Ausgabe 
17.9.1895 Zweites Blatt
 
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Dienstag de» 17. September

Nr. 218

Zweites Blatt.

Meßmer Anzeiger

Kenerat-Mnzeiger.

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Der -letzener Anzei-er rrichemt täglich, mit Ausnahme dcS Roxtog».

1891

Viert eljähriger Atlonnf mcuUpreU t 2 Mark 20 Pfg. mit vringerlohn.

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schwieg er dies der Kammer und ließ außerdem durchs'.den preußischen Gesandten in Paris an den König jene Forde­rung von Garantieen für die Zukunft stellen, welche den Abbruch der Verhandlungen herbeisührte. Benedetti erk ärte diese Forderung für verhängnißvoll und überflüssig, da er in EmS alles durchgesetzt, waS die französische Regierung verlangt hatte. Benedetti versicherte, König Wilhelm habe ihm nicht die Thür gewiesen. Entgegen der Behauptung BtSmarcks habe eS in Ems weder einen Beleidiger noch einen Beleidigten gegeben.

Bonn, 14. September. Heute Früh wurde anläßlich der Manöver deS achten Armeecorps der ganze Rhein bei Bonn überbrückt, und zwar wurde die Ponton­brücke in einer Stunde fertiggestellt. Der Uebergang der Brücke bot hochinteresiante Momente. Tausende von Menschen hatten sich zu beiden Ufern des Rheins aufgestellt, um dem militärischen Schauspiel beizuwohnen. Außer dem CorpS- Commandeur nabm auch ein brasilianischer General an der Uebung Theil.

Koblenz, 14. September. Freiherr von Stumm, welcher gestern die über ihn verhängte 14tägige Festungs­haft auf dem Ober-Ehrenbreitstein angetreten hat, ist vom Kaiser zu einem Tage Festungshaft begnadigt worden und hat somit heute Mittag seine Strafe abgebüßt. Sein Cartell- träger, Bopelius, hat die über ihn verhängte Stägige Festungshaft bereits abgebüßt..

Vermifdytes»

Eine hessische Kolonie in de« Bereinigten Staaten. Man schreibt derFrkf. Ztg.": Ungefähr acht Meilen von der Stadt CharlotteSville im Staate Virginia m den Vereinigten Staaten von Nordamerika bemerkte man, wie amerikanische Blätter mitthcilen, inmitten eines Kreises von niedrigen aber steilen Bergen schwache Spuren eines Lagers, das während des Unabhängigkeitskrieges zum Aufenthaltsorte für Kriegsgefangene diente. Als der englische General Burg ohne bei Saratoga mit seinem Heere zur Capi- tulation gezwungen wurde, waren die Befehlshaber der Revolutionsarmee in großer Verlegenheit, was mit der großen Anzahl von hessischen Gefangenen geschehen solle. Man entschloß sich endlich, sie nach der an der Grenze der Civiltsation gelegenen Stadt CharlotteSville in Virginia

In unterrichteten Berliner Kreisen hält man nach wie vor daran fest, daß der Besuch des Fürsten Hohenlohe in der russischen Hauptstadt lediglich einen ceremoniellen Character getragen habe und keine besondere politische Bedeutung be­sitze, eine Auffaflung, welche auch zutreffend sein dürfte.

Berlin, 14. September, Wie dieKreuzztg." von maßgebender Stelle vernimmt, hat Freiherr v. Hamm er­st ein seine Mandate für den Reichstag und das preußische Abgeordnetenhaus am 11. d. MtS. niedergelegt. Er vertrat im Abgeordnetenhause seit 1876 den Wahlkreis I Köslin, im Reichstage zuletzt den Wahlkreis II Minden (Westphalen).

Berlin, 14. September. Von zuverlässiger Sette wird gemeldet, daß die spanische Regierung bei der Firma Ludwig Loewe & Co. ca. 30000 M aus er g ew ehre in Bestellung gegeben hat.

Berlin, 14. September. Die Nummer 37 der von Professor von Gizicky begründeten Wochenschrift:Ethische Cultur" ist wegen deS ArtikelsDer Kaiser und die Socialdemokratie" consiscirt worden. Der verant­wortliche Redacreur ist Dr. Förster in Freiburg i. B.

Berlin, 14. September. Heute fand vor dem Land­gericht I Verhandlung gegen den früheren Redacieur des Vorwärts,IosephDterl wegen Majestätsbeleidigung statt. Die Beleidigung wurde begangen in einem Artikel mit der Ueberschriftwie man in Sachsen Socialdemokraten verurtheilt". Nach längerer Berathung wurde die Ange­legenheit vertagt, behufs weiterer Beweisaufnahme.

Berlin, 15. September. Der Redacteur desSozialist , Ditzke, ist gestern Abend in sein» Wohnung verhaftet worden.

