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Stockheim.
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Nr. 266
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Hietzener ^njeiget erscheint täglich, mit Ausnahme dc- MontagS.
Die Gießener
M«mitien vtätter werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal ßeigelegt.
Zweites Blatt. Dienstag den 12. November__
Gießener Anzeiger
Kenerat-Wnzeiger.
189»
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Vierteljähriger AVoinementrpreiB l 2 Mark 20 Pfg. mit vringerlohn.
Durch die Post bezöge» 2 Mark 50 Pfg.
Redaction, Expedition und Druckerei:
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Hratisöeitage: Gießener Aamitienökätter
Alle Annoncen-Bureaux deS In» und Ausländer nehm« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Amtlicher Theil.
Bekanntmachung,
betreffend Maul- und Klauenseuche.
^Zufolge allgemeiner Anordnung des Herrn Regierung-» Präsidenten zu Cassel ist das Abhauen aller Rindvieh-, Schaf« und Schweinemärkte im Kreise Marburg durch das LandrathSamt daselbst bis auf Weiteres untersagt worden.
Gießen, den 9. November 1895.
Großherzogliches KreiSamt Gießen. SSTTSijS v. Gagern.
Bekanntmachung,
bett. Schafräude.
Unter den Schafen der Gemeinde Wollmar ist die Räude ausgebrochen.
Gießen, den 9.'November 1895. GroßherzoglicheS Kreisamt Gießen, v. Gagern.
Der Reichstag.
Die Einberufung des Reichstages auf den 3. December hat das allgemeine Interesse erneut der parlamentarischen Körperschaft Deutschlands zugelenkt, welche seit dem Schluffe ihrer jüngsten Sommersession völlig in den Hintergrund getreten war. AIS damals, am 24. Mai, die Reichsboten nach fast einhalbjähriger Tagung auseinander gegangen waren, da athmete man im Lande förmlich auf, daß diese lange Parlamentarische Qual nunmehr ein Ende genommen und dieses Gefühl durste vollberechtigt genannt werden. Denn ka»m noch ist je eine Sitzungsperiode so unfruchtbar verlaufen, als dies von jener Session gelten muß, die vom 5. December 1894 bis zum 24. Mat 1895 dauerte, fast fämmtliche wichtigeren Vorlagen scheiterten entweder während der Berathungen oder sie blieben unerledigt. An diesem höchst bedauerlichen Gesammtergebniffe der letzten Session trugen ebenso die geschäftlichen Dispositionen der Regierung wie der Reichstag selber die Schuld. Das Parlament wurde mit Vorlagen zum Theil hochwichtigen Eharacters sozusagen überschüttet, welche Ueberlastung deS Parlamentes schon an sich bedenklich war. Dazu kam aber noch die außerordentlich verspätete Einberufung deS Reichstages und schließlich machte sich alsbald im Verlaufe der Session eine große Arbeitsunlust seitens der Abgeordneten bemerklich, immer und immer wieder
Feuilleton.
Suchitilsgtdrlluchk, Sitten und Trachten im Odeumldc nub im Ried.
(3. Fortsetzung.)
Recht schade ist eS, daß der Odenwälder Nationaltanz, der sogenannte Dreher oder Träppler, immer mehr verschwindet. Auch der alte sechSschrittige, gemüthliche Schleif- Walzer, eine Art Ländler, ist fast ganz außer Hebung ge- kommen. Unsere Jugend kann keinen gemüthlichen, alt- deutschen Walzer mehr tanzen, bei welchem sich daö tanzende Paar in graziöser Weise wiegt und bewegt. Was die jungen Leute heutzutage als Walzer vorführen, ist ein unschönes Gehupse und Gestolper, ein Galoppiren und Geholper. Unser hastiges, zerfahrenes und unruhiges Wesen am Ende deS Jahrhunderts zeigt sich auch im Jagen, Galoppiren und Hupseu beim Tanzen. Der Siffentanz, eine Art Pantomime, ist bet unserem Odenwälder Nachwuchse auch in Ver- gessenheit gerathen.
Der Tanz dauert bis um Mitternacht. Um diese Zeit wird eine lange Tafel hereingetragen- das Brautpaar steht am oberen Ende mit sehr ernsten Mienen, denn eine wichtige Angelegenheit, daS Darbringen der Hochzeitsgeschenke, beginnt. Die Pathin (Gothe oder Göthchen genannt) erscheint mit dem Gotheklssen, welches mit seidenen Bändern verziert wird. Dieses Kiffen ist so fest mit Federn gestopft, daß eine darauf gestellte zinnerne, mit Wein gefüllte Kanne kaum eine kleine Vertiefung darauf hervorbrtngen kann. Es wiegt nicht feiten etliche zwanzig Pfund- die junge Frau kann später ein ganzes Bett mit den Federn Herstellen. Der Pathe schenkte gewöhnlich zinnerne Teller, Kannen und Löffel. Man findet im Odenwalde noch sehr altes, prächtiges Zinngeräthe von edlen Formen, welches cäon Alterthümlern eifrig gesucht und hoch bezahlt wird. In
mußte die Beschlußunfähigkeit des HauseS festgestellt werden, was Wunder, da eS da mit seinen Arbeiten nicht- weniger als flott vorwärts gehen wollte.
