Ausgabe 
10.7.1895 Erstes Blatt
 
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Nr. 159

Erstes Blatt.

Mittwoch den 10. Juli

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Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gissten.

Gratisbeilage: Gießener Iamitienökätter.

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mnal-AvgabengesetzeS tn dritter Lesung genehmigt. Nächste Reichsgericht Justizrath Seelig.

Zunächst wurden die 11 Zeugen und 4 Sachverständigen

Berlm, 8. Juli. Ueber den Schluß der Landtags- | aufgerufen, und zwar waren es folgende: 1) Criminal- 'c8un g ist vorläufig so viel bestimmt, daß er Mittwoch den ! schutzmann Nicolaus Barbary aus Metz, 2) Polizeirath Carl

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr.

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Berlin, 8. Juli. Im Abgeordnetenhause wurde heute der Gesetzentwurf, betreffend Abänderung von Amts- »erichtsbezirken, in erster, zweiter und dritter Lesung berathen and tn der vom Herrenhause festgesetzten Faffung ange- «»Amen, ebenso die Vorlage über die Abänderung des Com° «uual-AbgabengesetzeS tn dritter Lesung genehmigt. Nächste

Die Anklage wurde vertreten durch den Reichsanwalt Schumann, als Vertheidiger fungtrre der Rechtsanwalt beim

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«tte Annoncm-Bureaux des In- und Auslands nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

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2luguft Söijn, Straßburg i. Els., 3) der frühere Sergeant, letzige Zuchthausgefangene Friedrich Franz Schreiber, z. Zt im Zuchthaus zu Waldheim, Sachsen, 4) Vicefeldwebel Karl vom Kgl. Sächs. Fuß°Artillerie-Reg. Nr. 12 in Metz, 5) der Kanonier Friedrich Reinhold von demselben Regt- ment, 6) der Grenz - Polizei - Commissar Bauer, Metz, 7) August Fasset, Angestellter bei der ZeitungMessin" (Metz) aus Noveant, 8) Eigenthümer Oscar Dezavelle, Montigny, 9) der Kaiserl. LandgerichtSrath Schiber, Metz, 10) der pensionirte Depotfeldwebel Carl Meinecke zu St. Privat bei Montigny, 11) der Beamte bei dem Kaiserl. RegterungS. Präsidenten zu Metz. Jean Cheri, daselbst.

Als Sachverständige waren geladen und erschienen: 1) Arthur Henze, vereideter Sachverständiger für Hand­schriftenvergleichung zu Leipzig, 2) Benedict Drehfuß, Ge- richtsschreiberamtScandidat zu Metz, welcher als Dolmetscher diente, 3) Major Heinrich und 4) Major v. Eberhardt, beide vom Kgl. Kriegsministerium Berlin.

Zunächst wurde der Sachverständige Dreifuß als Dol­metscher vereidet, worauf Reichsanwalt Schuman den Antrag stellte, während der Dauer der Verhandlung die Oeffentlich- keit auszuschließen und zwar wegen Befürchtung der Ge­fährdung der öffentlichen Ordnung und zumal der Staats­sicherheit, da im Laufe der Verhandlung eine Reihe von Dingen zur Sprache kommen würde, die eine öffentliche Behandlung nicht angemeffen erscheinen lassen- insbesondere die Polizeibeamten aus Metz würden ihre wichtige Aussagen kaum thun können, falls die Oeffentlichkeit nicht ausgesetzt würde. Dem Anträge wurde hierauf stattgegeben.

Die Publicatton des Urtheils ergab, daß es sich doch nur um die Auslieferung eines Geschütz - Zünders handelt, welchen der Sergeant Schreiber dem penfionirten früheren französischen Polizeibeamten Jsmert in die Hände gespielt hatte. Wer den Cylinder C. 92, von dem Schreiber wußte, daß er geheim gehalten werden mußte, an Jsmert gegeben hat, ist nicht festgestellt worden. Hanns hat sich der Bei­hülfe zum Verbrechen gegen § 1 des Reichsgesetzes vom 3. Juli 1893 schuldig gemacht, indem er mit seinem Fuhr­werk so gefahren hat, daß Jsmert in Jouh getroffen werden konnte. Das Urtheil lautete gegen Hanns auf 4 Jahre Zuchthaus, 8 Jahre Ehrverlust und Polizeiaufsicht.

