Nr. <35
Der
Hkßener Anzeiger erscheint täglich, Mit Ausnahme deS
Montags.
Die Gießener
N«mttienvkät1er werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigelegt.
Erstes Blatt. Mittwoch den 12. Juni
Mchener Anzeiger
Keneral-Mnzeiger.
1898
Vierteljähriger AvounementspreiAr 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn.
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Schwurgericht.
W. Gießen, den 11. Juni 1895.
Um 9 Uhr eröffnete Herr Landgerichtsrath Hellwig die Sitzung. Nach Ausloosung der Geschworenen wird in die Verhandlung gegen Johann Heinr. Möckel, Tagelöhner, ohne Wohnsitz, wegen Brandstiftung eingetreten. Die Großh. Staatsbehörde vertritt Erster Staatsanwalt Herr vr. Günge- rich. Die Vertheidigung führt Herr Rechtsanwalt Kraft. Es find zwölf Zeugen zu vernehmen. Bet der vorgenommeuen Vereidigung der Geschworenen wird bei einem derselben, der erklärt Menonit zu sein, von der üblichen Bekräftigung, die Pflichten des Geschworenen getreulich zu ersüllen, abgesehen, derselbe gelobt dies durch Handschlag. — Der Angeklagte, ein wegen Diebstahl, Unterschlagung und Brandstiftung vorbestrafter Mensch, erklärt, er habe die ihm zur Last gelegte That nicht begangen, fich in Friedberg am 6. März 1895 beim Amtsgericht nur gemeldet, weil er wunde Füße hatte, auch ohne Obdach war und nicht weiter konnte. Es dreht fich um den am 18. Januar 1895 in Ilbenstadt vorgekommenen Scheunenbrand in der Besitzung des Grafen Leintngen'Westerburg. Der Angeklagte erklärt, am Tage des Brandes in Darmstadt geweien zu sein. Angeklagter erzählt, wie er die Kreuz und Quere herumgewandert und dabei unterwegs von einem Reisenden gehört habe, daß wegen der Entdeckung des Brandstifters eine Belohnung von 600 Mk. ausgesetzt sei. Angeklagter hatte vorher die Brandruine in Ilbenstadt gesehen und zwar von der Straße aus etwa 20 Schritte davon entfernt. Dieselbe hatte vier Thore. Er hat dem Richter in Friedberg alles Mögliche mitgetheilt, wie er den Brand angelegt und die Stelle, wo dies geschehen, sehr genau bezeichnet, daß diese Angabe mit der Thatsache übereinftimmr. Angeklagter will sich es ganz genau vorher überlegt haben, was er dem Amtsrichter sagen wollte. Angeklagter will sein Geständniß, nachdem ihm die Anklageschrift zugestellt war, lediglich widerrufen haben, weil er eS fich anders überlegt habe, um nicht unschuldig die hohe Zuchthausstrafe zu erleiden.
Aus dem zur Verlesung gebrachten ersten Protokoll des Amtsgerichts Friedberg geht hervor, daß Angeklagter als
sämmtlich bewußtlos waren.
, । Budapest, 10. Juni. Der Staatssecretär VoeroeS n | empfing gestern eine Deputation von 30 Postbeamten und versprach denselben, den größten Theil ihrer Forderungen zu bewilligen, weshalb der Dienst heute wieder ausgenommen
Im Laufe der verfloffenen Woche kamen zehn neue Hai- duken-Morde vor- in Szagubitzsa wurden fünf Personen auf einmal niedergemetzelt. Die Behörden sind ohnmächtig, weil die Bevölkerung ihnen jede Unterstützung versagt. Die Blätter bringen verzweifelte Artikel, welche die Zustände den heutigen rechtlosen Zuständen des Landes zuschreiben.
