Ausgabe 
18.12.1895 Erstes Blatt
 
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wurde, das Wort zu ergreifen. Trotz seines Protestes mußte er den Saal verlassen.

Havanna, 16. December. 800 Jnsurg enteu haben eine Abtheilung von 72 spanischen Soldaten überfallen. Ein Lieutenant und 29 Soldaten wurden getödtet, 18 verwundet und die übrigen gefangen genommen.

CocaUs rrnd insicUct.

Gießen, 17. December 1895.

** Tagesordnung für die Sitzung der Stadtverordneten- Versammluug Donnerstag den 19. December 1895, Nachmittag-4 Uhr: 1. Mitteilungen. 2. Beurlaubung von Mitgliedern der Stadtverordueteu-Versammlung. 3. Vorlage der Rechnung des Realgymnasiums und der Realschule pro 1894/95. 4. Verpachtung des Kellers unter der Turnhalle der Realschule an Wetnhändler Karl Küchel, tu Firma Gebr. Mayer dahier. 5. Gesuch deS Karl Zimmer um Erlaubniß zur Aufstellung einer Gartenhütte in seinem am Leihgesterner- weg belegenen Garten. 6. Ausstellung von Ruhebänken in den Anlagen. 7. Neubau eines Arbeite- und Geräteschuppens am OSwaldsgarten. 8. Ausbau der Laudmannstraße. 9 Geradelegung der Wieseck- hier: Arbeitsvergebung. 10. Neubau eines KasernementS- hier: Arbeitsvergebung. 11 Erhöhung städtischer Trottoirs, hier: Lieferung von Bordsteinen und Geländeaustausch in der Brandgasse. 12. Reparaturen an dem vormals Emil Schmidt'ichen Hause. 13. Die Vergebung der Bullenhaltung. 14. Erweiterung städtischen Friedhofs- hier: Größe und Preis der Erb­begräbnisse. 15. Errichtung einer regelmäßigen Omnibus- Verbindung Mischen den Bahnhöfen und der Stadt- hier: Gesuch der Omnibusgesellschaft um ein weiteres Darlehen. 16. Erhebung einer evangelischenLocalkirchensteuer für 1896/97. 17. Gesuch des Jacob Gran aus Wächtersbach um Ertheilung der Erlaubniß zum WirthschaftSbetrieb im Hause Frankfurter- straße 23 (Russischer Hof). 18. DeSgl. der Emil HarmS Wittwe im Hause Wolfftraße 9 (Insel Helgoland). 19. DeSgl. deS Ioh. Gg. Zünglein dahier im Hause Grünbergerstr. 122 (Schütz-nhauS).

♦nn Parlamentarisches aus Hessen. Dem Finanzaus­schuß Zweiter Kammer ist eine Regierungsvorlage auf Er- richtung einer großen elegant en Glas halle, sog. Wandelhalle am Curhaus zu Bad Nauheim zugegangen, und werden hierfür 98,000 Mk. gefordert. Die Einnahmen aus Badegeldern deS dem Staate gehörigen Bades steigern sich von Jahr zu Jahr und innerhalb eines Zeitraumes von 3 Jahren wuchs der Curfond, aus dem diese Herstellungen bestritten werden, von 300,000 Mk. auf 500,000 Mk. Dieser Einnahme Zuwachs, der dem Curfond zufließt, erleichtert die Herstellung von Verschönerungen immer mehr. Ferner be­antragen eine Anzahl Abgeordnete, die Regierung möge Er- bedungen über die Ergebnisse der seit 5 Jahren bestehenden lanb und forstwirthschaftl.chen Unfallversicherung anstellen lassen, und der Kammer von dem Ergebniß Mittheilung machen. Die Regierung hat sich jetzt hierüber geäußert, jedoch in negativer Weise gegenüber einer anderen Beitragsveran- lagung für Rheinhessen.

♦♦ Die Aufführung des Herzogeuberg'fchen Weihnacht-- oratoriuwS wird von einem eigenthümlichen Mißgeschick ver­folgt. Durch Absagen von Solisten ist es bis zum gegen- u ärtigen Augenblick noch nicht völlig gesichert, daß die Auf- I sührung überhaupt morgen ftatifinden kann. Jedenfalls werden sämmtliche Soli, mit Ausnahme der Damenstimmen, von auswärtigen Künstlern gesungen werden. Dem Kirchen« gesangverein erwachsen dadurch ganz erhebliche Kosten, die weit über seine Kräfte hinausgehen. Er hat eS trotzdem für eine Ehrensache angesehen, das herrliche Werk allen Hinder­nissen zum Trotz doch zur Aufführung zu bringen. Er darf aber wohl erwarten, daß auch die Besucher der Aufführung e« für eine Ehrenpflicht erkennen werden, ihm durch außer­ordentliche Beisteuern zu Hilfe zu kommen. Auch an dieser Stelle möge nochmals darauf hingewiesen werden, daß der Eingang durch daS Hauptportal für die mit Karten Versehenen reservirt ist, und daß Kinder ohne Begleitung von I Erwachsenen überhaupt nicht zugelassen werden.

