Ausgabe 
17.1.1895 Zweites Blatt
 
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Nr. 14

Der chießener Anzeiger erscheint täglich, jnH Ausnahme des Montags.

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Zweites Blatt. Donnerstag den 17. Januar

1895

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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.

Aus den Verhandlungen der Zweiten Kammer der hessischen Stände.

nn. Darmstadt, 15. Januar 1895.

Die Sitzung wird um Uhr eröffnet.

Das Haus tritt in die Weiterberathung des Antrags Pennrich u. Gen. auf Einführung einer hessischen Staatsklassenlotterie. Abg. Schmidt.Mainz vertheidigt den Antrag in scharfer und thetls humoristischer Weise, indem er ausführt, die Moral, welche vom Regie­rungstisch so oft erwähnt werde, sei nicht so weit her, denn auch sehr viele Beamte hätten ihr Löschen in der Westen­tasche. Abg. Metz ist gegen eine Lotterie. Abg. Müller (Soc.) erklärt, es dürfte in der hessischen Volksvertretung nicht häufig vorkommen, daß man der Regierung mit Gewalt Mittel bewilligen wolle, die sie nicht annehme. Entweder müßten die Antragsteller gegebene Versprechen halten oder hätten sie sonstige Verpflichtungen eingegangen, weil sie sich für die Lotterie so ins Zeug legten. Front solle man machen gegen alle Lotterien, welche nur dazu da seien, den Arbeitern das Geld aus der Tasche zu nehmen. Auch gegen den Vertrieb sog. Ratenloose müsse die Regierung vorgehen. Abg. Ullrich (Soc.) ist ebenfalls aus gleichen Gründen gegen eine Landeslotterie. Bedauerlich sei, daß der Aus­schuß in seiner Mehrheit heute dafür sei. Die Regierung würde sich ein großes Verdienst erwerben, wenn sie im Bundesrath die Beseitigung aller Lotterten beantragen werde. Bedauerlich sei, daß niedere Beamte mit dem Vertrieb von Ioosen sich befaßten, um sich einen Verdienst zu sichern. Nachdem noch die Abgg. Wasserburg und Vogt für de» Antrag und Or. Schröder gegen denselben gesprochen, wrrd derselbe mit 30 gegen 17 Stimmen angenommen. (Bereits in voriger Nummer mitgetheilt. Red.)

Verschiedene Gesuche von Civilbeamten und älteren hessischen Offizieren auf Erhöhung ihrer Ruhe­gehalte werden dem Ausschußantrag entsprechend genehmigt. Desgleichen eine Vorlage der Regierung auf Vermehrung der Gendarmerie in Oberhessen um zwei Fuß- Gendarmen , wofür 2820 Mark eingestellt werden. Ein Antrag der Abg. Wasserburg und Schmitt auf Entschädigung der au den Militär üb un gsplätz en gelegenen Gemeinden für unverhältnißmäßige Einquartierungs- lafte» aus der Staatskaffe wird nach eingehender Begründung der Antragsteller genehmigt.

Der Abg. Metz-Darmstadt beantragt, die bereits er- theilte Genehmigung zur Verpachtung von Gelände im Rosen­garten zurückzuziehen, weil die Stadt Worms dieses Gelände zu einem Exerzierplatz und Schießplatz der Militärbehörde übergeben wolle. Nachdem Staalsminister Finger Er­hebnogen nach dieser Richtung durch Culturteckniker zugesagt, wird der Antrag des Ausschusses, der das Gleiche will, an­genommen und der Antrag Metz für erledigt erklärt. Ebenso wird ein Antrag des Abg. Breimer auf Erhöhung des Staatsbeitrags zur Feuerlöschkasse nach kurzer Begrün- düng des Antragstellers einstimmig angenommen.

Ein Antrag des Abg. Muth auf Aufforstung von Gemetndewüstungen und Hutweiden im Vogels­berg wird, nachdem sich der Regierungs-Vertreter, Regierungsrath von Bechtold, für Erhöhung des Staats- zuschuffes bis zu 2000 Mark ausgesprochen, einstimmig an­genommen.

CocoUs rrnd provinzielle-.

