Nr. 241
Drittes Blatt. Sonntag den 13. October
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ZUM Erntedankfest.
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Wie die vierte Bitte um das tägliche Brod unter den fieben Bitten des BaterunserS, so steht das Erntedankfest unter den kirchlichen Festen der Christenheit. Es ist nicht daS erste und höchste Fest- Weihnachten, Ostern, Pfingsten reden von größeren Dingen, wie auch die vierte Bitte nicht die erste und höchste ist im Vaterunser. Aber sie gehört doch mitten unter die großen heiligen Bitten, die wir nach dem Gebot unseres Heilands vor den Thron Gottes bringen sollen. So hat auch unter den hohen Festen der Christenheit Erntedankfest sein gutes Recht, wo wir dem Geber aller guten Gaben danken für die Versorgung mit deS „Leibes Nothdurft und Nahrung".
Man hat wohl gesagt: Erntedankfest kann eigentlich nur der Landmann recht feiern. Der wird durch die Natur seines Berufes alle Tage daran erinnert, daß über seiner Hand eine höhere Hand ist. Er kann wohl säen und arbeiten mit allem Fleiß, aber nicht einen einzigen Grashalm wachsen lassen. „Der Segen kommt von oben." Und wenn er ge- vüthigt ist, soviel nach Wolken und Wind auSzuschauen, so wird er darauf geführt, noch höher hinauf zu schauen zu dem, „ber Wolken, Lust und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn". Für ihn wird jede Saat eine Predigt deS Glaubens und jede Ernte eine Predigt deS Dankes.
Doch welcher andere Mensch macht nicht auch die gleiche Erfahrung, daß Segen und Gedeihen unserer Arbeit und Anstrengung nicht allein von unserem Fleiß und Eifer abhängt, daß hier eine höhere Macht mitzureden hat. Der Mensch denkt und Gott lenkt. Welche Pläne und Unternehmungen lassen sich so genau vorausberechnen, daß sie nicht durch unvorhergesehene und unberechenbare Dinge könnten durchkreuzt und umgestürzt werden. Zuletzt liegt eS bei dem Gelingen aller Menschenwerke „nicht an Jemandes Wollen oder Laufen, sondern allein an GotteS Erbarmen".
DaS Erntedankfest erinnert unS Alle daran, daß wir die Frucht der Arbeit, das tägliche Brod, im Aufblick zu Golt, als Gottessegen und Gottesgabe genießen und darum mit Panksagung empfangen sollen. Und gerade unserer Zeit thut solche Erinnerung noth. Da finden wir bet den Reichen oft einen herzlosen MammonismuS, der um Geld- gcwinneS willen alle göttlichen Gebote und alle menschliche Rücksicht frech verachtet. Solch Gewinn ist alles Andere eher als ein Gottessegen. Um den kann man nicht bitten und picht dasür danken. Und wieder bei den Armen, bei den Arbeitern greift ein materialistischer Unglaube um sich, der
Feuilleton.
Wochendriefc aus der Residenz.
(Ortgtnalbertcht deS „Gießener Anzeigers").
Z. Darmstadt, 10. Otober.
ZtLdtische Fragen. — Sociale Wohlthatigkeits.Vereine. — Bom Großherzoglichen Hoftheater.
