Ausgabe 
18.12.1895 Zweites Blatt
 
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1894

Mittwoch den 18 December

Amts- und Zlnzeigeblatt für den Arers Gieren.

Hralisöeitage: chießener Kamilienötätter

Amtlicher Theil

Allr Annoncen-Bureaux be- In- und Äuilonbt» nehme» Anzeigen für dmGießener Anzeiger" entgegen.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für inn jokgmden Tag erscheinendm Nummer bi- Norm. lO Uhr.

Nidda. 13. December. Die Kinder des in diesem Jahre verstorbenen Kaufmanns Herrn Christian Jost, Be­gründer der Firma Jost, jetzt Ferdinand Jost, haben da» Andenken ihres verstorbenen Vaters dadurch geehrt, datz sie ein Capital von 1000 Mk. zum Besten der Kleinkmderfchule hier stifteten. Dasselbe ist verzinslich angelegt worden. Diese Anstalt wurde gewählt, weil der Verewigte für die­selbe stets hohes Interesse gezeigt. Dgrmst tftg.

§ Bom höhere» DogelSberg. 13. December. In unserer Gegend ist es, wie auch wohl noch sonstwärtS, allgemein üblich, daß die Müller, welche den Bauern das Getreide mahlen, dafür nichts weiter beanspruchen, als den sogen. Molt er", d. h. sie behalten so viel von dem gemahlenen Mehl, alS für das Mahlen gerechnet zu werden pflegt- Hiergegen sind schon öfters Stimmen laut geworden, fo datz sich auch schon einige Müller dazu bekannt haben, den Center Frucht für 80 Pfg. bis 1 Mk. (mit Abgang von 2 Pfund Staub) zu mahlen, oder auf 12 Pfund Molter herab- zugehen. ES wäre doch wünschenSwerth, daß hier (wie auch bei anderen Gewerben) eine bestimmte Grenze geschaffen würde. Hierzu kommt noch der Umstand, daß die Müller in unseren Dörfern nicht immer mahlen körnen, besonder« im Sommer bet großer Trockenheit und im Winter bei starkem Frost, sodaß die Bauern mitunter nicht in der Lage find, Mehl zu bekommen. Um diese Mißstände auS der Welt zu schaffen, ist kürzlich bei einigen OrtSbürgeru in dem Orte Gunzen au der Gedanke aufgetaucht, eine grotze Müllerei mittelst Windmühlenbetrieb zu errichten. ES haben schon Verhandlungen stattgesunden und soll dem Ver­nehmen nach eine Windmühle erbaut werden, wie man die­selben in Westfalen, Holland u. s. w. trifft. Allgemein wird daS Unternehmen freudig begrüßt, da etnerseiS unsere Be­wohner gut bedient werden, andererseits auch etwas mehr Verkehr in unseren armen Vogelsberg kommt.

sollen. Die Agnaten deS KöntgShauleS seien mit dem Plane einverstanden, die Königswürde solle am Tage der zehn- jährigen Uebernahme der Regentschaft durch den Prinzen Luitpold, also am 10. Juni 1896, auf denselben übergehen. Vorläufig wird man auch diese neuesten Miltheilungen in Sachen der bayerischen KöntgSfrage nur mit Zurückhaltung aufzuuehmen haben, wenngleich zugegeben werden muß, datz eine baldige Bekleidung des Prinzregenten Luitpold mit der KöuigSwürde nur höchst wünschenSwerth wäre.

Im Landtage von Schwarzburg-Sond ers« Hausen ist eine Frage von allgemeinem Jntereffe angeregt worden. Der Landtag stellte an die fürstliche Regierung das Ersuchen, mit anderen Bundesregierungen in Verhäng lungen über gesetzgeberische Maßnahmen einzutreten, durch welche die dem mittleren Handels- und Gewerbestande aus der GeschäftSgebahrung der Waarenhäuser und der Versandt­geschäfte, der Consumvereine, sowie auS dem Filtal- und BersteigerungSwesen drohenden schweren wirthschaftltchen Ge- fahren möglichst bekämpft werden sollen. Hoffentlich verläuft diese Anregung nicht im Sande. ____

Deutsches Reich.

