Ausgabe 
12.9.1895 Erstes Blatt
 
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Der

-ießeaer Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme drS Montag».

Die Gießener Aemtktenvkätter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Gießener Anzeig er

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Zlints» unb Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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solgenbm Tag erscheinenden Nummer b.S Norm. 10 Uhr. | ^UUUlUllULUUtl. Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Deutsche» Reich.

Berlin, 9. September. Die überseeische Aus­wanderung auS dem deutschen Reich, über deutsche Häfen, Antwerpen, Rotterdam und Amsterdam belief fich nach den Zusammenstellungen des kaiserlichen statistischen Amts in den Monaten Januar bis Juni 1895 auf 16,474 Per­sonen. Hiervon kamen auS der Provinz Hannover 1665, aus Bayern rechts des Rheins 1440, der Provinz Pofen 1377, auS Brandenburg mit Berlin 1112, dem Königreich Württemberg 1031, aus der Provinz Westpreußen 987, Pommern 924, Schleswig-Holstein 918, aus dem Königreich Sachsen 806, der Provinz Rheinland 780, Hessen-Nassau 607, auS dem Großherzogthum Baden 506, der Provinz Schlesien 432, Westfalen 431, aus der Rheinpfalz 431, der Provinz Sachsen 419, Ostpreußen 316, aus dem Groß­herzogthum Hessen 294, Oldenburg 268, Mecklenburg- Schwerin 136. Der Rest von 1594 Personen entfällt auf die übrigen Gebietstheile des Reichs. An der Beförderung dieser Auswanderer sind die deutschen Häfen mit 13,570 Per­sonen beteiligt, und zwar gingen über Bremen 7510, Ham­burg 6060. Von Antwerpen reisten 2457, von Rotterdam und Amsterdam 447. Ueber deutsche Häfen wurden außer den 13,570 Deutschen noch 40,581 Auswanderer aus fremden Staaten, und zwar über Bremen 24,670, Hamburg 15,905 befördert.

Nach den Mittheilungen des katserl. statistischen Amts fanden während des Jahres 1894 im deutschen Reich 35 Dampfkessel Explosionen statt. Die Zabl der dabei getödteten oder binnen 48 Stunden nach dem Unfall ver­storbenen Personen betrug 12, dieZahl der Schwerverwundeten 9, leicht verwundet wurden 13 Personen. Als muthmaßliche Ursache der Explosion wurden angegeben in 18 Fällen Wassermangel, dazu kommen in 5 Fällen wenig sachgemäße Wartung, in 2 Fällen Alter, Abnutzung und in 1 Falle ungenügende Befestigung eines Rohrs, in 5 Fällen ist ört­liche Blechschwachung bezeichnet, und zwar in 2 Fällen in Verbindung mit Alter, weiter waren es in 2 Fällen Kessel­stein, in 2 Fällen mangelhafte Schweißung eines Rohrs, und in je 1 Falle Alter, Schlammablagerung, Ueberhitzung eines RohrS, überangestrengter Betrieb, Verrostung zweier Röhren von außen, fehlerhaftes Rohr, Kesielstetn- und Schlammablagerung, zu hohe Dampfspannung.

Loburg, 9. September. Heute Mittag fand auf Schloß Rosenau die Verlobung der Prinzessin Alexandra von Sachsen Coburg-Gotha, der dritten Tochter des Herzogs Alfred, Schwester der Großherzogin von Heffen, mit dem Erbprinzen von Hohenlohe-Langenburg statt.

Neueste Nachrichten.

WolffS telegraphisches Correspondenz-Bureau.

Stettin, 10. September. Der Kaiser von Oester­reich trug heute die Uniform des 16. Husarenregiments, der König vonSachsen Ulanenuniform. Beide Monarchen kehrten vom Manövergelände zu Pferde nach Colbitzow und von dort mit Sonderzug gegen 2 Uhr nach Stettin zurück. Kaiser Wilhelm blieb bis 4J/2 Uhr im Manövergelände und kehrte gegen 5 Uhr Abends zurück. Um 7 Uhr fand im Schloß Diner zu ungefähr 80 Gedecken statt. Der Earl von Lonsdale, der in Stettin eingetroffen, nahm ebenfalls an der kaiserlichen Tafel Theil.

