„Wer sonst? Robert, mein armer, guter Mann!* erklärte sie unter Schluchzen. „Ich suche Dich seit einer Woche in größter Angst. Bin extra hergekommen, weil ich erfuhr, baß Du aus der Anstalt solltest entlassen werden. Ich wollte Dich gleich am Thore in Empfang nehmen, eS sollte eine Ueberraschung sein. Leider habe ich Dich verfehlt. Erst gestern sand ich Deine Spur und heut früh bin ich Dir nach- gegangen." --
Der Manu schaut unverwandt auf die etwa 30iährige, blühende, sauber gekleidete Frau.
„Wie gut Du bist, Pauline?" sagte er mit einem weh- müthigen Lächeln. „Und wie gut Du ausfiehst Ich göone Dir Dein Glück von Herzen. Du verdienst eS, wie Du einen andern Mann verdient hast, als mich characterloseu Lumpen. Es tft sehr schön von Dir, daß Du mich noch einmal auf- gesucht hast in der letzten Stunde meines Lebens. Dein Mann wird Dir'S ja auch nicht Übel nehmen, wenn er vernünftig ist."
Die Frau legte beide Hände auf die Schultern des Mannes und sieht ihm erstaunt ins Gesicht.
„Armes Roberte!, wie Dich die Blattern mitgenommen haben und wie elend Du aussiehst! Na, daö werden wir bald herauSgepflegt haben. Aber was redst Du da für Unsinn ! Mein Mann? der steht ja hier."
Der Andere sieht sich unwillkürlich uw.
„Ja, was fällt Dir deon eia? Suchst gar noch einen zweiten neben Dir?"
„Ach, Pauline, Du willst mich wohl schonen in meiner letzten Stunde? Meine Schwester schrieb mir schon vor Jahren in die Anstalt, daß Du Dich hättest von dem Zuchthäusler scheiden lassen, als ehrenwerthes Weib, das Du immer gewesen. Sie schrieb mir auch, daß Du Hebamme
gelernt und daß Du in Deinem Heiwathdorse sehr guten Verdienst hättest und daß ein tüchtiger Schmiedemeister Dein zweiter Mann geworden wäre. Du siehst, idb weiß Alle-. Aber ich habe Dir nie geflucht, Pauline, denn Dich hatte ich lieb vor allen Menschen und um Dich reich zu machen —*
Sprachlos hat die Frau bis hierher zugehört.
„Deine Schwester schrieb Dir das? O, sie war eine boshafte Seele und meine Todfeindin! Ach warum hab ich nicht selber in die Anstalt geschrieben! Aber, denke Dir, Robert, ich könnt » nicht über- Herz dringen, Dir dorthin einen Brief zu schreiben, da man mir gesagt hatte, daß fremde Leute jedes Wort lesen. Ich dachte, Du müßtest ja wissen, daß ich Dir gut sei und auch bleiben müßte. — Ja — ich habe einen guten Verdienst, und der Schmiedemeister ging mir eine Zeitlang nach, al- Alle dachten, daß ich wich scheiden lassen würde. Jetzt hat er längst eine Andere ge- heirathet!"
„O Pauline, wär das denn möglich? Wär daS wahr?" „Ja, mein armer Robert, da- ist wahr, daß ich Dein treue» Weib geblieben bin und daß ich hergekommen bin, um Dich heimzuholen."
„DaS wäre viel zu schön, das geht ja nicht! Nach meiner Heimath kann ich nicht. Ich mag dort nicht den Leuten unter die Augen treten."
„Thu'S immerhin, Robert. Ich stelle mich daneben."
„Und denkst Du, daß ich mich von Dir ernähren lassen könnte, Pauline?"
„DaS sollst Du auch gar nicht. Ich habe die kleine HandelSgärtnerei des verstorbenen Simon gepachtet. Da mußt Du nun tüchtig schanzen; aber die Arbeit in der sreten, frischen FrühjahrSluft wird Dir gut thun. S' ist ja Dein alter Beruf, Robert."
„Glaubst Du denn auch, daß ich ehrlich bleiben würde „S »st ja Dein Eigemhuw, wofür Du schaffst." „Aber tm fremden Dienste — da traust Du mir wohl keine Ehrltchkeir mehr zu?"
„Sprich keinen Unsinn, Robert! Ich traue Dir da» Beste zu. Für Deine Schuld von damals hast Du gebüßt."
„Ja, ich ged» zu, es war eine schwere Schuld, eie schrecklicher Leichtsinn von wir, Pauline. Ich dachte, der Millionär würde eS nicht spüren, wenn ihm fein Gärtner jährlich ein paar hundert Mark veruntreute. Ich haue Schulden und Deinem Vater gegenüber mein Einkommen zu hoch angegeben, sonst hätte er uns nicht heirathen lassen."