Vortrag der Schriftstellerin Frau Ottilie Stein-Mann­heim. Der für Mitglieder deS Kaufmännifchen und OrtS- grwerbe-VereinS in Leib'schen Saale gehaltene Vortrag über I "Das Wesender Frau, ihre Tugenden und Feh­ler war verhältnißmäßig nur sehr schwach, vorherrschend I aber von Damen besucht. Die Rednerin leitete mit einer 'n poetische Form gekleideten Legende über die Erschaffung deS WcibeS ihren Vortrag ein und führte dann eine Reihe Aussprüche bedeutender und getstvoller Männer über die Frau an, welche sich gegenseitig über daS Wesen des WeibeS, über ihre Fehler und Tugenden widersprachen. Die Frauen seien weder Engel noch Teufel, sie müßten in ihrer Ge- sammtheit beurtheilt werden. Gleich seien beide Geschlechter, das weibliche wie daß männliche, und der Mann wie die Frau, beide hätten ihre Fehler und wer gerecht sei, müsse diese anerkennen und berücksichtigen, daß der Mann und die Frau jeder seine besondere Mission zu erfüllen habe. In -bjectiver Weise ging nun die Rednerin auf die Fehler ihrer Schwestern ein und fchtlderte dieses bekannte Thema in so elgenartig packender Weife, wie wir eS selten zu hören be- kommen. Bei der Hervorhebung der Tugenden befleißigte sich die Rednerin einer gewissen Bescheidenheit, sie rühmte neben der Tugend die Liebe des WeibeS und hob besonders die Mutterliebe als etwas Gigantisches, die Welt Erhaltendes und Befruchtendes hervor. Diese weibliche Tugend überdauere I attcfl, und die Männer sollten eingedenk dieser Liebe, die wie ein dreifaches Sacrament und durch S Leben geleite, ja über das Grab hinaus währe, immer da zum Schutze der Frauen eintrelen, wo diese, wie es häufig geschehe, angegriffen I unb verlästert werden. Eine alte indische Sage, wie die Gottheit aus der LotuSblume daS Weib habe werden lassen und wie diese daS Herz des Mannes als Wohnung desselben bestimmte, bildete den Abschluß des Vortrage- und versetzte I

bic gespannt lauschenden Hörer in eine weihevolle Stimmung. Frau Oitilie Stein, welche wir im vergangenen Jähre die volkswirthschaftliche Seite der Frauenfrage meisterlich be­handeln hörten, hat durch ihren gestrigen Vortrag bewiesen, daß sie auch ein mehr ideales Thema fesselnd und geistvoll zu behandeln versteht und rufen wir ihr aa dieser Stelle zu: Aus Wiedersehen im kommenden Jahre."

** Ueber die Volksversammlung, welche im Anschluß an den Parteitag der deutschfreisinnigen Volks­partei am Sonntag Nachmittag in Steins Saalbau statt- fand, sei Folgendes berichtet: Die Versammlung wurde von Herrn Rechtsanwalt Grünewald-Gießen eröffnet. In seiner Eröffnungsansprache führte Herr Grünewald u. A. aus, daß die deutschfreifinnige DolkSpartei infolge ihrer S-ärke in der Stadt berechtigt sei, Stellung zu den je­weiligen TageSfragen in öffentlicher Versammlung zu nehmen.