Frankfurt a. M., 14. September. Der Correspoudent derFrkf. Ztg." in Paris erhielt Einsicht in die Recht- fertigungSschrift BenedettiS über seine Mission in EmS, welche dieRevue de Paris" demnächst publiciren wird. Benedetti wies zwar die moralische Verantwortung für den Krieg Bismarck zu, indem er die unbewiesene Be- hauptung aufstellte, Bismarck habe die Hohenzollernsche Thron- candidatur geschaffen, um einen Krieg herbeizusühren, aber Benedetti legt ausführlich dar, daß die unmittelbare Ver­antwortung den Herzog von Gramont trifft. Obwohl Gramont durch BenedettiS Mittheilung wußte, daß König Wilhelm seine persönliche Zustimmung zu dem Rücktritt des Prinzen von Hohenzollern ausdrücklich erklären würde, ver«

BivouakS auS uns und die Welt wie Negersclavrn com- manbirt aber Gott soll unS behüten, daß wir für Ihren Sire Louis dix huit, den ich, als er emigrirt war, in Hamm summt seinen Maitressen recht gut kennen und schätzen lernte, nur an ein Degengehenk faßten!"

Die jüngste Novität im Frankfurter Spielplan heißt Pastor Brose" von L'Arronge. Der Berfaffer von ^HasemannS Töchter" ist ein hoher Fünfziger, sein Stil und seine Art sind fest geworden, und man sollte kaum erwarten, daß aus seiner Feder noch viel Neues hervorfließen würde. Aber der frische, volksthümliche Zug, der in seinen erfolg­reichen Erstlingen so stark pulsirt, ist ihm auch noch später treu geblieben, hat ihn vor Stillstand bewahrt und ihn immer wieder Fühlung mit dem Actuellen gewinnen lassen. L'Arronge ist Moralist, allerdings in gewiffen, engen Grenzen, aber er ist eS doch. Er will nicht bloß, wie viele seiner Collegen unter den neueren Schwank-Autoren, dem lieben Publikum etwas Amüsantes und Drollige« vorplaudern, er will ihm ab und zu auch eine kleine Lection ertheilen und auf Verkehrtheiten in der Gesellschaft aufmerksam machen. DaS ist auch der Zweck inPastor Brose", wo der TypuS des herzlosen Strebers gekennzeichnet wird. Dieser stellt sich unS vor in der Person deS Candidaten der Theologie, Her­man Brose, welcher in seinen Handlungen und Gesinnungen von der einfachen, schlichten Art seines alten VaterS gänzlich abgewichen ist, gewisse politische Strömungen zu Gunsten seiner Carriöre auszunutzen sucht und dabei in Herzens- anaelegenheiten nichts weniger als gewissenhaft verfährt. Im Leben würde ein solcher Patron vielleicht sein Glück machen und die französischen Schriftsteller, die uns solche Typen auf- gestellt, begnügten sich meist mit einer leisen, zwischen den Zeilen auftauchenden Ironie, konnten sich aber nicht ent­schließen, poetische Gerechtigkeit zu üben. Ein L'Arronge scheS Stück wäre aber ohne solche unvollkommen, und so ist es denn ganz in der Ordnung und im Sinne aller Voraus- sehungen, daß über Hermann Brose daS Strafgericht heretn-

DaS Schauspiel wurde von allen Mitwirkeuden gut dar- gestellt und fand eine freundliche Aufnahme, die zu Wieder­holungen berechtigt.

Die ©eenen, in welchen die Schlachten von Ligny und Waterloo in ihrer ganzen räumlichen Ausdehnung geschildert werden, sind theatralisch natürlich ein Unding- selbst die Meininger wären vor einer solchen Aufgabe zurückgeschreckt. Die Adolf Stoltze'sche Bearbeitung, welcher die Frank­furter Regie gefolgt ist, hat ihr Hauptaugenmerk auf zeit­liche und räumliche Concentration gelegt. Verschiedene Striche, welche so geschickt angebracht waren, daß sie den Geist der Dichtung in nichts verkümmerten, erwiesen sich für die Gesammtwirkung nur vorteilhaft. In der Entwickelung der KampfeSbilder mit ihrem Schlachtengetöse gab sich Leben und Bewegung kund- der Lärm erstickte aber niemals das gesprochene Wort.

Die beiden Pole deS DramaS:Napoleon" und Blücher" waren vertreten durch die Herren Hermann und Dieg elmann.

Die Characteristik Blüchers konnte der Dichter mit un- verhältnißmäßig einfacheren Mitteln bestreiten, als die com- plicirte Größe Napoleons, aber immerhin lag die Gefahr nahe, den Marschall Vorwärts, der doch auf der Theater- bühne nur Reden vollführen kann, während er auf der welt­geschichtlichen Bühne durch weithin sichtbare Thaten gewirkt, als nüchternen Haudegen vorzuführen. Grabbe hat diese drohende Klippe vermieden- sein Blücher ist ein Held aus einem Gusse, nur wenige Striche schon deuten den Kern der ganzen starken, zielbewußtcn Persönlichkeit an. Als ein französischer Ueberläufer zu ihm kommt und ihm die Ope- rationspläne Napoleons verrathen will, sährt er ihn an: Französische Entdeckungen mag ich nicht, zudem sehen Sie gerade nicht darnach aus, als hält er Ihnen viel von seinen Operationen zum Besten gegeben." Bourmont: Solchen Empfang hätten treue Diener König Ludwigs des Achtzehnten, für den auch Sie kämpfen, für den auch wir mit Ihnen und Ihren Truppen streiten wollen, nicht er« wartet." Blücher:Kennen Sie Deutschland?" Bourmont:Ich habe Achtung für die lobenswürdige, loyale Nation, welche es bewohnt." Blücher:So wissen Sie denn, wenn wir kämpfen, so kämpfen wir juft für dieses Land unser Blut opfern wir daß nicht abermals ein Tyrann, wie Bonaparte eS ist, von seinen

Theil.

