Sonntag den 11. August
Zweites Blatt
1898
Nr. 187
Meßmer Anzeiger
Keneral-Unzeiger.
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Das Steigen der Lederpreise.
Seit Kurzem macht sich auf dem europäischen Leder» markte eine recht beträchtliche Preissteigerung bemerklich, die vielfach schon eine mehr oder minder bedeutende Der- euerung des Schuhwerkes und somit eines allgemeinen Bedarfsartikels zur Folge gehabt hat. Es handelt sich demnach bet dieser plötzlichen Leder-Hausie um eine wirtschaft' liche Erscheinung, bei welcher die weitesten Volkskreise in Mitleidenschaft gezogen werden, geradezu so, wie dies auch bei der noch immer nicht ganz behobenen Preissteigerung des Petroleums der Fall war, es dürfen daher die Ursachen dieser bedeutenden Preiserhöhung für Leder allgemein inter- esfiren. Genannte Erscheinung geht von Amerika aus und ist ursprünglich, wiedie„B.-A. Hols.-Zig." mttzutheilen weiß, auf die Vermehrung der Schlachtungen von Rindvieh zurückzuführen, welche ihrerseits infolge der Steigerung der Rindfletschpreise in den Vereinigten Staaten bewirkt worden war. Diese starken Schlachtungen riesen zunächst einen Ueberfluß an Häuten hervor, sie hatten jedoch gleichzeitig eine erhebliche Abnahme der Rindviehheerden zur Folge, und hieraus resultirte dann später auch eine beträchtliche Knappheit und Theuerung in Häuten. Letzterer Umstand aber kam natürlich dem in Nordamerika bestehenden Lederrtng, der wirthschaft- ltchen Vereinigung von etwa drei Viertel aller Gerber und weiter aller Ledermakler und Lederhändler der Vereinigten Staaten, außerordentlich zu Gute. Es gelang diesem „Trust" oder Ring, die Preisbestimmung für Häute wie für Leder in die Hand zu bekommen, was u. A. zur Folge hatte, daß die Vorräthe der dem Ring nicht angehörenden Gerber u. s. w. sich von noch ca. 150000 Stück im vorigen Jahre auf kaum 10 000 Stück in diesem Jahre verringerten. Der Lederring verfügt also über den bei Weitem größten Theil der vor- räthigen Häute in den Vereinigten Staaten, er kann demnach beliebig den Preis für dieselben und somit auch für Rohleder steigern. Zudem controllirt der Ring die beiden größten Häutemärkte von Südamerika, diejenigen von Buenos- AyreS und Montevideo, und es gehen ihm allwöchentlich für eigene Rechnung von dort große Sendungen Häute zu, die an Ort und Stelle von einigen seiner Vertreter aufgekauft werden. Nicht wenige der noch unabhängigen Gerber der Bereinigten Staaten haben sich gezwungen gesehen, entweder den Betrieb ganz einzustellen, oder die Production einzuschränken, da ihnen die Beschaffnng einer genügenden Zahl Häute nicht möglich ist. Es ist demnach zu erwarten, daß die argentinischen Rindshäute auch noch auf längerer Zeit hinaus erhöhte Preise erzielen und daß dieselben alsdann noch weiterhin die Ausrechterhaltung der auf dem Ledermarkte eingetretenen Hausse bewirken werden. Wir müssen uas in Europa also darauf gefaßt machen, daß eine mehr oder minder empfindliche Theuerung sowohl für Schuhwaaren, also auch für fast alle anderen Lederartikel eintritt z wenn inzwischen nicht plötzlich wieder günstigere Conjuncturen für die Consuwenten in der amerikanischen Häute ° Production Platz greifen sollten. Schlimmsten Falles wird indessen der amerikanische Lederring sein Ausbeutungssystem aus ganz
natürlichen Ursachen nicht allzulange aufrechtzuerhalten vermögen.
* Karlsruhe, 8. August. In Triberg wurde der 27 Jahre alte Mechaniker Hummel unter der Beschuldigung, falsche Ein- und Zweimarkstücke verfertigt und ausgegeben zu haben, verhaftet. Die schlecht gemachten Geldstücke zeigen verschiedene Jahreszahlen.
