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14.7.1895 Zweites Blatt
 
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Sonntag den 14. Juli

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Zweites Blatt.

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Die landtvirthschaftliche Frage und die Parlamente.

Die große Schwierigkeit der landwirthschaftlichen Frage ist hauptsächlich auch dadurch zu Tage getreten, daß der Reichstag und die Landtage der einzelnen deutschen Staaten nicht im Stande waren, die so ernste agrarische Frage zu lösen. ES wird aber die Aufgabe des Reichstages und der Landtage bleiben, den begründeten Klagen der Land- wtrthe abzuhelfen, um damit nicht nur einen wirthschaftlichen und socialen Krebsschaden, sondern auch eine schwere Be­einträchtigung unserer nationalen Kraftentfaltung zu be­seitigen. Sehr rathsam und wünschenswerth bleibt eS daher, daß die Reichstags und Landtagsabgeordneten gerade in der Zeit der parlamentarischen Ferien gründlich erwägen mögen, auf welche Weise ruhig und sachlich der bedrängten Land- wirthschaft zu helfen wäre, dabei möchten wir behaupten, daß das Programm, welches der preußische Staatsrath zur Unterstützung der Landwirthschaft aufgestellt hat, sehr die Beachtung aller Interessenten verdient, und daß auf die all- mählige Durchführung dieses Programms bei Zeiten in den parlamentarischen Kreisen htngearbeitet werden sollte, zumal eS feststeht, daß die Regierungen dieses Bemühen in jeder Weise unterstützen werden. Zur Hebung der darnieder- ltegenden Landwirthschaft hat der preußische Staatsrath empfohlen: 1) Die gemischten Tranfitläger sollen auf den ausländischen Verkehr beschränkt werden. Eine Vorlage darüber ist von Seiten Preußens auch bereits an den Bundes­rath gelangt. 2) Es soll eine durchgreifende Reform der Productenbörse im Sinne einer Einschränkung der Specula- tion vorgenommen werden. 3) Unterstützung der genossen­schaftlichen Einrichtung von Kornspeichern. 4) Aenderung der Eredit- und Ausbeuteverhältnisse der Mühlen in dem Sinne, daß der Berkaus des inländischen Getreides nicht ferner benachtheiligt wird. 5) Reform der Zucker- und Branntweinbesteuerung. 6) Bezüglich der Währung« - Ver­hältnisse sollen die vom Reichskanzler in Aussicht gestellten Verhandlungen abgewartet werden. 7) Zur Verbilligung der landwirthschaftlichen Production möge die Einführung möglichst niedriger Eisenbahntartse für Rohstoffe und land« wirthschaftliche Erzeugnisse auf der Grundlage einer fallenden Scala erwogen werden. 8) Regelung der Rentengüter- Gesetzgebung. 9) Die anderweitige Regelung des landwirth- schafrltchen Realcredits. 10) Die Bildung eines Landes- creditinstitutS im Anschluß an die Seehandlung. 11) Die Bildung eines staatlichen Meliorationsfonds.

Von dem Programm des preußischen Staatsrathes zur Bekämpfung des NnthstandeS in der Landwirthschaft ist noch zu bemerken, daß, nach den jüngsten Verhandlungen im preußischen Herrenhause zu urtheilen, die preußische Regie­rung es sich sehr angelegen sein läßt, diese Reformen durch- zgführen. Dabet muß aber ausdrücklich hervorgehoben werden, daß eine Thätigkeit der einzelnen Landtage in dieser Hinsicht sehr wünschenswerth ift, wie sich auch schon der Bundesrath mit einigen der Programmpuukte, die nur durch daS Reich geregelt werden können, beschäftigt hat.__________

Vermischtes

Marburg, 12. Juli. Gestern Nachmittag hat sich auf dem hiesigen Bahnhofe, und zwar auf der Strecke zwischen dem Güterschuppen und dem Stationsgebäude, ein schreck­liches Unglück zugetragen. D-r in Frankfurt stationirte Bremser Schmidt, aus Kletnkarben stammend, ist, als er auf den im Abfahren befindlichen Eilgüterzuge 1315 auf seinen Sitz an der Bremse steigen wollte, durch einen Fehl- ttitt gestürzt und unter die Räder des Zuges ge­rn th en. Schmidt, der erst 36 Jahre alt und Familien« .Pater.war, erhielt dabei so schwere Verletzungen, namentlich in den Armen und Beinen, daß der Tod sofort eintrat.

» Altenkirchen, 8. Juli. Ein eigenartiges Ehehinderntß ift in dem Orte F. unseres Kreises aufgetaucht. Als nämlich ein Paar sich standesamtlich trauen lassen wollte, war es nicht möglich, weil die Formularealle geworden" waren und erst in Coblenz bestellt werden mußten. Das Hochzeitsmahl war bereitet, aber-- Gr. Anz.