Der Metzer Spionageproeetz.

R. S. Leipzig, den 8. Juli. (Nachdruck verboten.)

Schon vor einiger Zeit glaubte man in Metz landeS- verrätherischen Umtrieben auf der Spur zu sein- infolgedeffen wurde zunächst die bekannte Frau Jsmert, Frau eines PoltzeicommiffarS, in Untersuchungshaft genommen, doch wurde die Frage, ob ein Verbrechen im Sinne von § 86 des St.-G. B. (vorbereitende Handlungen zu einem hochver- rätherischen Unternehmen) vorltegt, verneint. Frau Jsmert mußte daher wieder freigelaffen werden, doch lenkte sich der Verdacht, in die Sache verwickelt zu sein, nunmehr gegen den Sergeant Schreiber vom Kgl. Sächs. Fuß-Artillerie- Regiment Nr. 12 in Metz, gegen den sich so viel Belastendes ergab, daß derselbe unlängst vom Kriegsgericht tn Straßburg zu acht Jahren Zuchthaus verurtheilt wurde. Zugleich deuteten Verdachtsmomente daraufhin, daß ein Feldwebel Mein ecke und der Kohlenhändler Hanns aus Montigny in die Sache mit verwickelt seien. Während aber gegen Meinecke der Verdacht schwand, verdichtete er sich gegen Hanne immer mehr und mehr, zumal als sich herrausstellte, daß zwei seiner Knechte unter Auffallen erregenden Umständen plötzlich über die Grenze entwichen waren. Man sprach davon, daß diese zwei Knechte - französische Offiziere waren, welche diese Verkleidung gewählt hatten, um so unauffällig als Fuhrleute oder Kohlenabträger Zutritt zu den Casernen und Forts zu erlangen. Auf Grund der Voruntersuchung durch den damit beauftragten 1. Strafsenat des Reichsgerichts wurde nunmehr gegen den Kohlenhändler Andreas Hanns aus Montigny bei Metz Anklage wegen Verbrecheos wider die §§ 3 und 1 des Reichsgesetzes vom 3. Juli 1893, gegen den Verrath militärischer Geheimniffe in Verbindung mit § 47 Str.-G.-B. erhoben.

Die Hauptverhandlung wurde heute Vormittag 9 Uhr eröffnet. Der Gerichtshof besteht aus dem vereinigten 2. und 3. Strafsenat und setzt sich zusammen aus dem Senatspräsidenten v. Wolff als Vorsitzenden, dem Senats­präsidenten Dr. Löwe, den Reichsgerichtsräthen Kienitz, Toussaint, Schmalz, Mittelstaedt, Boettrich, v. Bruchhausen, Neisse, Kaufmann, v. Dinklage, Plank, Schulte, Dr. Olshausen, als Beisitzer Gerichtsschreiber Kanzleirath Rößler.

| .10- d- Mts. erfolgt. Die osficielle Festsetzung des Schlusses ist noch nicht möglich, weil das Herrenhaus morgen und übermorgen noch Sitzungen abhält. Erst Mittwoch kann der Nachtragsetat zur Berathung kommen. Das Abgeordneten« Haus muß also die Entscheidung über das Depofitengesetz und den Nachtragsetat abwarten.

Berlin, 8. Juli. Hente Vormittag 11 Uhr erfolgte °uf dem Bckhnhofe zu Eberswalde ein Zusammenstoß zwischen einem Sonderzuge, der von Berlin nach Swinemünde abgelaffen wurde, und einer Locomotive, wobei die Maschine des Sonderzuges und der Packwagen aus dem Geleise sprangen. Der Zugführer und ein Schaffner des Zuges wurden schwer, mehrere Passagiere leicht verletzt.

Berlin, 8. Juli. Im Herrenhause wurde heute die Novelle zur Apotheker-Ordnung nach den Beschlüffen des Abgeordnetenhauses angenommen. In gleicher Weise geneh­migte das Haus das Stempelfteuergesetz- ebenso wurde die Vorlage, betreffend die Bewilligung der Staatsmittel zur Verbefferung von Arbeiterwohnungen nach dem Beschluß des Abgeordnetenhauses erledigt. Schließlich kamen mehrere Petitionen zur Erledigung. Nächste Sitzung morgen 1 Vs Uhr. Jagdschein-Vorlage.

