und Astalpo, der letzten Fürstin aus sonnenentsprossenem Stamm, besteht. Einer der beiden Brüder soll der Nachfolger deS Vaters und Gemahl der Aftalpa werden. Die Entscheidung legt der alte Inka in die Hand des Gottes, in dessen Tempel er von Ajatarko und Huaskar je ein Opfer bereiten läßt- wessen Opfer der Gott zuerst entzünde, der solle Inka sein. Aber keines der Opfer flammt auf. Da lodert auf die Bitte um Erhörung die Flamme deS Altars hoch auf, die große Sonnenscheibe

zittert und schwirrt,daS Schwirren wird zu Tönen, die Töne werden Worte", und das Orakel der Gottheit befiehlt, Aftalpa selber solle binnen sieben Tagen den Gemahl und damit den Inka wählen, oder Liebestreue soll den Tod nicht scheuen und als Opfer zur Sonne emporsteigen. Aftalpa aber kann keine Entscheidung treffen, da ihr, wie sie glaubt, beide Brüder gleich theuer sind. Ihre Mädchen wollen ihr die Wahl erleichtern, vergebens! Eine Unterredung, die sie mit Huaskar hat und bei der Ajatarko unvermuther erscheint, überzeugt sie nur noch mehr von den gleich edlen Eigen- schäften der beiden Brüder, die sich bemühen, in edlem Wett­streit einer für den andern die Braut zu gewinnen, da beide Aftalpa lieben. So willigt denn Aftalpa in Ajatarkos Vor- schlag, denjenigen von ihnen zu wählen, dessen Pfeil einen in der Nähe horstenden Kondor erlegt. Aber die erste Jagd bleibt erfolglos, da der eine, um dem Bruder den Sieg zu lassen, seinen Pfeil vergräbt, der andere aus gleichem Grunde ins Blaue schießt. Am Abend wiederholen sie die Jagd, der Kondor finkt getroffen zur Erde, zwei Pfeile stecken in seinem Herzen, ein blauer und ein rother, bestürzt schauen sich die Schützen an, denn jeder hat heimlich mit des Bruders Pfeil geschossen. Nun weiß Aftalpa keinen Ausweg. Die rätbsel- haften Worte des Orakels bezieht fU auf sich und erklärt, als Opfer sterben zu wollen. Aber Ajatarko will noch ein letztes versuchen und zur Büßerinsei wallend einen Seher um Deutung befragen. Zur rechten Zeit noch kehrt er zurück und bringt den Bescheid, daß es nicht möglich sei, Aftalpa vom Opfertode zu retten, wenn sie nicht wähle- er bringt aber auch den Trost, daß das Jnkareich nicht durch diesen Bruderstreit zu Grunde gehen werde, und damit, die Hoffnung auf glückliche Lösung. Man bereitet sich zum Opfer- vor versammeltem Volke und der Priesterschaft soll es Ajatarko vollziehen. Als er das Opfermesser schwingt, erschauert Aftalpa und bittet, nicht er, Huaskar möge fie tödten. Da­mit aber hat fie gewühlt und fich für diesen entschieden. Während Ajatarko in der Menge verschwindet, um fich nach

der Büßerinsel zurückzubegeben, steigt strahlend die Sonne empor und unter dem Gesänge des Chors fällt der Vorhang. Neben dieser ernsten Handlung hin läuft ein reizendes heiteres LiebeSgeschichtchen zwischen dem Waffenträger UroS und Topa, einer der vertrauten Dienerinnen AstalpaS.

Willem de Haan folgt als Componift den Spure« Wagners. Sein neuestes Werk zeichnet sich aus durch Fluß der Erfindung und reizvolle Instrumentation. Von wunder- voller Klangschönheit find seine Recitative und seine Chöre. Aber auch das Lied gelingt ihm (Brauner Fährmann sährt im Nachen"). Wir hatten leider keine Gelegenheit, einer Probe beizuwohnen, so können wir nur nach dem ersten Ein­druck urtheilen und müssen abwarten, ob die Wiederholungen daS halten, was die Premiere versprochen hat. Aber wir glauben nicht, daß sich der Reiz gewisser Scenen, der ganz mächtig wirkte, später verflüchtigen wird. So gleich im erste« Acte die humorvolle Scene zwischen Uros, Topa und Umaha (Dienerin Astalpas) und dann etwas später die große Scene im Tempel deS Sonnengottes. Unter den Klängen eines kraftvollen Marsches zieht der Inka mit Kriegern und Priester« in den Tempel ein, begrüßt von Aftalpa und den Sonnen- jungfrauen. Nachdem der Inka seinen Willen verkündet, folgt das Gebet. Unisono setzen Chor und Solisten ein:Gott­heit. allmächtige, hör' unser Flehen!" Immer stärker an- schwellend steigen die Töne empor, um in einem mächtigen Höre uns, Gottheit!" auszuklingen. Von gleicher Wirkung ist das Finale deS ersten Actes, das die Priester mit Be­gleitung der Hörner beginnen. Der zweite Act bringt unS wieder ein hübsches Terzett zwischen UroS, Topa und Umaya, bann ein bewegtes Duett der Aftalpa mit Huaskar und wieder ein Terzett dieser beiden mit Ajatarko, dessen Schluß, zugleich Actschluß, beinahe zündend wirkte.

Im dritten Acte errang ein humoristisches Terzett der drei dienenden Personen lauten Beifall bei offener Scene. Die Jagdscene, da die Zwillingsbrüder sich zum Schuß ans den Kondor anschicken, wurde mit lautloser Spannung an-