Nr. 134 Awettes Blatt. Dienstag den 11. Zimi
189«
Der
Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener
A-mittenStLIIer «erden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Gießener Anzeig er
Kenerat-Mnzeiger.
vierteljähriger AVsnnementspreiL» 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn.
Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.
Redaction, Expedition und Druckerei:
Kchutstraße Zlr.7.
Fernsprecher 51.
Amts» und Anzeiseblatt für den Kreis Gieren.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den Hratisßeikage: Hießener Kamitienökätter.! eigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. folgenden Tag erscheinenden Nummer br- Dorm. 10 Uhr. | ö fg __________________________
Amtliche* Theil.
Bekanntmachung, betreffend: Die Verlegung der Ersten Deutschen CautionS- und Allgemeinen Versicherungs-Anstalt „Fides" von Mannheim nach Berlin.
ES wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die Erste Deutsche CautionS- und Allgemeine Versicherungs- Anstalt „Fides", deren Geschäftsbetrieb sich nunmehr auf CautionSversicherung, Einbruchs-Diebftahlsversicherung, Unfallversicherung, Sterbekaffe-, Aussteuer- und Altersversorgungs- Versicherung erstreckt, ihren Sitz von Mannheim nach Berlin verlegt hat.
Gießen, den 7. Juni 1895.
Großherzogliches Kreis amt Gießen.
von Gagern. ________
Bekanntmachung.
Die Mitglieder des zur Abstellung des Bettels gegründeten Unterstützungsvereins (Armenverein) in Gießen werden hierdurch aus Dienstag, 18. Juni 1895, Vormittags lF/3 Uhr, in das Regierungsgebäude zur jährlichen General- Versammlung eingeladen.
TageS-Ordnung.
1) Neuwahl für die ausscheidende Hälfte der Ausschuß- Mitglieder.
2) Vorlage der Rechnung sür das Jahr 1894.
3) Feststellung des neuen Voranschlags.
Gießen, den 7. Juni 1895.
Für den Ausschuß: von Gagern.
Deutscher Reich.
Berlin. 8. Juni. Der Kaiser hat in diesen Tagen anläßlich seines jüngsten Besuches in Kiel die Vorbereitungen für die Einweihung des Nord-Ostsee-Canals sowie den Canal selbst einer letzten Besichtigung unterzogen. Am Montag früh gedachte der erlauchte Monarch von dem Kieler Ausflug wieder im Neuen Palais bei Potsdam einzutreffen, um dann den größeren Cavallerie-Besichtigungen und -Uebungen betzuwohnen, welche in den Tagen vom 10. bis mit 14. Juni auf dem Bornstedter und dem Tempelhofer Felde stattfinden. Hierbei wird auf Einladung des Kaisers auch Erzherzog Franz Salvator von Oesterreich zugegen sein, deffen Ankunft im Neuen Palais noch im Laufe des Sonntags
(
4000 Stück verflogen haben.
Vermischtes.
erwartet wurde. — Vom Kaiser ist jetzt die Entscheidung in der Frage der Einführung neuer Ausrüstungsund Bekleidungsstücke für das Heer getroffen worden. Auf Grund der ihm vorgelegten Proben hat der Monarch eine Reihe von Veränderungen in der Ausrüstung wie in der Bekleidung der Fußtruppen verfügt und sollen diese Aenderungen nach Maßgabe der hierzu verfügbaren Mittel zur Ausführung gelangen. Das KriegSministertum ist angewiesen, daS Wettere zu veranlaffen.
Berlin, 8. Juni. Der Entwurf eines Gesetzes, betr. die Erleichterung des Personalere dits für die mittleren Stände, ist in den betreffenden Refforts deS preußischen Staatsministeriums noch keineswegs völlig fertiggestellt. ES läßt sich daher auch noch nicht bestimmt sagen, wann etwa diese Vorlage dem Landtage zugehen würde, nur soll sie demselben auf alle Fälle noch in der gegenwärtigen Tagung unterbreitet werden; sollte die Regierung an diesen Dispositionen festhalten, so wäre der Landtagsschluß sicherlich nicht vor Ende Juni zu erwarten. In Abgeordnetenkreisen hatte man die Hoffnung ausgesprochen, daß sich ein beschleunigter Schluß der Session herbetführen lassen würde, wenn es gelingen sollte, die Specialberathung des Stempelsteuergesetzes in etwa drei Sitzungen zu erledigen. Selbst wenn aber letzteres der Fall sein sollte, so würde doch unter allen Umständen die Berathung der signaltfirten Vorlage über den Personalcredit dem Projecte eines Schlusses der LandtagSsesfion vielleicht schon am 18. d. M. entschieden entgegenstehen.
nebst den beiden Bischöfen, Herren Korum von Trier und Koppes von Luxemburg im großen Ornate, die beiden letzteren die Bischofsstäbe in der linken Hand tragend und mit der rechten die gläubige Menge segnend. An sie schlossen sich dann die Springer an, welche drei kleine Schritte vor- und dann wieder zwei Schritte zurücksprangen. Um beim Rückwärtsspringen das Gleichgewicht nicht zu verlieren und dem Ganzen einen sicheren Halt zu geben, hängen sich die Springenden zu sechs oder acht in die Arme oder halten sich
Schöffengerichtssitzung als Sühne für ihre Unvorsichtigkeit eine Haftftrafe von acht Tagen zudictirt. Da die Strafe durch die erlittene Untersuchungshaft bereits verbüßt war, wurde der braunen Donna alsbald die Freiheit geschenkt.
