Ausgabe 
12.4.1895 Zweites Blatt
 
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1893

Rr 87 Zweites Blatt. Freitag dm 12. April

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-ietener Anzeiger erscheint täglich, mit Lulnahme bei Montag«.

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Amtliche* Theil.

Bekanntmachung.

Herr LandwirthschaftSlehrer Dr. von Peter zu Fried­berg wird über die Errichtung von Stammzuchtvereinen durch die Gemeinden nach den Vorschlägen des Herrn Oeconomie- raths Müller zu Darmstadt Vorträge halten:

1) Sonntag den 14. April l. I., Nachmittags 3 Uhr zu Langd in dem Saale des Herrn Bürgermeisters.

2) Sonntag den 21. April, Nachmittags 3 Uhr zu Hangen in dem Solmser Hof.

Zu diesen Vorträgen werden hierdurch alle Mitglieder des landwirthschaftlichen Vereins und alle Viehzüchter ein­geladen.

Die Herren Bürgermeister der genannten und benach­barten Gemeinden werden hierdurch ersuckt, auf möglichst zahlreichen Besuch der Versammlungen hinzuwirken. An die« jenigen Gemeinden, in welchen Zuchtoereine errichtet werden, wird zur Bestreitung der hierdurch entstehenden Kosten ein Beitrag von fünfzig Mark aus der landwirthschaftlichen Bezirksoereinskasie ausgezahlt werden.

Die Herren Bürgermeister, welche wünschen, daß der­artige Vorträge auch in ihren Gemeinden abgehalten werden, wollen dies mittheilen.

Gießen, den 3. April 1895.

Der Director des landwirthschaftlichen BezirkSvereins Gießen. Carl Jost.

Zur Charwoche.

Wir find in die Charwoche eingetreten. Sie heißt auch die stille Woche. ES wird stiller im Leben und Treiben um unS her. Die lauten Feste und rauschenden Vergnügungen schweigen und machen einem größeren Ernste im äußeren Leben Platz. Unsere Seele wird auch stiller, und ihre Ge­danken richten sich auf die großen christlichen Erinnerungen, welche diese Woche wachruft. Wir nähern uns dem Char- freitage, dem stillen Freitage. Ein frischer Hauch der Andacht geht durch die Herzen hindurch und facht auch auf manchem erkalteten Herde neue Gluth an. Die christliche Gemeinde sammelt sich um das Kreuz und stimmt an:

O Haupt voll Blut und Wunden,

Gegrüßet seist du mir!

Sie feiert das größte Ereigniß, das sich je auf Erden zugetragen hat.

Oder gibt eS Größeres als Christi Liebeßtod? Wir i sehen eine Liebe, die für die stirbt, durch die sie stirbt. ' Christi Tod tst ein freiwilliger, selbftgeweihter Opfertod für !

j die Welt. Biel gibt eS, was unsere Seele im Innersten i ergreifen und bewegen kann, nichts aber bewegt so den innersten Grund, wie die Geschichte von Golgatha, diese Geschichte einer weltumfassenden Liebe. Wenn nichts im Himmel und auf Erden eine Menschenseele überwinden kann, dieser Bot­schaft widersteht kein Menschenherz, wenn es sich nicht völlig verhärtet und verstockt und aller menschlichen Empfindungen entäußert hat. Wer sollte den Charfreitag ohne Andacht begehen? Eine der kräftigsten Gestalten deutscher Frömmigkeit auS den Freiheitskriegen ist der Freiherr von Stein. Bei ihm meldete sich einst Hans von Gagern, ein thm befreundeter Staatsmann, zum Besuche an.Willkommen", schrieb ihm Stein, der in Gottesfurcht keine Menschenfurcht kannte, willkommen, aber nur nicht am Charfreitage, denn diesen Tag habe ich ganz der Andacht bestimmt". Wem sollte eS nicht heilsam sein, am stillen Freitage aus der lauten Welt in die Stille der Andacht zu gehen und sein Herz der Macht und Herrlichkeit der Heilaudsliebe hinzugeben? Was Liebe ist, lernen wir nur bei Christo, und die echten Züge ihres Bildes schauen wir am deutlichsten im Antlitze deS Ge­kreuzigten.