Hannover, 10. September. Die 4 8. Haupt°Ver- sammlung des Gustav-Adolf-Vereins wurde heute Nachmittag durch Begrüßungsansprachen des Oberpräfidenten v. Bennigsen, des StadtoirectorS Tramm, des Confistorial- rathS Superintendenten Hofpredigers Ahlfeld, des pastor primarius Mohr und des Generalsuperintendenten Schuster, Vorsitzenden des Hannoverschen HauptvereinS, eröffnet. Die Theilnahme ist eine außerordentlich große. Vor den Ver­handlungen fanden Gottesdienste statt, bei welchen Abt Uhl­horn (in der Gartenkirche) und Superintendent Graßhof- Meppen (in der Aegidienkirche) die Festpredigt hielten.

Hannover, 10. September. Die 4 8. Haupt-Ver­sammlung des Gustav-Adolf-VereinS beschloß, folgendes HuldigungStelegramm an den Kaiser zu richten: Noch unter dem vollen Eindruck der großen deutschen Zeit und der innigen Müfeier bei der Einweihung der Gedächt- nißkirche für den unvergeßlichen Kaiser Wilhelm den Großen, einst ebenfalls Protector unseres evangelischen Helferwerkes, bringt die 48. Hauptversammlung des Gustav-Adolf Vereins in Hannover dem erlauchten Protector begeistert die aller- unterthäliigsten DankeSgrüße und die wärmsten Segenswünsche dar und bittet unter dem Ausdruck der tiefsten patriotischen und evangelischen Ergebenheit, auch ferner um die Huld und Gnade deS Kaisers für ihr Friedenswerk."

Hannover, 10. September. Heute ist hier der Berg­mann Stag zusammengetreten. Zum Leiter wurde Ministe- rialdirector Oberberghauptmann Freund gewählt. NamenS der Regierung begrüßte Handelsmintster Frhr. v. Berlepsch die Versammlung und betonte, daß die Regierung den Be- rathungen große Bedeutung beimesse. Der Präsident deS Reichsversicherungsamts v. Bödicker wünschte den Bestreb ungen der Versammlung besten Erfolg und sprach die Hoff nung auS, eine Verminderung der Unsälle, die jährlich die Zahl von 20,000 erreichen, zu erzielen.

Bremen, 10. September. Deutscher Jurist en tag. Nach der Wahl des Vorstandes wurden zu Schriftführern

ernannt die Rechtsanwälte Dr. Boiffelier, Dr. Bulling und Dr. Haber. Bürgermeister Luermann bewillkommnete die Versammlung Namens des Senats, der Vorsitzende Dr. Drechsler erwiderte dankend. Justizralh Wilke-Berlin hielt einen Vor­trag über die RechtSentwickelung Deutschlands während der letzten zwei Jahre. Sodann wurden geschäftliche Fragen er- ledigt und es begannen die Berathungen der einzelnen Ab- theilungeu auf Grund deS aufgestellten Programms. Abend- halb 9 Uhr begann die Festlichkeit, die der Senat im Raths- keller veranstaltete. Die Gäste mit ihren Damen waren äußerst zahlreich erschienen und die weiten Räume des Keller- bis zum letzten Platz gefüllt. Senator Dr. Pauli hieß die Anwesenden in launiger Rede willkommen und weihte sein GlaS dem 35jährigen krastvollen Manne, dem deutschen Juristentage. Reichsgerichtspräsident Dr. Drechsler-Leipzig dankte als Vorsitzender des JuristentageS und trank auf daS Wohl deS Senats und der freien Hansestadt Bremen.

Helgoland, 10. September. Heute Morgen um 8 Uhr wurde die neue Post in der Kaiserstraße tm Beisein deS OberpostdirectorS Kühl, des Postbaurarhs Schuppau, deS Baumeisters Hildebrand und der Helgoländer Gemeinde­vertretung dem öffentlichen Verkehr übergeben. Sämmtliche Räume und Einrichtungen sind vorzüglich- sie sanden all­gemeinen Beifall. Auch Duyffkes Wandmalereien in den Dor- hallen sind vortrefflich.

