Ausgabe 
17.11.1895 Zweites Blatt
 
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Nr. 271

Der

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Zweites Blatt. Sonntag den 17. November

Weßener Anzeiger

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Die elektrische Urrrgürtung der Erde.

(Nachdruck verboten.)

Der niemals rastende Menschengeist ist nicht eher zufrieden gewesen, als bis derselbe unseren Planeten mit einem elektrischen Drahtnetz versehen hatte, welches gestattet, einen Gedanken mit Blitzesschnelle von einem Punkte der Welt nach einem anderen hin mitzutheilen. Ein Glied fehlt aber noch in vieler Kette, nämlich daS von der Pacificküste nach Australien, und diese Lücke auszufüllen, projectiren die Engländer jetzt eine Telegraphenverbindung durch ein unterseeisches Kabel, welches stch von der Stadt Victoria, British Columbien, nach Auckland auf der nördlichen Insel Neu-SeelandS erstreckt. Diese Linie wird zwei VerbindungSstationen besitzen, nämlich die Insel Fanning, 1200 Meilen südlich von Honolulu, 3860 Meilen von Victoria entfernt, und dann eine der Fidschi Inseln, 1967 Meilen von der ersten Station gelegen, von wo auS das Kabel nach Auckland weitere 1348 Meilen fortgeführt wird, sodaß dieses letzte Riesenglicd der telegraphischen Welt­verbindung die Kleinigkeit von 7175 Meilen Länge hat.

Wenn die Engländer ein Project ausführen, so kommt eS ihnen nicht darauf an, wieviel Geld dazu gebraucht wird, und da das Legen deS TranS-PacifickabelS ungefähr zwei­hundert Pfund Sterling auf die Meile kostet, so bedarf man dazu im Ganzen des hübschen Sümmchens von 1 435000 Pfd. Sterling oder 28 700 000 Mark! Hierbei sind die Ausgaben, um dieses gigantische Unternehmen vorzubereiten, wie Ttessee- Messungen, Untersuchungen der Beschaffenheit des Meeres­bodens und der Transport des Kabels, daS natürlich in England angefertigt wird, nach Canada, nicht mit ein­gerechnet.

Zwischer Auckland und Sidney besteht bereits eine unter­seeische Verbindung, ebenso zwischen Victoria und der Stadt Vancouver, welches an dem südlichen Ende der Insel Vancouver liegt, der Endstation der canadsichen Pacificbahn.

Auf diese Weise wird man mit Zuhülfenahme zweier Weltmeere von Europa direct nach Sidney tele- graphiren können, von diesem Ort über Ostindien und den europäischen Continent nach London, folglich steht nichts im Wege, wenn die neue Linie erst beendet sein wird, den electrischen Funken in einem Bruchtheil einer Sekunde um unsere Erde kreisen zu lassen.

Heute existirt schon eine telegraphische Verbindung über Zand und im Ocean von Victoria nach Auckland, aber die Kabellegung von jenem nach dem letzteren Platze bringt das Welttelegraphensyftem erst zu einem vollständigen Abschluß.

Das Bett desjenigen Theiles des Meeres, welches sich zwischen Victoria und der Fanning-Jnsel hinzieht, ist ganz besonders geeignet, um ein Kabel aufnehmen zu können, dies haben die eingehendsten Voruntersuchungen competenter Fach, leute schon erwiesen. Der Boden deS OceanS erscheint an dieser weitgedehnten Fläche so weich, daß die Telegraphen­leitung ziemlich tief darin einsinken wird, und folglich ist dieselbe keinen beschädigenden Einflüffen ausgesetzt.

DaS Meeresbett besteht nämlich aus feinem Schlamm der Muscheln beinahe mikroskopischer Thiere, welche die

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Feuilleton.

Wochenbriese an» der Residenz

(Originalbericht desGießener Anzeigers-).

Z. Darmstadt, 14. November.

SemBazar". Soucert der Großherzoglicheu Hofmnfik. Born Großherzogl che« Hoftheater.

