Ausgabe 
15.9.1895 Zweites Blatt
 
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Der Vorstand.

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Rr. 217 Zweites Blatt. Sonntag den 15. September

Der chiehener -»zeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Die Gießener A««ikienötä11er werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger.

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Alle Lnnoncen-Bureaux des In- und Auslandes nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für d« folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr.

Die neunte Generalversammlung

der

drei landmtihschaftlichen provinstalvereiue des Großhkrsogthllms

soll nach Beschluß des Landesausschusses:

Donnerstag, 19. September 1895, Vormittags IO Uhr beginnend zu Gießen

im große» Saale des Gesellschaftsvereins. Sonoeastraße, abgehalten werden.

Tagesordnung:

1. Eröffnungsansprache des Präsidenten;

2. Welche Maßregeln sind anzuwenden, um die Landes- rindviehzucht derart zu fördern und zu gestalten, daß das Ziel der Deckung des Bedarfs der hessischen Landwirthe an Zucht- und Milchvieh in der Hauptsache im Lande selbst erreicht wird?

Eingeleitet von Generalsecretär Dr. Rodewald- Ottenbach.

3. In welcher Weise ist die wichtige Aufgabe der Organisation des genossenschaftlichen Verkaufs des Getreides zu lösen?

Eingeleitet von Landwirthschaftslehrer Dr. Müller- Alzey.

Die der Generalversammlung zur Beschlußfaffung zu unterbreitenden Anträge werden in der nächsten Nummer der Zeitschrift für die landwirthschaftl. Vereine des Großherzog- t um# Hessen bekannt gegeben.

Im Anschluß an die Generalversammlung findet eine vom landwirthschaftl. Provinzialverein für Oberhessen ver­anstaltete landwirthschaftl. Landesausstellung mit PreiS- vertheilung statt, worüber das Erforderliche aus den Ver­öffentlichungen des Ausstellungsausschusses zu ersehen ist.

Nach Schluß der Generalversammlung um 2 Uhr vereinigen sich die Theilnehmer zu einem Festessen in der Fefthalle im Oswalds Garteu.

Zu der Generalversammlung sind die Mitglieder der landwirthschaftl Vereine und Genossenschaften, alle hessischen Landwirthe, sowie die Freunde der heimathlichen Landwirthschaft freundlichst eingeladen.

Offenbach a. M., den 1. September 1895.

Der Vorsitzende des Landesausschusses der landwirthschastl.

Vereine des Großherzogthums: Haas.

Bemerkung: Anmeldungen zu dem . Festessen am 19. September (das trockene Gedeck zu zwei Mark fünfzig Pfennig) sind baldthunlichst, spätestens bis zum 17. September an Herrn Kreisamtmann vr. Wal lau in Gießen zu richten.

Dermtfdytes»

Berlin, 9. September. Hiesige Blätter berichten: Zu einem verhängnißvollen Kampfe zwischen einem Raufbolde

und Polizeibeamteu kam es am SamStag Abend in der Reinickendorferstraße. Dort wohnte im vierten Stock im Hofgebäude des Hauses Nr. 36c bei seiner Frau der als ge- waltthätiger Mensch und Taugenichts in der ganzen Gegend bekannte Arbeiter Josef Flenz. Dieser ließ am SamStag Abend an seiner schon oft mißhandelten Familie wieder einmal seine Roheit auS. Die mit dem Beil bedrohte Familie rief die Nachbarn zu Hilfe, auch sie drohte der Wütherich zu erschlagen, so daß sie Schutzleute vom 69. Revier zu Hilfe holen mußten. Zwischen diesen und Flenz kam es zu einem blutigen Handgemenge. Flenz ging mit dem Beil in so gefährlicher Weise auf die Beamten los, daß diese in der Nothwehr zum Säbxl greifen mußten. Erst als er mehrere Hiebe über den Schädel, die Brust und die Arme erhalten hatte, konnte Flenz überwältigt werden. Schwer verletzt wurde er dann als Polizeigefangener in dte Charitö gebracht, wo er gestern starb.