Odenhauseu, 14. Januar. Mit der schon länger ge­planten Erbauung einer Spr eng st o f f-Fab ri k in unserer Gemarkung wird voraussichtlich im Frühjahr begonnen werden. Unsere Gemeinde hat das dazu nolhwendige Gelände gegeben und erhält für den Morgen 450 Mk. In Anbetracht dessen, daß das Terrain eine nicht kulturfähige Wüste bildet, ist diese Bezahlung gut zu nennen. Im Ganzen wird unsere Gemeinde durch den Verkauf eine Einnahme von 14 bis 16000 Mark haben. Nicht gering ist auch der wettere Vor- theil anzuschlageu, daß sie in Zukunft eine gute Steuer- auelle mehr haben wird. Die Fabrik wird aus einer Anzahl leichter Gebäude, die zur Fabrikation dienen, ferner aus einem größeren Laboratorium, der Wohnung für Director und Chemiker und einem Maschinenhaus bestehen.

Darmst. Ztg.

>. Echzell, 13. Januar. Bei der hier stattgefuudenen Treibjagd sind 104 Hasen zur Strecke gebracht worden, ein Beweis dafür, daß es noch nicht an Hasen fehlt. Das erlegte Wild wurde zu 2.40 Mk. pro Stück an einen Händler abgegeben. Man merkt den Thteren bereits an, daß es mit de» Nahrungsverhältniffen seit etlichen Wochen knapp geht. Hasen und Feldhühner kommen jetzt bis nahe an die Dörfer

und in die Gärten herein, um Futter zu suchen. Auch Raben, Sperlinge, Haubenlerchen und Goldammern erscheinen bis in den Bauernhöfen. Der Schnee liegt bei uns, im Gegensatz zu anderen Gegenden, kaum 25 Centimeter hoch. Die Wintersaaten sind aber ziemlich gut gedeckt und auch die Schlittenbahn ist recht gut. Die Waldarbeiten, besonders die Holzhauereien, sind durch den mäßigen Schneefall nicht unter­brochen worden und werden daher in kurzer Zeit beendet sein, wenn die Witterung nicht schlechter wird.

M. -ZlbeShauseu, 13. Januar. Bei der hier Anfangs December 1894 abgehaltenen Treibjagd durch den Fretherrn Riedesel zu Eifenbach wurden 79 Hasen, 9 Rehe und 1 Fuchs zur Strecke gebracht, während bet der gestern statt­gefundenen Treibjagd in unserer Gemarkung 51 Hasen und 2 Rehböcke erlegt wurden. 'Gewiß ein Zeichen, daß es bei uns an Wild nicht fehlt.

§ Crainfeld, 10. Januar. Eine hiesige Wittwe war gestern mit dem Waschen alter K leid er beschäftigt. Hierbei gerieth eine in einem Paar Beinkleidern befindliche Nadel der Frau in die eine Hand und brach ab, so daß die Spitze tief stecken blieb. Der zufällig im Ort anwesende Arzt konnte mangels paffender Instrumente die Spitze nicht herausholen. Da kurze Zeit darnach die Hand bedeutend anschwoll, mußte sich die Verunglückte alsbald in das Krankenhaus nach Lauterbach begeben.

Vermischte-.

* Frankfurt a. M., 13. Januar. Im Zoologischen Garten hat im Januar die jährliche Revision des Thier­bestandes stattgefunden. Dabei ergab sich, daß während des verflossenen Jahres kein einziges großes Thier gestorben ist und auch sonst die Verluste ausnahmsweise gering waren, was wchl auf die Kühle der Sommermonate, sowie auf das vorzügliche kräftige Futter zurückzuführen ist, das in diesem Jahr wuchs. Der Thierbestand hat im Jahre 1894 die höchste Ziffer fett Bestehen des Gartens erreicht, nämlich 1530 Thiere. Mit dem Thierreichthum wuchs auch die Besucherzahl, die 24 000 mehr betrug als im Vorjahre. Sehr erfreulich ist die Zunahme der Schenkungen, die im vergangenen Jahre allein über 100 Thiere betrugen, worunter ein Tiger, ein Luchs, 2 Büffel, 2 Elefantenschild­kröten rc., im Gesammtwerth von 710 000 Mark.