Budapest, 8. Juli. Gestern fanden hier drei stark be­suchte Arbeiter-Versammlungen statt, welche sämmt- lich gegen die internationale Socioldemokratie Stellung nahmen. Es wurde die Gründung einer nationalen Arbeiter­partei beschloffen als Mittel gegen die Verbreitung der socialiftffchen Ideen.

Funfkirchen, 8. Juli. In der vergangenen Nacht ent­fernten unbekannte Demonstranten den kaiserlichen Doppeladler auf dem Gebäude des hiesigen Corps- Commandos.

Brufiel, 8. Juli. Gestern Abend explodirte der Kessel eines Dampfschiffes auf dem Canal von Lacken. Vier Personen wurden getödtet. Eine nach Tausenden zählende Volksmenge strömte zu der Unglücksstätte.

Deutscher Reich.

Dresden, 8. Juli. Am SamStag fand in Dresden in Gegenwart des Königs Albert die Einweihung der neuen prächtigen Elbbrücke statt, welche zu Ehren der Königin den Namen Caro la-Brücke erhielt. Am Sonntag Vormittag begab sich der König von Dresden nach Chemnitz, um dem daselbst stattfindenden Mitteldeutschen BundeSschießen beizuwohnen.

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Der Gießer»" Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags.

Die Gießener As«mitte«ötä11er werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Ausland.

Srauica, 7. Huli. Hierselbst wurden zwei Frauen mit einem Individuum, das sie als ihren Diener ausgaben verhaftet und nach Petersburg transportirt. Bei dem an­geblichen Diener soll ein Koffer mit nihilistischen Schriften gefunden worden fein.

Kichmer Anzeiger

General-Anzeiger.

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Das 33. Mittelrheinische Kreisturnfest.

Der Fest-Montag konnte sich, Dank der günstigen Witterung, genau im Rahmen der Feftordnung entwickeln. Nach voraufgegangenem Weckruf der Regimentscapelle fand bereits früh 6 Uhr eine Sitzung der Kampfrichter statt, welcher punkt 7 Uhr das Einzel - Wettturnen folgte,- die Betheiligung an demselben war eine große, so daß auch hierbei wieder der Verechnnngsausschuß eine große Arbeit -u bewältigen hatte. Dem Turnen wohnte eine große Zuschauermenge bei, wie denn überhaupt mit Beginn des Vormittagsconcerts der Besuch des Festplatzes ein überaus reger wurde. Um 3 Uhr Nachmittags fand in der Festhalle das große Festessen statt, an welchem ca. 200 Personen aller Stände und Berufe theilnahmen. Der erste hierbei von Herrn Provinzialdtrector Freiherr v. Gagern aus« gebrachte Toast galt Sr. Majestät dem Kaiser und Sr. Königl. Hoheit dem Großherzog. Herr Provinzialdirector v. Gagern sprach ungefähr Folgendes:

Zu Tausenden find die Turner in unsere Feststadt eingezogen, Tausende eines turnerischen Sinnes, eines Strebens und Ringens: den Körper zu schulen, zu stählen, tüchtig zu machen und zu erhalten für den Kampf des Lebens!

Aus deutschem Bürgersinn und ächtem, nie verzagenden Mannes- muihe hervorgegangen, hat keine andere Art des Sports in ähnlichem Maße unser ganzes Volk erobert, wie das Turnen. Die Heran­wachsende Jugend und kräftige Männer füllen die Reihen der Turner aus welchen gestern selbst ehrwürdige Greise ihr Gut Heil uns zu­riefen. Der friedliche Bürger und das Volk in Waffen ringt gleich­mäßig um den Turnerpreis und auch das schöne Geschlecht tritt tn den Turnschranken an: das ist kein bloßer Sport, kein Spiel mehr das Turnen ist und wird immer mehr fein eine ernste und richtige; Se.tr der Erziehung des deutschen Volkes.

Zu einem mächtigen Bunde haben die deutschen Turner sich zusammengeschlossen, und treu hüten sie die Prinzipien ihres Vereins: kein Platz ist in ihren Reihen für vergiftendes Partei-Gezänke und -Getriebe und stets werden sie sich bewußt bleiben, daß in der Einigkeit auf turnerischem Boden ihre Stärke wurzelt!