Vor einiger Zeit schon nahm ich die Gelegenheit wahr, Ihren Lesern von der emsigen Thätigkeit der Haus- und Grundbesitzer-Vereine der einzelnen Stadttheileunserer Residenz bet festlichen Gelegenheiten und besonders in wich- tlgen Fragen unseres städtischen Gemeinwesens zu berichten. Zuzwtschen haben jene Vereine sich auch der in einem der lktzten Briefe behandelten Frage der Darmstädter Mesie angenommen und in einer am vergangenen Montag einberufenen Versammlung, zu der auch die Vertreter und Vorstände anderer interessirter Körperschaften geladen und erschienen men, eingehend darüber Berathung gepflogen. DaS Resultat Liefer Berathungen, die, nebenbei gesagt, den Beweis lieferten, doß man sich in allen Kreisen unserer Bürgerschaft schon eingehend mit den behandelten Dingen beschäftigte, war der Beschluß, au competenter Stelle dahin zu wirken, daß im Jateresie der Stadt und dem des Geschäfts- und Gewerbe- siandes von maßgebender Seite alles geschehe, um die Abhaltung größerer Veranstaltungen in hiesiger Stadt zu fördern. Gleichzeitig wurde indessen den städtischen Behörden fie Ansicht der Versammlung unterbreitet, daß der seither hierfür benützte Platz an den Bahnhöfen (Exerzierplatz) geradezu schadenbringend für die hiesigen Geschäftsleute sei, die doch in der Regel gerade zu den Kosten größerer Veranstaltungen erheblich beisteuerten. Die Versammlung verlangt, daß derartige Festlichkeiten an einer Stelle statlfinden, zu deren Besuch der Fremde seinen Weg juid) die Stadt zu nehmen gezwungen ist. Diese Erwä-
an keinen Gott und darum auch an keinen GotteSsegen der Arbeit mehr glaubt.
Und der Mittelstand, der Landmann ebenso wie der Handwerker, der schwer um die Existenz zu kämpfen hat, steht in der Gefahr, über der Noth der Zett den getrosten Glauben an den himmlischen Vater zu verlieren, der „seine milde Hand aufthut und sättiget Alle-, was da lebet, mit Wohlgefallen".
Wirthschaftliche Kämpfe stehen heute voran im politischen Leben und drohen die höheren Interessen, sittliche und religiöse, in den Hintergrund zn drängen. Da will unS daS Erntedankfest lehren, die Nothdurft und Nahrung dieses Lebens tmLichte des Evangeliums zu betrachten. Alle Arbeit um daS tägliche Brod wird geheiligt und gesegnet durch Beten und Danken. Ueber die quälenden Sorgen der Nahrung hebt nur ein kindlicher Glaube hinweg, der auch um daS tägliche Brod „getrost und mit aller Zuversicht" beten kann und der Erhörung gewiß ist. Und der gewissenlosen Ausbeutung der Mitmenschen zur Selbstberetcherung wehrt die vierte Bitte schon allein durch das Wörtchen „unS", nicht „gieb mir" sondern „gieb unS". Um daS tägliche Brod soll Niemand beten, ohne zugleich seines Mitmenschen zu gedenken, der auch von Gottes Gabe leben soll. Der harte Kampf ums Dasein könnte nicht ertragen werden, er müßte Herz und Seele der Menschheit hart tote Stein machen oder aber zerbrechen, wenn nicht Christenglaube und Christenltebe wie mildes Oel das ganze Getriebe ,deS Menschenlebens durchdränge.
Weil Christenglaube und Chriftenliebe noch in der Welt sind, darum halten wir fest an der Hoffnung, die schweren socialen Aufgaben unserer Zeit lösen zu können. Zu dieser Lösung trägt auch das Erntedankfest ein wichtiges Theil bei, indem es Alle an die vierte Bitte erinnert: „Unser täglich Brod gieb uns heute" und die Mahnung tote Verheißung hinzufügt: „Gott giebt das tägliche Brod". Darum laßt unS mit Dankiagung empfangen unter täglich Brod.