Köln, 10. Juni. Auf die Begr.üßungSdepesche der Hauptversammlung der deutschen LandwirthschaftSgesell- schäft sandte der Kaiser ein Telegramm, in welchem er den wärmsten Dank für den HuldigungSgruß aussprach und betonte, besonders erfreulich fei ihm der Ausdruck des Vertrauens in seine Bestrebungen zur Hebung der Landwirth- schaft, deren Förderung ihm allezeit am Herzen liege. Das Telegramm schließt mit den Worten: „Möge auch der treuen Arbeit der Versammlung Gottes Segen nicht fehlen!' Herzog Wilhelm von Württemberg sprach telegraphisch seinen Dank und feine Bereitwilligkeit für die Uebernahme der Pra- fidentenwürde der Gesellschaft für 1895/96 aus.
Breslau, 10. Juni. In den oberschlefischen Kohlenbergwerken ist durch eine Explosion ein Grubenbrand entstanden, während sich 500 Mann in der Grube befanden. Bisher konnten nur 40 zu Tage gefördert werden, welche
Motiv seiner Selbstdenunziation angegeben hat, sein Gewissen laffe ihm keine Ruhe, er sehe sich von Polizeibeamten ver- folgt, er wisse zwar, er bekomme für seine That eine schwere Zuchthausstrafe, als Motiv aber, weshalb er das Feuer angelegt, giebt er an, er habe in Ilbenstadt gebettelt und nur ein Stück Brod erhalten, aus Aerger und im Zorn hierüber habe er die That begangen, es sei ihm egal gewesen, wem das Gebäude gehöre. In dem Protokoll sind sehr detaillirte Angaben über die Lage der Scheuer, über die Art, wie und wo der Brand angelegt und wie der Brandstifter in diese gelangt ist. Ebenso hat der Angeklagte bei der Augenscheinnahme den Herrn Landgerichtsrath Linken» Held an den Ort geführt, wo der Brand entstanden tst. Angeklagter erklärt, wenn seine Angaben stimmen, so sei dieses der reine Zufall. - Thatsache ist, daß Angeklagter zuerst in Friedberg ein falsches Datum angegeben hat, als dasjenige, an welchem es in Ilbenstadt gebrannt, auf Vorhalt des Richters jedoch zugegeben hat, es könne auch an einem anderen Tage gewesen sein. (Forts- folgt-)
CoroU» rrird Lror> irrzielles.
Gießen, den 11. Juni 1895.
*» Provinzialausschuß Sitzung. Samstag den 15. Juni d. I., Vormittags 9 Uhr beginnend, findet im Regierungsgebäude dahier eine öffentliche Sitzung des Provinzial- ausschuffes der Provinz Oberheffen statt, in welcher folgende Gegenstände zur Verhandlung gelangen: 1. Die Anlage von Canälen in Hungen- hier: den Erlaß eines Polizeibefehls gegen Jacob Sulzbach daselbst. 2. Klage deS Ortsarmenverbandes Neuwiedermuß gegen den Ortsarmenverband Von- hausen wegen Unterstützung der Familie des Friedrich Bläser zu Neuwiedermus. 3. Klage deS Heinrich Gönner II. und Genossen in Rmderbügen wegen Verweigerung von Loosholz- hier: Beschwerde gegen den Beschluß des Gemeinderaths von Rinderbügen vom 21. Februar 1894.