Deutsches Reich.

Berlin, 10. April. Oesterliche* Ruhe herrscht in den Gefilden der inneren Politik- verstummt sind einst­weilen die mehr oder minder wichtigen Fragen, welche bis­lang im Reichstage und nicht selten auch in der preußischen Volksvertretung tractirt worden find. Nur die brennende Angelegenheit derUmsturz-Vorlage" hat noch bis in die Vorwoche des Festem hinein ihre Kreise gezogen, da sich BundeSrath und preußisches Staatsministerium in ihren letzten Sitzungen eingehend mit dem Entwürfe des Umsturz gesetzes infolge der enbgiltigen Commisstonsbeschlüffe hie über beschäftigt haben sollen. Welche Stellung indessen die Re­gierung schließlich zu dem Entwürfe in seiner jetzigen Gestalt einnehmen wird, das muß noch dahingestellt bleiben; ver- muthlich sind entsprechende definitive Erklärungen von der Regierung bei der nach Ostern beginnenden zweiten Plenar­lesung derUmsturz-Vorlage" im Reichstage zu erwarten. Ziemlich still ist es auch von dem zur Zeit in einer Corn Mission deS Reichstage schlummernden Anträge Kanitz geworden, lediglich bei der tm Wahlkreise Eisenach-Dermbach ftttttgefunbenen Reichstagsnachwahl hat er noch eine hervor­ragende Rolle- gespielt. Seinen Anhängern im genannten Wahlkreise ist immerhin die Genugthuung geworden, daß der vom Bunde der Landwirthe präsentirte Candidat, Röficke, | mit dem freisinnigen Candidaien, dem bisherigen Abgeord­neten Casselmann, in die am 19. d. M. stattfindende Stich­wahl gelangt. Zum Abschlüsse gelangt sind ferner die erregten

Erörterungen in der öffentlichen Meinung über baß bekannte Rei chstagövotum in Sachen ber Bismarckehrung, ein ferneres Hinausspinnen ber DiScussion über diesen leibigen Vorgang würbe allerbingS auch keinen rechte» Zweck mehr haben. Allgemeine Genugthuung giebt sich über baß Erkenntniß beß kaiserlichen DißciplinargerichtShofeS zu Leipzig kund, burch weicheß der bißherige Kanzler Leist von Kamerun wegen der von ihm auf feinem colonialen Posten begangenen fcanbalöfen Außfchreitungen zur Dienstentlassung verurtheilt worden ist. Der Leipziger Gerichtßhof hat mit feinem Urtheile dem Empfinden beß Volkeß in biefer tiefbebauerlichen Affaire unstreitig weit mehr entsprochen, alß bieß von bem viel mtlberen Spruch ber Potßdamer DiSciplinarkammer gelten durfte. Ein nicht unbebeutenbeß Aufsehen erregt berFall" beß Chesredacteurß berKreuzzeitung" unb conservativen ReichßtagSabgeorbneten Freiherrn v. Hamm er stein, da ihm in verschiedenen Blättern verschiedene ehrenrührige Dinge mit einer gewissen Bestimmtheit nachgesagt worben ftnb. Herr v. Hammerstein will die betreffenden Zeitungen gerichtlich belangen.

Der Entwurf beß bem BunbeSrathe zugegangenen Börsengesetzeß wirb in Berliner Blättern veröffentlicht. Derselbe weist 74 Paragraphen in sechs Abschnitten auf. Der erste Abschnitt handelt allgemein von ber Börse und ihren Organen, der zweite bezieht sich auf baß Maklerwefen unb die CourSfeststellung, während der dritte die Bestimm­ungen über die Zulassung von Werthpapieren enthält. Der vierte Abschnitt betrifft den Terminhandel, der fünfte die CommissionSgeschäste, der fechßte Abschnitt umfaßt die Straf­bestimmungen.

