Ausgabe 
17.11.1895 Drittes Blatt
 
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Wir find mit der Schilderung unsererHochzeitS- gebrauche im Odenwalde und im Riede" zu Ende. Da und dort treten fie mitunter etwas derb auf und manche super­feine alte Jungfer rümpft vielleicht die Nase darüber. ES ist aber gesunder Volkshumor, der durchaus nicht verletzt, wenn auch die Worte zuweilen kräftig und unpolirt zum Bortrage kommen. Dem Reinen ist alles rein. Wer ein­mal ein solch ländliches Fest mitfeiern kann, der versäume es nicht, er wird Vieles finden, was ihn anmuthet. Das nöthige Verständnis für ländliche Anschauungsweise, alte gute Sitten und Gebräuche darf natürlich nicht fehlen, sonst könnte eS dem Gaste ergehen, wie dem Ministerialrathe in JmmermannSOberhof". Geist und Sitten einer Nation studirt man am besten in abgelegenen kleineren Orten und in Gebirgen, wo sich das Volk am längsten in feiner un­gemischten Art erhält. In den Städten vermischt fich diese sehr rasch. Da aberdie Cultur, die alle Welt beleckt", in Folge der riesigen Verkehrsmittel der Neuzeit sich immer mehr auch in die entferntesten Winkel eines Landes erstreckt und die Eigenart, Sitten und Gebräuche der einzelnen Stämme beseitigt, hat sich der Schreiber dieser Zeilen ver« anlaßt gesehen, diese Sitten und Gebräuche nebst der fast ganz verschwundenen Odenwälder Nationaltracht noch einmal kurz zu schildern, und er hofft, manchem freundlichen Leser dadurch einen kleinen Gefallen gethan zu haben.

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ehe dort wieder eine vollständige Erholung etntritt und daS aufs tiefste erschütterte Vertrauen wieder hergestellt wird.

DaS Bedauerlichste an der ganzen Krisis bleibt jeden­falls, daß durch sie gerade eine Menge Sparer aus den mittleren Volksschichten und kleine Capitalisten am härtesten betroffen und theilweise zu Grunde gerichtet worden sind. Die Verantwortung für eine solche unter allen Umständen tief bedauerliche Erscheinung trifft zweisellos zum guten Theile jene gewiffenlosen eigentlichen Börsenspeculanten, welche stets mit fremdem Kalbe pflügen und jedem Un­erfahrenen, der sein Glück an der Börse versuchen will, die offene Brieftasche zum frischen Zulangen Hinhalten, sich selber aber dabei meist zu decken wiffen. Die Großfinanz ihrer­seits aber kann von dem Vorwurf nicht freigesprochen werden, ein solches verwerfliches Treiben aus EgoiSmuS viel zu lange begünstigt oder wenigstens geduldet zu haben, die Ent- Huldigung, t>a§ si- unter dem profefRonetten Speculanten- thum jetzt Musterung halten wollte, kann da nicht als stich­haltig erachtet werden. Vielleicht, daß indeffen die längste Börsenkatastrophe wenigstens daS Eine Gute im Gefolge hat, unsere im Zuge befindliche Börsenresorm in Deutschland zu beschleunigen und zu Helsen, daß der betreffende Gesetz- Entwurf im Reichstage endlich unter Dach und Fach kommt.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bi» Borm. 10 Uhr.

Gothekiffen", das Geschenk der Pathin, wird heute noch dargebracht, wie es im Odenwalde auch noch geschieht.

Bei Ueberreichung des Gotheklssens und auch schon vorher werden allerlei Scherze und Possen gemacht, Kinder­geschrei wird nachgeahmt und dergl. m. Mitunter bringen lose Vögel eine große Puppe in einem Kinderwagen herein« gefahren, was die ganze Gesellschaft mit jubelndem Gelächter begrüßt.

Nachdem die Geschenke alle dargebracht und die Späsie und Poffen erledigt siud, beginnt die zweite Hauptmahlzeit: Riesige Braten und Salat «erden seroirt, ähnlich wie im Odenwalde- die zweite Mahlzeit wird wieder mit Kaffee und Kuchen beschlossen.

Um Mitternacht entsteht ein Tumult bei den Verhei- ratheten- der Hochzeitstag ist herum, sagen fie, und darum wird die Braut als verheirathete Frau von ihnen reclamirt. Diesem Verlangen widersetzt fich die Jugend, besonder- Zucht« knechte und Zuchtmägde. Nicht selten werden bei diesem Sträuben Tische umgeworfen, Gläser und Teller zerbrochen, überhaupt Scherben und Geräppel gemacht, waS Glück für die Braut bedeutet. Daß man in Oberheffen einem neu­verlobten Brautpaare Töpfe vor das Haus wirft auch dort ist man der Ansicht, daß Scherben Glück bedeuten ist den Lesern.dieses Blattes wohl noch von früherher im Gedächtniffe. Wenn der Morgen graut, ziehen die Gäste nach Hause- einen zweiten oder gar dritten Hochzeitstag wie im Odenwalde, feiert man im Riede nicht.

trifft Denjenigen, welcher auf diesem Wege GeschästSgeheim- niffe, rechtswidrig erworben, für sich verwerthet oder Anderen mittheilt." ,

Durch diese neue Faffung deS betreffenden Paragraphen wäre jedenfalls besser festgelegt, waS unter straffälligem Verrath und Erwerb von GeschäftSgeheimniffen zu verstehen ist, und daß der unlautere Wettbewerb auch in dieser Hinsicht natürliche Grenzen hat.