Mailand. 10. September. Der seit sechs Wochen an­haltende absolute Regenmangel schädigt schwer die Land- wirthschast in der Lombardei und in Venetien. MatS-, Kastanien- und Weinernte find sehr gefährdet und strichweise schon gänzlich verloren. Die Temperatur ist beständig 32 bis 33 Eentigrad. Ueberall veranstalten die Bauern Bitt­gänge um Regen.

Brüssel, 10. September. Die verschiedenen Sectionen des internationalen Ackerbau-Congresses sprachen eine Reihe von Wünschen aus: zu Gunsten deS landwirth- schaftlichen Unterrichts an den Elementarschulen, des Unter­richts der physikalischen und technischen Wissenschaften in An­wendung auf die Landwirthschaft, ferner betreffend die land- wirthschaftliche Ausrüstung der Schulen, Bewahrung und Be­reitung des Düngers und landwirthfchaftliche Arbeiterhygiene. Die Arbeiter sollten Eigenthümer der Wohnung sein.

Laugres, 10. September. Präsident Faure durchfuhr Morgens zu Wagen verschiedene Stellungen der Truppen in der Gegend, wo die große Hauptschlacht der großen Manöver stattgefunden hatte. Die Bewegungen der Truppen bei den Schluß Angriffen wurde mit großer Lebhaftigkeit auö- geführt. Der Präsident beglückwünschte die Generale und dankte ihnen für die Fürsorge, die sie für die Truppen ge­troffen hatten, deren Zustand vorzüglich fei. General Saus-

Feuilleton.

Straßburg und seine Ausstellung.

Neisebriefe für denGießener Anzeiger".

VI.

(Nachdruck verboten.)

Dr. M. AuS dem Straßenpflaster steigt die heiße Gluth, fie fängt sich in den engen Straßen und Gäßchen, sie liegt versengend auf dem weiten Broglie-Platz, sie nimmt bis zur späten Abendstunde Besitz von dem Waffer der Jll. Ueberall kochende, staubige Hitze. Es ist gar nicht schön in der wunderschönen" Stadt, und wer etwa gar seine Sommer­frische schon im Juli erledigt hat, der denkt an die blauen Vogesen und den dunkelgrünen Schwarzwald wie an ein schönes, schöne- Traumbild, zu welchem die Gegenwart den denkbar schroffsten Gegensatz bildet. Und dennoch fehlt eS nicht an starkem, lebhaften Fremdenverkehr.

Der Raum im Münster, wo das Wunderwerk von Uhr hängt, wird nie leer von Gästen. ES gehört zur Zeil ein gewiffer Muth dazu, sich in die eng zusammengekeilte Menschenmaffe zu wagen und friedlichen GemüthS auf den großen Moment zu warten, wo die Figuren der 12 Apostel daher getrippelt kommen, sich vor dem Herrn verneigen und beim Erscheinen deS Petrus der Hahn kräht. Dieser inter- effante Augenblick tritt pünktlich um 12Vi Uhr ein, denn selbstredend hat die Straßburger Uhr die Neuerung der mitteleuropäischen Zeit nicht mitgemacht, sondern schlägt noch nach der alten Weise.

Es wundert mich, daß die Custoden, die mit ihren breiten gelben Schärpen auf blauem Gewände ganz mittel- atterlich wirken, bei dieser tropischen Hitze noch die physische Fähigkeit besitzen, wieder und immer wieder die Erklärung deS Kunstwerks vorzunehmen.