Die Polenfraction des Reichstages soll ihre Haltung gegenüber derUmsturz-Vorlage" wiederum geändert haben, heißt jetzt, sie würde gegen den Entwurf in feiner durch die Commission erhaltenen Faffung stimmen.

Aus FriedrichSruh wird gemeldet, baß baß Bef inben beß Fürsten Bismarck infolge ber vielen großen Anstrengungen ber letzten Zeit boch ettoaß zu wünschen übrig lasse. Wie aus seiner Umgebung verlautet, erscheint daher fraglich, ob die noch angemeldeten Deputationen alle von ihm empfangen werden können. Am letzte» Montag hatte der Altreichskanzler den Massenbesuch ber Lehrer ber höheren Schulanstalten Preußens empfangen, wobei er sich toicöerum in sehr bemerkenswerthen unb markigen Auslassungen erging.

CocaUs nnö provinjicUcs,

n. Stammheim, 9. April. Bei ber heute hier statt- gehabten Wahl eines Beigeordneten wurde ber hiesige Gast- wirth unb Metzger Karl Musch mit 58 Stimmen gewählt.

Feuilleton.

FrühUngsspsjiergänge in Merhessrn.

F. Eine Hast unb Unrast hat sich oer Menschen bemäch­tigt, wie nie zuvor. Man verlobt sich per Telephon unb schließt Ehen im Luftballon ist aber in ber Regel auch barnach. Für einfache Genüsse haben viele feinen Sinn mehr, Uebertreibungcn sinb an ber Tagesordnung, die Ge­diegenheit geht verloren. Goethe machte mit feinem Vater von Frankfurt aus Spaziergänge in den Taunus unb toieber zurück, ohne baß beibe auf einer solchen Tour, die hin unb her 5 bis 6 Stunben (25 bis 30 Kilometer) umfaßte, etwas verzehrten. Das sollte man heutzutage Jernanben zurnuthen, man würde schön ankommen.

Für die Schönheiten unseres engeren Vaterlandes haben manche Leute nicht viel übrig. Es gibt aber Parthien in unserer Provinz, die sehr wohl verdienen, bekannt zu werden, und zwar aus mehrfachen Gründen, nämlich: sie erfordern nicht viel Zeit, sie find nicht anstrengend, sie tznd lohnend, sie sind nicht theuer. Eine solche Tour möchten wir dem freundlichen Leser verrathen; sie muß im Vorfrühling gemacht werden, weil Stellen vorkommen, die nicht besonders schattig find, die Sonne darf also noch nicht zu arg brücken.

Man nimmt auf ber Gießen Gelnhäuser Bahn zu bem Zuge um 7 Uhr 35 Min. (also eine sehr bequeme Zeit) ein ' Retourbillet nach Stockheim, wo man um 9 Uhr. 3 Min. landet. Das Dorf wird durchschritten unb bis zur Zucker- i fabrik marschirt, welchem Etablissement gegenüber ein i refpeciableß WirthShaus zum Frühstücken einläbt. Ist letzteres ! besorgt, so burchschreitet man den Wirthsgarten hinauf nach dem Glauberge (ClaudiuSburg?). Nach einigen hundert