„Laß die alten Geschichten ruhen Roben. Komm, ich will bald einen neuen Menschen au» Dir gemacht haben, auch von Ansehen."
Sie ergreift seinen Arm. Plötzlich^ hebt sie den Kopf und lauscht in den FrühlingSmorgen hinein.
„Hörst Du's, Roben? Die Osterglocken! Gerade wie vor acht Jahren an unserem HochzeitSmorgen!"
Der Mann hebt lauschend den Kopf. Auch er vernimmt den Klang. Dann fällt sein Blick auf den hoch angefchwollenen Strom. Er preßt die Hände gegen die heftig arbeitende Brust. Plötzlich stürzt er vor seinem Wetbe auf die Knie und drückt sein Gesicht in die Falten ihre» Kleide». Er schluchzt wie ein Kind, während die Frau sich zu ihm herabneigt und milde sagt:
„Laß gut sein, mein liebet Mann! Wir werden mit GotteS Hilfe ein neue», glückliche» Leben beginnen."
Aber die Frühlingssonne küßt lächelnd die Giirv der schlichten Frau au» dem Volke, al- wollte sie sagen: Hier ist eine, die meine Mahnung verstanden hat.
Verdingung.
Die zum Ausbau der Schüyeustraffe erforderlichen Pftasterund Chaussirarbeiteu sollen
Miitwoch den 24. April d. I , Vormittags 11 Vhr auf dem Stadtbauamte öffentlich verdungen werden. Arbeitsbeschreibung und Bedingungen liegen daselbst während der Dienststunden offen. Angebote sind auf vorgeschriebenem Formular bis zum genannten ^Termin dorthin einzureichen. Zuschlagsfrist 14 Tage.
Gießen, den 9. April 1895.
Grobherzogliche Bürgermeisterei Gießen. 3260 Gnauth.
Verdingung.
Das Auf- und Abschlagen des Bolksfchulbades auf der Lahn, sowie das Auf- und Abschlagen der Schutzgeländer daselbst soll auf unbestimmte Zeit an einen tüchtigen Unternehmer vergeben werden und ist BerdingungStermin auf
Donnerstag den 25. d. Mts., Vormittags 11 Uhr bei unserem Stadtbauamte festgesetzt. Arbeitsbeschreibung und Bedingungen liegen daselbst während der Dienststunden offen. Angebote auf vorgeschriebenem Formular sind — getrennt für beide Gegenstände — bi» zum genannten Termin beim Stadtbauamte einzureichen.
Gießen, den 10. April 1895.
Großherzogliche Bürgermeisterei Gießen.
_______________________Gnauth.___________________3259
Holzverfteigerung.
tzs werden versteigert: Dienstag, 16. d. M, im District Kranzeuwald aus den Abtheilungen Hexenbusch und Rehloch;
Nadelholz: 10 rm Scheiter, 449 rm Knüppel, (hiervon haben 21 rm eine Länge von 3,5 m und 180 rm eine Länge von 3 m), 4500 Wellen, 190 rm Stöcke, Weichholz: 2570 Wellen, 80 rm Stöcke. Zusammenkunft Morgens 9 Uhr am Bahnübergang im Hexenbusch. Nähere Auskunft ertheilt Förster Menge» in Großenlinden.
Gießen, den 2. April 1895.
Großh. Obersörsterei Schiffenberg. 3098 Heyer.
Holzversteigerung.
E» werden versteigert: Donnerstag den 18. April d. I., au» den Abheilungen Zellenrod 9, Tempel 27.47, Dörnergrund 28, 55b, Brauhofsberg 42, Rehhecke 51, 52, Wachholderheide 62a, 62c, Raben- pfubl 63: 44 Fichten-Stämme von 13 bis 22 cm Durchm. und 10 bis 18 m Länge mit 10,48 fm, 499 Fichtenderbstangen von 6 bis 12 cm Durchm. und 8 bis 12 m Länge mit 19,83 fm, 195 Fichtenreisftangen mit 2,13 fm. Buchen: 4,4 rm Scheiter, 2650 Wellen, 8,2 rm Stöcke; strichen: 6 rm Knüppel, 8860 Wellen, 2,3 rm Stöcke; Nadel: 223 rm Scheiter, 351,9 rm Knüppel, (hiervon 135 rm in Schichten von 3,5 m Tänge), 3910 Wellen, 95,3 rm Stöcke- Aspen und Erlen: 4,4 rm Knüppel, 1 rm Stöcke. Das in der Rehhecke lagernde Buchen, Eichen«, Radel-, Aspen-, Erlen-Knüppel«, Reisig« und Stockholz von Rro. 1354 bis 1603, sowie das im Zellenrod, Tempel, Dörnergrund und Brauhofs« berg lagernde Buchen-, Nadel Stamm-, Scheiter-, Knüppel« und Reisigholz wird nicht vorgezeigt, es kommt am Schluffe der Versteigerung in der Wachholderheide zum Ausgebot; Steigliebhaber wollen es vorher einsehen. Zusammenkunft Morgen» 9 Uhr auf der Kreiüstraße Gießen-Steinberg an der Knick-Schneise. Nähere Auskunft ertheilt der Großh. Forstwart Schlag zu Baumgarten.