Nidda, 6. Juni. Gestern statteten 150 Waisenkinder aus Frankfurt dem nahen Bade Salzhausen unter angemeffener Führung einen Besuch ab. Daselbst wurden die Kinder reichlich regalirt. Sie verbrachten den ganzen Tag in dem reizenden Kurorte und kehrten erst am Abende per Bahn nach Frankfurt zurück. Dieser Besuch wiederholt sich alljährlich im Sommer. Die Kinder verdanken dieses Ausflugsvergnügen der Hochherzigkeit eines reichen Testators, der die Mittel aus seiner Hinterlassenschaft für die Fahrt und die vollständige Verköstigung der Waisenkinder
■ testamentarisch bewilligte.
Altenhaiu, 5. Juni. Herr Karl Rahn dahier bemerkte ; am 1., 2. und 3. Juni auf seinem Dache noch eine Brieftaube. Er konnte ihrer jedoch nicht habhaft werden, da sie nicht in den Schlag ging. Mit feinem guten Fernrohre ! konnte er die Schrift auf dem.Fußring, welche „Hahneberg hieß, entziffern. ES wird vermuthet, daß die Tauben sich von einer kürzlich in Friedberg losgelaffenen Anzahl von
Grünberg, 5. Juni. Bet den Ausgrabungen, welche gegenwärtig zur Rohrlegung für unsere Wasserleitung auf dem Kirchenplatze vorgenommen werden, kommen eine Menge Schädel-, Arm- und Beinknochen zum Vorschein. Dieselben rühren jedenfalls'von-dem um die ehemalige Kirche befindlichen Begräbnißorte her. Der Umstand, daß die Gebeine an manchen Stellen maffenhaft zu Tage gefördert, ........ -- - _ - • CSprrp„
werden, läßt fich wohl daraus erklären, daß der Inhalt der , Utrecht, singend. Ihnen folgten einige 60 geistliche Herren bei der Errichtung von Bauten auf dem früheren Friedhöfe aufgedeckten Gräber gesammelt und in einer oder mehreren Gruben wieder beigesetzt wurde. Die Annahme, daß man es hier mit Massengräbern zu thun hat, deren Inhalt von den Opfern einer Seuche — etwa der Pest, die vom Monat Juni bis September 1635 unsere Stadt heimsuchte und über 1200 Menschenleben forderte — herrührt, dürfte für un- wahrscheinlicher zu halten sein. — Der Zigeunerin, über deren Langfingeret wir kürzlich berichteten, wurde in heutiger
* Die Echteruacher Spriugprozesfiou hat am dritten Pfingstfeiertage in althergebrachter Weise stattgefunden. Ein katholischer Freund des „Wiesb. G.-Anz." schreibt darüber. Das Städtchen Echternach liegt auf der rechten Seite der „Sauer" im Großherzogthum Luxemburg. Der Stadt gegenüber liegt noch ein kleiner Theil derselben auf preußischem Gebiete, etwa 12 bis 15 Häuser. Beide Theile sind mit einer steinernen Brücke verbunden und haben etwa 3600 Einwohner. Punkt 9 Uhr setzte fich die Prozession in Bewegung . und gingen zunächst die Knaben und jungen Mädchen, dann \ eine große Anzahl Sänger, die Litanei zum hl. Willibrod, ; Gründer der Abtei Echternach und späterer Erzbischof von
Feuilleton.
Wochendriefe ans der Residenz.
(Originalbericht deS „Gießener Anzeiger".)
Z. Darmstadt, 8. Juni.
Pfingsten. — Vom Sommertheater. — Erbauung von Arbeiterwohuungen.