Zur gesetzlichen

Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs.

| |i ^Sollen wir im wtrthschastlichen Leben eine Reihe rasfi« nirter AuSbeuterkunststückchen los werden und der ehrlichen Arbeit und wackeren Leistungen mehr, als eS oft bisher der Fall war, den verdienten Lohn sichern, so muß offenbar der unlautere Wettbewerb nicht nur in der Preffe, in der öffent« lichen Meinung und durch die ablehnende Haltung ehren« bverther Verkäufer uftb Käufer, sondern auch durch einige wirksame gesetzliche Maßregeln bekämpft werden. Diese For- derung muß außerdem auch noch im Jntereffe der öffentlichen Moral gestellt werden, denn weder in der Geschäftswelt noch im Volke darf sich etwa die Anschauung befestigen, daß im geschäftlichen Mitbewerbe die Moral des Mein und Dein da uub dort durch schlaue Manöver umgangen oder ihr gar dreist inS Gesicht geschlagen werden könne. Aber bei dieser sehr wichtigen Bestrebung ist doch auch streng darauf zu richten, daß daS Gebiet deS natürlichen, freien Wettbewerbs «icht in bedenklicher Weise beengt und jüngeren Leuten, welche lange Jahre in älteren Geschäften ihre Ausbildung zenoffen und dort BetriebSwesen, Fabrikation, Preise und Kundschaft kennen gelernt haben, nicht die Einrichtung und Gründung eines eigenen, neuen Geschäfts erschwert, ja un« möglich gemacht wird, denn jeder Industrielle, Kaufmann oder sonstige Gewerbetreibende, mutz nothwendiger Weise den Schatz seiner wirthschaftlichen und fachmännischen Kenntniffe und Erfahrungen dem Geschäfte verdanken, in welchem er ,ls Lehrling oder Gehülfe vor seiner späteren Etablirung thätig war, und muß darauf nach der technischen und ge­schäftlichen Seite sein neues Unternehmen aufbauen.

Wir halten es daher für gut, daß der Gesetzentwurf über den unlauteren Wettbewerb im vorigen Reichstage noch nicht Gesetz geworden ist und deshalb unter der Kritik der öffentlichen Meinung erst noch gehörig reif werden, und nun während der neuen ReichStagSsession durchberathen werden kann. Der am meisten umstrittene Punkt in diesem Gesetz« entwurf war bekanntlich die strenge Bestrafung von Ge- schäftSgeheimniffen, und haben fast alle Fachvereine und Körperschaften der interessirten Kreise gegen die Faffung des betreffenden Paragraphen Protest erhoben. Jetzt ist nun diesem dadurch ausgesprochenen Tadel insofern einigermaßen Rechnung getragen worden, daß der betreffende Paragraph in Bezug auf die Verletzung der GeschäftSgeheimniffe lauten soll:

Mit Geldstrafe bis zu 3000 Mark oder mit Gesängniß bis zu einem Jahr wird bestraft 1) wer als Angestellter, Arbeiter oder Lehrling Geschäfts- oder Betriebsgeheimniffe, die ihm anvertraut worden sind, während der Geltungsdauer des Dienstverhältnisses, und 2) wer Geheimnisse solcher Art, die ihm gegen ausdrückliche schriftliche Zusicherung der Ver­schwiegenheit anvertraut worden sind, dieser Zusicherung ent- a gen nach Ablauf deS Dienstverhältniffes unbefugt Anderen zum Zwecke deS Wettbewerbs mittheilt. Gleiche Strafe

Ausland.

Wie», 14. November. In Abgeordnetenkreisen verlautet, die Regierung beabsichtige, dem Ende December zusammen­tretenden niederösterreichischen Landtage einen Gesetzentwurf zu unterbreiten, wonach an die Spitze der Verwaltung Wiens ein vom Kaiser zu ernennender Oberbürgermeister, der den höheren Beamtenkreiseu entnommen ist, gestellt werden soll.

Die jüngste Börsenkrifis.