* Für die Eroberung der ersten feindlichen Fahne waren zu Anfang des großen Krieges von verschiedenen Patrioten Ehrengaben gestiftet worden. Der Glückliche, dem alle diese Ehrengaben nach amtlicher Feststellung des ThatbestandeS überreicht werden konnten, war der Musketier Ernst Wickel aus Gotha, welcher den glorreichen Feldzug beim 1. Bataillon deS 6. Thüringischen Infanterie-Regiments Nr. 95 mitmachte. Am 5. October 1872 wurden denn nach längeren Untersuchungen dem Musketier Ernst Wickel auf dem Landwehr- BataillonS-Bureau zu Gotha von dem Königlichen preußischen Generalstabe sämmtliche Ehrengaben überreicht. Dieselben bestanden in einer Summe Geldes von 1619 Thaleru, einer silbernen Ankeruhr und 42 Thalern für seine Familie; außerdem hatte er schon vom Commando der 22. Division eine Gratificalion von zehn Thalern erhalten. Für sein braves Verhalten erhielt Wickel das eiserne Kreuz zweiter Klaffe und die Medaille des herzoglich sächsischen HausordenS. Von dem preußischen Kriegsministerium empfing das erste Bataillon des 95. Infanterie-Regiments eine Summe von 1500 Thlrn., die zur Unterstützung von Unteroffiziersfamilien in Krankheitsfällen verwandt wird. Die von dem Musketier Wickel erorberte Fahne erhielt obigeS Bataillon. Die Eroberung geschah am 6. August in der denkwürdigen Schlacht bet Wörth; es war die Fahne einer Turco-Compagnie; sie hatte eine Höhe von 50 Centimetern und eine Breite von 62 Centi- metern; die Grundfarbe war ponceauroth, 5 Zentimeter breite, blaue Streifen umrahmten das Grundtuch; in jeder Ecke befand sich ein Halbmond und in der Mitte eine offene, nach oben gerichtete Hand. Das Fahnentuch umschloß einen starken Schaft, an den es mit weißen Kopfnägeln befestigt war; durch den Schaft hindurch zog sich ein eiserner Stab, mit welchem wahrscheinlich das Feldzeichen auf dem Gewehrlaufe befestigt ward. Der Schaft endete in einer Kugel, über der ein Halbmond thronte. Die Spitze des Schaftes, Kugel und Halbmond waren aus Messing.
♦ Technikum Mittweida. Im verflossenen 28. Schuljahre zählte das Technikum Mittweida (Kgr. Sachsen) 1606 Besuchck, welche in den Abheilungen für Maschinen- Jngenteure und Electrotechniker bez. in der für Werkmeister ihren Studien oblagen. Das Technikum ist eine staatlich beaufsichtigte, höhere technische Fachschule für Unbildung im gesammten Maschinenbau und -er Electrotechnik. Durch das mit der Anstalt verbundene electrotechntsche Institut, mit seinen der Neuzeit angepaßten Einrichtungen, Laboratorien und Maschinenräumen, kann der Bedeutung der Electrotechnik für die technische Wissenschaft entsprechend, der
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Unterricht in derselben in befriedigender Weise Berücksichtigung finden. Der Unterricht für das nächste Winterhalbjahr beginnt am 14. October und der unentgeltliche Vorunterricht dazu bereits am 23. September 1895. Nähere Aufklärungen über Z'el und Wesen der verschiedenen Lehrpläne, über Erwerbung des Maschinen Ingenieur Zeugnisses, Electrotechniker- Zeugnisses, Werkmeister-Zeugnisses rc. ersieht man im Programm der Anstalt, welches mit Bericht kostenlos vom Secretariat des Technikums abgegeben wird.
* Alte Korsetts. Aus Paris schreibt man dem „Wiener Fremdenblatt": Dem von dem Vereine „Hilfe durch die Arbeit" soeben versendeten Monatsausweise ist zu entnehmen, daß die zur Aufnahme von alten Corsetts in der Rue des Saints Peres angebrachte Sammelbüchse sich glänzend bewährte. Seit dem l.Jult wurden etwa tausend CorsettS, darunter einige von echten Pariser Meistern „gezeichnete", in die Büchse geworfen. In den Werkstätten der ,Hilfe durch die Arbeit" werden diese Mieder zertrennt und daS Fischbein wird für bie Bürstenfabrikation hergerichtet. Der Leiter der Anstalt sieht sich durch diesen Erfolg veranlaßt, nun auch an anderen Punkten der Stadt Sammelkäften anbringen zu lassen und die Propaganda auch auf die Provinz auSzudehnen.
