Ausgabe 
10.2.1895 Erstes Blatt
 
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Nr. 35

Der

-t-zener -uzciger erscheint tätlich, ®it Ausnahme deS Montags.

Die Girhener

A««trienV kütler werden dem Anzeiger »üchenllich dreimal deigelegt.

189$

Erstes Blatt.Sonntag den 10. Februar

Gießener Anzeiger

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Neueste Nachrichten.

WolffS telegraphisches Correspondenz-Bureau.

Berlin, 8. Februar. DieNordd. Allg. Ztg." sagt zu dem heute imVorwärts" veröffentlichten kaiserlichen Erlaß vom 6. Februar 1890 über die Soldatenmiß- Handlungen, der Erlaß sei nie diScret behandelt worden, wie er auch in keiner Weise das Licht der Oeffentlichkeit zu scheuen häl'e. Er sei grade ein schlagender Beweis dasür, wie nachdrücklich dem Vorkommen von Soldatenmißhandlungen entgegengearbeitet werde. DerVorwärts" begehe mit der Bemerkung, daß durch die Veröffentlichung den Leugnern von Soldatenmißhandlungen endgiltig der Mund gestopst werde, eine Fälschung,' denn der Erlaß, dem das Blatt seine Gloffen, die für die Jetztzeit gültig sein sollen, anhängt, sei sünf Jahre alt. DerVorwärts" bleibe den Beweis schuldig, daß die Verhältnisse heute fortbestehen. Im Gegentheile

Deutschem Reich-tag.

32. Sitzung. Freitag, den 8. Februar 1895.

Da» HauS setzt die Besprechung der Interpellation

Aba. Heyl o. Herrnsheim (ntl.): Meine Freunde wollen gemeinsame Organisationen von Arbeitgebern und Arbeitern. Ein großer Thetl meiner Freunde steht im Wtde, sprach zu der gestrigen programmatischen Erklärung des Handelsmtnisters. Wir wollen keinen Stillstand der soctalpolttischen Gesetzgebung; aber wir sind überzeugt, daß die Berussgcnoss nschaften, wie wir sie wollen, einer wetteren Ausbildung von Kassen, gegen die Arbetlslostgreit, fähig find. Auch ist das Versicherungswesen noch nicht abgeschlossen; e8 kann ausgedehnt werden auf Wttlwen und Waisen, wie dies schon bet den Knappschaftskassen der Fall tst. Mit den Ar beiterkammern würde man nicht nur eine moralische, sondern auch eine finanzielle Stärkung der Socialdemokratte erzielen. Auch die ArbetterauSichüffe haben den Arbeitern nichts genutzt. Die Arbeiter sind übrigens auf dem besten Wege, in den Mittelstand einzurückm. ES gtebt Arbeiter mit 4000 Mark Einkommen. Und diese begrüßen durchaus die Umsturzvorlage, indem sie hoffen, di>se werde verbüken, daß das soctaldemokraltsche Gist ihre Kinder durchdringt. Pflicht der Re­gierung aber ist eS auch, mit einer echt nationalen Soctalpolttik eine echt nationale Handelspolitik zu jverbinden. (Lebhafte BravoS ^^bg. Hüpeden (cons.): Wir stehen nach wie vor auf dem Boden der Botschaft von 1881. Wir wollen einen Fortgang der Socialreform, aber nicht im gegenwärtigen Augenblicke, der dazu nicht geeignet ist. Herr v. Stumm hat schon im Deeember die Herren Weber, Naumann und die evangelischen Arbeitervereine be­kämpft. Gestern hat sich nun das Donnerwetter entladen (Heiterkeit) gegen die evangelischen Arbeitervereine. Aber es w-ren kalte Schläge. Die evangelischen Arbeitervereine werden niemals mit fliegenden Fahnen tnS soctaldemokrattsche Lager abschweifen. Davor behütet sie ihre christliche, ihre monaichische Gesinnung. Sie find monarchisch bis auf die Knochen. Ich muß Herrn v. Stumm zurufiu:Verdirb rS nicht, es tst ein Segen drin!Wenn die Soctaldemokraten einmal vom Leder ziehen wollen, dann lassen sie ihre materialistische An­schauungsweise bet Sette, das tst etne Pfauenseder! (Heiterkeit) dann berufen sie sich vielmehr auf das Chrtstentbum und sagen: da» tst nicht moralisch, daS tst nicht christlich! Herr Naumann tst i dn Idealist, aber ihn mit den Soitaidemokraten in einen Topf zu \ werfen, das geht zu weit. Was der Gegenstand der Interpellation i anlangt, so meine ich, man soll den Hammer nicht schmieden, um I dann den Stiel der Socialdemokratte in die Hand zu geben. Aber die Socialdemokratte haßt bie gewerkschastltche Bewegung und deS- wegen müssen wtr dtefe unterstützen. Das Bedürfntß zu einer Organisation ist vorhanden. Wird eS nicht befriedigt auf gesetzlichem Wege, bann geschieht daS durch die Socialdemokratte auf freiem Wege. Hüten wir uns, dem Glauben Vorschub zu leisten, als ob heute ein unfreundlicher Wind gegen die Arbeiter weht. Der Schein darf nicht entstehen, daß die Gerechtigkeit auf Seiten der ^^Hba.1 Legten (Soc.): Ein größerer Widerspruch ist nicht denkbar, al6 der zwilchen der Einleitung der soctalpolttischen Gesetz- ?ebung Überhaupt und der jetzigen Erklärung des HandelsministerS, ein Weiiergehen jetzt nicht richtig sei, ehe sich nicht die Arbeiter von den socialdemokratifchen Bestrebungen frei gemacht hätten. Gerade letzteres hat man doch durch die socialpolitische Gesetzgebung erreichen wollen: Herr v. Stumm erkennt keinen Unterschied an