Es war nicht immer so; und in aufgeregten Zeiten hat man, nicht zum Gedeihen der wirklichen Turnsache, einfettige politische Ziele vei folgen zu können geglaubt. Abgeklärt steht heute ihre Organisation da; in einem Gefühle aber hat sich bei den Turnern nichts geändert und wird sich nichts ändern: in der Alle umfassenden und Alle vereinigenden Liebe zum deutschen Vaterlande, ohne welche es keinen rechten Turner gibt!

Ein ruhmreicher Krieg gegen ben Erbfeind hat das Hauptideal der alten deutschen Turner verwirklicht und dem eifersüchtigen Zwiste der deutschen Staaten ein Ende gemacht; und freudig erkennen wir

Ileuefte Nachrichten.

Wolffs telegraphisches Correspondenz-Burcau.

Berlin, 8. Juli. Der Reichstagsabgeordnete Roesicke richtete ein Schreiben an das nationalliberale Wahlcomitv in Deffau, worin er mittheilt, dvtz sein Standpunkt von demjenigen der nationalliberalen Partei in den Fragen des Umsturzgesetzes, der Tabak- und Branntweinsteuer, Antrag Paasche über die Zuckerfteuer, der Münzconferenz, ferner auf dem Gebiete der socialen Gesetzgebung abweiche, er also nicht mehr als geeigneter Vertreter der natioualliberalen Partei erscheine und deshalb sein Mandat in die Hände seiner Wähler zurücklege.

Meseritz, 8. Juli. Reichstagsersatzwahl. Nach dem nunmehr vorliegenden definitiven Resultat erhielt Qn^8iCvmloto6fi (Retchsp.) 5183, v. Szymanski (Pole) 8042 und Herfarth (Antis.) 3601 Stimmen.

Stockholm, 8. Juli. Nach der gestrigen Tafel im Schlöffe Drottningholm schenkte König Oskar dem deutschen Kaiser eine genaue Copte des silbernen Pokals, welchen die Bürger von Nürnberg im Jahre 1632 dem König Gustav Adolf von Schweden widmeten. Der Pokal ist ein Meister­werk deutscher Renaissancekunst und stellt den Erdball dar, auf den Schultern des Atlas ruhend.

Belgrad, 8. Juli. Im Jntereffe der Festigung der öffentlichen Sicherheit wird zur Ausrottung der Hai ducken m einigen gebirgigen Grenzbezirken Serbiens von der Regie­rung noch in dieser Session der Skupschtina eine Gesetzes­vorlage betr. entschiedener Maßnahmen gegen das Haiducken- thum eingebracht werden.

Depeschen des BureauHerold".

Berlin, 8. Juli. Ueber den Tag der Abreise der Kaiserin mit den vier jüngeren königlichen Prinzen und der Prinzessin nach Saßnitz find feste Bestimmungen noch nicht getroffen.

Berlin, 8. Juli. AuS Drottningholm wird ge­meldet, daß der Kaiser gestern Abend aus GripShalm, wo kaS Diner eingenommen wurde, hier eingetroffen ist. Abends halb 8 Uhr fand das Souper statt. Der Monarch befindet sich wohl.

Berlin, 8. Juli. Reichskanzler Fürst Hohenlohe hat Cronberg, nachdem er der Kaiserin Friedrich auf Schloß Frtedrichshof einen Besuch abgestattet hatte, verlassen und sich nach Alt-AuSfee begeben.

Berlin, 8. Juli. DerReicheanzeiger" meldet die Ver- Irchung des Großkreuzes des Rothen Adlerordens mit der küniglichdu Krone nebst Eichenlaub und Schwertern am Ringe an den Ceremonienmeister Grafen Eulenburg.

Berlin, 8. Juli. Der BundeSrath wird in diefer Woche noch eine Plenarsitzung abhalten und alsdann in die Sommerferien gehen, die sich alljährlich bis in den Monat Hcptember erstrecken.

Berlin, 8. Juli. Zum Präsidenten des kaiserlichen Patentamts ist dem Vernehmen nach der Vortragende Rath im Reichsamt des Innern, Geheimer Ober-RegierungSrath v. Woedtke, in Aussicht genommen und vorläufig mit der Bahrnehmung der Geschäfte des Präsidenten beauftragt