Gießen, den 2. April 1895.
Großherzogl. Oberförsterei Schiffenberg.
____________Heyer._______________________
Hießener Hmmbus-HeselUchaft
<£. (6. m. b. H.
tim ersten, zweiten und dritten Feiertag verkehren unsere Sommerwagen nach dem Schiffenbergerwald, bei günuiger Witterung wie folgt:
Ißfahrt: Marsttpfatz 2%, 3, 3*/, unö 4 Ubr "Nachmittags.
1 Kattellclle: Ludwigsplatz. - Sahrpreis: Person 20 Pfge. 3310l Der Vorstand.
Ladung.
1) Hermann Kaiser, geboren am 5. October 1865 zu Stiepel, Kreis Hattingen, zuletzt wohnhaft in Gießen, mosaisch, ledig, Geschäfts- gehülfe,
2) Jean Albert Rosenboom, geboren am 5. Mai 1865 zu Norden, Kreis Hannover, zuletzt wohnhaft in Gießen, evangelisch, ledig, Schneider,
3) Heinrich Wentzel, geboren am 26. Mai 1861 zu Lang-Göns, Kreis Gießen, zuletzt wohnhaft in Leihgestern, evangelisch, ledig, Knecht,
4) (kmil Karl Steiniger, geboren am 16. October 1860 zu Dortmund, Kreis Dortmund, zuletzt wohnhaft in Gießen, evangelisch, ledig, Kaufmann,
werd n beschuldigt,
zu Nr. 1, 2 und 3, daß sie als Reservisten oder Wehrleute 1. Aufgebots ohne Erlaubniß ausge- wandert sind, bezw. nach Ablauf des ihnen ertheilten Urlaubs weder um neuen Urlaub nachgesucht noch sich zurückgemeldet haben,
zu Nr. 4, daß er als Wehrmann der Landwehr 2. Aufgebots ohne Erlaubniß der Militärbehörde aus- gewandert sei;
Uebertretung gegen § 360 Nr. 3 des Strafgesetzbuchs.
Dieselben werden auf
Freitag den 17. Mai 1895, Vormittags 9 Uhr,
vor da» Großherzogl. Schöffengericht Gießen zurHauptverhandlung geladen.
Bei unentschuldigtem Ausbleiben werden dieselben auf Grund der nach § 472 der Strasprozeßordnung von dem Großherzogl. Bezirks-Commando zu Gießen ausgestellten Erklärung verurtheilt werden. 1963
®ie6en, btn 25fi 8*5“ 1895.
6. Marz
Der Grobherzogliche Amtsanwalt: ___________Brüel.___________ Ikcnnholh Ucrftcigfrung im Gemeindewald Niederkleen Freitag, den 19. ds. Mt»., Beginn Vormittags 9 Uhr. Zusammenkunft am Zimmerplatz.
Eichen: 45 rm Derbholz, 25,5 rm Stockholz, 56 rm Reiser;
Buchen: 157 rm Derbholz, 804 rm Reiser; 3264
Nadel: 15 rm Derbbolz, 0,2 rm Stockholz, 26 rm Reiser;
Weichholz: 161 rm Reiser.
Gr. Rechtenbach, 9. April 1895.
_____Das Bürgermeisteramt.______
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prima Qualität, zu verkaufen.
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Nutz- u. Brennholz- Versteigerung
im Ebersgönser Wald, Beginn Vorm. 8 Uhr, „RückertSberg", am Donnerstag, de« 18. d. M
I. Stammholz.
Eichen: 7 Stämme II. Kl. — 10,68 fm 61 Stämme III. Kl. — 44,24 fm, 16 Stämme IV. Kl. — 3,57 fm, und 6,50 rm Nutzholz.
Nadel: 32 Stämme — 5,47 fm und 7 rm Nutzholz.
II. Brennholz.
Beginn Mittags 12 Uhr in den Ebersgönser Hecken.
160 rm Derbholz, 82,50 rm Stock« Holz, 1150 rm Reiser, Eichen, Buchen, Nadel und Gemischt. [3275 Gr. Rechtenbach, 10. April 1895.
Das Bürgermeisteramt.
Bei unterzeichneter Behörde können 4000 Mk. Capital zu 4% auf erste Hypothek alsbald ausgeliehen werden.
Gießen, den 11. April 1895. Großh. Universitäts-Rentamt.
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