Sonntag den 18. August
189»
Erstes Blatt.
Nr. 193
Gießener Anzeig er
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Zugeflogen« 1 Canarienvogel.
Gießen, den 17. August 1895.
Grobherzogliches Polizeiamt Gießen.
I. V.: Roth.
Uctwfk Nachrichten.
Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.
Dortmund, 16. August. Oberbürgermeister Schmieding- Dortmund ist durch folgende kaiserliche Ordre zum Major ernannt worden: S. M. Schiff „Hohenzollern", 15. August 1895. Es gereicht Mir zur Ehre, Ihnen, dem tapferen Mitkämpfer von Bionville und Mars-la-Tour am heurigen Tage den Characrer als Major zu verleihen. Wilhelm I. R.
Hannover, 16. August. Der hundertjährige Geburtstag Marschners konnte, da daS königl. Theater, in dem Marschner von 1831 bis 1859 als Capellmetster wirkte, noch geschloffen ist, nur durch den Künstlerverein und die Liedertafel gefeiert werden, welche sich in festlichem Zuge mit Fahnen nach dem vor dem Theater befindlichen Denkmale begaben, daS reich geschmückt war. Am Denkmal wurden Lieder vorgetragen und durch das Musikcorps MarschnerS Compositionen gespielt. Die städtische Verwaltung ehrte das Andenken ihres Ehrenbürges durch Nieder- legung eines großen Lorbeerkranzes. DaS hiesige Theater, die Berliner Intendanz, der Künstlerverein und das Orchester widmeten ebenfalls Kränze. Die Festrede hielt Geh. Ober- regierungS- und Baurath Professor Köhler.
Metz, 16. August. Heute früh fand bei herrlichstem Wetter auf dem Schlachtfelde von Bionville eine Gefechtsübung statt, an der das ganze 16. ArmeecorpS theil- nahm. Zum Schluffe entsandte der Corpscommandeur, General Graf Haeseler, kleinere Truppentheile nach den Denkmälern, wo Ehrungen mit Ansprachen und Parademarsch stattfanden. Bei Flavigny wurde ein großer Granitblock zu Ehren deS 1885 verstorbenen Prinzen Friedrich Carl er- richtet.. Derselbe trägt die Inschrift: „Bon dieser Stelle auS leitete Prinz Friedrich Carl die Schlacht am 16. August 1870."
Mars-la-Tour, 16. August. Zur Gedenkfeier des S ch l a ch t t a g e S vom 16. August waren mehr als 10,000 Personen anwesend. Der Unterpräfect von Brich und Pfarrer Bruville hielten patriotische Ansprachen. Eine Messe wurde an einem unter freiem Himmel errichteten Altäre celebrirt. Der Feier wohnten mehrere deutsche Veteranen bei. Ein Zwischenfall ist nicht vorgekommen.
Brüffel, 16. August. In der Kohlengrube von Ander- lueS im Becken von Charleroi riß das Seil deS Förder- korbeS, in dem sich 24 Arbeiter befanden. Fünf find tobt, die übrigen verletzt.
Ancona, 16. August. Heute Vormittag wurde ein ge- wiffer Umberto Bernadelli verhaftet, als er anarchistische Manifeste, in denen Caserio verherrlicht wird, an Häuser onklebte. Ungefähr 100 Exemplare Manifeste wurden beschlagnahmt. Zu der gleichen Zeit explodirte aus der Treppe des Hauses, in welchem der französische Konsul wohnt, eine Bombe, die wahrscheinlich ein Protest gegen die Hinrichtung Caserios sein sollte. Der Schaden, den die Explosion anrichtete, ist unbedeutend. Der Eonsul war mit seiner Familie abwesend. Nach dem Urheber deS Attentats wird eifrig gefahndet.
Newyork, 16. August. Nach einem Telegramm aus Tampa, dem Hauptquartier der cubanischen Insurgenten in den Vereinigten Staaten, wird auS Cuba gemeldet, daß ein Eisenbahnzug von Havana, mit Freiwilligen zum Dienste gegen die Aufständischen besetzt, mit Dynamit bei Boloudrou in die Luft gesprengt worden sei. Nur wenige Insassen feien entkommen.
Depeschen de« Bureau „Herold*.
Berli», 16. August. Der Kaiser trifft heute Abend 9 Uhr in Brunsbüttel ein und setzt von dort mittels Sonder- zugeS die Reise nach hier fort. In Spandau gedenkt der Monarch morgen früh kurz,vor 7 Uhr eiozutreffen, von wo er sich nach dem Neuen Palais zu Potsdam begibt.
verliu, 16. August. Zur Grundsteinlegung des Denkmals für Kaiser Wilhelm I. werden morgen und Sonntag früh in Berlin eintreffen: Prinzregent Albrecht
von Braunschweig, der Großherzog von Baden, der Erb- prmz von Meiningen und Prinz Friedrich Carl von Hessen.
verliu, 16. August. Der Präsident des Reichstags, Freiherr von Buol, trifft heute oder morgen zur Theil- nähme an der Grundsteinlegung hier ein.
verliu, 16 August. Während gestern an maßgebender Stelle versichert wurde, -daß von einem Unfall, der dem Kreuzer „Gefion" zugestoßen fei, nichts bekannt sei, gelangte heute aus England die Meldung hierher, daß der „Gefion" eine Kessel-Beschädigung erlitten habe. Ein Verlust an Menschen wurde bisher nicht gemeldet. Das Schiff kann mit eigener Maschine bei langsamer Fahrt die Heimreise antreten.