♦ Der reichste Student in den Vereinigten Staaten, wenn nicht in der ganzen Welt, schreibt der „Louisville Anzeiger", dürfte ein gewisser Walter S. Hobart fein, der die Harpard-Universität besucht und dessen „Monatswechsel" fich auf 200,000 Mk. belaufen.________________
Verkehr, rrird Volk» roirth schäft.
— In den letzten Nummern mehrerer VersicherungL - Zeitschriften wird darauf aufmerksam gemacht, baß die Kölnische Unfall-VerstcherungS-Aciten-Gesellschaft, die von jeher darauf bedacht gewesen sei, alle an sie herantretenden Wünsche des Publikums unter den lioeralsten Bedingungen zu befriedigen, und daher außer dem allgemeinen Haftpflicht-Versicherungsschutz für gewerbliche (industrielle und landwtrthschaftliche) Unternehmen aller Art schon eine besondere Haftpflicht Versicherung für Haus- und Grundbesitzer sowie für Jäger, Schützen und Schußwaffenbesitzer eingesührt habe, nunmehr auch Dienstherrschaften und Eigenthümern (Besitzern) von Wagen, Pferden und Hunden geaen die Folgen der ihnen in dieser Eigenschaft gesetzlich obliegenden Haftpflicht bet äußerst geringen Prämtensätzen Haftpflicht-Versicherungsschutz gewähre. Der weniger Eingeweihte, welcher diese Anzeigen gelesen hat, konnte naturgemäß leicht zu der Ansicht gelangen, daß die Kölnische Unfall-Versicherungs- Actten-Gesellschaft die erste und zur Zeit auch die einzige Gesellschaft fei, welche sich die Aufgabe gestellt habe, das Pub ikum durch Gewährung der Haftpflicht-Versicherung insbesondere gegen die zuletzt erwähnten Risiken vor nachtheiligen Zufälligkeiten und deren Folgen zu schützen.
Es sei demgegenüber darauf hingewtesen, daß der Allgemeine Deutsche Bersicherung» - Verein in Stuttgart sämmtliche Zweige der Haftpflicht - Verficherung, welche z. Zt. oon den Eon- cnrrenz-Gesellschaften betrieben werden, nicht allein sch n seit Jahren dielet, sondern daß derselbe diese Versicherungsarten überhaupt und zwar schon im Jahre 1885 eingesührt bat. Der Stuttgarter Verein erstreckt außerdtm seine Haftpflicht-Versicherung aus alle und jede Haftbarkeit, ohne Rücksicht darauf, ob dieselbe durch Unfall, Kranthett oder Sachbeschädigung entstanden ist. Er gewährt seinen Mitgliedern die größtmöglichsten Vortheile und überragt bezüglich der Höhe des Verstcherungsstandes und der Prämien-Einnahme die Concurrenz - Gesellschaften bei Weitem.
Feuilleton.
Leiden und Thsien der Feldpost 1870171.
Bon Emil Engelke in der „Magdb. Ztg." erzählt.
Allüberall flammt in diesem Jahre wieder in deutschen Landen die Begeisterung auf bei dem Gedanken der glorreichen Siege, die daS deutsche Volk vor 25 Jahren errungen. Aber nur Wenige denken neben den ruhmvollen Thaten, neben den wilden Kämpfen und Schlachten auch der stillen rastlosen Arbeit Derer, die in dieser schweren Zeit den Verkehr zwischen dem Volk in Waffen und der lieben Heimath, für die eö kämpfte, vermittelten.
Die enorme Arbeitsleistung, die die Feldpost unter den denkbar schwierigsten Verhältniffen verrichtete, kann eigentlich nur ein Fachmann würdigen. Wenn wir lesen, daß bie Feldpost bis zum 31. März 1871 an gewöhnlichen Briefen 89,659 000 Stück, 2,354,210 Zeitungen, 43,023,460 Thaler dienstlicher und 16,842,460 Thaler privater Gelder, sowie 125 916 dienstliche und 1,853,686 private Packete beförderte, so stehen wir derartigen Zahlen mit derselben naiv bewundernden Ehrfurcht gegenüber, wie wenn wir hören, daß die Erde von der Sonne 20 Millionen Meilen entfernt ist. Aber verstehen können wir es, welche Umsicht, Energie und auch persönliche Tapferkeit dazu gehörte, um allen Schwierigkeiten, die sich der friedlichen Arbeit entgegenthürmten, und der Gefahren, mit denen sie unablässig zu rechnen und auch zu kämpfen hatte, Herr zu werden.