CocaUs unö provinzielles#
§ Aos dem Ohmthal, 11. October. Nachdem die früher so hohen Preise für die Ferkel so bedeutend zurück- gegangen sind, daß sie kaum mehr 50 Procent des früheren Standes ausmachen, find auch die Preise für die gemästeten Schweine bemerkenswerth gesunken. Man bezahlt gegenwärtig nur 34 Psg. für das Pfund Lebendgewicht. Trotz diesem niedrigen Stand des EinkaufpretseS der Schweine beharren die Metzger auf dem Verkaufspreis von 60 Pfg. für das Pfund Schweinefleisch. Das hat vielfach die Land-
gungen waren auch maßgebend für den Beschluß, die Meffe auf dem seither hierfür benützten Terrain zu belasten und nur die geräuschvollen Belustigungen derselben auf den Paradeplatz zu verlegen. Allerdings werden dann Privat« leute nicht mehr btrect durch deren Lärm gestört werden, denn auf der einen Seite stößt der Flügel des Großherzog- lichen Residenzschlostes an diesen Platz, in dem daS Museum und das Haus- und Staatsarchiv untergebracht ist, auf der anderen der Herrengarten, die dritte Seite jedoch wird ganz eingenommen von dem alten HofopernhauS, in dem sich der Sitz einer ganzen Anzahl von Behörden befindet, und ob die gerade sehr entzückt sein werden von den ihnen winkenden musikalischen und oratorischen Genüsten, dürfte billigerweise bezweifelt werden. Aber einen Platz in der Stadt zu finden, der allen Anforderungen genügt, dürfte auch der für die Suche nach einer solchen zu wählenden Commission schwer fallen, und wenn jener Platz, wie eS jedenfalls nöthig sein wird, an ein anderes Ende der Stadt verlegt wird, so ist eben zum Besuche desselben bei der ausgedehnten Anlage unserer Stadt eine Straßenbahn dringend nothwendig. Wie aus einer der letzten Stadtverordneten Sitzungen hervorgeht, hat man nun auch im Schoße der städtischen Verwaltung den Bau einer solchen erörtert. Hierfür zu wirken, bezeichneten die versammelten Vertreter der Vereine ebenfalls als eine ihrer ersten Aufgaben. Hoffentlich haben ihre Bemühungen recht bald greifbare Erfolge!
Ein reges Leben, baß ber Opferfreubigkeit der Einwohner unserer Stabt ein glänzendes Zeugniß ausstellt, herrscht eben in ben hiesigen socialen Vereinen, die sich die Milderung deS LooseS der unteren Klaffen zum Zweck gemacht haben. Vor kurzer Zeit hat erst der „Evangelische Arbeiter- und Handwerkerverein", ber sich besonbers bte Förberung beS geistigen Wohles seiner Mitglieber zur Auf- gäbe gestellt hat, sein imposantes HauS in ber Mühlftraße bezogen, ber „Katholische Gesellenverein", dem die Pflege
wirthe ^bewogen, ihre Schweine selbst zu schlachten und daS Pfund !zu 50 bis 54 Pfg. zu verkaufen. Daß sie für solchen Preis das Fleisch leicht loS werden, bedarf wohl keiner Versicherung, wohl aber bedarf sie die Hauptsache, daß sie durch diesen Act der Selbsthilfe einen ganz erklecklichen Gewinn erzielen. Dieser betrug in einem Falle ausschließlich des Eingeweides — dreißig Mark!
Nieder Moos, 10. October. In ReichloS ist gestern Nachmittag ein bedauernSwertheS Unglück vorgekommen. Die Leute des Bürgermeisters Dahmer waren in ber Scheuer mit Dreschen beschäftigt, währenb sich bte Kinder außerhalb herumtummelten. AlS Jemand aus der Scheuer ins HauS gehen wollte, sah eß baß Kleidchen des zweijährigen Bübchens in der mit Master gefüllten Miststätte liegen, zog es heraus, aber o weh, daß Kind stack darinnen. Eß war unversehens und unbemerkt hineingefallen und so ertrunken. Man kann sich den Schmerz ber Eltern denken.
* Cassel, 8. October. Ein seltenes Jubiläum. Eine hier vor wenigen Tagen verstorbene Dame, Frau Abt, welche einige achtzig Jahre alt wurde, konnte ein gar seltenes, baS eiserne Wohnungsjubiläum, noch vor ihrem Tode feiern, denn sie hat 75 Jahre ununterbrochen zur Miethe im Hause Waisen- Hausstraße 11 gewohnt.