Berlin, 16. December. Die bayerischeKöntgS­frage" taucht wieder einmal auf. Münchener Meldungen wtffen au» angeblich zuverlässiger Quelle zu berichten, daß dem bayerischen Landtage noch in seiner jetziges Session ein Gesetzentwurf wegen Ueberiraguvg der KönigSwürde auf den Prinzregenten zugehen würde. Diesem Entwürfe würde, wie es weiter heißt, eine Denkschrift des Ministeriums mit dem Urtheile deutscher juristischer Facultäten betltegen, welche sich in großer Mehrheit bejahend über die Möglichkeit einer Ver- faffongeänderung unter der Regentschaft ausgesprochen haben

beabsichtigten Waffertode entgangen, nimmt nun, da ihr am Leben doch nichts mehr liegt, zum Schluß Gift. Wir finden, daß von diesen beiden Effecren der eine den andern aushebt. Entweder oder! ErtränkungSversuch und Vergiftung da» ist für einen Etnacter zu viel. DaS har auch der Librettist nicht glücklich auSgedacht aber trotzdem entginge der Schluß dem Tadel, wenn der Componist eS verstanden hätte, auch nur an einigen Momenten, unsere Gefühle tu Mitleidenschaft zu z'ehen, wenigsten« unsere Nerven lzu stacheln. Ein Bächlein, das fich gemächlich durch die Wiesen schlängelt und stellenweise ganz etnzurrocknen scheint, daS ist der Verlauf der Musik zumIrrlicht". Viel Freude wird die Direction an dieser Novität nicht erleben.

Am ersten Abend hat die persönliche Anwesenheit deS Componiflen das Publikum noch einigermaßen captivirt. Grammann wurde zweimal gerufen und empfing auch drei Lorbeerkrän^e.

Den Frankfurter Sängern muß man e« laffen, daß fie ihre ganze Kraft für die wenig dankbare Aufgabe etnsetzteu. Fräulein Jäger sang die Gervaise, Herr Pichler den Andre, Fräulein Blätter bau er die Marion und Herr NawtaSky den Vater Tournaud.

Die Chöre, die fast immer gegenwärtig find, erheben fich leider auch zu keiner Nummer voll Kraft und Nachdruck.

Eine beffere Folie als daSIrrlicht" konnte Kreutzers Nachtlager von Granada", daS darauf folgte, eigent­lich kaum haben. DaS ist doch eine leichte, ungesuchte, ja, man könnte sagen: eine geistvolle Tonsprache. Wir hätten nicht geglaubt, daß unS diese Musik noch ein Mal so stark iuteresstren würde. Es wäre dies in noch höherem Maße der Fall gewesen, wenn der reizenden Gabriele des Fräulein Schacko rin ebenbürtigerJäger" zur Seite gestanden hätte.

vierteljähriger ASoaaementoprete» 2 Mark 20 Pfg. mit

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Abgeschlossenes bieten, als im großen Raume in Halbheiten fich verlieren!