Soweit man sich auf die Schwierigkeiten vorbereiten
konnte, ging ja alleS; Herr Stephan, der jugendliche Generalpostdirector bekam es sogar fertig, seine Truppen statt in den ihm bewilligten 14 Tagen in 9 Tagen zu mobilifiren. Und das war nicht leicht; sollte doch der Dienst in der Heimath nicht leiden, obwohl 4000 geschulte Beamte, späterhin sogar 5900, dem Dienste entzogen werden mußten. Aber bei der freudigen Bereitwilligkeit, mit der jeder eine oft doppelte Arbeit leistete, ließ sich auch daS ermöglichen.
Aber die Hauptschwierigkeiten begannen erst, als es galt, den Verkehr zwischen der schnell in Feindesland vorgedrungenen Armee und der deutschen Heimath bis hin in die entlegensten ostpreußischen Orte herzustellen. Gleich der hereinbrechenden Gewalt eines Naturereigniffes vollzog fich der völlige Umschwung des sonstigen gewohnten BeförderungssyftemS; die Hauptverkehrsadern stockten, daS gesammte postalische Netz in seinen weiten Verzweigungen war plötzlich zerrissen. Und doch wurde niemals eine möglichst schnelle Beförderung von Nachrichten so heiß ersehnt, wie gerade in jener Zeit. Freudiger und in gehobenerer Stimmung zog der Soldat in den Streit, wenn ihm die Feldpost vorher die Nachricht von dem Wohle seiner Lieben zu Hause gebracht hatte; und war dann die blutige Schlacht geschlagen, so wollte er wieder so rasch wie irgend möglich die Nachricht nach Hause gelangen taffen, daß ein neuer Sieg errungen, er selbst aber ohne schwere Verwundung aus dem Kampfe hervorgegangen.
Da Deutschland allmählich über eine Million Streiter inS Feld schickte, so kann man ermessen, welche Dimensionen der Verkehr annehmen mußte. Die Feldpost hatte nicht nur den guten Willen, allen Wünschen gerecht zu werden, sie
hatte auch die nöthige Zahl Beamten und leidlich genügendes Material zur Beförderung; und doch war es, namentlich in der ersten Zeit, häufig völlig unmöglich. So lange die Truppen noch starke Marschbewegungen machten, dauerte es Immer eine geraume Zeit, ehe die Feldpost über den Aufenthaltsort der einzelnen Compagnien unterrichtet war; ja, zuweilen wurde sogar militärischerseits der Briefverkehr vier bis fünf Tage völlig verboten, um jede Spionagewtrkung über die Truppenbewegungen zu verhindern. Dann murrte das Publikum, denn Unruhe und Beängstigung waren unausbleiblich. Aber selbst wenn keine derartigen Befehle Vorlagen, war die Aufenthaltsfeststellung mit großen Schwierigkeiten verbunden, denn die Telegraphenlinien waren so durch wichtige dienstliche Depeschen in Anspruch genommen, daß andere Depeschen oft längere Zeit als ein Brief brauchten, um an ihren Bestimmungsort zu gelangen. Endlich aber, am 31. Juli, hatte die Poft ein vollständiges Ortsverzeichnis das durch regelmäßige tägliche Aenderuvgen ergänzt wurde.
Nun wäre der Briefverkehr vielleicht leidlich regelmäßig zu regeln gewesen, da bereitete das Publikum selbst schwere Unzuträglichketten. Die Erlaubniß, alle Briese portofrei und zwar bis zu einem Gewicht von einem halben Pfund senden zu können, wurde in der löblichsten Absicht gemiß- braucht. Man schickte an tausend Cigarren an eine Adresse, man schickte Cognac, Wein, Eier, Wurst als „Brief". — Man denke nur, was ein Briefträger leiden müßte, wenn er statt zweihundert Briefe auch nur die Hälfte Halbpfund- cartonS befördern muß. AuS .Berlin gingen an einem
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