Air leben hier eben in der Zeit der WohlthätigkeitS- Veranstaltungen. Erst im letzten Briefe nahm ich die Ge­legenheit wahr, Ihren freundlichen Leiern von zwei großen zu Humanitären Zwecken stattgehabren Concerten zu berichten, die beide einen glänzenden Verlauf genommen, und ein vor­zügliches finanzielles Erge'oniß hatten. Die prächtigste und gelungenste Veranstaltung dieser Art dürfte jedoch der am vergangenen Samstag im hiesigen städtischen Saalbau «rrangirteBazar" gewesen sein. Alljährlich vereinen sich tzie Damen der höchsten Kreise unserer Stadt um diese Zeit und setzen nicht geringen Witz, Geschmack und Opferfreudigkeit ein, um den armen Waisen ein tüchtiges Scherflein zur Änderung ihres Looses zusammenzubringen. So war auch rm letzten SamStag der große Saal des Saalbaues Dank der fürsorglichen Thätigkeit der Damen des Alice-Frauen- »ereinS und ihrer emsigen Helferinnen zum Schauplatz eines farbenprächtigen lustigen Jahrmarkt-Getriebes gemacht worden. 68 waren Verkaufsstände in großer Menge aufgestellt, an denen reizende Verkäuferinnen mit liebenswürdiger Miene den nach mehreren Hunderten zählenden Besuchern des Festes

Wissenschaft foraminiferae nennt, währrno tn Tiefen von kaum einer Meile die Schalen kleiner MoluSken in groß­artiger Menge vorkommen, welche den Naturforschern unter dem Namen pteropodae bekannt find. Beide Thierarten leben in der Nähe der Oberfläche deS OceanS, und der weiche Grund entsteht dadurch, daß die Gehäuse derselben auf die>en fortgesetzt in unglaublicher Menge herabfallen. Dieses Material ist so fein zertheilt, daß man bei den oberen Schichten thatsächlich nicht weiß, wo daS Waffer aufhört und der Schlamm anfängt. Diese Umstände bedingen den Mangel an Strömungen, wie man solche schon öfter auf dem Grunde deS OceanS aufgesunden hat, und, ein nicht gering anzu­schlagender Factor, in solchen Gegenden des Meeresbodens, woselbst sich der genannte Muschelschlamm vorfindet das hat die Erfahrung erwiesen zeigen sich keine chemischen Einflüffe, welche daS Kabel angreifen könnten. Die Tele­graphenleitung zwischen Havana und Kcy West z. B. mußte in den letzten zwanzig Jahren schon sechsmal erneuert werden, weil unterseeische Vulkane Schwefel und andere Stoffe aus­geworfen hatten, deren chemische Einflüffe auf das Kabel Verderben bringend waren. In der Nähe der Küste von Cuba, in sehr tiefem Wasser, befinden sich auch Pechquellen, die aus dem Meeresboden hervoiquellen und eine große Ähnlichkeit mit den Pechseen besitzen, wie solche auf der Insel Trinidad und anderswo Vorkommen. Von diesen und anderen feindlichen Einflüssen wird der Haupttheil der Riesen­leitung sicher verschont bleiben, ein Umstand, welcher eine Hauptrolle spielt, und die beiden anderen Abtheilungen dieser Telegraphenlinie werden auch keine übergroßen Schwierig­keiten bereiten, dies haben die Voruntersuchungen bereits fest- gestellt. F. Schönfeldt.

Veruttischter.

* Berlin, 14 November. Der Vorsteher des hiesigen 64 Postamts Unter den Linden, Postdirector Johannesson, stürzte stch heute in die Spree. Derselbe wurde noch lebend herauSgezogen und nach der Charitv gebracht. Der Post­director soll in den letzten Tagen wiederholt Spuren von Geistesumnachtung gezeigt haben und in einem solchen An­falle scheint er auch den Selbstmordversuch begangen zu haben.

* Stettin, 14. November. Handelsmann Baumann wurde wegen Majestätsbeleidigung zu sechs Monaten Gefängnig verurtheilt. Der Angeklagte war von mit ihm verfeindeten Frauen angezeigt worden.