* Bei der Wichtigkeit der städtischen Verkehrsmittel und in Anbetracht der Dispositionen, welche in vielen Gemeinden »der die Frage der Abschaffung des Pferdebetriebes und Einführung einer anderen Bettiebskraft bereits stattgefunden haben, ist ein soeben von der Deutschen Gasbahn-Gesellschaft di. b. H. in Dessau herausgegebeueS Büchlein über den GaSbetrieb für Straßenbahnen von Jntereffe. Dasselbe enthält eine Beschreibung der auf der Dessauer Straßen­bahn seit November v. Js. im Betrieb befindlichen Gas«

1 Motorwagen, der sonstigen Einrichtungen, eine Klarstellung der Vorzüge des Systems gegen andere, insbesondere gegen die electrische Betriebsweise durch oberirdische Stromzuführung und die damit verbundenen Störungen der Anwohner, der Telephon- und Telegraphenanlagen, sowie der schädlichen Einflüsse auf GaS- und Wasserleitungsröhren, und hebt die Vortheile hervor, welche durch die Anlage mittelst Gaskraft betriebener Straßenbahnen den städtischen Ge­werken und damit den Städten selbst erwachsen. Ueber die Wagen ift gesagt, daß dieselben äußerlich ganz das Aus­sehen eines gewöhnlichen Pferdebahnwagens haben. Der Gasmotor und das Triebwerk liegen unter einer Wagenbank beziehungsweise unter dem Wagenboden, ebenso die Gas­behälter, welche das auf 7 Atmosphären comprimirte Gas enthalten. Die Compresfionsanlage kann an jedem Punkte, wo Gasleitung vorhanden ist, aufgestellt werden, eventl. auch, da sie nur einen Raum von 4 zu 4 m erfordert, tn einem Hintergebäude oder Keller. Das Gas wird in die Wagen an den Endstationen aus einer hydrantenähnlichen Einrichtung abgefüllt. Das Straßenbild wird durch die Gaswagenbahn in keiner Weise beeinträchtigt. Wir empfehlen das Büchlein, welches von der Dessauer Gesellschaft an Interessenten ab­gegeben wird, zur Aufklärung bei den schwebenden Fragen der Verkehrseinrichtungen in den Städten.

Eine Ausstellung für die Interessen der Tabak-Industrie wurde letzten Samstag zu London tn der Agricultur-Hall eröffnet. Sehr reichlich find Maschinen zur automatischen, maschinellen Herstellung von Cigarren und Cigarretten vor­handen, ebenso eine reiche Sammlung von Cigarrenspitzen und Tabakspfeifen. Ebenso find verbesserte, den Aaforderungen an Ventilation rc. Rückficht tragende Arbeitsräume im Betrieb vorgeführt, die recht zweckmäßige und wirksame hygienische Principien vertreten sollen. Am meisten Aufsehen erregt jedoch eine Cigarrenmaschtue, die mit Hilfe eines Arbeiters täglich 2500 bis 3000 Cigarren ferttgstellen soll. (Mit- getheilt vom Internationalen Patentbureau Carl Fr. Reichelt, Berlin N.-W.)

* Die Bevölkerung der Erde kann natürlich auch nicht annähernd mit solcher Sicherheit feftgestellt werden, wie dies bei der deutschen Volkszählung möglich ist. Schon wegen der unbestimmten Bevölkerungszahl Astens und Afrikas wird man immer theilweise auf Schätzungen angewiesen sein. Diese letzteren lauteten zuletzt wie folgt: 1874: 1,391,000,000Köpfe, 1878: 1,439,000,000, 1883 : 1,434,000,000, 1886: 1,483,000,000, 1891: 1,480,000,000. An der letzt­genannten Ziffer waren betheiltgt: Asien mit 825,954,000 Seelen, Europa mit 357,379,000, Afrika mit 163,953,000, Amerika mit 121,713,000, Oceanien und die Polargegenden mit 7,500,000, Australien mit 3,200,000, zusammen 1,479,699,000. Angesehene Statistiker haben die Behauptung aufgestellt, daß die Bevölkerung der Erde jährlich um fünf Personen auf 1000 sich vergrößert- läßt man diese Theorie gelten, so berechnet sich die derzeitige Bevölkerung der Erde auf etwa 1,510,000,000 Seelen, und sie würde sich im Jahre 2000 etwa auf 2,548,000,000 stellen. Der am dichtesten bevölkerte Erdtheil ist Europa 95 Personen auf die Quadratmetle; in Europa nimmt Belgien die erste Stelle (540) ein. Die durchschnittliche Bevölkerungsdichtigkeit der ganzen Erde stellt sich auf 28; am dünnsten ist Australien bevölkert (1); dann folgen die Polargegenden (3), Amerika (8), Afrika (15), Asien (48). Von den großen europäischen Staaten zählt Großbritannien und Irland 312, Italien 273, Deutschland 237, Frankreich 184, Oesterreich-Ungarn 171, Spanten 70, Rußland 49. Außer den Bereinigten Staaten sind noch Australien, Afrika und Theile von Südamerika übrig, um die Uebervölkerung der anderen Erdtheile auf­zusaugen.