Der „wunderschöne Monat Mai" hat in diesem Jahre seinen Attributen alle Ehre gemacht und gerade dadurch in manchem Menschenherzen wohl Hoffnungen und Pläne entstehen lasten, deren Ausführung das Pfingstfest bringen sollte. Indessen Pfingsten lag nun einmal nicht mehr im Mai und der Juni beliebte sich nicht sofort mit jener heiteren freundlichen Miene zu präsentiren, die uns den Abschied von seinem Vorgänger so schwer gemacht hatte. Ein grauer und unfreundlicher Wolkenschleier verbarg sowohl am ersten, wie am zweiten Pfingsttag-Morgen die Sonne und feiner Regen rieselte unablässig vom Himmel, so daß von der traditionellen „Lieblichkeit" des Festes eigentlich recht wenig zu bemerken war. Jndesten, wir Deutsche sind nun einmal eine hartköpfige Nation und wenn gar der alte germanische Wandertrieb diese Köpfe beherrscht, dann können selbst Wolken und Regen die einmal gefaßten Pläne nicht umwerfen. So konnte man auch an beiden Festtagen schon früh Morgens Groß und Klein, Alt und Jung in feucht-fröhlicher Stimmung nach dem Walde oder der Bahn hin pilgern sehen, um die prachtvollen Ausflugsorte in der Nähe Darmstadts aufzusuchen, und zeigte sich auch auf den Gesichtern eine gewisse kühne Entschloffenheit, die erralhen ließ, daß man im ungünstigsten Falle bereit sei, den Kampf mit dem Regen aufzunehmen, so war doch jedes Herz von der festen Hoffnung erfüllt, daß Jupiter pluvius gerade in diesen Tagen wohl kaum seine feuchte Macht entfalten werde. In Wirklichkeit kam es auch so, was der Vormittag schnöde verweigert, brachte an beiden
Tagen der Nachmittag in verschwenderischer Fülle: heiteren Himmel und lieblichen Sonnenschein. So konnte es denn nicht fehlen, daß die Stadt saft verödet stand und in den umliegenden Orten des Odenwaldes und der Bergstraße ein geradezu beispielloses Gedränge herrschte. Auf den Straßen- und Eisenbahnen wurden Extrazüge etngeschoben und trotzdem war der Verkehr fast nichr zu bewältigen. Das alte Sprüch- wort: „Dem Muthigen gehört die Welt," hatte wieder ein- mal Recht behalten.
Einen vielversprechenden Anfang haben die Vorstellungen des Sommertheaters im städtischen Saalbau am Pfingst- Montag genommen. Gerade hier in Darmstadt ist es eine eigene Sache um ein Sommertheater, denn erstens ist, wenn auch der Gedanke um die Errichtung deffelben nicht, so doch die Ausführung noch recht neu, und nicht von Allen so ohne Weiteres gebilligt. Ihr Correspondent steht nicht auf dem vielleicht doch etwas sehr einseitigen Standpunkte. Weßhalb soll man nicht dem Publikum Gelegenheit geben, Überall bekannte Stücke, die ihres Inhalts wegen oder aus sonst irgend einem Grunde auf einer Hofbühne nichr aufgesührt werden können, auf andere Weise kennen zu lernen? Schaden kann unserem Hoftheater etwa durch Concurrenz rc. aus der Sommerbühne absolut nicht erwachsen, denn diese beginnt erst mit ihren Darbietungen, wenn jenes seine Pforten längst geschlossen hat. Umgekehrt kann es allerdings sein, und damit komme ich zu dem zweiten Umstand, der gerade hier in Darmstadt für die Leiter des neuen Unternehmens recht schwerwiegend in die Waagschale fällt. Unser Publikum ist verwöhnt in theatralischen Genüffen und wird stets in Versuchung gerathen, Parallelen zwischen den Leistungen beider Institute zu ziehen. Nun ist es ja selbstverständlich, daß die Kräfte, die den Directoren der Sommerbühne,, zur Verfügung stehen, den Vergleich mit denen unseres einheimischen Kunsttnstituts absolut nicht auszuhalten vermögen, erschwerend kommt dann noch hinzu, daß dieselben fast alle zum ersten
Male zusammen auftreten, daß also von einem festgefügten Ensemblesptel noch gar keine Rede eigentlich sein kann. Erwägt man das alles, so wird man ganz wohl begreifen, daß gerade die Eröffnungsvorstellung des neuen Unternehmens ein recht großes Rifico bedeutet. Nun, wie schon oben angedeutet, hat die Svmmerbühne diese Feuerprobe außer- ordentlich glänzend bestanden. Man gab Zellers dreiactige Operette „Der Obersteiger", wie ja gerade die leicht- geschürzeste der Musen auf der Saalbaubühne gefeiert werden soll, vor beinahe ausverkauftem Hause mit starkem äußeren Erfolge. Die Musik stellte das hiesige Jnfanterie-Leib-Garde- Regiment und fand sich mit seiner Aufgabe sehr zufriedenstellend ab. Ueber das Künstler-Ensemble werde ich noch des Oefteren zu. berichten haben, für heute will ich nur erwähnen, daß auch der in Gießen durch seine mehrjährige Thätigkeit am dortigen Neuen Theater wohlbekannte Schauspieler Carl Rupp sich bei demselben befindet und am vergangenen Montag in der Rolle des „Tschida" recht gut 9^%m vorigen Freitag hatte der Ausschuß der Central- anftalt für Wohnungs- und Arbeitsnachweis eine Versammlung einberufen zur Berathung der Frage wegen Gründung eines Bauvereins zur Errichtung von kleinen Mieth- Wohnungen für Arbeiter u. f. w. mit der Möglichkeit des EigenthumSerwerbes. Dem Rufe war recht zahlreich Folge geleistet worden, alle Schichten der Bevölkerung waren vertreten und gaben ihre Ansichten durch ihre Redner kund. Das Ergebniß der Berathung bestand in der Wahl eines AusschuffeS, an deffen Spitze Polizeirath Fey steht, zur Vorbereitung des Statuts, Sammlung von Zeichnungen rc. Hoffentlich zeitigt diese, ja auch in Gießen recht rege social- politische Bestrebung recht günstige Erfolge.