Aus der großen Schaar der Neugierigen, welche die Uhr nur sehen wollen, scheidet fich der engere Kreis der Wißbegierigen aus, die über den Mechanismus und seinen Verfertiger ausführlich etwas hören wollen. Für die Ent­richtung eines ObuluS erhalten diese das Recht, fich dicht um den Führer zu schaaren, der ihnen dann mit halblauter Stimme, denn die Nichtzahlenden sollen natürlich nicht mit- profitiren Geschichte und Character der Uhr zuflüftert, bald in deutscher, bald in französischer oder englischer Zunge, wie eS gerade die Kundschaft mit sich bringt. Wie wär's, wenn man in diesen Tagen, wo Straßburg die klimatischen Verhältniffe von Afrika hat, die Besichtigung der Uhr um die Geisterstunde gestattete?! Ein rettender Gedanke!

Die Pforten des Stadttheaters, welches die sommer­liche Pause zu gründlichen baulichen Veränderungen benutzt hat, stehen auch wieder offen, aber klein ist vor der Hand noch die Zahl Derjenigen, die Gebrauch davon macht.Heil Straßburg" und das BalletSonne und Erde" liest man öfters auf dem Theaterzettel. Sonne und Erde der Titel ist gegenwärtig etwas verfänglich, denn man hat den Tag über gar zu viel Anlaß, von den Beziehungen dieser beiden Weltkörper Notiz zu nehmen. Etwas Feuchtes, Kühles sollte man geben, vielleicht ein Wasserballet, mit lauter Nixen und Meerminnen das wäre Erquickung!

Kann man diese sonst nirgends in der Stadt Erwins gewinnen? O doch! Straßburg hat ja jetzt seine Aus- ftellung, und diese Ausstellung befindet sich in dem Orangeriepark, dem lachenden Ziel aller ozonbedürftigen Menschen!

Dieser Park mit seinen weiten englischen Rasen, seinen schattenden Baumkronen und seinem sptegelklaren, künstlichen See, der die Ausstellung überdauern soll, bietet da-, was man in den Mauern der Stadt vergebens sucht: kühlende Labung! Der Orangertegarten ist etwa so groß wie unser

Darmstädter und Beffunger Herrengarten zusammen. Da- denkbar günstigste Ausstellungsterrain war durch diese Aus« dehnung gewonnen. Die Kunst ist an allen Enden und Ecken der Natur zu Hilfe gekommen, um die den Objecten ent­sprechenden Anlagen und Standorte zu schaffen. Ein Tag wird kaum auSreichen, das AuSstellungSgebiet in allen seinen Abtheilungen zu durchwandern. Die Erzeugnisse deS Gewerbe­fleißes von El saß «Lot bringen, Baden und der Pfalz finden fich hier vereinigt. Im Lauf der Jahre hat sich eine gewisse Technik deS AuSstellungSwesenS herauSgebildet, und die Folge davon ist, daß alle derartige Unternehmungen gewisse typische Züge tragen. Besonders ist das in die Augen fallend bei dem Theil, der den Ausstellungen als Anhängsel mitgegeben wird, bei den VergnügungSetablissements. So hat denn auch Straßburg das bei solchen Anlässen übliche plastische Panorama, den Taucherapparat, den orientalischen Irrgarten, da- Wiener Caf«, das Münchener Brauhaus, die altdeutsche Weinstube rc. Aber auch in den speciell industriellen Zweigen finden sich Wiederholungen. Kaum trifft man noch eine Gewerbeausstellung, in welcher nicht die Muster­zimmer mit der stilvollen Ausstattung von Wohn- und Eß­zimmer, sowie den practischen Küchen- und Badestuben­einrichtungen einen breiten Raum etnnehmen?

In Straßburg ist denn auch gerade dieses Genre be­sonders geschmackvoll vertreten. An solchen Abtheilungen, die zu kleinen Einkäufen, zum Mttbringen von Andenken einladen, fehlt es natürlich auch nicht. Da ist der Chocoladen- stand, mit dem lockenden Confect, da glitzern Einem an einer anderen Ecke die Auslagen von leuchtendem, aber nicht allzu kostspieligen Phantafieschmuck entgegen, und da fitzt auch die emsige Maschinennäherin, die uns, auf Verlangen, in wenigen Minuten, ein Taschentuch oder einen Tischläufer mit Namens­zug und Aufschrift versieht.

Unter die mannigfachen Produkte deS Kunstfleißes,