Berlin, 16. August. Das 1. und 2. Garde-Dragoner- Regiment hielt heute anläßlich deS Gedenktages der Schlacht bei Mars-la-Tour einen großen Regiments-Appell ab, an welchem auch Veteranen der beiden Regimenter theil- nahmen. Zahlreiche Ehrengäste wohnten dem Appell bei.
Berlin, 16. August. Der „S octa list", Organ für Anarchisten und Socialisten, ist heute zum ersten Male wieder erschienen.
Danzig, 16. August. Nach hier eingegangenen Nachrichten ist der Hauptort deS Hardanger Fjord, Odde, größtentheilS abgebrannt. Die im Hotel Hardanger wohnenden Reisenden retteten nur das nackte Leben.
München, 16. August. Reichskanzler Fürst Hohenlohe ist heute Morgen 8 Uhr 17 Min. von hier nach Berlin abgerrist.
Kattowitz, 16. August. Auf den Zagorzer Gruben hat heute ein Kosakencommando die Dur chp eitschung von 14 Schleppern wegen Aufwiegelung vollzogen. Der Strike ist nun beendet.
Prag, 16. August. Heute Nachmittag fand hier der Aufzug der mährischen AuSstellun gsgäfte statt. Eine äußerst zahlreiche Menschenmenge hatte in der Ferdinand- straße Aufstellung genommen, um den Zug anzusehen. Plötzlich scheute daS Pferd eines GeneralstabSoberlieutenants und rannte in die Menge hinein, nachdem es den Reiter abgeworfen hatte. ES entstand eine heillose Verwirrung unter den Zuschauern. Alles flüchtete. Bis jetzt ist constatirt, daß zwei Personen schwer und drei leicht verletzt wurden. Das Unglück soll nach der Aussage deS Offiziers dadurch entstanden sein, daß aus der Menge ein Stein gegen das Pferd ge- worsen wurde.
Mailand, 16. August. Gestern wurden hier neun Männer und sieben Frauen, welche durch Hunger ohnmächtig geworden waren, auf einem Wagen nach dem Spital gebracht,«was unter der Bevölkerung große Aufregung hervorrief.
Brussel, 16. August. Heute hat die letzte Sitzung des interparlamentarischen Friedens • Kongresses stattgefunden. In derselben wurde ein Telegramm des Königs Leopold verlesen, worin der König seinen Dank aussprach für die auf ihn ausgebrachten Tonste und für die Reden, in welchen seiner gedacht wurde. Hierauf nahm der Congreß eine Resolution einstimmig an, in welcher von den Delegirten erwartet wird, daß sie ihre Regierungen veranlassen, zwei Delegirte zum internationalen Schiedsgericht zu ernennen. Außerdem wurde beschlossen, eine Conferenz von Diplomaten abzuhalten, in welcher die vom Congresse gelegte Grundlage der Organisation eines internationalen Schiedsgerichts geprüft werden soll. Der Präsident DeScamp hielt hierauf eine Rede, welche begeistert ausgenommen wurde, und sodann erfolgte der Schluß des CongresseS.
Brüssel, 16. August. In der Kammer entspann sich heute eine äußerst hestige Debatte über das Schulgesetz. Der Lärüi war zeitweise so heftig, daß der Präsident die Sitzung unterbrechen mußte. Schließlich wurde das Schulgesetz mit 81 Stimmen Mehrheit angenommen- vier Delegirten hatten sich der Abstimmung enthalten.
Pari«, 15. August. Das Nationalfest wurde heute von den Bonapartisten mit großem Pompe gefeiert. In mehreren Bezirken fanden Versammlungen statt, in welchem ein Brief Victor Napoleons verlesen werden soll. Nach Schluß der Versammlungen findet ein Banket statt, welchem Graf Cuneo de Ornano präfidiren wird. Derselbe wird bei dieser Gelegenheit eine bedeutsame politische Rede halten.
Madrid, 16. August. Die ersten Truppen sind in Cadix eiugetroffen und die Einschiffung derselben nach Cuba geht vor sich. Der Transport der Truppen von Madrid nach dem Hafen hat großartige Kundgebungen hervorgerufen, an welchen mehr als 100 000 Personen theilnahmen. Civil- und Militärbehörden waren anwesend. Der Bischof hielt eine Ansprache und segnete die Soldaten.
Loudon, 15. August. Seit einiger Zeit er'chien hier
ein Blatt in türkischer Sprache. Die Pnl,zrr überwachte daffelbe genau und entdeckte, daß dasselbe für an ar- chistische Propaganda gegründet sei und ein Conplott organifirte, um die Lordkammer und daS Unterhaus in die Luft zu sprengen.