Leider eröffnen sich auch für die bevorstehende neue Session des Reichstages kaum beffere Aussichten. Es steht bereits fest, daß derselbe sich abermals mit einem sehr reichhaltigen Berathungsmaterial zu beschäftigen haben wird, da zu dem parlamentarischen ArbettSprogramm u. A. der Entwurf des allgemeinen bürgerlichen Gesetzbuches, der Etat, die Gesetzentwürfe über die Bekämpfung des unlauteren Wett- bewerbeS, über die Reform der Börse und den Schutz der Bankdepot-, die Novellen zu den Justizgesetzen und zur Gewerbeordnung, das angekündigte Margarinegesetz und eine neue Zuckersteuer-Vorlage, ferner die socialpolitischen Entwürfe, betr. die Reform des Jnvaliditäts- und AlterSver- ficherungSgesetzes und betr. die Ausdehnung der Unfallversicherung auf das Handwerk, sowie zweifellos noch verschiedene andere Berathungsstoffe gehören werden. Dies dürfte wiederum deS Guten viel zu viel sein, und die Gefahr, daß abermals ein großer Theil der ReichStagSaufgaden unerledigt bleibt, liegt umso näher, als auch diesmal die Reichsboten erst zum December einberufen worden sind.
Nach allen bislang mit der parlamentarischen Vertretung der Nation gemachten Erfahrungen zu urtheilen, ist eS aber nicht wahrscheinlich, daß der Reichstag die Fülle der ihn er- wartenden Arbeiten und seine späte Einberufung zum Anlaß nehmen wird, sich um so hingebender seinen Pflichten zu widmen, weit eher ist anzunehmen, daß auch die neue Session unter dem bedauerlichen Uebelstande häufiger Beschlußunfähig- kett leiden wird.
Trotz alledem könnte der Reichstag gewiß noch vieles Positives vor sich bringen, wenn nicht immer wieder gerade in wichtigen, gesetzgeberischen Fragen der starre Fractions- standpunkt entweder von dieser oder von jener Seite hervor- gekehrt würde. An diesem DoctrinariSmus, an dieser Prin- cipienreiterei sind im Parlamente schon oft nothwendige Reformen gescheitert und es steht zu befürchten, daß auch in der herangenahten Wintersaison so manche bemerkenSwerthe gesetzgeberische Vorschläge an dem kleinlichen Zank der Parteien unter einander scheitern werden. In den Parteiverhält- niffen des Reichstages haben die feit Schluß der vorigen Session nothwendig gewordenen Ersatzwahlen keine ein» schneidenderen Veränderungen bemerkt, der Verlust oder der Gewinn von ein paar Mandaten für die eine ober die andere Partei kann da keine Rolle spielen. Immerhin verdient der Uebergang des Mandats für den industriellen Dortmunder Reichstagswahlkreis aus nat!onalliberalem in
neuerer Zeit ist daS Darbringen von Zinn fast ganz außer Uebung gekommen.
Die übrigen Hochzeitsgäste bringen Geschenke der ver- schiedenften Art: Glas, Porzellan, Holz- und Blechwaaren, auch Geld. Die Gaben werden mit einem gereimten Glückwunsch dargebracht. Wer keinen befferen weiß, sagt mindestens :
„Ich bring Such hier ein klein Stück,
Unser Herrgott bescheer Euch ein groß Glück."
Nachdem alle Geschenke dargebracht find, sprechen die jungen Leute oder ein von ihnen beauftragter Redekundiger den Dank deS Paares aus. Versteht er feine Sache gut, fo hebt er die Pathin in erster Linie, sodann alle OnkelnS und TantenS, alle Vettern und BäSchen hervor. Der Gesang deS Kirchenliedes „Nun danket Alle ®ott* beschließt die Dar« bringung der Gaben.
Der Braut wird jetzt der Kranz abgenommen. An manchen Orten singt man dazu:
„Braut, zieh nun Dein Kränzlein aus, Sei jetzt Frau in Deinem HauS! Feigenblatt und grüner Klee, Heute Jungfer und nimmermeh'l"
Während diese Strophe gesungen wird, zopst und stupft man die Braut und wenn eine Wiege oder ein Kinderwagen geschenkt wurde, schaukeln einige lose Vögel an diesen nützlichen HauSgeräthe«, wozu andere daS Geschrei von kleinen Kindern nachahmen.
Haben alle Gäste ihre Geschenke dargebracht, so werden letztere mit dem langen Tische aus dem Zimmer entfernt und eine gediegene Mahlzeit aufgetragen,- erst jetzt erscheinen RindS-, Schweine- und Kalbsbraten mit den dazu gehörigen Beilagen. Oben haben wir bereits darauf hingewicseu, daß die Speisen vom Mittageffen an nicht mehr abgetragen würden. Wer Lust hat, knuspert daher von Zeit zu Zeit an den guten Sachen- man kann dabei die Heberzeugung gewinnen, daß mancher mit guten Magenverhältniffen gesegneter Bauer
socialdemokratischen Besitz Beachtung. Dank dem seltsamen Verhalten der Centrumspartei haben die Socialdemokraten jetzt den Dortmunder Wahlkreis in der Stichwahl erobert, eine höchst bezeichnende Illustration zu der kaiserlichen Mahnung vom Zusammenhalten der bürgerlichen Parteien gegenüber der Socialdemokratie!