** Tagesordnung für die Sitzung der Stadtverordneten- Versammlung Donnerstag den 13. Juni 1895, Nachmittags 4 Uhr: 1. Gesuch des H. Schaumberger um Erlaubniß zur Herstellung einer Ueberfahrt an den Rodtgärten. 2. Degl. des JohS. Fischer zur Legung von Cement- röhren in den städtischen Fluthgraben am Schiffenbergerweg. 3. Gesuch des Braunsteinbergwerkes um Erlaubniß zum Bauen einer Schmiede. 4. DeSgl. des Theodor Brück zur Aufführung einer Veranda an seinem Hause Schloßgaffe- Brandplatz. 5. Baugesuch des Carl Berg für die Waagen- ! gaffe. 6. Herstellung eines Freibades an der Lahn. 7. Be- ! Nutzung des Volksschulbades während der Ferien. 8. Veranstaltung einer landwirthschaftlichen Ausstellung zu Gießen im Jahre 1895. 9. Die Verlegung der auf den 9. und
10. Juli, sowie 3. und 4. September l. IS. festgesetzten Märkte wegen deS Turnfestes und der landwirthschaftlichen Ausstellung. 10. Den Wirthschaftsplan über die Waldungen der Stadt Gießen für 1896/97. 11. Gesuch der Firma
Kauffmann u. Cie. um Ermäßigung des GaSpreises für ihren Motorenbetrieb. 12. Erweiterung der Gasleitung in der Alicestraße. 13. Fortsetzung der Wasserleitung an der „Germania" für I. Ronstadt- 14. desgl. an den Weg an der Frankfurterstraße zur Cölu-Gießener Bahn für L. Spieß- 15. desgl. auf der Rodheimerstraße- 16. deSgl. auf dem Schiffenbergerweg- 17. desgl. in der Heffenstraße- 18. desgl. auf dem Nahrungsberg. 19. Die Erbauung einer Wohnung | für den Maschinisten in Queckborn. 20. Unterhaltung dcr Staatsstraßen, hier Genehmigung des Vertrags wegen Uebernahme der Staatsstraßenortsdurchfahrten seitens der Stadt. 21. Gesuch des Ludwig Gonter um Erlaubniß zum Wirth- lchaftsbetrieb im Hause Wolfftraße 9. 22. Desgl. deS .
Joh. Friedr. Hehl lm Hause Bahnhofstraße 31.
Ehrung. Die morgenländische Gesellschaft und die Königl. Gesellschaft der Wissenschaft zu Leipzig haben dem Geheimrath Prof. vr. O. v. B o e h t li n g k, von deffen Ehrung durch die hiesige Universitär wir in voriger Nr. berichteten, ru seinem 80. Geburtstage ebenfalls begrüßen laffen.
** Bei dem gestrigen schweren Gewitter schlug der Blitz in eines der Bock'schrn Fabrikgebäude. Die Insassen deS darin befindlichen Wickelsaales verspürten eine starke Erschütterung. Der Blitz schlug unmittelbar neben der Auf- fangstange etwas Mörtel vom Dachfirst ab und fuhr dann an der Leitung in die Erde, ohne Schaden zu verursachen. — Von einem weiteren Blitzschlag wurde daS H e l m o lt's ch e Haus in der Weserftraße betroffen- der Strahl riß ein Stück des Schornsteins sowie mehrere Schiefer ab, durch den Luftdruck wurde außerdem der Ruß in die Wohnungen getrieben. — In einem Hause der Frankfurterstraße ging ein Blitzstrahl durch das Küchenfenster des dritten Stocks, von da
Gratisbeilage: chießener Kamilienblätter.
Depefchm deS Bureau .Herold".
Berlin, 10. Juni. Der „Reichsanzeiger" publicirt Ordensverleihungen an russische Offiziere und Beamte. Es erhielten u. A. der Marinemintster Admiral Tschihatscheff das Großkreuz des Rothen Adler Ordens und Vtce-Admiral von Kremer den Rothen Adler-Orden erster Klaffe.
Berlin, 10. Juni. Die Maurer Berlins haben in einer öffentlichen Versammlung beschloffen, fich mit den Leipziger strikenden Collegen solidarisch zu erklären. Eine sofortige Unterstützung von 200 Mk. wurde bewilligt - weitere Geldsendungen werden folgen. Ferner wurde beschlossen, daß die Berliner Maurer sobald als möglich in eine Lohnbewegung eintreten.
Berlin, 10. Juni. Nach einer Meldung des „Berl. Tagebl." ist heute der socialdemokratische Reichstagsabgeordnete und Berliner Stadtverordnete Fritz Zubeil gestorben.
Berlin, 10. Juni. Zur Neubesetzung des Polizeipräst- denten-Postens von Berlin wird dem „Loc.-Anz." als neuester Landidat Graf Clairon d'Haussonville,der derzeitige Regierungspräsident in Raffel, genannt.
ftiln, 10. Juni. Die „Köln. Ztg." meldet auS Belgrad:
Neueste Nachrichten.
Wolffs telegraphisches Correspondmz-Bureau.