Warschau, 16. August. Die Stadt Przytyk im Gouvernement Radew ist vollständig nie de rgebrannt. Nur eine Kirche wurde gerettet. DaS Feuer war an allen vier Ecken der Stadt angelegt worden. Circa 4000 Personen lagern unter freiem Himmel.
Bukarest, 16. August. Die Aufführung des SensationS- dramaS „StambulowS Tod" ist von der rumänischen Regierung wegen seines aufreizenden Inhaltes verboten worden.
Serajevo, 16. August. In nächster Nähe der montenegrinischen , Grenze wurde eine GenSdarmerie- Patrouille, bestehend auS Wachtmeister und zwei GenSdarmen, von bewaffneten Montenegrinern überfallen. Die beiden GenSdarmen wurden getödtet, der Wachtmeister schwer verletzt. Die tobten GenSdarmen würben später total auSgeplünbert gefunben.
Fünfundzwanzigjährige Erinnerungsfeier an 1870»
(Originalbericht des „Gießener Anzeigers").
Z. Darmstadt, 16. August.
Seit ber großen Vorfeier am letzten Sonntag hat sich plötzlich bie rege Thätigkeit ber zahlreichen Ausschüsse auch ber Bürgerschaft mitgetheilt unb so lassen sich benn allenthalben bie eifrigsten Vorbereitungen zu bem Hauptfesttage am Sonntag beobachten. Der Zudrang wird ein ganz colossaler sein, von allen Richtungen werden Extrazüge die Schaaren der Veteranen bringen und da heißt es denn auch recht fleißig sein, um allen Anforderungen gerecht werden zu können. In der Stadt wachsen an verschiedenen Plätzen Fahnenmasten und Tanuengruppen in die Höhe, ganze Wagenladungen von Guirlanden werden unausgesetzt angefahren und auf dem Markte lagern ganze Berge des duftigen Tannengrüns zum Verkauf. Die Erker zahlreicher Läden sind in kleinen Ausstellungen von patriotischen Erinnerungszeichen benutzt. Am geschmackvollsten angeordnet ist die Ausstellung einer unserer ersten Photographenfirmen, die eine CollectivauSstellung von Photographien des verstorbenen Großherzogs, deS ruhmreichen Führers der hessischen Division in den Jahren 1870/71, umgeben von hessischen Fahnen, ausgestellt hat. An dem größten Bilde hängt ein frischer Lorbeerkranz mit Florschleife, ein wehmüthigeS Erinnerungszeichen an den entschlafenen Fürsten. In den Kunsthandlungen sieht man natürlich nur Bilder aus den Kriegsjahren, sogar die „Zündnadeln", die humoristischen Zeichnungen mit Darstellungen aus dem Feld- und Lagerleben, die Pros. H. Müller vor 25 Jahren herausgab, haben ihre Auferstehung gefeiert. Für die fremden Gäste sind Erinnerungsmedaillen in verschiedener Form und Qualität hergestellt, ja sogar eine Erinnerungspostkarte mit der Ansicht des Festplatzes fehlt nicht. Unten auf dem Exercterplatz wird indessen unausgesetzt gearbeitet, Tribünen und Tanzplätze sind noch herzustellen und daS erfordert angestrengte Thätigkeit bis in die Nacht hinein. Gestern Abend fand auf dem wiederum von Taufenden belebten Platze großes Monstre-Concert bei bengalischer Beleuchtung statt, während drinnen in der Halle die Hauptprobe zu dem Concert der vereinigten Gesangvereine abgehalten wurde, mit dem die fremden Gäste am Sonntag erfreut werden sollen. Der heutige Freitag bringt ein großes Gartenfest im Saalbau, die Capelle Hilge concertirt in dem festlich illuminirten Garten und im Saal gibt das Personal des Sommer- theaterS ein patriotisches Festspiel, „Barbarossas Erwachen", und einen lustigen militärischen Einacter zum Besten. Der morgige Samstag bringt dann die große Begrüßungsfeier und das — schon Nachmittags stattfindende — Fest' essen der Delegirten. Die lebenden Bilder, bie Herr Prof. H. Müller arrangirt hat, sollen nun am Sonntag den 18. August zur Darstellung kommen, am Abenb vorher werben bagegen Lichtbilber, bie ©eenen aus ben KriegS- jahren wiebergeben, vorgeführt werden. Die Halle wird am Samstag — dies sei nochmals besonders hervorgehoben ausschließlich für die Veteranen referöirt bleiben, damit diese soweit das eben möglich ist, denn ber Andrang wird jedenfalls so groß werden, daß die etwa 4000 Sitzplätze bald besetzt sein werden, sich unter lauter Kameraden und Mit- kämpfern befinden. Uebrigens find vom Polizeidirectorium genaue Bestimmungen erlassen, um jede Ueberfüflung und jedes Gedränge, daS am Sonntag so sehr störte, von vornherein unmöglich machen. — DaS Militär begeht den 18. August