* Augsburg, 5. October. Selbstmord wegen beendeter Dienstzeit. Hier ereignete sich, so wird der „Tägl. Rundschau" berichtet, der seltene Fall, daß ein Soldat sich daß Leben nahm, weil seine Dienstzeit beendet war. „Mir geht es hierinnen viel bester, als draußen", sagte ber Unglückliche unb wollte durchaus nicht fort, als er nach zweijähriger Dienstzeit — er stand beim dortigen 4. Chevauxleger- Regiment — in die Helmath beurlaubt werden sollte. Er war auch nicht etwa durch die Entlastung vor ein erwerbsloses Leben gestellt, da ihn sein früherer Dienstherr bereits erwartete. Den Abschied vom Soldatenleben nahm er sich so zu Herzen, daß er sich im Stalle erhängte.
* Mülhausen i. E., 7. October. Eine Dorf-Revolution wurde vor der hiesigen Strafkammer gerächt. ES war im wunderschönen Monat Mai, da blühte aus dem fruchtbaren Erdreich des Mülhausener Schöffengerichts unter Anderem auch ein stattlicher Strauß von Haftstrafen empor, welchen der Vorsitzende drei Männern von Galfingen zierlich überreichte. Der Anlaß zu dieser Beschenkung war ein nicht gerade selten vorkommender: Beleidigung des Herrn Polizei- dienerß. Den drei Beschenkten stieg aber der starke Duft des überreichten Bouquets und vielleicht auch manches Andere,
durchreisender Gesellen ohne Unterschied der Confession obliegt, hat sein an den Bahnhöfen gelegenes Hospitium durch einen mächtigen Bau vergrößert, der seiner äußeren Vollendung bald entgegengeht. Letzten Sonntag endlich feierte ber zur Förderung der Schäden, die sich aus dem Mißbrauche ber Sonntagsruhe, aus dem in unserer Zeit so häufig ungünstigen Verhältnisse ber Lehrlinge zum Meister ergeben rc., begrünbete Verein „Zum Feierabend" in Anwesenheit der kirchlichen und städtischen Behörden die Weihe seines neu erbauten, Ecke der Stifts- unb Blumenstraße belegenen Gebäudes in sehr glänzender Weise. Gerade jetzt, wo die langen Winterabende herankommen, beginnt recht eigentlich die Zelt der lobenswerthen Wirksamkeit dieser gemeinnützigen Vereine und eß ist deshalb besonders anzuerkennen, daß es den vereinten Bestrebungen gelungen ist, auch den Verein „Zum Feierabend" noch in diesem Jahre sein neues Helm beziehbar zu machen.
Im Großherzoglichen Hoftheater hat sich mit Eintritt der kühleren Witterung der Besuch der Aufführungen Seitens des Publikums erfreulicherweise bedeutend gesteigert. Am letzten Freitag fand zum Gedächtniß an den jüngst verstorbenen Gustav Freytag dessen klassisches Lustspiel „Die Journalisten" eine vorzügliche Wiedergabe. Sonntag ging Meyerbeers „Prophet" in Scene, dessen sonst guter Erfolg leider durch die Indisposition des Vertreters des „Johann von Leyden" sehr beeinträchtigt ward. Shakespeares „Kaufmann von Venedig" hatte bann am letzten Dienstag ein außerordentliches zahlreiches Publikum angezogen, das vor Allem dem vorzüglich gegebenen „Shylock" des Herrn Werner rauschenden Beifall spendete. Für die nächste Zelt stehen unS sowohl in der Oper, wie im Schauspiel interessante Novitäten in Aussicht, über deren Aufführung Ihnen s. Z. Bericht zugehen wird.