* Marburg, 12. Januar. Erfroren. Der 58jährige OrtSdiener Heinrich Wen z ist auf dem Wege zwischen Allna und Weiershausen erstarrt im Schnee aufgefunden worden. Derselbe wurde noch lebend nach Hause geschafft, gab ober den andern Tag seinen Geist auf.

Ms. Kafsel, 11. Januar. Ein zweites gerichtliches Nach­spiel zum Kasseler Straßenkrawall fand heute vor der Strafkammer statt und wurde auch in einem Tage, anstatt der angenommenen zwei, in später Stunde zu Ende geführt. Dem großem Andrange des Publikums wurde durch Ausgabe von Zutrittskarten begegnet. Bei diesem Monstre- und Massenproceß saßen 15 Personen auf der Anklagebank und 34 Zeugen wurden vernommen. Die fünf Hauptkrawaller sind bereits im November vom Schwurgericht abgeurtheilt, heute handelt es sich um diejenigen 15 Personen, welche nur wegen einfachen Widerstands gegen die Staatsgewalt aus §§ 113, 114 des Reichsstrafgesetzbuches und wegen Auflaufs aus § 116 des Reichsstrafgesetzbuches angcklagt sind. Es sind die Arbeiter Köhler, Bier, Brand, Bald, Fahr­bursch Weidemeier, Maurer Adolf, Zimmermann Dölle, sämmtlich von Kassel, Maurer Umbach aus Wehlheiden, Maurer Geisser aus Elmshagen, Maurer Brethauer aus Kirchditmold, Arbeiter Paul Michl er aus Berlin, Mechanikus Birkmeter aus Neuffen in Württemberg, Bürstenmacher L a i b a ch e r aus Kotzenaursch in Baiern, Haus­bursch Grede aus Freienhagen (Waldeck) und Klempner Hetnr. Stolle aus Lübeck, alles junge Leute von 20 bis 30 Jahren, die damals zur Zeit der Straßenkrawalle am 21., 22. und 23. Mai hier in Kassel in Arbeit standen und an den Krawallen theilnahmen. Sie sind alle beschuldigt, an der Menschenmenge theilgenommen, und nachdem dieselbe von den Schutzleuten zum Ausetnandergehen aufgefordert worden, nach der dritten Aufforderung sich nicht entfernt zu haben, ferner werden einzelne (Köhler, Bier, Umbach, Dölle, Bald rc.) noch beschuldigt, sich ihrer berechtigten Festnahme durch die Schutzleute widersetzt und hartnäckigen Widerstand durch Stoßen, Hinwerfen, Umsichschlagen rc. geleistet zu haben. Die Angeklagten behaupteten alle, sie hätten keine Aufforderung, sich zu entfernen, gehört, und auch die Schutzleute konnten nur bezeugen, daß sie die Personen zwar einzeln zum AuS- einandergehen, die Menge auch wohl 4 bis 5 mal, aber zu verschiedenen Zeiten und nicht in der gesetzlich vorgeschrtebenen Form, aufgefordert hatten. Deshalb wurden sämmtliche An­

geklagte vom Auflauf freigesprochen, der Widerstand aber nur bei Köhler und Bier als erwiesen angenommen und Köhler zu 4 Monaten, Bier zu 3 Monaten Gesängniß verurtheilt.

* Caub. 14. Januar. Das RheineiS hat sich bei der Loreley gestellt.

* Breslau, 14. Januar. Der Scharfrichter Reindel nahm heute früh die Enthauptung des russischen Ar­beiters Valentin Liß vor, welcher im vergangenen Sommer seine Braut ermordet hatte.

* Szegedin, 14. Januar. Unmittelbar nach dem gestrigen Gottesdienst stürzte die Kirche in Szeschalom ein. Es kam zu großen Schreckensscenen. Glücklicherweise kamen nur wenige Verletzungen vor.

* Warschau, 12. Januar. In einem Circus zu Kiew stürzte während der Vorstellung eine Galerie ein. 36 Per­sonen stürzten in das Parterre- 12 derselben wurden ge- tödtet, be anderen mehr oder minder schwer verletzt.