* Der famose RicinuS. Viele Leute behaupten, daß die in Blumentöpfen gezogene und ans offene Fenster gestellte R-cinuspflanze schon durch ihren Geruch die Fliegen vom Zimmer fern halte. DaS Mittel scheint aber doch nicht ein wandsfrei zu sein, wie aus folgendem Klagegedicht hervorgeht: Wenn die Fliegen Dich gentren, Mußt Du Deine Wohnung zieren, Diesen Rackern zum Verdruß, Mit der Pflanze Ricinus! Also stand's zu lesen neulich In der Zeitung, deßhalb eilig Wandt' zum Gärtner ich bett Fuß Wegen eines Ricinus. Ha! wie wollt' ich nun die Fliegen Schnell aus meiner Wohnung kriegen! Denn entweichen müssen sie Vor dem Dufte Ricini. Rasch die Fenster aufgerissen, Daß die Viehcher Rath sich wissen, Denn bald Alles flüchten muß Bor der Pflanze Ricinus. M ch ein wenig zu erfrischen, Ging ich kneipen nun inzwischen, War ja Alles nun im Schuß mit besagtem Ricinus. Bei der Rückkehr, welch' Ver­

gnügen! Fand ich sicher frei von Fliegen Mein geliebtes TuSknlum Durch bewußten Ricinum. Doch mit des Geschickes Mächten Ist kein Fliegenbund zu flechten- Das erfuhr ich leider, oh, Heut' noch mit dem Ricino. Bei der Heimkehr, welch' Gesumme, Welches scheußliche Gebrumme, Was für Leben sum, sum, sum, -- Um den Ricinus herum. Fünfmalhundert­tausend Fliegen, Die denselben frech bestiegen. Senkten gierig ihren Rüffel In den Saft der Ricinüssel. Eine halbe Viertelstunde Stand ich da mit offnem Munde: Just wie das Mirakulum Starrt ich an den Ricinum. Endlich hat es mir gedämmert Daß ich gräulich war belämmert, Und gelangte zu dem Schluß Hokus, pokus, RicinuS.

Citeraiur unb Arrnsr.