Hierauf erhielt Herr Reichstagsabgeordneter Weiß aus München daS Wort, um über die gegenwärtige politische ^age zu sprechen. Unter Hinweis auf die Erinnerungstage an die Einigung Deutschlands erwähnte er die in den letzten Tagen im Reichstage vorgekommenen Streitigkeiten zwischen den Ver­tretern der einzelnen Parteien. DaS, was Deutschland im Jahre 1870 geeint, was wir heute preisen wollten, fei er­kämpft vorn ganzen deutschen Volke und nicht von einzelnen Personen- er wieS hin auf die früheren Bestrebungen des deutschen Volkes zu seiner Einigung, die Zeit zwischen den großen Befreiungskriegen und dem Jahre 1848. Die nach langen Kämpfen errungene Verfassung solle nicht als Geschenk betrachtet, sondern als ein gutes Recht des deutschen Volkes angesehen und vertheidigt werden- zu beklagen seien angesichts dessen die von national sich nennenden Parteien unternommenen Vorstöße gegen die Verfassung, insbesondere gegen daS all­gemeine gleiche und directe Wahlrecht in einer Zeit, wo allenthalben die Errungenschaften der Jahre 1870/71 in Deutschland gefeiert werden sollten- Redner erinnert weiter an das Umsturzgesetz, den Versuch, ein neue- Socialistengesetz in schaffen, dieser Versuch sei aber an dem so vielfach be­lächelten Unterthanenverstand des deutschen Volkes gescheitert. DeS Weiteren bespricht Redner den öfteren Ministerwechsel in Preußen, und suchte dann nachzuweisen, wie der öffent­lichen Meinung zum Siege verhalfen wurde. Inwieweit der durch daS Parlament geäußerte Volkswille zum Ausdruck ge* kommen, sucht Redner zu beweisen durch die vergeblichen An- fttengungen, neue Steuern auf Tabak und Wein dem Volke aufzuerlegen und daß sich sowohl die Finanzminister deS

I Reiches wie der einzelnen Staaten geirrt, der Schatzfecretär Posadowskh allein um 90 Millionen innerhalb zweier Jahre. Redner geht weiter auf die Stellung der freisinnigen Partei zu der Tabak- und Weinsteuer ein, hervorhebend, daß sie damit nicht nur eine finanzielle Frage behandelt, sondern auch die sociale, denn die Einführung der Tabaksteuer hätte nicht nur 6et>eutenbc Arbeiterentlassungen zur Folge gehabt, sondern die Weinsteuer hätte auch in hohem Maße die Winzer ge­schädigt. Schon die Möglichkeit, daß nur 10000 Arbeiter verdienstlos würden, rechtfertige allein die erfolgte Ablehnung der Tabaksteuervorlage. Die Regierung habe es des öfteren an der erforderlichen Energie fehlen lassen, besonders den Angriffen von agrarischer Seite gegenüber- die au- dem ab« lehnenden Verhalten der übrigen Parteien gegenüber den agrarischen Forderungen entstandenen Angriffe der Agrarier gingen nicht nut gegen Liberale und Volkspartei, sondern richteten sich auch gegen die Regierung, die Agitation zu Gunsten des Antrages Kanitz sei staatsgefährlich, der Antrag habe eine socialtfirende Tendenz, denn mit demselben Recht, mit welchem die Getreidebauer eine garantirte Rente for­derten, könnten dieselbe auch die Hopfen- und Weinbauer, die Viehzüchter und nicht zum wenigsten die Handwerker fordern, dies seien aber Forderungen, die für den focialtstifchen Zu- kunftSftaat gestellt würden. Von 5</4 Millionen landwirth- schaftlichen Betrieben hätten 2 Millionen unter 1 Hectar Boden In Benutzung, von 19 Millionen in der Landwirthichaft Be­schäftigten hätten vielleicht 4 Millionen einen kleinen Vortheil durch den Antrag Kanitz, 15 Millionen aber Nachtheil, der eigent­liche Vortheil käme nur wenigen, nicht armen Landwirthen zu gute- Redner setzt weiter auseinander, wie der Antrag principiell wie technisch unausführbar sei und stellt als einen kleineren Abklatsch deS Antrages Kanitz die Zuckersteuervorlage hin, die ebenfalls zu bekämpfen fei, weil sie einer verschwindenden Minderheit zum Nachlheil des Ganzen Vortheile bringe, zu Gunsten Weniger die Steuerzahler belaste um 72 Millionen Mark, oder 10-12 Pfg. pro Kilo. Die Angriffe auf unser Münzsystem rührten ebenfalls von den Agrariern her. DaS Wohlwollen der Agrarier für die Kleinbauern erscheine in einem eigenthümliche Lichte, wenn man zurückschaue auf die Zeit, wo ein Freiherr von Stein eS unternommen habe, den Kleinbauernstand zu befestigen, wo aber die die Klinke der Gesetzgebung in Händen habenden Junker daS Aufkommen des Kleinbauernstandes verhindert. Redner kommt auf die Volksbildung zu sprechen, die zu fördern er ebenfalls den Agrariern abspreche- angesichts der sich jetzt geltend machenden Sucht nach Vertretung van Einzelinteresieu einerseits, andrer- seils der Vorbereitungen zur Feier der vor 25 Jahren erfolgten Einigung unseres Vaterlandes, sollten alle fteiheit- lich Gesinnten geloben, zu kämpfen für ein einiges freies druticheS Vaterland. (Bravo). Der Vorsitzende dankte Herrn Reichstagsabgeordneten Weiß für feine volksthümliche Rede. Hierauf nahm Herr Dr. Gutfleisch daS Wort: Aus allem was der Vorredner gesagt, gehe baß Bestreben »äs) Freiheit hervor, durch seine Rede sei zum Ausdruck ge- kommen der Gedanke zur Förderung deS allgemeinen Wohls - derselbe trete in gegenwärtiger Zeit leider zurück, eS würden zu viel Etnzelintereffen vertreten, aber ein Heil könne nur entstehen auf dem Boden deö Gemeinwohls, deshalb fei eS I gefährlich, diesen Boden zu verlassen. Der Landwirthichaft könne nichts Schlimmeres widerfahren, als die Annahme des Antrages Kanitz und die Bildung de- Bunde- der Landwirthe. Die | auf Förderung und Erhaltung de- Gemeinwohles gerichteten i Bestrebungen rechne sich die freisinnige Partei zu, sie schmeichle I