Grammanns Musik weiß ihr Thema In keiner Weise auSzunützen. Diese» Thema ist folgendes: Auf einer Lootsenftatton an der normannischen Küste soll die Taufe eines Schiffes vorgenommen werden. Alles deutet auf ein feste ä marina. Der Name fehlt noch. Da kehrt Gervaife, die Tochter de» ehemaligen SchiffscapitänS Tournaud, aus Parts zurück, und der junge Lootsen - Capttän Andr ö Bertrand, welcher der in der Ferne Weilenden seine Liebe und Treue bewahrt hat, bittet Gervaise um ihren Namen. Die jungen Mädchen, die fich übergangen sehen, fingen einen kleinen unbedeutenden Spottchor, und Marton, der jungen Stiefschwester Gerpaise'S, bricht fast das Herz, denn im Stillen liebt fie Andre.Mein Glück zerbrach, laß mich die Scherben tragen und beten nur: Gott schütze Dich!" Hier könnte nun schon die Musik einen schönen Aufschwung nehmen, aber eS bleibt bet einem unbestimmten Gesäusel. Und ebenso, als Andre, deffen Werbung 'Gervaise zurück weist, in die Worte ausbricht:Die Welt ist weit und mein Segel ist schnell, und scheint mir die Sonne nicht mehr hell, die Sterne werd ich schon finden," wäre gleichfalls Gelegen­heit zur Entwickelung von Leidenschaft aber der Com­ponist geht ihr, fast könnte es scheinen absichtlich, aus dem Wege. Der dramatische Höhepunkt wird erreicht, als eS fich durch ein Telegramm, daS von Paris an Gervaise einläuft und ihr den Tod ihre» Kindes meldet, herausstellt, daß baß Mädchen einem Verführer zum Opfer gefallen ist und man gleichzeitig, während ein schweres Wetter an der Küste auf- zieht, erfährt, daß dieser Verführer, ein Vicomte, da draußen im Sturme auf der MachtIrrlicht" kreuzt. Gervaise, schon halb mit umnachtetcn Sinnen, springt in ein Boot und steuert in die Brandung hinaus, Andrä eilt ihr nach und bringt fie auch wieder lebend » Land. Gervaise, die dem

M. 297 Zweites Blatt

Feuilleton.

/rankfurttr Shealerbrikf.

(Originalbertcht für den(Siebener Anzeiger".)

(Nachdruck verboten.)

DaS Irrlicht", Oper von Karl Grammann, Text von Curt G eucke.

Dr. M. ES ist gewiß nicht Brauch, bei einer Oper zuerst vom Libretto zu sprechen. In diesem Falle aber ist e» am Platze, denn das Textbuch, welches der Schriftsteller und Redacteur Curt Geucke, der auch schon mit einigen Tragödien debttirt hat, dem Compouisten zur Verfügung stellte, erfreut sich vieler Vorzüge: die Sprache ist fließend, poetisch empfunden, und dem Dichter fällt eS offenbar leicht, eine Situation, eine Stimmung im Liede ausblühen zu laffen. Grammann hätte entschieden damit etwas machen können, wenn seine ganze Art ihn nicht auf daS Gebiet einer fadenscheinigen Romantik hinzuweisen schiene. AlS er sich an dem Geucke'schen Text versuchte, mochten eS ihm die Erfolge der Italiener angethan haben. EineCavalleria rusticana möchte jeder schreiben, auch wenn er nur die Töne der Hirtenflöte beherrscht. Die Selbstkritik verstummt bei solchen Wünschen. Gerne glauben wir, daß Grammann vor Jahren einmal eine recht finnigeMelusine" geschrieben hat. DaS ist auch die Stoffwelt, für welche seine behutsamen Ausdrucks- mittel paffen. Die Bühne man mag nun sagen, was man will ist einmal die Arena für die großen, gewaltigen Leidenschaften, und wer eine ernste Oper schreiben will, muß zunächst int Affectleben zu Hause sein sonst bleibe er lieber davon und laffe sich genügen, für SalonalbumS und Aedertaselchöre seine Gaben zu verwerthen. Bester im kleine», bescheidenen Rahmen etwas Ganzes und in fich

Derttrifd?«*»

* Wehlnr, 15. December. Die in der Stadt Wetzlar am 2. December 1895 adgehaltene Volkszählung hat folgendes Resultat ergeben: Bewohnte Wohnhäuser 967, andere luwohnte Baulichkeiten 3, gewöhnliche Haushaltungen von zwei und mehr Personen 1712, einzeln lebende Personen mit eigener HauSwirthschaft 156, Anstalten 5. OrtSanwesende Bevölkerung 8350, darunter find 3886 männliche Personen, 4464 weibliche Personen, altive Militärpersonen 16. Die Einwohnerzahl betrug bet der Volkszählung im Jahre 1890: 8125 und ist somit eine BevölkerungSzunahme von 225 Seelen festgeftellt.