Aus dem Verlage von I. F. Schreiber in Eßlingen bet Stuttgart ist uns in diesen Tagm die erste Lieferung der dritten, vollständig umgearbeiteten Auflage von Dr. Moritz Willkomms BilderaUaS deS Pflanzenreichs zugegangen. Wir begrüßten das erneute Erscheinen dieses trefflichen Atlasses, wodurch der Botanik wiederum neue Freunde zugefübrt werden dürftm, mit Freuden. Das ganze Werk (tn Lexicon-Format) umfaßt 15 Liefe­rungen, die 14täglich et scheinen werden. Die vorzügliche Ausstattung ist bei dem geringen Preis von 50 Pfg. pro Lieferung ganz beson­ders hervorzuheben und zwar nicht nur Druck und Papier, sondern vor allem der farbige Bilderschmuck, der im ganzen Werke auS 124 fein colortrten Tafeln mit über 600 Abbildungen bestehen soll. Nach den farbigen Illustrationen zu urtheilen, die sich in der ersten Lieferung vorfinden, ist die bildliche Darstellung der Pflanzen und ihrer wesentlichen Bestandtheile sehr instructiv ausgeführt und der Text, der im Ganzen 150 Seiten umfassen wird, bei aller Knappheit doch vollkommen ausreichend; er enthält das zur Eharacteristtk jeder der behandelten Pflanzen Erforderliche in übersichtlich klarer und verständiger Ausführung. Bearbeitet ist das ganze Pflanzenreich nach dem natürlichen System, aber auch das LinnS'sche hat eine zweckentsprechende Berücksichtigung gefunden, indem es nicht nur tabellarisch zur Anschauung gebracht ist, sondern auch bei jeder Gattung oder Familie die Klasse und Ordnung des Ltrnw'schen Systems durch eingeklammerte Ziffern neben den Namen angegeben werden. Wer es versucht hat, sich nach den modernen Handbüchern an die Bestimmung der ihm begegnenden Pflanzen »u machen und vor der Mühe der Einarbeitung in das System zurückgeschreckt ist, wird, wie wir es schon nach der Einsichtnahme in das vorliegende Heft sagen zu können glauben und wie es in den sehr anerkennenden Urtheilen der Presse und der Fachzeitschriften über die früheren Auf­lagen des Willkomm'schen Bilderatlas einstimmig bestätigt wird, mit viel besserem Erfolge und geringem Aufwand von Arbeit zum Er­kennen der Pflanzen und der Auffindung ihrer Namen und Gattungen gelangen können, wenn er stch dieses populär abgefaßte Buch zum Wegweiser nimmt, weil es durch feine zahlreichen Bilder meist auf den ersten Blick das Object erkennen läßt. Die zeitraubenden ge­lehrten botanischen Studien bleiben also durch dieses Werk erspart und trotzdem gibt dasselbe Anregung, sich in das Gebiet der Natur­kunde durch Selbstunterricht zu vertiefen. Allen Freunden der Natur, Lehrern, Gärtnern, Landwirthen, Forstleuten u. s. w., wollen wir die neue Auflage dieses Atlasses, der ihnen in übersichtlicher Form einen reichen Schatz von richtig gezeichneten und fein colorirten Pflanzenbildern bringt, aufs Wärmste empfehlen, und namentlich sollten Eltern und Freunde der Jugend dieses Werk für die Familie anschaffen. Dasselbe wird für die Erwachsenen als botanisches Nach­schlagebuch, für die Kinder als unterhaltendes und belehrendes Bilder­werk dienen und ist vorzüglich geeignet, der Heranwachsenden Jugend das Reich der Natur zu erschließen und bei derselben Sinn unb Freude an den Naturschönheiten und der Naturkunde zu erwecken unb zu beleben. ______________

In der neuen, soeben zur Ausgabe gelangten Serie von MeyerS Volksbücher« bietet diese im besten Sinne deS Wortes volktzthümltche Sammlung den zahlreichen Freunden guter und billiger Lectüie in erster Linie eine treffliche Auswahl fesselnder Er­zählungen. Schildert Charles Sealsfield in seinem NomonDer Direy und die Aristokraten" (Nr. 1077 bis 1080, 1. Th., Nr. 1081 dis 1084, 2. Th.) die Kämpfe, die sich im Jahre 1812 in Mexiko abspielten, mit einem Farbenretchthum, wie er lebendiger kaum ge­dacht werden kann, so vertritt Andre Theuriet in seinen Erzählungen: Die Tabekspfeife" -Die Aurikel" -Die Forelle" (Nr. 1087), die abgeichliffene, zierliche Darstellungsweise unterer westlichen Nach­barn. Den liefen melancholischen Ernst der Kleinrussen kennzeichnet Wladimir Korolenkos StudieDer blinde Musiker" (Nr. 1085 bis 1086), die in ergreifender Schilderung die rübrende Kindes­geschichte eines Blindgeborenen entwickelt. In Nr. 1093 wirbt Ernst Pasques ansprechendes Erzählertalent mit der NovelleDas Urbild des Fidelio" um neue Freunde. Die wetteren Nummern der Serie enthalten Vittorio Bersezios graziöses LustspielEine Seifenblase (Nr. 1095), in autoriftrter Uebersetzung von Johannes Scherpe, die Reichsversassung (mit Anmerkungen und Sachregister von einem practtschcn Juristen (Nr. 1094); ferner Ernst Moritz Arndts patrio­tische SchriftDer Rhein, Deutschlands Strom, aber nicht Deutsch­lands Grenze" (Nr. 1066) und zwei Skizzen aus dem Gebiete der ernten Wissenschaften:Grundzüge der Völkerkunde" (Nc. 1088 bis 1090) von Friedrich Ratzel undDie Erde im Welträume (Nr. 1091 bitz 1092) ausNeumayres Erdgeschichte".Meyers Volksbücher" rechifertigen durch die Gediegenheit und Vtelseitigkett ihres Inhalts, wie auch durch Billigkeit und gute Ausstattung Gebe Nummer in handlichem Taschenformat kostet geheftet und beschnitten, bei sauberem, lesbarem Druck und gutem Papier, nur 10 Pfg.) die wärmste Empfehlung an jeden Litteratursreund. Ausführ tche Ve^ zeichntsse der bisher erschienenen Nummern können kostenfrei durch jede Buchhandlung ober auch vom Verlag bes Bibliographischen Instituts in Leipzig unb Wien bezogen werden.