Berlin, 10. Juni. Der Colonialrath berieth heute Nachmittag die Vorlage, ob es angezeigt sei, an den Regierungsschulen in Ostafrika muhamedanische Reli- givnslehrer anzustellen. Auf Grund des vorgelegten Materials wird dies gemäß den Anträgen der Vertreter der beiden Missionsgesellschaften verneint. Der Colonialrath stimmt hierin mit der Regierung überein. An der Berathung betheiligten sich auch der Herzog Johann Albrecht von Mecklen- bürg und die Staatssecretäre Herzog, Jakobi und Andere. Der Colonialrath berieth alsdann die Reichstagsresolution wegen der Maßnahmen zur Aushebung der Haussclaverei und der Schuldknechtschaft in den Colonien. Es wurde eine Commission zur Vorberathung der Resolution gewählt.
Berlin, 10. Juni. Wegen des heftigen Auftretens der Schweineseuche in der Contumoz- und Mastanstalt in Steinbruch find die betheiligten Bundesregierungen durch den Reichskanzler ersucht worden, die Einfuhr von Schweinen aus Steinbruch, soweit eS nicht bereits geschehen ist,
unverzüglich zu verbieten.
Köln, 10. Juni. Die neunte Wander-AuSftellung der deutschen Landwirthschafts - Gesellschaft, die heute Abend geschlossen wurde, dürfte wiederum mit einem ziemlich ansehnlichen Deficit abschließen. Von den 10939 Mitgliedern der Gesellschaft besuchten nur 14 Procent die Aus- fteBiina. $jc Saual6citgc6er geschloffen In I "'^Budapest. 10. Juni. Die iocialistlsche Partei hatte füt
Folge d» Nichtabnahme Ihre- Angebot« bon 40 Pfennigen | gestern z-hn Bolk-°--Iammlunge“ “ ““t ”' ™ Etundenlohn an di- Strikenden di- G ° n ° r ° l ° u -! p ° r rung. I denen zwei a cht abgehalten "»d «» polizeilich auigetd,- Von morgen ab stehen alle Bauten still. 10 Die Schweine,euch- dauert
börsen fallen Nachmittags aus. Das Börsengebäude ist von I wiederholt von Beifall unterbrochen, ^mentlick die Stellen, Q UnHrniittnnf Nsssverrt »ine größere Anzahl Kauf- | welche von einer demnachsttgen ausgedehnten Amnestie und
ku^ft * dmKieler Festlichkeiten handeln, wurden stark applaudirt.
wird der Tag als Feiertag freigegeben. Dagegen hebt eine i Brand in der
9 „®ow" -IngLffen-n Bergarbeiter find gerettet
"""9WI---r°-ust°dt.910?Juni Bei den Wolkenbrüchen am I bl« aus zwanz.g, wovon neun tobt, els oeimifet. Di- Brand- 5. und 6. d. M. wurden in Schwarzenbach, Schlatten und I stätte wird abgedammt. .
Hochwolkersdorf Häuser, Straßen und Brücken weggeriffen. I In Schwarzenbach wurden 16 Häuser zerstört, 12 Menschen find (wie schon gemeldet) umgekommen. Der Schaden wird in Schwarzenbach auf 150000 fl., in Hochwolkersdorf auf 80000, in Schlatten auf 90000 fl. geschätzt.
London, 10. Juni. Die Untersuchung des Handelsamtes über das Unglück der „Elbe" ist wieder ausgenommen worden. Der Anwalt Aspinall erklärte, der „Lloyd" sei bereit, zwei Zeugen vorzuführen, den dritten Offizier und den Oberingenieur, außerdem den Ausguckmann, sobald diese von ihrer Reise nach China zurückgekehrt seien. Der Steuermann der „Crathie" wiederholte seine früheren Aussagen. Er hatte sich zur Zeit deS Zusammenstoßes nicht von der Brücke nach der Kombüse begeben. Er habe die grünen Lichter der „Elbe", 3 oder 4 englische Meilen entfernt, bemerkt. Kurz vor dem Zusammenstoß drehte fich die „Elbe", um einem Fischerboot auszuweichen, nach Steuerbord.