^cht Einzelinteressen- wenn man sich auf den Roden de- meinwohlS stelle und darnach handle, stehe man auf de« Boden der Freiheit, er fei gewiß allseitiger Zustimmung sicher, wenn er ein Hoch ausbringe auf die Freiheit und fnifcu. liche Entwickelung des VaierlandeS. Herr Sebacieur Scheidemann hielt der fretfinnigen Partei ihren Manchester« lichen Standpunkt vor, der die Partei zurückgedracht trabe, der Freisinn habe nicht Überall daS Wahlrecht hochgehaiten, die Freisinnigen coalirttn sich mit den Nattonalltberalcn, so bei der letzten Stadtverordnetenwahl in Gießen. In der Schulfrage, die Redner im Vortrage de- Herrn Weiß oer- mißte, würde ungerecht verfahren gegenüber den Minder­bemittelten. Man schwärme in der freisinnigen Panei für polittsche Freiheit, thne aber nicht- für die winhschaftliche Freiheit, dazu fei die freisinnige Partei weder im Stande, noch Willens, sie fei eine capitalistische Partei, eine ver» treterin der ein festigen Handelsinteressen- er forderte schließ, lich die Anwesenden auf, sich nicht der freisinnigen, sonder« der sozialdemokratischen Partei anzuschließen. Herrvr. Gut. fleisch wie- den ungerechtfertigten Anspruch der Sozial, demokratie zur Besetzung der zu vergebenden Mandate wie er sich bei jeder Gelegenheit äußerte, zurück. Er mißbillige durchaus nicht die Bestrebungen der Arbeiter, ihre Lage zu verbessern, aber die andern Bürger, die Kleinhandwerker und Gewerbetreibenden hätten ebenfalls schwer zu ringen unb für diese trete die freisinnige Partei ein, unbeschadet ihres Wir- ken- für die Allgemeinheit- so lange die Sozialisten bk Ansicht vertreten, bet Mittelftanb möge zu Grunbe gehen, s. lange sie hassen diejenigen, die nicht nach ihrer Fatzon selig werden wollen, sei an eine Verständigung mit ihnen nicht zu denken. Er habe in der uneigennützigsten Weise bei der Arbeiterschutz Gesetzgebung für die Arbeiter ge- wirkt, ohne auf Dank etwa zu rechnen- daß man durch Zwisch enrufe heute ihm diese Thätigkeit zum Vorwurs mache, nehme ihn bei der Taktik der Gegner nicht Wunder. Herr Bad er-Marburg spricht sich dahin aufl, daß die Un- zufriedenheit in den wirthschastlichen Mißständen begründet sei, die beseitigt werden müßten, e» seien ernste Reformer, für den Mittelstand anzustreben unb zu erreichen durch Schutz- und Trutzbündnisse zwischen freifinn. Bolk-partei, Demokratie unb Socialdemokratie, es sei dadurch zu verhindern, daß Hunderte in das reactionäre Lager getrieben würden. Herr Reichs- tagsabgeordneter Weiß weist die Angriffe Scheidemannfl zurück, als habe seine Partei daS Pulver betreffs der Organi­sation der Schule erfunden. Die Schöpfungen eines Pestalozzi, eines Commenius, mit bet geforderten Erziehung zur Selbst- Verantwortlichkeit des Einzelnen, feien älter als die Social- demokratie. Der Freisinn habe Großes geleistet : das Haftpflicht- gefetz, daS UnfallvetsicherungSgefetz, die GewetbeveteinS.Orga­nisation seien mit seiner Hilfe unb burch ihn in- Leben ge» rufen. Schulze-Delitzsch, ber Vater beS GenoffenschaftS- wesens, dessen Verdienste unbestritten seien, er gehörte dieser Partei an. Herr Beckmann wirst ebenfalls der