zwischen Arbeiter und Fabrikbesitzer. Wir auch nicht, - aber nur rein menschlich: Sonst existirt ein solcher Unterschied allerdings. Herr v. Stumm läßt seine Arbeiter nicht heirathen und nicht jebe beliebige Zeitung lesen. Und die Arbeiter können gegen diese An­ordnungen nichts machen. Das ist doch ein Unterschied! W>ll etwa Herr v. Stumm dulden, daß seine Arbeiter auch controlliren, welche Zeitung er selbst, Herr v. Stumm, lieft? D.e ganze ocwlpolitische Gesetzgebung hat nichts geleistet. Geben Sie uns die Coalitions- freibdt, so wollen wir auf Ihre ganze Socialreform verzichten. Denn mit der Coalitionsfreih.it können wir unS selbst genügend gegen Ausbeutung schützen. Die Haltung deS CentrumS wie der Vertreter der christlichen Kirche überhaupt ist eine eigenthümliche. Meinen Sie eS mit den Arbeitern wi'klich gut, wie kommen Sie dann dazu, im Gegensätze zu unseren Bere uen besondere christliche, evangelische Arbeiter - Vereine zu gründen? Wenn Herr Hüpeden einen Gegensatz annimmt zwischen Gewerkschaften und Socialdemc^ hatte, so ist er auf dem Holzwege. Einen principlellen Gegensatz gtebt es in unserer Partei nicht, höchstens einen Gegensatz in Bezug °Uf ^bg^Tftarborff (ReichSp): Ich habe nichts gegen die evangelischen Arbeitervereine, ich schätze sie vielmehr. Ich wünsche nur, daß diese Vereine nicht in ble"de von Geistlichen fallen, die ehrgeizig genug sind, eine politische Rolle spielen> zu wollen.

Die Debatte wird geschloffen, womit der Gegenstand erledigt ist.

Es folgen Wahlprüfungen. Für giltig werden erklärt die Wahlen der Abgg. Harm (Soc.), Chlapowsky, v. Benda, Görtz, Rothbarth, Lüttich, v. Puttkamer-Plauth und v. Schöning. Für ungilttg werden dagegen erklärt, die Mandate der Abgg. Äichler (Ctr.) und Casfelmann (freif). Die Wahl des Abg. Boeckel wird beanstandet behufs Vornahme gewisser Erhebungen.

Längere Debatten entstanden über die Wahlen Meist (Soc., Wahlkreis Lenmp-Mettmann) und ©reife (Str., Wahlkreis Cöln). In beiden Wahlkreisen bat gesetzwidiig eine Abänderung der Wahl­kreis-Grenzen stattgesunden, weshalb die Commission beantragt, beide Wahlen für ungilttg zu erklären.

Beide Wahlen werden für ungilttg erklärt; ebenso nach langer Debatte die Wahl des Abg. Bantleon (ntl.).