Ein sächsischer Rittmeister bei Mars «la-Tour. Als die Franzosen bei Mars-la-Tour zu weichen begannen, er­hielt eine Schwadron der sächsischen Garkereiter Befehl, den Feind durch ein großes Dorf zurückzudrängen. Am Ende der schmalen Straße mußte eine Kreuzung gegen französische Cürassiere behauptet werden. Der Rittmeister, kühn, un­gestüm und dabei von weichem Herzen, sprengte voran. Freudig folgte die ganze Schwadron. An der Straßen­kreuzung hatte sich ein unentwirrbarer Knäuel von Pferden, Wagen und Geschützen des weichenden Feindes gebildet. Mitten darin sah man einen französischen Knaben von 3 bis 4 Jahren, schmutzig, mit zerrissenen Kleidern, aber von seltener Schönheit. In Todesangst wollte er vor den Pferden der sächsischen Reiter ausweichen, gerieth aber so nahe an ein Wagenrad, und die Vorderachse riß ihn zu Boden. Im nächsten Augenblicke mußte das Hinterrad über seinen Kopf weggehen. Der Rittmeister, ein Reiter, wie es wenige giebt, sah die Todesgefahr des Knaben. Rasch wie der Gedanke sprengte er herbei, ergreift ihn am Arm und setzt ihn vor sich auf den Sattel. Wie das Alles ge­schah, konnte sich Niemand recht erklären, auch der Ritt­meister selbst nicht. Der kleine, krauslockige Franzose drückte sein Köpfchen fest an des Deutschen Brust. Diesem leuchteten die Augen und wurden dabei vor Wehmuth und Wonne ganz feucht. Er war fröhlich, als wenn er ein Königreich erobert hätte. Die ganze Schwadron jauchzte ihm zu. Doch zu weiterem Besinnen war jetzt nicht Zeit. Ein Hurrah erscholl, und fort ging es mit hochgeschwungenem Säbel. Der Zusammenstoß war blutig, aber siegreich. Als die saure Arbeit gethan war und der Rittmeister seine Augen von den feindlichen Cürassiere» abwenden durfte, sah er auf seinen Schützling in seinem Arm. Der Knabe ließ den Kopf und die Glieder hängen. Er war tobt. Leichenblaß und mit unverwandten Blicken schaute der Rittmeister auf die Leiche. Als die Schwadron das Biwack bezogen, drängte sich alles um den tobten Knaben, ber äußerlich keine Ver­letzung zu haben schien. Bei näherer Untersuchung fanb man eine Revolverkugel in seiner Brust,- eine zweite hatte ben

Unterleib durchbort und war unter dem Kreuze wieder herauSgekommen, hatte den Rittmeister unbedeutend verletzt und war zwischen den Kleidern stecken geblieben, wo man fie auffand. Der Rittmeister kniete an der Leiche des Franzosen­kindes nieder und bedeckte das schöne Gesicht mit Thräuen. Er hatte daS Kind retten wollen, und Gott gebrauchte daS Kind, um ihn zu retten. Die Gardereiter überlies ein heiliger Schauer. Der Rittmeister ließ die Leiche durch seinen Be­dienten an den Rhein bringen, wo seine Mutter wohnte; in der Familiengruft wurde sie beigesetzt.