* Bremen, 14. November. Aus Rache ermordete der Arbeiter Friedrich Boesche die Wittwe Kuehn, mit der er früher zusommenlrbte, indem er fie mit einem Schlächter- meffer förmlich zerhackte. Boesche wurde verhaftet.

* Ein wilder Art der Lynchjustiz hat sich, wie die Nat. - Ztg." berichtet, am Sonntag auf dem Kirchhofe in Schöneberg bei Berlin abgespielt. Der Zimmer­mann B n ch w a l d, der auf dem AuSftellungsterrain in Treptow beschäftigt gewesen, war bei der Arbeit abgestürzt und hatte

allerhand nützliche und hübsche Kleinigkeiten feilboten, mehrere reich auSgeftattete Buffets sorgten für die Befriedigung leib- licher Bedürfnisse und besonders die eine Schmalseite deS Saales, wo sich sonst die Bühne befindet, die indessen diesmal in eine prächtige Grotte umgewandelt war, in der eS sich gar gemüthlich beim Champagner verweilen ließ, bot einen einladenden Anblick. In den Nebenräumen befand fich ein Theater, dem die Leistungen bewährter dilettantischer Kräfte der Aristokratie Darmstadts und einiger geschätzter Künst­lerinnen und Künstler unserer Hofbühne für reichen Zulauf sorgten. Auch Ihre Köjnigl. Hoheiten der Großherzog und die Großherzogin sammt dem anwesenden hohen Besuch, Prinz und Prinzessin Heinrich von Preußen, verweilten mehrere Stunden tn dem fröhlichen Getriebe, verkehrten aufS Liebenswürdigste mit zahlreichen Besuchern des Festes und kauften eine Menge Gegenstände ein. Unsere jugendliche Großherzogin hatte sogar selbst mehrere eigenhändig gemalte Bilder dem ComitL zum Ver­kaufe übersandt, ein Zeichen, rote sehr die hohe Frau fich für die Veranstaltung interresfirte. DaS finanzielle Resultat des hübschen Festes dürfte allem Anscheine nach ein recht günstiges fein.

DaS am Montag stattgehabte zweite Concert der Großherzoglichen Hofmusik hatte einen besonderen Reiz erhalten durch die Mitwirkung des seit wenigen Jahren erst bekannten, aber trotzdem mit Auszeichnung überall auf­genommenen noch jugendlichen Claviervirtuosen FrSderic Lamond. Die Proben seines Könnens, die der Künstler