Morgen: Interpellation Stumm, betr. Schiffsunsälle.

habe der KrtegSmtnister in der ReichStagSsitzung vom 6. März 1894 dargethan, |bafe seit 1890 eine wesentliche Besserung eingetreten sei.

Bingen, 8. Februar. Das Rheineis steht heute geschlossen bei Niederheimbach. Bei dem maffenhaften Antrieb vom Oberrhetn dürfte sich die Eisdecke jetzt schneller ström« aufwärts vorschieben. In Bacharach stieg der Rhein gestern Abend in Folge StauwafserS um 1 Meter, auch hier macht sich daS Stauwaffer bereits bemerkbar. Am Pegel lagen heute früh 1,32 Meter Wasser. Die strenge Winter- (ölte es wurden hier vor der Stadt heute fiüh 20 Grad nach Celsius constatirt beeinflußt den Bahnverkehr in höchst ungünstiger Weise. Vielfach werden Maschinen defect und die Züge erleiden hierdurch unliebsame Ver« spätungen. Der Personenzug 44 CoblenzMainz hatte gestern Nachmittag dieserhalb über zwei Stunden und der FrankfurtPariser TageSschnellzug heute wieder eine Stunde Verspätung.

Wien, 8. Februar. DiePolitische Correspondenz" meldet aus Petersburg: Die Einführung des obli­gatorischen allgemeinen und unentgeltlichen Volksschulunterrichts ist mit Sicherheit zu erwarten, da diese einen festen Programmspunkt des Czaren bildet.

London, 8. Februar. Die für England fast unerhörte Kälte dauert an. Es sind schon viele Leute in den Provinzen erfroren, auch kamen einige Todesfälle in London vor.

Aberdeen, 8. Februar. Die Mannschaft deS Dampfers Crathie" begab sich heute nach dem Handelsamte, wohin ein besonderer Commissar zur Abhaltung der Untersuchung entsandt war. Ein Mitglied der Mannschaft sagte auS, nach der Collision mit derElbe" seien die Lichter derElbe" in einer Entfernung von/< Meilen gesehen worden. Man habe geglaubt, daß die Maschinen noch weiter arbeiteten. Nothrak ten sollen gesehen worden sein. Eine Explosion wurde nicht gehört. Bon 57 Uhr habe die Mannschaft der Craihie" mit der Wegräumung der Wrackstücke zu thun ge­habt. Um 7 Uhr wurde auf Rotterdam 'zugesteuert.

Lowestoft, 8. Februar. Heute früh wurden hier zwei weitere Leichen von Verunglückten derElbe" gelandet. Nach bei denselben vorgefundenen Visitenkarten nimmt man an, daß es die Leichen des Dr. Julius Dittrich auS Newyork und des LouiS Karl Kleinschmidt aus Halena (Montana) sind. Auch daS RettungsbootV" von der Elbe" wurde eingebracht. Dasselbe war leer, eine Luft« kammer war geplatzt.

Tschifu, 8. Februar. Einige japanische Kriegsschiffe passirten hier in wilder Jagd auf zwei chinefi'che Torp ed o« boote, welche vermuthlich die aus Wei-Hat-Wei entfltehenden

Feuilleton.

Hildes Bruder.

Eine luftige Geschichte von Alwin Römer.

(2. Fortsetzung.)

Dann aber blickten Hildes Augen in den Hintergrund deS Fensters, das durch ein großes Gemälde ausgefüllt war.

Die Erinnyen!" buchstabtrte sie von der kleinen Metall« täfel am Rahmen des Bildes.WaS find doch gleich die Trinnhen, Roderich?"

Du willst mich wohl examiniren, kleine Hexe?" fragte er, ein wenig in Verlegenheit.Erinnyen? . . . Hm . . . DaS ist so was auS der griechischen Mythologie, weißt Du I . . . Auf jeden Fall ganz scheußliche Weiber! . . . Die eine fleht übrigens wie Eurekleine Fischerin" aus. Findest Du nicht?"

Hilde grübelte nach.

Jetzt hab ichS!" rief fie plötzlich.In den Kranichen des Jbhkus kommen sie vor."

Wohl dem, der frei von Schuld und Fehle Bewahrt die kindlich reine Seele .

»Sehr richtig," unterbrach er fie.Ganz wie Eure kleine Fischerin."

