Ausgabe 
10.11.1895 Drittes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Arme, klagt, daß sie sich heftig verbrannt, und bittet um ein Pflaster. Von allen Seiten regnen Münzen in den großen Schöpflöffel der Köchin, welche zuletzt, wenn der Rundgang bei allen Gästen stattgefunden, den Verband am verbrannten Arme löst und unter dem Jubel der Gäste durch die Thüre verschwindet. Vor dem Hochzeitshause wird Hochzeitsbrod an Diejenigen vertheilt, welche erscheinen, jedem, der vorüber­geht, wird ein großes Stück angeboten.

Nach dem Mittageffen wird Kaffee und Kuchen auf­getragen. Die Speisen bleiben auf den Tischen stehen, so daß sich letztere buchstäblich unter ihrer Last beugen. Nachdem der Kaffee eingenommen, ziehen die jungen Leute aus, um die Musikanten zu holen. Jeder Bursche trägt eine mit Wein gefüllte Flasche, wer ihnen begegnet, bekommt zu trinken.Gesundheit!" spricht Derjenige, welcher daS Glas empfängt.Wohl bekomm'«!" antwortet der Spender. Der Bräutigam begleitet die Ausziehenden,- er hat eine schnee­weiße Schürze vorgebunden und trägt einen großen, mit Wein gefüllten Bauchkrug, aus welchem er die geleerten Flaschen der Burschen mit neuem Stoffe versorgt. Mit Musik an der Spitze zieht die Jugend durch das ganze Dorf, Jauchzen und Jubeln unterbrechen oder mischen sich mit den musikalischen Vorträgen.

Die Jugend beginnt sogleich mit dem Tanze, wenn der Umzug durch das Dorf vorüber ist. Die Braut, welche still und bescheiden bei den älteren Frauen saß, wird nun ab­geholt und beginnt den Reigen mit dem Bräutigam. Nach und nach tanzt sie mit den übrigen Herren. Auch die älteren Frauen und Männer wagen zuweilen noch ein Tänzchen- dann heißt es gewöhnlich: Solo! Die Männer tanzen! Das junge Volk wartet nach diesem Befehle be­scheiden, bis die Reihe wieder an sie kommt. In der Regel tanzen die Alten nur einige wenige Male herum, weil sie aus der Uebung gekommen und daher leicht vom Schwindel befallen werden.

(Fortsetzung folgt).

SibNrik18.

'** 50 P ' Ä* b-r

"»S feti «8 Uh. ' iversität- 'vis, Went So. 26

'' 6 Uhr,

--------- liessen, nds 8 Uhr,

LUUg nrtslag. unpenhehn über ;en.

1 Familien werde i

instand, ooxxxx N«

rr in:

ü-Puppen, Strümpfen,

he etc. TK 968660t

4 e r

Ul |

teil Lokal H

Nr. 265 Drittes Blatt. Sonntag den 10. November

189«

Der Hiehtner Anjdflcr erfd)fint t ä g 11 di. mit Ausnahme drS Montags

Die Gießener Mamikieuvkiller werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

S iebener Anzeig er

Kenerat-Anzeiger.

Bierteljöbriger <Moraicmrr' -preUl

Ji.ul 2) ; mit

ikinfletlohn.

Durch öte Post b. jogen

2 Mark 50 Pfg.

Redaetion, Erplditio« und Druckerei:

-chulstrahe Kr.I«

Fernsprecher 51.

Aints- und Anzeigeblutt fiir den Ttveis Giefzen.

Hrattsöeikage: chießener Kamikienökätter.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Vorm. 10 Uhr.

Wie ein foeialistischer Staat vor fünf­hundert Jahren aussah.

ES ist eine gangbare Phrase unserer Soctalisten und Socialdemokraten, daß ihr Zukunftsstaat etwas ganz Neues sein, einen unendlichen Fortschritt vor der gegenwärtigen Staats- und Gesellschaftsordnung bedeuten würde. StaatS- wiffenschaftliche Theoretiker haben sich eine ganze Stufen­folge von Zeitaltern construirt, deren letzte das soctalistische sei, in daS wir mit der Verstaatlichung der Eisenbahnen und anderer privatwirthschaftlicher Betriebe bereits ein­getreten seien. Dieses socialistische Zeitalter bedeute die Krönung aller bisherigen Staatsformen und sei berufen, das gegenwärtigbürgerlich-demokratische Zeitalter" zu ersetzen. Die Geschichte, die große Lehrmeisterin für Vergangenheit und Zukunft und die sicherste Grundlage für jede Staats- und volkswirthschaftliche Kenntniß, spricht ein anderes, tieferes Wort, als jene focialistifchen Theoretiker.