* Heldentod des evangelische» DivifionSpfarrers Schwabe. Von der evangelischen Feldgeistlichkeit sind im letzten Kriege zwei vor dem Feinde verwundet, einer wurde beim Ausstiegen der Mine bet Laon verletzt, und ein vierter, der DivifionS- Pfarrer Schwabe, fand den Heldentod auf dem Schlachtfelde von Chrtteaudun. Noch am 16. October hatte Schwabe auf einem der Boulevards in Orleans für die seiner geistlichen Fürsorge überwiesenen Truppen evangelischen Gottesdienst gehalten. Zum Schluß seiner Predigt ermahnte er im Hin­blick auf die voraussichtlich noch zu bestehenden Kämpfe zum herzlichen Gottvertrauen und betete in diesem Sinne. Ein bei der Feier anwesender Offizier fand es seltsam, wie er später selbst erzählt hat, daß der Pfarrer sich ganz ohne Unterschied und Vorbehalt in die gemeinsame Gefahr einschloß und betete:Herr, wie Du willst, so schicke mit uns, wenn wir neuen Kämpfen entgegengkhen!" Er hatte bald Ver­anlassung, sich zu überzeugen, daß er daS volle Recht dazu gehabt hatte. Am 18. October, beim Marsch auf CHLteaudun, ritt Schwabe mit dem DivifionSstabe. Gegen Mittag ent­spann sich der Kampf. Auf den Klang des Geschützfeuers und die Nachricht, daß CHLteaudun im Kampfe genommen werden müsse, war Schwabe vorgesprengt, um sich nach etwaigen Verwundeten und nach den Verbandsplätzen zu er­kundigen. In dem Augenblick, als er an den Oberst Marschall von Biberstein heranritt mit der Frage, ob der gegenüber­liegende Bahnhof schon genommen sei, hört man eine Chassepot­kugel aufschlagen - lautlos erhebt Schwabe seine Hände biß zur Schulterhöhe und finkt dann tobt vom Pferbe. Die Kugel war über bem linken Auge in den Kopf gedrungen und hinter bem rechten Ohre wieber herausgegangen. Der Einbruck bieses TobeS auf Offiziere unb Soldaten war er­schütternd. Der Gefallene hinterließ die Wittwe und sechs unmündige Kinder. Schon in der Schlacht bei Wörth hatte sein Reitpferd zwei Schußwunden davongetragen, unb auch bet Seban sah man ihn im Bereiche ber feinblichen Geschosse seines Amtes walten. Allgemein würbe seine aufopferungS- volle Thätigkeit von Offizieren unb Solbaten gerühmt. Am 19. October, Nachmittags 4 Uhr, sollte seine irbische Hülle mit ben übrigen Gefallenen der Brigade feierlich bestattet werden, als daß Alarmsignal ertönte und die beabsichtigte Feier vereitelte. Seine Leiche mußte daher in unmittelbarer Nähe eines vor Chrtteaudun liegenden Gehöftes, wohin sie vorläufig gebracht worden war, der Erde übergeben werden.

Feuilleton.

Der fatsche Graf.

Skizze aus dem Leben eines französischen Abenteurers.

(Nachdruck verboten.)

An einem Octobermorgen deS Jahres 1807 bornierten von einer ber zahlreichen Bastionen ber Festung Rochefort dreimal bret Kanonenschüsse in kurzen Pausen, das sichere Zeichen, daß einer der Galeerensträflinge des Bagno ent» Michen sei. Dem war auch so, denn ein gewisser Marbeau hatte es möglich zu machen gewußt, seine.Kette mit ber daran hängenben Kugel abzustreifen, seine Zelle zu burch. brechen unb bie vielen Wachtposten geschickt beimeibcnb, über die Wälle inS Lanb hinein zu entkommen. Der Ausbruch war zwar schon in aller Frühe entdeckt worden und berittene GenSdarmen hatten sich auch rasch genug zur Verfolgung des Flüchtlings aufgewacht, aber er verstand es meisterhaft, seine Verfolger zu täuschen und schließlich konnte sein glückliches Entrinnen nicht mehr bezweifelt werden.