Sie fieht ihr wahrhaftig ähnlich," meinte nun auch Hilde und ihre Stimme klang dabei ein bischen beklommen. Ich weiß nicht, mir wird so eigenthümlich"

Du glaubst wohl, fie könnte fichan unsere Sohlen heften", wie in der Kranichgeschichte? Sei gescheidt, Hilde, and verkümmere Dir die schöne Stunde nicht durch dumme Gedanken I"

Und damit zog er sie fort von dem Fenster »nd fing an, allerlei luftige Bemerkungen über seine Wartezeit im

Pensionat zu machen, bis Hilde endlich ihre gute Laune wieder gefunden hatte.--

ImFischkasten" erschien fast um dieselbe Zeit eine alte Dame; rüstig, wie einem nur die Landluft erhält, mit jenem resoluten Zug im Gesicht, der die Gewohnheit deS Comrnandirens verräth, und den kleinen Falten an den Augenwinkeln, die den Sinn für Humor bekunden sollen.

Welcher Zufall!" rief die Pensionsmutter.Oder hat Ihr Herr Sohn telegraphirt?"

Mein Sohn? ... Ist Eduard etwa hier?" fragte freudig erregt Hildes Mutter.

Freilich, freilich, Frau Baronin! Vor einer kleinen Stunde find fie beide nach der Bahn gegangen, Hilde und er!"

Na, so etwas 1 Mir davon keine Silbe zu schreiben!"

Ja, eS ist ganz plötzlich gekommen. Ein Generals- Begräbniß! . . . Rur drei Smuden Aufenthalt. . . . Aber wenn Sie fich beeilen, treffen Sie ihn noch auf dem Bahn« Hofe. Wird das eine Freude werden!"

Meinen Sie, daß ich noch hinkomme, liebes Fräulein?"

Gewiß. Zumal wenn Sie gleich durch die Mönch« gaffe gehen. Da sparen Sie fünf Minuten. DaS Beste ist, ich gehe gleich mit, damit Sie den kürzesten Weg nicht verfehlen."

Ach, wenn Sie das wollten?"

Aber gern, gern! . . . Es ist ja eine Schande, daß unser Bahnhof so weit draußen liegt. DaS habe ich immer gesagt! Einen Augenblick, Frau Baronin. Ich stehe gleich zu Diensten."

Damit verschwand diekleine Fischerin", um sich zum AuSgang zu rüsten.

Wer die Länge der sogenannten Augenblicke kennt, die im Durchschnitt die Damen zu solchen Rüstungen brauchen,

wird die Ungeduld ermeffen können, die die Baronin be­fiel, während die würdige Penfionshalterin fie warten ließ. Endlich erschien fie wieder und wenige Minuten später waren sie auf dem Wege zum Bahnhofe, den fie in einem nicht zu verachtenden Eilmarsch-Tempo hinunterfchritten.

Auf dem Bahnsteig vor der geschlossenen Coupsthür stand Hilde und verplauderte die kurze Zeit vor dem Abgang deS Zuges mit ihrem Roderich.

Fünf Minuten Verspätung wegen deS Berliner Zuges, der noch nicht eingefahren ist!" meldete der Schaffner.

Gesegnet sei der Locomotivsührer !" rief der Lieutenant. Da können wir ncch einmal Abschied nehmen."

Ach, Roderich!" wehrte verschämt Hilde.

Aber er hatte lachend die CoupLihür schon wieder ge­öffnet und holte fich den letzten Kuß noch einmal.

Im gleichen Augenblick tauchten jenseits deS Schienen« strangeS die beiden alten Damen auf.

Die Erinnyen!" flüsterte erschrocken Hilde und schämte sich nicht einmal, ihre eigene leibliche Mutter mit einer so schnöden mythologischen Bezeichnung zu bedenken. Der Moment war aber auch zu kritisch.

Himmeldonnerwetter!" fluchte der Lieutenant und kletterte so schnell er konnte, in das Coupü, um fich so­gleich im Hintergrund desselben zu verbergen.WaS das für eine Bummelei ist auf dieser Bahn, ist auf keine Kuh­haut zu schreiben. Zehn Flaschen Sect, wenn wir jetzt loS- sühren "

Aber der Berliner Zug war noch immer nicht da. Diekleine Fischerin" dagegen hatte Hilde sofort bemerkt und steuerte mit der Baronin wie daS große gigantische Schicksal quer Über die Schienen weg auf bad Coups los.

(Schluß folgt.)