Vor einigen Wochen ist eine Rostocker Doctor«Disser­tation erschienen, die objectio, in rein wiffenschaftlicher Form gehalten, von Bedeutung für den Werth und die Beurthei- lung gangbarer moderner, politischer und socialer Ideen und Zeitströmungen zu sein scheint. Ohne daß eS der Verfafler gewollt hat und ohne mit einem Wort auf Tagesereignisse anzuspielen, erbringt die den gewöhnlichen Umfang ähnlicher Arbeiten weit übersteigende Schrift aus einer längst ver­klungenen Zeit und aus einer unS ganz fremden Welt einen historischen Maßstab für die Werthschätzung socialisttscher und staatSsocialistischer Bestrebungen. Es ist schon seit langem bekannt, daß eine Reihe alter Volksstämme in genossenschaft­lichen Organisationen sich Staats- und Gesellschaftsformen geschaffen hatten, die man mit dem heutigen Wort als socia- listisch bezeichnen könnte. In der Schrift von Dr. Oscar Martens erhalten wir zum ersten Mal auf streng wissen­schaftlicher Grundlage eine erschöpfende Schilderung eines Staatswesens amerikanischer Indianer vor sünshundert Jahren, daS als ein streng staatSsocialistischeS bezeichnet werden muß. DaS Werk betitelt sich:Die geschichtliche Grundlage und die Hauptzüge in den politischen und socialen Zuständen des JnkaretchS Tahuantinsuyu auf dem südamerikanischen Hoch­lande." (Berlin, Emll Streisand, 1895 ) Dem Verfasser hat, so wird in der Vorrede auSgeführt, ein zehnjähriger Aufenthalt in den Staaten des ehemals spanischen Süd- Amerika das Interesse an der Geschichte jener Länder ge­weckt, und seine Darstellung verräth eher Liebe als Vor­eingenommenheit für eine alte, in Trümmer gegangene ILulturwclt. Nachdem die erste Hälfte des Buches den ge-

Feuilleton.

§adj|fib8tbtäudjr, Sitten und Traihttn im Gdcnmldk und im Md.

(2. Fortsetzung.)

Sobald der Zug in der Kirche angelangt ist, ertönt die Orgel und das Glockengeläute verstummt. Gewöhnlich wurde von den Schulkindern ein Choral gesungen. Nach der letzten Strophe erhob sich der Bräutigam, machte vor seinen Be­gleitern einen ehrerbietigen Kratzfuß, desgleichen einen vor der Braut und ihren Begleitern, welche rechts vom Altäre in den Frauenftühlen Platz nehmen, und trat vor den Altar. Nun erhob sich die Braut, knixte vor ihren Begleitern, schritt hinüber zu den Begleitern des Bräutigams, machte diesen ebenfalls einen Knix und begab sich dicht neben den Bräu tigam, so daß weder eine fremde Hand, noch irgend ein fremder Gegenstand oder Geist sich zwischen die jungen Ehe­leute jetzt oder dereinst zu drängen vermöchte. Beide Braut­leute versuchten alsdann, bis der Herr Pfarrer erschien und vor den Altar trat, einander die Fußspitze auf des anderen Schuhwerk zu setzen, denn eS geht die Sage: Diejenige Per­son, welche der anderen die Fußspitze während der Trauungs- feierlichkeit aus den Schuh zu setzen vermag, wird in dem zukünftigen Hausstande daS Regiment führen und dem andern überlegen fein. Kein Wunder! Wer bet einem so wichtigen Acte auf eine solche Kleinigkeit sein Augenmerk zu richten vermag, der ist eine ziemlich harte und herrische, vielleicht auch seichte und oberflächliche Natur, welche sich später daS Hausrecht zu wahren wissen wird. (Einem Freunde deS Schreibers dieser Zeilen hatte seine Bärbel während der Trauung die Fußspitze auf den Stiesel gesetzt. Am Tage nach der Hochzeit sprach der junge Mann:Bärbel, gehe zu Deinen Eltern zurück, zwischen unS beiden ist eS aus. Du willst Dich zum Herren im Hause machen, aber ich habe die Hosen an und gedenke sie mir auch von Dir

schichtlicheu Verlauf des Reiches dec Inkas auf dem Hoch­lande von Peru vou etwa 1250 bis 1532 behandelt hat, bietet uns die zweite Hälfte desselben in einem Querschnitt die Hauptzüge in den politischen und socialen Zuständen des Jnkareiches, wie sie zu einer bestimmten Zeit bestanden. Dieser Theil ist es, der das Interesse auch nicht gelehrter Kreise, insbesondere das unserer Politiker beanspruchen kann.