Der Krieg von 1870^1, geschildert durch Ausschnitte <mS Zeitung«-Nummern jener Zett (Nachdruck verboten.) 18. December.

Für jeden aus der deutschen Gefangenschaft entflohenen französischen Offizier gehen in Zukunft zehn College» aus seiner nächsten Umgebung, durchs LooS bestimmt, in engen Feftungsgewahrsam, bis der Flüchtling eingebracht ist, der dann selbstverständlich durch seine Pflichtverletzung auch die Rechte deS Offiziers, mit Allem was dazu gehört, verliert. So hat Bogel von Falkenstein soeben angeordnet.

Der Himmel behüte Jeden vor so furchtbarem Kampfe, wie ihn ein junger Offizier (Hannoveraner) kürzlich zu bestehen hatte. Er hatte mit seiner Compagnie 25 Franktireurs im Gefechte zu Gefangenen gemacht und sofort bei dem Ober- commando angefragt, wa« mit ihnen anzufangen sei. Er­schießen! lautete der Befehl. Der Offizier marschirt mit einem Commando hinaus auf einen Hügel und läßt die Franktireurs niederknien. Unter ihnen war ein 18jähriger Jüngling, fein und zart gebildet wie ein Mädchen, dem der Muth fehlte, zu sterben, er zitterte, ein Strom von Thränen lief über fern» Backen und plötzlich stürzte er dem Offizier zu Füßen, umklammerte feine Kniee und flehte in den rührendsten Worten um fein Leben. Der Offizier war tief erschüttert, aber die Pflicht gebot- der Jüngling wurde gefestelt, zurückgeführt und erschoffen. Der Offizier sank ohnmächtig zu Boden, war wahnsinnig, alS er erwachte und mußte in ein deutsches Irrenhaus gebracht werden.

Der -lkljenrr Anzeiger ,rich"Nt täglich, mit Ausnahme befl Montag-.

Dir Gießener AtamikienvtLlter werben bem Anzeiger .wöchentlich dreimal deigelcgt.

Nr. 42 deS Reichs-Gesetzblatt, ausgegeben den 28. v. M., ^^(Nr 2278.) Verordnung wegen Abänderung der Ver­ordnung vom 18. April 1883, betreffend die Kautionen ber Beamten und Unterbeamten der Reichs-Post- und Tele­graphenverwaltung und der Reichsdruckerei. Vorn 28. No­vember 1895. .

(Nr. 2279). Bekanntmachung, betreffend dte Anzeige- pflicht für die Schweineseuche, die Schweinepest und den Rothlauf der Schweine. Vom 10. December 1895.

Gießen, den 16. December 1895.

Großherzogliches KreiSamt Gießen, v. (Sagern.

Gießener Anzeiger

Kenerat'Unzeiger.

Bekanntmachung,

betreffend die Maul- und Klauenseuche.

Nachdem in einem Gehöftc zu Treis a. d. Lda. die Maul- und Klauenseuche amtlich festgestellt morden ist, wird d-es mit dem Anfügen zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß Gehöftfperre angeordnet worden ist.

Gießen, ben 16. December 1895.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. @6gern.______

Gießen, den 16. December 1895.

Detr.: Die Vertilgung der Feldmäuse.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

<itt die Großh. Bürgermeistereien deS Kreises.

Soweit Sie noch mit der Erledigung unserer Auflage vom 16. November d. I. Anzeiger Nr. 272 im Rück­stände find, werden Sie hieran erinnert.

v. (Sa gern.