sich so schwere Verletzungen zugezogcn, daß er starb. Er wurde auf dem Kirchhofe in der Maxstraße beerdigt. Da der Verstorbene in dem Gewerkschastsverein, welchem er an­gehörte, ebenso wie bei der Arbeiterbevölkerung in Schöne­berg beliebt gewesen, nahm das Trauergefolge einen großen Umfang an. Viele lockte auch die Neugierde nach dem Kirch­hof, denn es war ein offenes Geheimntß, daß die Begräbntß- feier wohl ein ganz ungewönlichrS Ereigntß, eine energische Aeußerung deS beleidigten RechtSgefühlS bringen werde. Der Verstorbene war nämlich verheirathet gewesen, seine Frau war ihm aber vor vier Jahren mit einem Manne, der Vater von vier Kindern war, durchgebrannt. Buchwald hatte deshalb die Scheidungsklage angestrengt. Die Beklagte war zur Zeit deS Todes und auch der Beerdigung noch seine Frau. Hieraus wollte sie Vorthell ziehen und sich aus der Sterbe- kaffe die Wittwengelder zahlen laffen. Sie erzählte cynisch ihren Bekannten:Na, da muß ich ja wohl auch mitlhun. Wenn nur erst der Klimbim auf dem Kirchhofe vorbei ist und ich mein Geld habe, dann gebe ich mit Freuden ein Faß Bier zum Besten!" Diese Aeußerung war bekannt ge­worden und sie hatte eS wohl hauptsächlich veranlaßt, daß sehr viele Arbeiterfrauen den Kirchhof aufgesucht hatten. Die Buchwald erschien auch wirklich aus dem Kirchhof und brachte den Mann, mit welchem sie lebte, mit. EntrüstungS- rufe wurden laut, als daS Paar auf dem Kirchhofe erschien. Als der Geistliche in seiner Rede auf die eigenthümlichen Verhältnisse anspielte und sagte, daß doch Alle, die ein Un­recht gethan, dies hier an der ernsten geweihten Stätte Angesichts des Todes bereuen und die begangenen Fehler wieder gut machen sollten, da trat auch Frau Buchwald an die offene Gruft, sank auf die Knie und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen. Die anwesenden Frauen hielten dies für Heuchelei. Als der Geistliche sich entfernt hatte, stürzte« wie auf ein gegebenes Signal die Frauen auf die Bnchwald los, entrissen ihr den Kranz, warfen ihr denselben über den Kopf und versuchten sie an demselben in daS Grab zu zerren. Die Uebersallene wehrte fich mit der Kraft der Verzweiflung, sie wäre aber doch wohl von den außer fich gerathenen Frauen in das Grab gestoßen worden, wenn ihr nicht ihr Geliebter im Augenblick der höchsten Gefahr beigesprungen wäre. Der Mann wurde zwar so energisch zurückgeschlagen, daß er fich in die Leichenhalle flüchten mußte, aber immer­hin hatte er doch erreicht, daß die Buchwald ihre Angreifer aus der gefährlichen Nähe des offenen Grabes drängen konnte. Die Buchwald wurde nun übel zugerichtet, man spie ihr ins Gesicht, schlug und stieß von allen Seiten nach ihr, Hut und Haare wurden ihr zerzaust, daS Jacket zerrissen und keiner der anwesenden Männer beschützte die Mißhandelte. So wurde sie aus dem Kirchhof hinauSgestoßen. Auf der Straße rettete sie sich tn eine der bereitstehenden Trauerkutschen. Die Menge gönnte ihr aber diese Zuflucht nicht und riß sie aus dem Wagen. Damit war die Sache beendet- die Strafe war erfolgt und nun ließ man die Frau laufen.

hier in der Tarantella auSVenezia e Napoli von LiSzt und in der an Schwierigkeiten nicht armen ^.s-dur-Polonaise von Chopin gab, zeigten allerdings, daß seine Technik deS Spiels wirklich vollendet genannt werden muß, hinsichtlich der geistigen Vertiefung dürfte dasselbe indessen mit zu­nehmendem Alter Lamond» noch in mancher Beziehung voll­kommener werden. Unsere Hoscapelle selbst erntete namentlich für die feinsinnig vorgetragene 0-dur-Sinfonie von Schumann und die hier noch nicht im Concertsaal gehörten ,Schnee pittoreaquea von Maffenet stürmischen Beifall.

Zur Feier von Schillers Geburtstag hatte unser Hof­theater fich der Riesenarbeit der Wiedergabe derWallen- stein Trilogie" unterzogen, und man muß gestehen, der Erfolg lohnte die viele aufgewandte Mühe reichlich. In erster Linie erntete die Regie wieder rauschendes Lob, Dank deren um­sichtiger Thätigkeit die Ausstattungdas Lager", daS diesmal zum ersten Male, wie vorgeschrieben, in einer Winterland- schäft gedacht war und besonders deSGastmahls der Generale" einen überwältigenden Eindruck auf den Zuschauer machte. DerWallenstein" des Herrn Edward fand ebenso wie derMax" deS Herrn Hacker und derButtler" des Herrn Werner an den beiden Abenden wiederum eine außer­ordentlich beifällige Aufnahme. Sowohl in diesen beiden Vorstellungen wie bei der am Sonntag stattgehabten Wieder­holung des ganz neu inscenirtenTannhäu er", von dessen erstmaliger Aufführung in dem neuen prächtigen Gewände ich kürzlich berichtete, war da- Hau- ausverkauft.