Der Staat der Inkas, der zeitweise eine Ausdehnung hatte, welche die des deutschen Reiches wesentlich überschritt, war ein Staat mit ausschließlicher Ackerbaucultur, mit völliger Aushebung des Privateigenthums an Grund und Boden. Von dem gesummten nutzbaren Lande war ein Drittel dem Volke zur Gewinnung des unmittelbaren Lebensunterhaltes zugewiesen und zwar so, daß ein bestimmtes Maß guten Maislandes auf den Kops kam, ein Drittel war für die Bedürfnisse deS Inka, der monarchischen Spitze des Staates, das letzte Drittel für die Bedürfnisse des CultuS und der Regierung bestimmt. Wuchs die Bevölkerung, so wurde bet der ersten besten Gelegenheit eine neue Provinz erobert und daS Land weiter ausgetheilr. Das Saatgut wurde von der Regierung zugewiesen, die in Nothjahren den völligen Unter­halt der Bevölkerung übernahm. ArbeitLpfltchtig für alle drei Drittel des Staatsgebietes waren alle Männer vom 25. bis 50. Lebensjahre mit ihren Frauen. Geld oder ein anderes Tauschmittel gab es nicht. Fast jeder mußte auch sein eigener Handwerker sein. Die Bewachung und polizei­liche Controlle der Bevölkerung ging bis ins Einzelne. Eine Reise durfte ein Staatsangehöriger nur auf könig­lichen Befehl machen. Die ganze Bevölkerung war fest an die Scholle gefesselt. D e Verhinderung der Freizügig­keit ging so weit, daß kein Staatsbewohner in eine andere Gemeinde hineinheirathrn durfte, weil dadurch die Verthei- lang des Landes gestört worden wäre. Die Indianer waren an eine bestimmte Kleiderordnung gebunden und mußten bet offenen Thüren ihre Mahlzeiten einnehmen, um den über­wachenden Beamten einen steten Einblick in ihr häusliches Leben zu ermöglichen. Selbst Kinder wurden, wenn sie un­artig waren, öffentlich und von rechtöwcgen bestraft, zugleich aber auch der Vater. Zur Ausrechthaltung einer derartig bis in d'e kleinsten Einzelheiten ceS täglichen Lebens fest­gesetzten staatlichen Ordnung war natürlich ein ungeheuer­licher Beamtenapparat nothwendig, der von der arbeitenden Bevölkerung mit ernährt werden mußte. Unter einem Volks- theil von taufend Familien, die wieder in aussteigenden Gruppen von zehn, fünfzig und hundert Familien eingeglte- dert waren, sunclionirten nicht weniger als 113 stufenweise einander übergeordnete Beamte. Fortwährend durchreisten

"WH

nicht abziehen zu lassen, obgleich Du mir gestern den Fuß auf den Stiesel gesetzt hast." Dazu machte er ein so bär­beißiges Gesicht, daß Bärbel erschrack und ausS Innigste versicherte, sie wolle niemals den Versuch machen, ihren Mann zu unterjochen. Bärbel hat Wort gehalten. DaS Paar kommt sehr gut miteinander auS, hat den 30jährigen Krieg zusammen gefeiert und besitzt eine stattliche Anzabl von Enkeln.)

Der Zug geht in derselben Ordnung zurück, wie er zur Kirche gegangen war. Im Hochzeitshauie hält man sich nur kurz auf, alles eilt nach Hause, um die ernste, schwere Kirchenklcidung mit bequemeren Anzügen zu vertauschen. Sind die Gäste alle wieder versammelt, so beginnt daS Hoch­zeitsmahl. Der Herr Pfarrer, wenn er sein Erscheinen zu­gesagt, erhält den Ehrenplatz und die besten Stücke. Fleisch- brühsuppe mit ReiS und Eiern, Ochsenfleisch mit Meerrettig und anderen Beilagen, Geflügel und Salat, Schinken und Würste machen ein kräftiges Mittagsmahl aus, Wein und Aepfelwein fließen in ©hörnen. Der Bräutigam sitzt nicht mir zu Tische- sondern hilft die Gäste bedienen und wacht, daß alles richtig inemander greift.