frei­sinnigen Partei vor, daß sie das CoalitionSrecht zu be- ' schneiden suche- Angst vor den Socialdemokraten habe be» Zusammenschluß von Freisinnigen unb Nationalliberalen bei den letzten Stadtverordnetenwahlen herdeigeführt. Herr Dr. Helf f-Frankfurt a. M. bezeichnete die socialdemo- kratische Partei als die Partei ber Unfreiheit, sie vertrete lediglich Klasseuintereflen, daher die Gegensätze zwischen ihr und der freisinnigen Partei. Herr Scheide mann sucht den Vorwurf der Herrschsucht der Socialdemokratie zu wider­legen. Die Arbeiter wollten nur den Einfluß haben, der ihnen kraft ihrer Anzahl gehöre- die Socialdemokratie hasse nicht da- Kleinbürgerthum, sondern trete für dasselbe ein, wenn da- Kleinbürgerthum anfange, sich politisch zu beschäf- tigen, werde der Freifinn an Anhang verlieren. Herr Kaufmann Krumm sucht den bei den Stadtverordnete», wählen von den Socialdemokraten eingenommenen Stand­punkt zu rechtfertigen. Herr Grebe - Ntederweimar, welcher sich der Versammlung als Bauer vorstellt, meinte, daß die freisinnige Partei die Erwartungen nicht erfüllt, die man besondkrS in landwinhschaftlichen Kreisen tu sie gestellt unb bemängelte, daß der Freisinn keinen ländlichen Wahlkreis vertrete- er stelle keine Forderungen L la Antrag Kanitz, aber er wolle eine gerechtere Dertheilung der Steuerlasten. Herr Dr. Gutfleisch bemerkte, daß die freifinnige Partei eine Thätigkeit deS Versprechen- auf Erfüllung der von be­stimmten ErwerbSklaffen gestellten Wünsche nicht entfalten könne unb zählt eine Reihe Forderungen aufl landwirth- schaftlichen Kreisen auf, für die die freisinnige Partei ein- getreten fei. Er ist der Meinung, daß der Staat die Minderbrlastung der Schwachen sich angelegen fein lassen müßte- die allgemeine Lebenshaltung de- kleinen Manne- Habe sich in den letzten Jahren gebessert, eS fei nicht gut, die Hoffnung defl Volke- zu stärken auf in Aussicht gestellte StaatShilfe, das Princip allen Handelns müffe die Selbsthilfe auf ber Grundlage befl Allgemeinwohl- bleiben. Er wendete sich nochmals gegen die Ausführungen der focialdemokratifchen Redner unb schloß mit ben Worten, baß bie Schwierigkeiten, die die Socialdemokraten allenthalben bereiteten, sie zu ben größten Feinben ber freiheitlichen Entwickelung Deutschlands machten. Herr Rechtsanwalt Grünewalb faßte i» seinem Schlußwort bafl Resultat ber öffentlichen Bersamm lung dahin zusammen, daß Deutsch-Fretfinnige und Social­demokraten, wie e- politisch reifen Männern zukomwe, sich einmal gegenseitig ausgesprochen hätten, nur die National- liberalen seien ber Versammlung fern geblieben. Entweder sei diese- ein Zeichen ihrer numerischen Schwäche ober ihre- mangelnben Interesse-, sich über politische Fragen auflzu- sprechen. Rebner schloß, inbem er die Versammelten auf« forderte, bet allen Handlungen sich nur durch die Interesse» deS allen gemeinsamen Vaterlande- leiten zu lassen, die Ber- sammlung mit einem Hoch auf da- deutsche Vaterland.

§ Bot» höhere» Vogelsberg, 15. December. Wie bie Geschäftsleute uuter den gegenwärtigen WitternngSverhält- nisse» zu kämpfen haben, um die Orte unseres Gebirge- zu