Schritten schon befindet man sich in herrlichem Laubwalde, in weichem der Weg sehr bequem biß zum Gipfel, einem noch ziemlich gut erhaltenen Rmgwalle, hinonführt. Sonniges Wetter vorausgefetzr, bietet sich hier ein reizender Anblick. Am Fuße des Berges liegt Glauberg vnb etwas weiter süd­lich Enzheim. Nach Westen präsentiren sich Heegheim unb Rodenbach, etwas südwestlich Altenstadt, Höchst a. d. Nidder unb Oberau. Dicht bei Enzheim im Nidoerthale behnt sich das durch seine Hexenprocesse berühmt gewordene Lindheim aus, von dem eine fchnurgrade Pappelallee nach dem zwanzig Minuten südlicher gelegenen Hainchen führt. Zur Linken des Beschauers nach Südosten zieht sich daß Seemenbachthal hinauf. Die Dörfer Düdelßheim, Rohrbach und Bücheß grüßen freundlich herüber. Die Kreisstadt Büdingen wird größtentheilS durch den bei Büches vorspringenden Berg ver- dcckr. Wie herrliche Gärten breiten sich baß Nibber- unb Seemenbachthal zu Füßen bcs Besäauers auß.

Nun geht es abwärts unb zwar ziemlich steil, aber das will nichts heißen, selbst Damen werben bie Schwierigkeit ohne große Anstrengung überwinden. Ist die Straße er­reicht, so geht man sie nach Süden weiter, durchschreitet Enzheim und erreicht Lindheim, welches sich für ein Dorf sehr vortheilhaft präfentirt. Der Weg führt an der Haus- haltungSschule vorüber rechts in das Dorf; am zweiten Hause links frage man nach dem Hexenthurme, dessen Besich­tigung bereitwilligst gestattet wird. Wegen Baufälligkeit ist das Besteigen verboten. Man gehe nach bem Besuche des Hexenthurmeß noch einige hundert Schritte in baß Dörslein hinein bis aus bie Nidberbrücke unb betrachte sich von dieser aus bas köstliche Bllbchen, welches bie Mühle, bie Kirche unb das Flüßchen, im Hintergrunbe ein kleiner Park mit schönen Baumgruppen bilbtn; stanb in ben 80er Jahren

in berGartenlaube". Noch einige Schritte weiter finbet ber Wanbererbie Poft" unbben Stern", zwei länbliche billige Gasthäuser.

Von Lindheim führt bie große Straß; südlich wie bereits bemerkt nach Hainchen. Man frage in ber Mitte des Dorfes nach bem Fußpfade, der über ben Kirschenberg nach Himbach unb Eckartshausen führt. Die schöne neue Kirche dieses Dorfes grüßt schon von Weitem herüber. Vor bem Dorfe biege man rechts ab nach bem zehn Minuten entfernt liegenben Weiler Marienborn (Mergenbrunn), ehe­mals ein Nonnenkloster, welches vom Herrenhaag wegen Wassermangel nach Marienborn verlegt würbe. Graf Karl August von Isenburg-Marienborn baute hier ein Schloß, welches später da bie Linie Isenburg-Marienborn mit ihrem Stifter toieber erlosch von Gras Zinzendors, bem berühmten Stifter ber Brüdergemeinde, längere Jahre be­wohnt wurde, im Jahre 1890 ober wegen Baufälligkeit ab­gebrochen werden mußte. Die Dörfer in jener Gegend zeigen heute noch Neigung für die Zinzendorfschen Lehren. Das Marienborner Kloster war ein feines Damenstift, in welchem viele Töchter des Wetterauer Adels, aus Frankfurt unb weiter her erzogen unb gebtlbet würben. Die Re­formation machte btefem, wie vielen anberen ähnlichen Stiften, ein Ende. Die Umfassungsmauern der Kloster­kirche sind noch vorhanden, interessante Grabsteine, wie z. B. derjenige des Stifters des Jsenburgifchen HaufeS, Ludwigj. von Isenburg und feiner Gemahlin Hedwig von Büdingen, der Grabstein einer Gräfin von Erbach, von Solms u. s. w. stehen umher oder liegen in Stücke geborsten auf dem Boden zerstreut. Brennesieln, Disteln unb anderes Untraut wuchert in allen Ecken unb aus ben Ritzen hervor. Es ist schade, daß die interessanten unb