* Bukarest, 10. Januar. Aus Jassy wird ein furcht­barer Vorfall gemeldet, bei welchem am 4. d. M. der Bauer Manole Caruceru in schrecklicher Weise sein Leben eingebüßt hat. Als derselbe am genannten Tage ein Schwein schlachte» wollte, liefen auf deflen Geschrei mehrere große Schweine aus der Nachbarschaft herbei, welche den Bauer zu Boden warfen und ihn, ehe noch Hilfe geleistet werden konnte, im vollsten Sinne des Wortes in Fetzen rissen.

*Eiugewauderte". Im Hinblick auf die behördlichen Warnungen vor dem Zuzug mittelloser Leute nach Berlin dürfte es von Interesse fein, zu erfahren, wieviel Personen sich gegenwärtig schon in Berlin befinden, die noch alsEin- gewanderte" zu betrachten sind. Die Zahl derselben beträgt über 900000 und vertheilt sich auf die preußischen Provinzen und die übrigen Theile Deutschlands folgendermaßen: auS der Provinz Brandenburg über 287 000, auS Ost- und West­preußen 122000, Schlesien 123000, Pommern 102000, Sachsen und Posen je 76000, Rheinland 13000, Hannover 10000, Westfalen 8000, Hessen-Nassau 6000, Schleswig- Holstein 4000, Mitteldeutschland 14 000 und aus übrigen nord- und süddeutschen Staaten zusammen 56 000. ES befinden sich also, abgesehen von den nahezu 290000 Personen aus der Provinz Brandenburg, allein aus den östlichen Provinzen des preußischen Staates über eine halbe Million Ein- gewanderte in Berlin, denen aus den westlichen Pro­vinzen nur 41000 gegenüberstehen, wobei noch besonders zu berücksichtigen ist, daß sich gerade unter jenen 500000 eine außerordentlich große Zahl von Knechten und Mägden, Tage­löhnern und sonstigen Arbeitern befindet.

*Anu mein Frauzek, Solldatt in Balliu" so lautete die Adresse, unter der eine ltebeglühende Küchenfee zu Zabrze (Oberschlesien) ihrem Auserwählten, einem in Berlin seiner Dienstpflicht genügenden Soldaten, ein Packet sandte, um ihm eine Weihnachtöüberraschung zu bereiten. Allein die Post machte einen Strich durch die Beschecrung, denn eS war ihr nicht möglich, denSolldatt Franzek" in Berlin ausfindig zu machen. So mußte denn der Inhalt des PacketS, bestehend auS Warst, Speck, Aepfeln und Weihnachtsstollen, versteigert werden. Der Erlös dieser Auction wurde dieser Tage derUntröstlichen" mit baaren 7 Mark eingehandigt.

* Ein velocipedsahreuder Pudel. Große Heiterkeit und vielen Spaß erregt in München ein mit einer Mütze ver­sehener Pudel, welcher in der drolligsten Weise sich eines kleinen Kinder Velocipeds bedient und auf demselben ganz gemüthlich fährt. Der Eigenthümer des Thieres versichert, daß er zur Abrichtung desselben drei Monate bedurfte.

Nnrverptäts - Nachrichten.

Marburg, 13. Januar. Professor Külz, der bekannte Specialtst für Zuckerkrankheit, ist an Blinddarmentzündung gestorben. Sein Name wu'de gelegentlich des Marburger Studenten-Strikes im Sommer 1893 viel genannt.

Bei der Redaetion eingegangene Bücher re.:

- Eine entscheidende Frage. Sociale Betrachtungen von Ludwig Swaper. Selbstverlag ves Verfassers. Berlin NW., Mtttelstraße 64. Preis 50 Pfg.

Schiffsnachvichten.

Norddeutscher Lloyd, in Gießen vertreten durch die Agenten Carl Loos und I. M. Schulhof.

Bremen, 12. Januar. (Per transatlantischen Telegraph.j Der Schnelldampfer Elbe, Capitän K. v. Gössel, vom Nordd. Lloyd in Bremen, ist gestern 10 Uhr Morgens wohlbehalten in Newyorc angekommen. ~ _. , , _

Bremen, 12.Januar. (Per transatlantischen Telegraph-j Der Postdampfer Weser, Capitän H. Burosse, vom Nordd^ Lloyd in Bremen, ist am 12. Januar, 7 Uhr Morgen«, wohlbehalten in Newyork angekommen.