Nr. 35 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 11. d. M., enthält:

(Nr- 2264.) Bekanntmachung, betreffend die Verein- barung erleichternder Vorschriften für den wechselseitigen Verkehr zwischen den Eisenbahnen Deutschlands und Luxem­burgs. Vom 30. August 1895.

(Nr. 2265.) Bekanntmachung, betreffend die dem inter­nationalen Uebereinkommen über den Eisenbahnfrachtverkehr beigefügte Liste. Vom 5 September 1895.

(Nr. 2266.) Bekanntmachung, betreffend die Anzeige­pflicht für die Schweineseuche, die Schweinepest und den Roth- lauf der Schweine. Vom 8. September 1895.

Gießen, den 14. September 1895.

Grobherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Deutsche» Reich.

Darmstadt, 14. September. Seine Königliche Hoheit Prinz Heinrich von Preußen werden am 18. d. M. zum Besuch der Großherzoglichen Familie in Schloß Romrod ctitreffen.

Berlin, 14. September. Den Kaisermanövern bei Stettin haben sich unmittelbar die großen Herb st Übungen der deutschen Flotte angereiht. Sie fanden am vergangenen Freitag und SamStag im Beisein des Kaisers vor Danzig statt und nahmen den befriedigendsten, für die Kriegsbereit­schaft und Tüchtigkeit auch unserer Marine zeugenderstVerlauf.

Gegen die socialdemokratische Presse weht, wohl infolge der jüngsten kaiserlichen Kundgebungen, unver­kennbar ein schärferer Wind. Aus einer ganzen Reihe von Städten meldet man theilS Confiscationen socialdernokratischer Preßorgane, theilS Verhaftungen socialdemokratischer Redacteure. Auch daS leitende anarchistische Organ, derSocialift" in Berlin, ist am Freitag vorn Schicksal der ConfiScation be­troffen worden. , , ,

Der Reichskanzler Fürst Hohenlohe ist «ach Beendigung seines Petersburger Besuchs noch nicht birect nach Berlin zurückgekehrt, sondern hat erst einen nochmaligen mehrtägigen Aufenthalt auf Worki, der ausge­dehnten Hohrnlohe'schen Besitzung in Russisch-Polen, genommen.

Feuilleton.

Frankfurter Thraterdries.

(Originalbericht für denGießener Anzeiger-.)

(Nachdruck verboten).

Napoleon oder die hundert Tage. Pastor Brose.

Dr. M. Von jeher hat die Bühne sich den Schöpfungen Grabbes gegenüber, die als riesige Denkmäler eines genialen Geistes dastehen, spröde verhalten, mochte die literar- historische Kritik noch so stark zu ihren Gunsten etntreten und , B ein Johannes Scherr GrabbeS Drama als die weitaus bedeutendste dichterische Transfiguratton deS NapoleoniSmus ncnnen, neben welchem alles, waS französische, italienische und englische Poeten zur Kennzeichnung deS großen Despoten und des napoleonischen Frankreichs aufgebracht haben, nichts als Zuckerbäckerwaare fei.

Wir können dieses Unheil auch noch heute getrost unter­schreiben, denn weder der Napoleon der Sardonischen Madame SanS Gene", noch der des Richard Voß «chen Wehe dem Besiegten" können sich als ebenbürtige Genoffen in die Nähe des Grabbe'fchen Helden wagen, deffen geschicht- liche Characterzüge mit packender Ursprünglichkeit wieder« geben find. Grabbe schrieb das Werk vor den Ereignisien der Julirevolution, die der Dynastie der Bourbonen ein Ende bereitete. Mit prophetischem Blick ist in der Dichtung fcho« vieles voraus erfaßt, was thatfächlich nachher ein- "^Die°HSchranzenwirthsä;aft am bourbonischen Hose und als Gegensatz hierzu die einfache, aber dämonische Größe deS Corsen, deffen Name schon eine Armee bedeutet - mte ist da- gleich in den Volks- und Hofscenen des ersten Actes meisterhaft dargestellt! Und ebenso hat der Dichter die Mmel gefunden, die Begeisterung der deutschen Freiheits- kämpser dramatisch zu verkörpern, in jener Scene, wo fich im preußischen Feldlager bei Ltgny die Jager mit ihrem Major um da» lodernde Wachtfeuer lagern und ihre Ge- danken Über die Erneuerung Deutschlands austauschen. Den Manen Schillers und Körners wird dabei ein Hoch auS- gebracht.