Der Bangodirector wüthete, denn Marbeau, der auS guter Familie stammte und eine vorzügliche Erziehung ge- »offen hatte, aber auf bedenkliche Abwege geraden war, sollte in Rochefort eine mehrjährige Galeerenftrafe wegen eines von ihm begangenen Raubmordversuches abbüßen, von welcher Strafzeit der Gefangene erst wenige Monate ver­büßt hatte. Ader der durchtriebene Bursche war eben doch entwichen und die einzige Hoffnung blieb, ihn infolge seiner

Sträflingskleider, die ihn doch verrathen mußten, wieder zu erlangen. Diese Hoffnung ging indessen nicht in Er­füllung, er hatte zweifellos irgendwo büigerliche Kleider aufgetrieben und sich mit deren Hilfe und wohl auch noch durch andere äußerliche Veränderungen, die er mit sich vor­genommen, unterstützt, allen weiteren Nachforschungen zu ent- ziehen gewußt.

Im Sommer des Jahres 1808 tauchte in Mailand und anderen oberitalienischen Städten ein vornehmer Spanier, ein Graf Leon Moncafi, auf, welcher behauptete, ein Ab­kömmling dieses ehemals in Catalonien reichbegüterten spanischen Adelsgeschlechts zu fein. Der Herr Graf gab sich in den gewandtesten Manieren, bewies .sich in ber Con- versation als ein feingebildeter Mann, lebte aus großem Fuße und trat überhaupt auf höchst aristokratische Weise auf, fe daß Niemand in seine Angaben Zweifel setzte. Und doch war der stolze spanische Grande Niemand anders, als der entsprungene Galeerensträfling von Rochefort, der sich nach feiner Flucht in den verschiedensten Theilen Frankreichs umhergetrieben hatte und dem es hierbei gelungen war, durch mehrere kecke Einbrüche beträchtliche Summen zu erbeuten. Dieselben setzten Marbeau in den Stand, sich als reicher und unabhängiger Mann zu geberben, unb ba er von früher her gesellschaftlichen Schliff, sowie eine wirklich gebiegene Bilbung besaß, so konnte eS ihm nicht schwer fallen, in seiner neuen Rolle aufzutreten. Auch konnte er recht gut als ein Spanier gelten, nicht nur, weil er fließenb spanisch sprach, fonbern auck wett er als Sübfranzose durch Teint unb GefichtSschuitt

ben Söhnen ber Pyrenäenhalbinsel ähnelte. In bieser Eigenschaft hatte ber gewanbte überteurer in Lyon bebütirt unb als Graf Moncafi war er nun nach Italien gekommen.

Hier beglückte er zunächst Mailanb, bann Genua unb Bologna mit seiner Anwesenheit unb Überall ließ er die Zechinen und Dukaten tüchtig springen. Schließlich gerieth aber der edle Graf in letzterer Stabt in finanzielle Schwie­rigkeiten, bie zur Folge hatten, baß er eines schönen Tages aus dieser Stadt mit Hinterlassung nicht unbedeutender Schulden verschwunden war. Einige Monate später erschien er jedoch am Hose deS Königs Murat in Neapel und zwar zur Abwechselung als Baron de Neuillac. Es gelang ihm, eine Offiziersstelle im Heere deS Königs zu finden, die er lcider nur nicht allzu lange auszufüllen vermochte, denn der angebliche Baron de Neuillac ließ sich beim falschen Spiel ertappen, was ihn bewog, bet Nacht und Nebel baß herr­liche Neapel zu verlassen. Ein seltsames Geschick führte den Abenteurer im Jahre 1809 nach Frankreich zurück, wo er die Verwegenheit hatte, wiederum als Graf Leon Moncafi aufzutreten. Da er sich erneut im Besitze von Geldmitteln befand, so wurde es ihm nicht schwer, seine aristokratische Rolle weiterzuspielen. Durch einen Zufall glückte dem Pseudo-Grafen, die Bekanntschaft eineß in Pariser mili­tärischen Kreisen Verbindungen besitzenden Mannes zu machen, ber ihm ein Patent als Capitän im 100. ßinienregiment verschaffte. Seltsamer Weise wurde gerade dieses Regiment mit als Verstärkung der französischen Truppen nach Spanien, also nach dem vorgeblichen Vaterlande beß Grafen Moncafi,