Deutsche- Reich.
Berlin, 9. November. Heber die Berathungen der in Berlin versammelten Sachverständigen-Commission für die Revision der Arbeiterversich erungs- g esetz e lauten die Meldungen bis jetzt sehr lückenhaft. Hin und wider erfährt man diese und jene Einzelheit, hört man von diesem und jenem Beschluß in den CommisssonSverhand' langen, aber an einer zusammenhängenden, wenn auch noch so knappen Berichterstattung über den Verlauf der CommissionS- arbeiten fehlt eß fast gänzlich. Bei der Wichtigkeit derselben für weite Kreise der Bevölkerung wäre eß daher nur angebracht, wenn die Berliner officiösen Berichte übet diese Verhandlungen nicht so dürftig und lückenhaft gehalten würden, auch läßt sich durchauß nicht einsehen, warum in einer Sache von so allgemeinem Jntereffe eine derartige Geheimnißkrämerei geübt wird.
— Der ReichßtagSabgeordnete Heinrich Rickert, Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauseß, der Führer der freisinnigen Vereinigung, beging am SamStag sein fünfundzwanzigjährigeß parlamentarisches Jubiläum. Denn am 9. November 1870 wurde er zum ersten Male von der Stadt Danzig in daß Abgeordnetenhauß gewählt, dem Herr Rickert seitdem ununterbrochen alß Vertreter DanzigS angehört hat. Seit 1874 vertritt er Danzig auch im Reichstage und zwar ebenfalls ununterbrochen. Dem Jubilar sind zu seinem Ehrentage mancherlei Bekundungen herzlicher Theilnahme zu Theil geworden, nicht nur von seinen politischen Freunden und Gesinnungsgenossen, sondern auch aus anderen Parteilagern, denn er erfreut sich bei Freund wie Feind wegen seiner persönlichen Ehrenhaftigkeit, seiner Heberzeugungstreue und gewinnenden Characterelgen- schaften der größten Hochachtung.
Berlin, 9. November. AuS Danzig wird gemeldet, daß der Abgeordnete (Rickert anläßlich seines 25jährigen Abgeordneten-Jubiläums zum Ehrenbürger der Stadt ernannt wotden ist.
Berlin, 9. November. Der „Reichsanzeiger" veröffent- licht eine Bekanntmachung betreffend die Jnvaliditäts- und Altersversicherung von Hausgewerbetreibenden der Textil-Jndustrie.
sich vierundzwanzig Stunden hindurchknuspert, ohne daß er bei den eigentlichen Mahlzeiten an seinem Appetit geschädigt erscheint.
Ist die Mitternachtsmahlzeit beendigt, so beginnt der Tanz von Neuem, er währt biß zum lichten Morgen. Die Alten haben sich längst heimlich davongemacht. Für die Jugend wird ein kräftiger Kaffee gebraut, der die Lebenß- geister anfacht - ist dieser eingenommen, so rückt der Schwarm mit Musik vor die Wohnungen der entwichenen Hochzeitß- gäste, welche auß den Betten geholt werden und im Zuge mitmarschiren müffen, bis die ganze Gesellschaft beisammen ist und schließlich wieder im Hochzeitshause anlangt. Hier beginnt der Schmaus von Neuem. Nach Tische muß der Witzbold und Spaßmacher allerlei Kurzweil auSdenken und mit Hilfe der jungen Leute vorsühren. Hierbei wird untersucht, ob auch jeder noch seinen RoSmarinzweig (Keimen) hat. Wer ihn verlor, wird gepritscht, d. h. er muß eine Flasche Wein zahlen und wird mit einem Strohseile umwickelt.
Die junge Frau geht unterdessen mit einem großen weißen Korbe (Waschmahne), worin Kuchen jeder Art verpackt, im Dorfe herum und bringt sämmtlichen Gästen Hoch- zeitskuchen. Pathen und Pathinnen werden auch hierbei ausgezeichnet. Man bedankt sich gegenseitig für die schöne« Gaben und freut sich über daß stattgehabte große HochzettS- fest. Im HochzeitShause ziehen die Alten, wenn sie merken, daß die Braut mit dem HochzeitSkuchen Umgang hält, sich heimlich wieder weg, weil sie zu Hause sein wollen, wenn die Kuchen kommen. Daß junge Volk aber hält aus und geht nicht eher weg, als biß alle Fässer, Töpfe, Flaschen und Kisten geleert find. Daß dauert zuweilen biß zum Abend des dritten TageS, also bis zum Samstag Abend, wenn die Hochzeit auf einen Donnerstag gehalten wurde.
(Fortsetzung folgt).