ES dauert nicht lange, so nimmt der Herr Pfarrer das Wort und hält eine schöne Rede heiteren Inhalts Ernste Reden im Hochzeitshause bringen bei älteren Frauen eine solche Rührung hervor, daß sie laut zu weinen anfangen, Kinder und junge Mädchen folgen diesem Beispiele, man hat dann seine liebe Noth, die Gesellschaft wieder in eine heitere Stimmung zu versetzen. Letzteres ist aber sehr erwünscht,- man sucht darum stets einen Spaßmacher zu den HochzeitS- gästen einzuladen. Hauptsache ist, daß jeder Redner mit möglichst lauter Stimme spricht. Wenn die Fenster klirren und die Worte weit in der Nachbarschaft gehört werden, er­obert sich der Sprecher rasch die Herzen der HochzeitSgäste.

Während deS Mittagessens wird der Braut ein Schuh gestohlen, den die Brautführer bei dem Küchenpersonale ein­lösen müssen. Die Köchin kommt mit einem dick verwickelten

Alle AnnonceN'Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

außerordentliche Controllbeamte das Reich und sanden überall zu strafen. Jede Beleidigung der Regierung und der Be­amten wurde auf daS strengste geahndet. Folter und Todes­strafe konnten nicht entbehrt werden. Nur so war es mög- lich, die staatSsocialistifche Organisation durchzusühren. Der Einzelne galt nichts und mußte jeder selbstständigen Wtllens- regung entsagen lernen, die Reglementirung galt alles.

Viel anders würde es wahrscheinlich auch in dem Zu- kunstSstaat unserer Socialdemokraten nicht aussehen. Jeoen- sallS aber zeigt uns das Werk von MartenS einmal, daß der StaatSsocialismuS nichts Neues und kein Fortschritt ist, daß er sich vielmehr auf einer ganz primitiven Culturftufe, die noch kein Eisen, keine feineren Werkzeuge, kein Nähzeug und keine Maschine kannte, ausgebildet vorfand, zum andern, daß zur Aufrechterhaltung der inneren Ordnung in einem solchen Staate dieser selbst brach bei dem ersten Anprall der spanischen Conquistadores zusammen ein solches Maß von Opfern an Selbstständigkeit und Menschenwürde, gehört, wie es wohl ein südamerikanischer Indianer, nicht aber der moderne Mensch jemals bringen könnte.

Der Krieg von 1870(71,

geschildert durch Ausschnitte «u8 ZeitungS-Nummern jener Zeit.

(Nachdruck verboten.)

10. November.

Man kann nicht verschweigen, daß der Eindruck, welchen das Lesen der neuesten Zeitungen macht, der einer gewissen Unbehaglichkeit ist. Die Blätter sind einigermaßen ver­stimmt- es ist ein Augenblick gekommen, wo nicht Alles so geht, wie man es wünscht. Die Beschießung von Paris zögert sich für Viele unerträglich weit hinaus. Sollen die hochmüthigen Gegner noch immer in dem Glauben bestärkt werden, man wage nicht, dasheilige" Paris unsanft an- zufassen? So fragen Biele, und Jeder macht sich nach Be­lieben seine Antwort darauf. Auch das in Versailles betriebene deutsche Einigungswerk steht nicht mehr in so brillanter Beleuchtung da, wie es früher erschien. Mit Hessen, Baden und Württemberg hat es keine Noth- die Vertreter der Ne- gierungen dieser Staaten haben sich bereit erklärt, ihrerseits alle Zugeständnisse zu machen, welche nöthig sind, um den Aufbau eines starken deutschen Bundesstaates zu ermöglichen. Dagegen zeigt Bayern das leider zu groß geworden! nicht eben viel Bereitwilligkeit, von seinerSouveränetät" das Nöthige zu opfern.

11. November.

Ein neuer Sieg und der erste Rückzug sind heute vom Kriegsschauplätze zu melden. Die Festung Neu-