Allmälich beginnen fich die europäischen Börsenplätze von dem Sturme wieder zu erholen, der jüngst über sie so plötzlich dahinbrauste und einen jähen CourSsturz selbst der sichersten Werthe verursachte. Ueberall sind die Vertreter der Hochfinanz, Vereinigungen von Bankhäusern usw. mit theilweiser Unterstützung der Regierung wie B. in Paris jetzt bei der Arbeit, die anfangs drohende allgemeine Börsen katastrophe hintanzuhalten und wieder normalere Verhältnisse herbeizuführen, WaS auch gelingen zu wollen scheint. Aber zahllose Millionen sind durch den einenschwarzen Sonn­abend" vom 9. November unwiderbringlich verloren und so manche Existenz vernichtet worden, und wie fast immer bei derartigen Börsenkatastrophen, sind die Großfinanziers und die tonangebenden Geldinstitute verhältnißmäßig mtt einem blauen Auge davon gekommen, während die mittleren und kleinen Speculanten, und nicht zum wenigsten auch das private Publikum, die Kosten der stattgehabtenDeroute" tragen

Ueber die eigentlichen Ursachen des jüngsten gewaltigen und so umsaffenden Börsenkrachs läßt fich zwar noch kein ganz bestimmtes abschließendes Unheil abgeben, offenbar spielen hierbei aber berechnete Börsenmanöver, gegründet auf das unfinnige und jedes festen Rückhalts entbehrende Speculantevthum der letzten Zeit, eine Hauptrolle. Die vielverbreitete Annahme, daß eS sich bei der so jäh aus- gebrochenen BörsenkrtstS um eine längst verbreitete Action der Hochfinanz zur Abschürtelung der von allen Seiten auf- geschoffenen hohlen Börsenexistenzen gehandelt habe und daß hierbei die politischen Wirren im türkischen Orient, die Stambuler FinanzkrifiS und die angebliche Zuspitzung des russisch - englischen VerhältniffeS schlau ausgenutzt worden seien, ist wo^l nicht unberechtigt, worauf namentlich die ur­sprüngliche und ganz auffällige Zurückhaltung der maßgeben« den Börscnmatadore aller Hauptplätze beim Ausbruche der Krisis hindeutet. Als der Ausgangspunkt der gesammten Börsenpanik ist jedoch Wien zu betrachten, wo ein plötzliches Massenangebot fast aller an der Börse gehandelten Werthe, selbst die sichersten und besten Papiere nicht ausgeschlossen, einen furchtbaren CourSsturz herbeiführte, der sich dann blitz­artig nach den anderen hauptsächlichsten Börsenplätzen Europas fortpflanzte. An der Wiener Börse hat denn auch der jüngste Sturm die größten und schwersten Verwüstungen an- gerichtet, und es dürfte vielleicht noch längere Zeit dauern,

Deutsche» Reich.

Berlin, 15. November: Die Thatsache, daß der Oberbürgermeister Baumbach von Danzig daS einzige Mitglied der Danziger städtischen Behörden war, welches gegen die Verleihung deS Ehrenbürgerrechtes an den bekannten freisinnigen Reichstags« und Landtagsabgeordneten Rickert anläßlich des 25jährigen parlamentarischen Jubiläums desselben stimmte, erregt auch außerhalb der freisinnigen Kreise Aufsehen. Herr Baumbach hat seinen Standpunkt dadurch zu begründen versucht, daß er sich bemühte, den VerleihungSact als eine politische Handlung hmzustellen, mit welcher die städtischen Behörden ihre efugnisse über­schritten. Jedenfalls herrscht aber in der Danziger Bürger­schaft, bei welcher sich Herr Rickert großer Beliebtheit er« freut, infolge dieses Zwischenfalles ungemeine Verstimmung gegen ihren Oberbürgermeister, sodaß die eigenthümliche Affaire vielleicht noch weitere Folge haben wird. Herr Baumbach gehört, wie man weiß, der freisinnigen Volks- Partei an, Herr Rickert aber der freisinnigen Vereinigung.

Fbmilleton.

tzochikitsgkbräulhe, Kitten und Trachten im Odenmlde und im Ried.

(Schluß.)

Um diese Zeit verläßt der Pfarrer daS Hochzeitshaus, begleitet von zwei Laternenträgern und den Zuchtknechten. DaS sichere Geleit ist irn Winter bei glatter Straße und da der Wein durchgängig ein guter, recht erwünscht. Wenn sich der geistliche Herr ein kleine- Zöpfchen bei einer solchen Gelegenheit einwickelt, so schadet dies seinem Ansehen nicht allein nichts, sondern eS gilt als hauptsächlichster Beweis dafür, wie vortrefflich alles gewesen sein muß und wie gut eS ihm schmeckte. Das ehrt die Hochzeitgeber und das junge Ehepaar, welche- sich sehr über die thatsächliche Anerkennung ihrer Leistungen freuen.

Wenn fich der Pfarrer zurückgezogen hat, gehen auch die übrigen Hochzeitsgäste nach Hause, aber nur, um den HochzeitSstaat gegen bequemere Kleidungsstücke zu vertauschen und die Geschenke abzuholen. Für daS Brautpaar wird in« zwischen ein erhöhter Sitz hergerichtet und davor ein großer kupferner Kessel das allgemein Übliche Geschenk deS Bathen gestellt.

Die Gäste bringen ihre Geschenke mit einem Glück« wunfchreimlein, ähnlich wie im Odenwalde, dar. Früher schenkte man fast ausschließlich Zinngeräthe, ein Gebrauch, der fich nach und nach fast ganz verloren hat. Aber daS

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